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Wer Plagiate nicht will, muss die ­Philologie pflegen. Gründlichkeit und Genauigkeit zählen zu deren vornehmsten Attributen. Womit wir bei den WWW-Ermittlern wären

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Die Fahndung nach den Ab­schreibern unter promovierten Politikern geht weiter und ist leider erfolgreich. Weitere Mandats­träger sind ins Visier von Ermittlern geraten. Die Ergebnisse ihrer „kollabora­tiven Plagiatsdokumentation“ können auf OnlinePlattformen wie GuttenPlag (eben für den Grimme Online Award nominiert) und VroniPlag studiert und ergänzt werden: Hier erscheinen die Dissertationen des FDP-Europa- Ab­geordneten Georgios Chatzimarkakis oder des CDU-Landtags-Abgeordneten Matthias Pröfrock als Barcodes, deren farbige Streifen die unzulässigen Übernahmen markieren. Für die Suche nach Normverletzungen können die Plagiatsjäger neben Internet-Suchmaschinen auch Prüfprogramme wie PlagScan, iThenticate oder Turnitin nutzen.

Diese Programme basieren auf der binären Codierung von digitalen Dokumenten und zeigen Parallelen zwischen Textstellen und vorhandenen Dokumenten an – sofern diese im Netz zugänglich sind. Auch wenn damit nicht alle zweifelhaften Elemente aufgedeckt werden können, scheint doch zumindest dem dreisten Ideen- und Formulierungsklau auf WWW-Basis ein Riegel vorgeschoben zu sein.

Dieser Schein aber trügt. Denn die digitalen Ermittlungshilfen entdecken erst einmal nur die mehr oder weniger plumpen Copy-Shake-Paste-Aktionen, die unter Internet-Bedingungen entstanden sind. Unerlaubte Rückgriffe auf nicht digitalisierte Bücher oder Zeitschriften bleiben ebenso verborgen wie raffiniertere Umformulierungen fremder Überlegungen.

Wie in dieser Situation verfahren werden soll, ist nach wie vor unklar. Politikern die Promotion zu verwehren, kann kaum die Lösung sein. Und verbesserte Recherche-Routinen führen vermutlich zur Perfektionierung des falschen Spiels: Geschickte Monteure werden ihre Textcollagen in Zukunft subtiler gestalten, um durch die Maschen digitaler Fahnder zu schlüpfen.

Weitaus wichtiger aber scheint ein Schritt, den die WWW-Ermittler vor­führen. Indem sie alle Details dieser wissenschaftlichen Qualifikationsschriften beobachten und auswerten, kehren sie zu jenem Ethos der Genauigkeit und Gründlichkeit zurück, das als wesentliches Attribut des Philologen galt. Dieses Ethos entstand in den Bibliotheken der Antike, in denen der Begriff der Philologie als „Liebe zum Wort“ geprägt wurde. Als „Andacht zum Unbedeutenden“ wurde es im 19. Jahrhundert zuerst verlacht, dann be­wundert. Davon inspirierte Forscher wie Jakob und Wilhelm Grimm trugen schließlich dazu bei, die Weltgeltung der deutschen Wissenschaft zu begründen.

Möglicherweise demonstrieren die digitalen Plagiatsermittler eine neue Qualität dieser philologischen Aufmerksamkeit: Ihre kollektiv praktizierte Beobachtungsgenauigkeit zeigt den universitären Gutachtern, wie mit der Produktion von Wissen unter den Bedingungen eines Universums von digital vervielfältigten Dokumenten umzugehen ist. Auf diese Weise werden nicht nur frech kopierende Politiker und ihre allzu gefälligen Notengeber in den Unis entlarvt. Zugleich stehen Umgangsformen mit geistigem Eigentum und Werte wie Glaubwürdigkeit und Vertrauen auf dem Prüfstand: Normen, die Wissenschaft überhaupt erst dauerhaft möglich machen.

Ralf Klausnitzer lehrt neuere deutsche Literatur an der Humboldt Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm der Band Literatur und Wissen

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