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Kultur : Sterben müsste man, um es perfekt zu machen

Der polnische Lyriker Tadeusz Dąbrowski zitiert sowohl Heidegger als auch Frank Black und sinniert über jene Quadratur des Kreises, mit der die Poesie seit jeher ringt

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Der Wiesbadener luxbooks-Verlag ist binnen kurzer Zeit zu einer feinen Adresse für zeitgenössische Dichter geworden. Den Auftakt zur neu etablierten „Slavica“-Reihe bilden Gedichte des polnischen Lyrikers Tadeusz Dąbrowski. Unter dem Titel Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund ist eine Auswahl von 49 Gedichten versammelt. Linksseitig Weiß auf Schwarz in polnischer Originalsprache, rechtsseitig Schwarz auf Weiß in der deutschen Übersetzung, die neben den Lyrikern Monika Rinck und Alexander Gumz größtenteils André Rudolph überzeugend vorgenommen hat, werden die Gedichte dadurch fast beiläufig auch zum Kulminationspunkt eines „poetischen Quartetts“.

Wo mit dem Schwarzen Quadrat auf Kasimir Malewitschs Bild Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (1915) angespielt wird, kann man reduzierte und abstrakte Verse erwarten. Tatsächlich sind diese Gedichte höchst präzise gearbeitet. Doch bei aller Klarheit und Konzentration seiner Sprache schreibt Dąbrowski keine fröstelige Gedankenlyrik. Es geht auch sinnlich, erotisch zu, wie etwa in dem titellosen „Aus Versehen habe ich dich aus der Tabledance-/Bar rausgetragen auf Händen direkt in mein Bett und/gründlich in den Laken verrieben“.

Erstletzte Fragen

Das erste Gedicht, das Dąbrowski als Erstklässler schrieb, widmete er seiner Lehrerin, in die er bis über beide Ohren verliebt war. Die enge Beziehung zwischen Text und Körper bildet nach wie vor einen zen­tralen Aspekt seiner Lyrik. Der eigene und der fremde Körper werden in ihrer Schönheit, Bedürftigkeit und Unzulänglichkeit beschrieben, bewundert oder misstrauisch beäugt, ihre Veränderung durch die Zeit protokolliert. Gelegentlich wird das Moment der Befremdung dabei weit vorangetrieben: „Heute habe ich mir aus deinem Nacktfoto ein Auge/rausgesucht und auf Bildschirmgröße gezoomt, bis/an die Grenze der Auflösung.“

Immer neu setzen die Verse an, hinter Zauber und Geheimnis des Wahrgenommenen, Einmaligen zu kommen, bessere Worte zu finden – und schrecken zugleich davor zurück. Aus dieser Paradoxie entstehen die spannungsreichen, skrupulösen, bisweilen selbstironisch klingenden Gedichte. Sie berichten von den feinsten Abstufungen eines Sich-Näherns, das sich verwandelt in ein Nachdenken über Sprache und ihre Grenzen, über Erkenntnis und ihre Grenzen, über Glauben und Zweifel, über Flüchtigkeit und Dauer, über das fragile Ich und seine Vielschichtigkeit, kurzum: über jene Quadraturen des Kreises, mit denen die Poesie von jeher ringt: „mit jedem wort das hinzukommt maure ich mich dichter/ein in diesem gedicht um es perfekt zu machen müsste ich/sterben darin viele male habe ich gehört das wichtigste/sei der mensch also lasse ich im gedicht eine lücke durch //die ich mich durchquetschen kann/ganz zuletzt kannst du dort eindringen um meine spur zu besichtigen [...]“.

Unschwer lässt sich folgern, dass auch der Tod immer wieder zur Sprache kommt. So überzeugend werden hier erstletzte Fragen aufgeworfen, dass man beim Alter ihres Autors kurz staunt: Tadeusz Dą­brow­ski wurde 1979 geboren. Nicht nur in Polen, wo er als Lyriker, Essayist, Kritiker und Redakteur der Literaturzeitschrift Topos tätig ist, werden seine Gedichte geschätzt. Längst haben sie sich auch über Landes- und ­Sprachgrenzen hinaus weiterverbreitet; Dą­brow­ski weiß von Übersetzungen in inzwischen mindestens 18 Sprachen. Auch in den Übersetzungen strahlen diese Verse stark aus. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass sie sich bei aller Ernsthaftigkeit und Genauigkeit fest in der Gegenwart verankern. Nicht nur in den Motti von Schwarzes Quadrat werden mit Zitaten von Martin Heidegger und Frank Black, dem ehemaligen Pixies-Sänger, Hochkultur und Popkultur miteinander vermittelt. Auch durch Verweise auf Quentin Tarantino, Woody Allen, die Türme des World Trade Centers, die sich rätselhaft „jede Nacht/rasend schnell selbst wieder aufbauen, um dann am Tag faul//wieder einzustürzen“, stehen Dąbrowskis Gedichte mitten in ihrer, unserer Zeit.

Schwarzes Quadrat auf schwarzem GrundTadeusz Dąbrowski Ausgewählte Gedichte, Zweisprachig. Übersetzt von André Rudolph, Monika Rinck & Alexander Gumz. Mit einem Nachwort von Michael Krüger, luxbooks 2010, 140 S., 19,80

Beate Tröger ist freie Literaturkritikerin

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