Kultur

Medientagebuch | 03.01.2012 17:25 | Mikael Krogerus

Wie das Netz die eigenen Gerüchte zitiert

Wenn es im Fall Wulff um das vermeintliche "Vorleben" seiner Frau Bettina geht, will keiner sich öffentlich äußern. Keiner? Ein paar obskure Blogs bedienen die Gerüchteküche

 Am 18. Dezember bei Günther Jauch. Es ging um die Kreditaffäre des Bundespräsidenten, und irgendwann zitierte Jauch die Berliner Zeitung, die den Vorwurf erhob, die Bild-Zeitung würde Wulff mit dem Vorleben seiner Frau unter Druck setzen. Deren sonst so cooler stellvertretender Chefredakteur Nikolaus Blome dementierte so heftig, dass man sich vorsichtig fragte, ob vielleicht doch etwas dran sei an der Geschichte.

Wir leben im 21. Jahrhundert, also öffnet man den Webbrowser und tippt bei Google die Worte ein: „Bettina Wulff“. Sofort bietet die Suchmaschine über das Autovervollständigungsprogramm folgende Wortkombinationen an: Bettina Wulff und …Prostituierte, …Hitlergruß, …Artemis. Die Google Autovervollständigung ist als Suchhilfe gedacht und zeigt an, was die aktuell populärsten Suchbegriffe zusammen mit dem gewählten Begriff sind. Wir erfahren also: die meisten suchen zur Stunde nach dem Begriffspaar: „Bettina Wulff“ und „Prostituierte“. Klickt man nun auf diesen Suchbegriff eröffnet sich einem ein Meer an Blogs und Foren, die völlig enthemmt und haltlos über jene Frage spekulieren, zu der laut Blome Bild keine Informationen hat.

Bei der Lektüre der Einträge ist schnell klar: auch im Internet schreiben die meisten von einander ab. Und: vor allem die üblichen Verdächtigen – esoterische Verschwörungstheoretiker, mitteilungsbedürftige Rechtsradikale – verbreiten ihre Meinungen. Der Versuch einer Einordnung ergibt folgende Chronologie: Von Juni 2010 stammen die vermutlich ersten Kommentare zu der vermeintlichen Vergangenheit von Bettina Wulff. Der erste Blogeintrag datiert vom 23. Juni., der sich wiederum auf einen Artikel in der Hannoversche Allgemeine bezog, der nur kryptische Andeutungen machte. In der Folge tauchten im Netz wilde Spekulationen über Bettina Wulffs „Vorleben“ auf. Kolportiert werden einschlägige Etablissements wie „Artemis“ und „Chateau Schwanensee“ oder „Chateau Club“. Aber Beweise oder wenigstens Hinweise: Fehlanzeige. Die Medien und die Wulffs unternahmen nichts. Und im Netz wurde es ruhig.

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Das bringt Klicks

Erst im Zuge der Kreditaffäre belebte der von Günther Jauch zitierte Artikel aus der Berliner Zeitung das Netz. Uwe Elsen, Betreiber der „News“-Seiten rentner-news.de („Von Rentnern für Rentner“) und Citynet-mv.de („Nachrichten aus dem Norden“) präsentierte Fotos von einer gewissen „Viktoria“, die als Prostituierte im Chateau gearbeitet haben soll. In Boulevard-Manier fragte Elsen zunächst, ob die Frau auf den Fotos die Frau des Präsidenten sei, um kurze Zeit später zu vermelden, aus „wissenschaftlicher Sicht“ stehe fest, dem sei nicht so. Das bringt Klicks.

Konkurrenz auf der Jagd nach Klickzahlen erhält er von einer Reihe anderer Blogs und von der erst kürzlich aufgegangenen Website firstlady-skandal.com. Die anonymen Autoren geben vor, „alle Ansichten und Artikel völlig wertfrei“ gegenüber zu stellen. Hier findet man auch den Hinweis darauf, dass in der 15-Uhr-Tagesschau vom 2. Januar Rainald Becker über den Anruf von Christian Wulff folgendes spekulierte: „(…) ging es dem Bundespräsidenten darum, die Berichterstattung über seinen Hauskredit (…) zu verhindern oder, und diese Variante wird inzwischen auch durchaus hier gehandelt, ging es darum, Berichterstattung über seine Frau, also Bettina Wulff und eine mögliche Vergangenheit zu verhindern, dafür spricht, dass der Bundespräsident, wohl in diesem Telefonat, nach allem was man hört, sehr aufgebracht war…”.

Auch Harald Schmidts Autoren scheinen sich im Internet umgeschaut zu haben, in seiner Parodie auf die Wulff-Rede am 21. Dezember sagte er: „Und welche Strumpfhosen meine Frau trägt, bleibt Victoria's Secret“.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
antares56 schrieb am 03.01.2012 um 18:28
Es war der 2.Januar, als die Tagesschau lief.
Inzwischen ist es doch egal, was man über seine Frau herausfinden könnte. Wulff hat sich selbst erlegt! Er war zusehr an Macht, Mächtigen und Geld interessiert!
Matto schrieb am 03.01.2012 um 20:24
Ich bin der gleichen Meinung, was Wulff seine jetzige Frau vorher getan hat, interessiert micht nicht und hat auch keinen anderen zu interessieren. Das ist alleine Wulffs Angelegenheit.
Was aber ein Husarenstück ist, dass Wulff Zeitungen verbietet, was sie veröffentlichen wollen. Wulff zeigt damit, dass er als Bundespräsident diesen Staat überhaupt nicht repräsentieren kann und vor allem darf. Wie sollen andere Regierungspersönlichkeiten vor solch einer Person Respekt haben.
Aber wir haben jetzt sein neues Wort und zwar "wulffen", d.h. jemanden daran zu hintern oder ihm zu vebieten, seine freie Meinug zu äußern.
Wulff sollte umgehend zurücktreten. Die Causa Wulff wird jetzt zur Causa Merkel.
Was Merkel und ihre Spießgesellen hier angerichtet haben, wird später in den Geschichtsbüchern stehen, einfach nur unerträglich und wiederlich. Vor diesem Staat mit seiner Obrigkeit kann man nur erschaudern.
cuchulainn schrieb am 03.01.2012 um 21:31
ich finde das nicht gut, was ihr hier macht. selbst, wenn ihr diese teils abenteuerlichen, teils widerlichen gerüchte nämlich nur widerlegen wollt, setzt ihr sie erstmal lang und breit in die zeitung - und verhelft ihnen damit zu einer art publizität, die sie nicht haben sollten. am besten beschweigt man so einen mist einfach.

es gibt in deutschland leider eine sehr ungute tradition, sich an frauen von staatsoberhäuptern schadlos zu halten, wenn etwas "im getriebe" nicht stimmt - was meistens einfach nur damit zusammen hängt, dass die damen mehr hirn hatten als ihre jeweiligen gatten (ich sage da nur: kaiserin augusta).
Magda schrieb am 03.01.2012 um 21:42
@ cuchulain - danke, ich bin Ihrer Meinung. Es ist auch in der Community noch so ein Blog unterwegs.
cuchulainn schrieb am 03.01.2012 um 22:25
stimmt, ich sehs gerade - aber dazu haben sie ja schon das - abschliessend - nötige gesagt, magda, und dem ist auch nix mehr hinzu zu fügen.
tripleue schrieb am 04.01.2012 um 16:50
@cuchulainn

ich bin mir da nicht so sicher. wir sind einer meinung, dass die presse gerüchte, insbesondere solche aus der privat- und intimsphäre, nicht in die welt setzen und ihre verbreitung grds. auch nicht anheizen soll.

wenn aber ein gerücht sich bereits so verbreitet hat, dass schon fast das ganze land darüber spricht, nur die medien darüber aber nicht schreiben (dürfen), dann bin ich mir nicht so sicher. denn einerseits wird eine persönlichkeitsrechtsbeeinträchtigung damit nicht mehr intensiviert, andererseits können die medien mit ihrer berichterstattung - wie dieser artikel anschaulich zeigt - sowohl an der (ggf. quantitativen) verbreitung als auch an der (qualitativen) eindämmung mitwirken.

und: wenn ein funken wahres daran ist, stellen sich schnell über das eigentliche gerücht und die privat- und intimsphäre hinausgehende fragen: wer weiss seit wann davon? zB. wulff selbst, geerkens und / oder maschmeyer? warum? wem könnte solches wissen aus welchen gründen nutzen?

ich würde mich für die wulffs' und vor allem die kinder freuen, wenn's nicht stimmt und wenn dies dann auch mal bekannt würde - zum beispiel durch ein entsprechendes gerichtliches vorgehen wie in der causa "Hitlergruß".
Matto schrieb am 03.01.2012 um 22:42
@Qcuchulainn
@Magda,

ich habe mich ja dahin geäußert, dass ich diese Hetzjagd auch ablehne. Nur Herr Wulff hat die Gelegenheit nicht genutzt, oder nutzt die Gelegenheit nicht, dagegen vor zu gehen.
Auf der andere Seite und so sind wir es in Deutschland gewöhnt, möchte ich auch eine seriöse First Lady haben. Wulff sollte hier auch in dieser Hinsicht für Aufklärung sorgen. Es steht unserem Land gut zu Gesicht oder?
KarinL. schrieb am 04.01.2012 um 17:02
Diese ganze Hetzjagd auf Wulff`s "Fehlverhalten" ist einfach nur noch widerlich. Auf der ZDF-Seite gehts deswegen hoch her. Und was da abläuft erinnert mich nur noch an wilde Tiere, die sich der Hetzjagd verschrieben haben um ihr Opfer zu zerfleischen. Mit Intelligenz und Sachlichkeit hat dies nichts mehr zu tun. Ich dachte immer wir unterscheiden uns vom Tier in dieser Hinsicht. Weit gefehlt. Der Mensch scheint sich wieder zurück zu entwicklen.

Wir haben genug andere, wichtigere Verteilungsprobleme! Und das global. Wulff hat niemanden geschadet, ausser sich selbst. Und jeder hätte bei solch einem Freund auch seine Vorteile in Anspruch genommen. Man sollte mal ehrlich mit sich selber sein.

Diese Heuchelei meiner Mitmenschen ist unerträglich. Und zeigt mir eigentlich nur, wiewiel Frust und Neid in den meissten doch steckt. Anstatt sich zu organisieren und für mehr Demokratie/Ehrlichkeit zu kämpfen, sucht man sich ein Opfer aus und drangsaliert es. Allen voran die erbärmlichen Journalisten, auch im öffentl.-rechtl. Fernsehen.

Für mich stehen da eh andere Interessen dahinter! Zum einen Kapitalinteressen und zum anderen gehts um Macht.

Und es zeigt mir auch, wie viele hinter Geld hinter her sind wie der Teufel nach der Seele. Das alles wird sich noch zutiefst rächen. Oder um es mal mit einem Kommentar, den ich neulich mal gelesen hatte, zu sagen:

Genau dieses Gegeneinander-schießen und Den-Anderen-fertig-machen-wollen wird in der nächsten Zukunft allen den Geldhals umdrehen, die dabei mitmachen. Wer nur auf Profit aus ist, wird verlieren und untergehen. Denn was immer noch nicht begriffen wurde: die alte Zeit ist vorbei, und das alte System muß gehen.
Ein neues System muß und wird kommen (im Laufe der nächsten Jahre), und es wird völlig anders sein: diejenigen werden es aufbauen, die verstanden haben, daß wir alle MITEINANDER cooperieren müssen. Echte und ethische Werte werden im Vordergrund stehen, und alle Menschen sollen in den lokalen Wachstumsprozeß mit eingebunden werden. Dabei steht das Wirtschaftswachstum nicht an erster Stelle, sondern daß jeder seiner Berufung folgen kann, und sich entsprechend seiner Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringt. Wir dürfen niemanden abseits stehen lassen, sondern jeder ist wertvoll – dies sind die Lernaufgaben der nächsten Jahrzehnte.
Matto schrieb am 04.01.2012 um 20:18
@KarinL,

Ich bin der Meinung, dass Sie hier zwar wieder viel geschrieben haben, aber der konkrete Inhalt fehlt doch.
Eines steht doch nun mal fest. Wenn Wulff sich in seinem bisherigen Leben ebenso wie z.B. wir verhalten hätte, würde ihm keiner etwas vorhalten können. Er hat es nicht getan und darum muss er jetzt eben dafür büßen. Das ist nun mal der Gang der Geschichte. Wenn er von anderen Menschen ein entsprechendes Verhalten gefordert hat (Rücktritt von Rau), dann muss er die gleichen Anforderungen auch an sich stellen.
Wie die Medien sind, wissen wir alle und das weiß auch Wulff. Widerlich ist es Dinge zu machen und sich dann vor der Kamera hinzusetzen und sich zu entschuldigen oder sich selbst noch zu begnadigen. Wenn der Oberste eines Staates Medien bedroht, dann ist das auf alle Fälle ein Rücktritt wert.
Gut, Wulff soll von mir aus bleiben, weil wir in dieser Hinsicht noch mehr Knalltüten in dem Parlamenten haben. Für mich ist Wulff, wie Frau Lengsfeld (CDU) berechtigt sagte, eine Witzfigur. Und wo Frau Lengsfeld Recht hat, da hat sie auch Recht.
koslowski schrieb am 04.01.2012 um 17:21
Es gab mal die Hoffnung, das Internet könne der Kern einer neuen "digitalen Demokratie" sein und die Blogger könnten die Agenten einer direkten politischen Partizipation der Bürger/innen werden. Die Vorgänge zeigen, dass diese Hoffnung ziemlich blauäugig war. Einstweilen ist das Internet eben auch ein Ort der Niedertracht und sind Blogger eben auch ihre Multiplikatoren.
E H schrieb am 04.01.2012 um 17:37
Die "Titanic" hat den Ball gern aufgenommen und verarbeitet die Geschichte in ihrem aktuellen Startcartoon:

www.titanic-magazin.de/uploads/pics/Wulff-8630_01.jpg
Mikael Krogerus schrieb am 06.01.2012 um 14:54
@ cuchulainn und andere: Ich sehe natürlich das Problem und teile die Einschätzung, dass man die Geschichte unnötig (mit)produziert, wenn man sie beobachtet. Diese Rubrik heißt aber nun mal Medientagebuch; wir beobachten, was sich in den Medien abspielt. Der Text will nicht die Gerüchte verhandeln. Es geht um die Frage, wie wir uns informieren (über Google), was man dann erfährt (siehe Text) und wie die offline Medien damit arbeiten: warum hat die Berliner Zeitung das Gerücht vor Weihnachten neu lanciert? (Leider war der Autor für eine Stellungnahme nicht zu erreichen).


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