Kultur

Tatort | 08.01.2012 21:45 | Matthias Dell

Boaah, ne Cobra

Kann man auch mal machen: Beim Kölner "Tatort: Keine Polizei" gefällt die kühl-originelle Konstruktion der Entführungsvariation mit dem Opfer, das Täter sein will

Als Krimi steht der Tatort vor den immergleichen Standardsituationen, weshalb deren Ausführung ein Gradmesser für die jeweilige Form sein kann. Der Kölner Tatort: Keine Polizei löst etwa den Leichenfund gleich zu Beginn auf hübsche Weise: Jugendliche Traceure – wie die Ausüber der großstädtischen Fun-Sportart Parkour heißen, bei der es um die effiziente Bewegung durch den urbanen Raum unter Vernachlässigung von so etwas wie Stadtplanung geht – bahnen sich ihren Weg über den Beton, um bei der Leiche eines alten Mannes zu landen. Dass die Traceure nichts mit der Handlung zu tun haben, kein sozialproblematisches Milieu abgeben, für das sich die Kölner Volkspädagogen Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) plötzlich interessieren müssten, ist dabei die recht beiläufige Pointe auf den Ennui mit den Standardsituationen – wenn schon immer gleich zu Beginn eine Leiche gefunden werden muss, damit der Tatort losgehen kann, warum dann nicht mal so?

Der Sportreporter alter Manier würde von einem "Fingerzeig" sprechen. Denn wer auf solche Ideen kommt, hat sich zwei Gedanken übers Drehbuch (Norbert Ehry) gemacht. Tatsächlich weiß vor allem der Plot von Keine Polizei zu überzeugen. Für dessen Beschreibung wühlen wir noch immer in unseren musiktheoretischen Kenntnissen nach dem Namen, der die Entführungsvariation auf den zurückliegenden Entführungsfall beschreibt, in der sich das einstige Opfer mit seinem Insiderwissen zum Täter emanzipiert, um aus der finanziellen Defensive zu kommen. Das Buch spielt dabei relativ geschickt mit falschen Fährten: Der gewesene Baugeschäft-Inhaber Elmar Thom (Oliver Bröcker) sitzt beim Erstkontakt mit den Gesetzeshütern noch so zittrig in seinem Trauma, dass man sich schwer vorstellen kann, wie diesen Häufchen Elend Gefahr ausgehen soll.

Dazu schaue Ablenkungsmanöver wie dieser elektroschockeraffine Zeugin (Tina Seydel mit dem für Fußballaficionados klingenden Namen: Steffi Anderbrügge) zu Beginn oder eben auch die schwarzen Männer mit dem – zugegeben nervigen entführten jeune Wächter (Janusz Kocaj) –, unter deren Gesichtsskimützen man einfach keine Frau vermutet. Außerdem das Geplänkel mit dem schmierigen vieux Wächter (Thomas Heinze), der seine überschüssigen amourösen Energien in suspekte Love Affairs investiert. Die Ermittler sind beschäftigt, der Zuschauer abgelenkt – das ist es, was die Spannungserhaltung will. Zudem geht ordentlich Zeit drauf, bis sich herausstellt, dass der Alt-Entführer Karg, der zudem von Robert Galinowski als klassischer Bösewicht gespielt, seine dreckigen, in bürgerlicher Repräsentation (das Haus, das Auto, die Frau) reingewaschenen Finger nicht im Spiel hat.

ANZEIGE

Ballauf on Schnitzeljagd

Dass die Topchecker unter den Täterratern der Fahrschulfamily Thom dennoch bald auf die Spur gekommen sein werden, ist auch der Verdächtigenarmut und an der Konzentration auf die Observation des – ein Hoch auf Szenenbild (Ralf Mootz) und Locationscout (Abi Roos); (ein schönes Detail auch das alte iBook bei jeune Wächter) – Thom'schen Firmensitzes geschuldet. Dass Fab Five Freddy irgendwann mitansehen muss, dass Trauma-Thom mit seiner Motorradfahrerkluft zumindest weiß, wie man eine Gesichtsskimütze trägt, ist als Hinweis dann vielleicht ein wenig überflüssig. Aber in der Puzzle-Logik der Plotauslegung durchaus nachvollziehbar.

Nur für die Geldübergabe am Ende ist vielleicht ein wenig Mühe und Zeit übrig geblieben, zumal die Täter dann schon klar sind und ein edgarwallacehafter Suspense, bei dem der Kommissar dem Frosch mit der Maske diese von der Rübe zieht, um zu schauen, wer sich drunter verbirgt, nicht mehr drin. Vor dem Hintergrund der letztwöchigen Diskussion um die Schauplatz-Authentizität hier kann man sagen, dass Ballauf on Schnitzeljagd zuerst der Kölnisierung (das Riesenrad, die Apsis, die Brücke) vons Ganze zuarbeitet.

Denn auf der Ebene der Durchdringung/Beschwerung des Tatort mit einem Grundkurs zur politischen Bildung, auf die sich Köln so gut versteht wie kein anderer Tatort, ist diesmal nicht viel. Da erscheint Keine Polizei eher als Krimiselbstreflektion, mit einem Hauch Leistungsdruck, der in dieser Baubranche herrscht wie im Mittelalter die Pest. Wenn die FDP nicht gerade so mies drauf wär', könnte man ihr unter die Nase reiben, wohin die von ihr propagierte Wirtschaftsmacherselfmadeperformance so führt, wenn das Opfer incl. Family sich gezwungen sieht, das Trauma eben nicht durch professionelle Hilfe zu lösen.

Die alte Zeit

Ballaufs sachte angedeutetes, totalpathologisches Liebesleben konzentriert sich, wie man betonen muss: immerhin, auf eine wiederkehrende Projektionsfläche: Dr. Lydia Rosenberg (Juliane Köhler). Wobei das Rührende daran ist, dass Ballaufs Vorstellungen vom guten Leben gänzlich unbeleckt sind von einem mühsamen uptodaten Lifestylegepose, wenn er bei der Tête-à-tête-Balz mit den Lockungen der alten Zeit operiert: "Wir beide gehen richtig fein zum Italiener."

Eine Fernsehkritik, die nebenbei geäußert wird: "Ihnen geht's doch nur um die Quote"

Wissenswertes für den upcoming Angler: "Zander gibt's kaum noch"

Eine Ortsangabe, die in manchem Kinderfilmgeschulten Erinnerungen wachruft: "Unterm Riesenrad"
 

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Magda schrieb am 08.01.2012 um 22:33
Der beste Satz war die vom Pathologen:
Ich kann mir - im Gegensatz zu Ihnen - keine Arbeit mit nach Hause nehmen.

Ansonsten war das ein richtig spannender guter Krimi.
Tobi-Eiki schrieb am 09.01.2012 um 13:20
Der Satz war wirklich gut!! Aber Joe Bausch ist doch meistens hervorragend in seiner Rolle als Pathologe. An den Witz eines Karl-Friedrich Boerne kommt er jedoch nicht heran, muss er aber auch nicht.
Vaustein schrieb am 08.01.2012 um 22:40
Seinchön beschrieben. Gut geguckt. Endlich mal wieder ein Tatort, den auch ein "Nichtkenner" verstehen konnte. Was nicht immer leicht
ist.

"Wenn Sie verstehen, was ich meine". ;-))
RGabriel schrieb am 08.01.2012 um 22:59
"Der Kölner Tatort: Keine Polizei löst etwa den Leichenfund gleich zu Beginn auf hübsche Weise..."

Ach, Herr Dell, dieser Synchron-Parcours, war nicht hübsch, sondern oberaffengeil. Kann mich nicht erinnern, jemals einen derart fulminanten Start eines Tatorts gesehen zu haben.
Matthias Dell schrieb am 09.01.2012 um 09:26
das ist die alte hajo-friedrichs-schule: man muss mit superlativen vorsichtig sein
Rene Artois schrieb am 09.01.2012 um 09:46
"Parkour", bitte. Ein "Parcours" ist was anderes.
weinsztein schrieb am 09.01.2012 um 15:33
Ganz zu schweigen von einer Parkuhr.
lisi stein schrieb am 08.01.2012 um 23:19
Am Ende hätte man gerne mit Freddy und Max eine heiße Wurst gegessen; es hat viel geregnet, es tropfte, es war kühl, naßkalt, man fror, Halsweh im Anzug. Will sagen, "atmosphärisch dicht", guter Tatort: Note 2+
arianamania schrieb am 08.01.2012 um 23:29
Zunächst einmal: stille Mitleserin meldet sich zu Wort. Selbst wenn ich einen Tatort mal verpasse (selten genug) finde ich es immer wieder erhellend, hier zu erfahren, wie es war und was ich (nicht) verpasst habe.

Ich stelle zunehmend fest, dass ich zu kritisch schaue. So auch heute Abend: Auftritt Oliver Bröcker, Schlussfolgerung meinerseits: der war's, mal sehen, warum und wieso und was eigentlich Sache ist... Wäre echt schön, wenn man die Täterschauspieler mal durchmischen könnte mit neuen Gesichtern.

Ich fand den Tatort im Vergleich zu vielen vorherigen auch ziemlich gut. Habe mich aber nun entschlossen, hier aufzutreten mit folgender möglicherweise etwas absurder Frage:

Wer war überhaupt der erste Tote?
Ich habe möglicherweise nicht richtig aufgepasst.
Aber auch im Text kommt er nicht vor. Oder doch?
Auf die Entführung kam man durch den Käfer, richtig?
Meine Güte, habe ich irgendwo zwischendurch versehentlich ein Nickerchen gemacht?
Ich glaube schon, dass ich verstanden habe, was da die Kernhandlung war. Aber dieser Elektroschockopatote, der ist mir völlig entgangen. Wer war das denn nun und warum war er tot?
Insgesamt scheint das nicht wichtig gewesen zu sein, schwant mir beim Lesen der Kommentare ;-)
Matthias Dell schrieb am 09.01.2012 um 09:44
der erste tote war ein panzerbataillons-marinetaucher-kumpan von dem fahrschulvater/schwiegervater. der hatte in so ner fabrik gearbeitet, wo es am anfang hieß, er sei ein totaler einzelgänger. weshalb lange gedacht wurde, er sein ein zufällig zu hilfe eilender passant gewesen. dann wurden aber hautspuren unter den nägeln of jeune wächter gefunden, und schenk hatte dann den einfall, noch mal nachzufragen, wer denn in der fabrik den spind geleert habe, und dabei stieß er wie er erwartet auf die fahrschulfamily
durch den käfer?
arianamania schrieb am 09.01.2012 um 10:37
Du meine Güte, das mit dem Spind habe ich tatsächlich verpennt. Wie peinlich. Aber irgendwie war der Typ für mein Verständnis total überflüssig. War ja eh klar, dass die Fahrschulfamilie (=> Oliver Bröcker) schuld sein musste ;-)

Ich hatte angenommen, sie kamen auf den Wächterjungen durch den geparkten offenen Käfer voll Laub? Auch nicht? oje.
ausbein schrieb am 09.01.2012 um 11:40
Ich hatte angenommen, sie kamen auf den Wächterjungen durch den geparkten offenen Käfer voll Laub? Auch nicht? oje.

Doch, doch, das stimmt. Ballauf findet verlassen wirkenden braunen Käfer -> Halterermittlung -> Daniel Wächter.
cuchulainn schrieb am 09.01.2012 um 13:43
"Zunächst einmal: stille Mitleserin meldet sich zu Wort."

sie meinen wohl: VORMALS stille mitleserin meldet sich zu wort. soviel zeit muss schon sein, gerade bei "zu kritisch"-schauern.
Matthias Dell schrieb am 09.01.2012 um 15:15
"Doch, doch, das stimmt. Ballauf findet verlassen wirkenden braunen Käfer -> Halterermittlung -> Daniel Wächter."

-> Daniel Wächter seine Eltern, weil der mit Fab Five Freddys Mel C in der Schule war
Sarah Rudolph schrieb am 09.01.2012 um 17:08
Was ich schon beim ersten Lesen fragen wollte: Wasum Fab FIVE Freddy?
ausbein schrieb am 09.01.2012 um 18:00
Was ich schon beim ersten Lesen fragen wollte: Warum Fab FIVE Freddy?

Vielleicht weil Freddy Schenk auch Old School ist?
Siehe hier.
ausbein schrieb am 09.01.2012 um 18:01
Der Link funktioniert nicht. Einfacher:
www.youtube.com/watch?v=bUmqJPYG3qw
Sarah Rudolph schrieb am 09.01.2012 um 19:04
Meine Güte und das mir - allerherzlichsten Dank!
arianamania schrieb am 10.01.2012 um 22:02
oh ja, wie konnte mir das passieren... der nächste Tatort wird unkritischer geschaut, zur Strafe :-)
weinsztein schrieb am 09.01.2012 um 02:47
Katharina Wackernagel war sofort meine Hauptverdächtige. Sie scheint sich nämlich dagegen gewehrt zu haben, immer nur auf die hinreißend tränenreiche Gute festgelegt zu werden, wurde aber auch Zeit. Es hat geklappt: Wackernagel, wie so oft klasse und tränenreich, aber endlich auch kriminell.

Juliane Köhler wünschte ich mir künftig deutlich mehr als Zicke.

Zur Geldübergabe, Riesenrad-Kirche-Rhein-Frogman, schweige ich.

Für mich ein spannender Tatort.
ausbein schrieb am 09.01.2012 um 08:05
Kein schlechter Tatort, leider war ich wohl in einer zu pedantischen Laune. So haben mir zu viele Szenen die Stimmung gestört: Die Polizei ist noch nicht offiziell dabei, setzt sich aber quasi ins (beleuchtete) Schaufenster, fährt mit zig Streifen auffälligst zum gerade georteten Aufenthaltsort der Entführer, der downgeshiftete Bauunternehmer fährt bei leichtem Schneetreiben(!) mit dem Cabrio durch die Voreifel, zwei Stunden später trifft er wieder in Köln ein - mit absolut blitzsauberem Wagen. Und so weiter.

Ach ja, die Cobra war ein Traum. (Nur der ungewöhnliche übergroße "eckige" Überrollbügel passte so gar nicht dazu.)
Matthias Dell schrieb am 09.01.2012 um 09:54
da ist was dran. auch auf der ebene der dialoge hat der tatort keine bäume ausgerissen. wahrscheinlich ein, wie der fachbegriff lautet, schwankungstatort, in dem man mit guten argumenten beides sehen kann, für mich überwog die elegante grundstruktur der geschichte (dass dem auto kein körnchen dreck angetan werden darf, hängt wahrscheinlich mit den besitzern zusammen - ab einem gewissen musealisierungsgrad werden fahrzeuge nicht mehr benutzt, sondern nur noch vorgeführt, siehe die trabbis in den ddr-rekonstruktionen)
Free World schrieb am 09.01.2012 um 09:24
@ausbein / zum Tato

Offen durchs Schneetreiben zu gleiten lass ich ja noch durchgehen. Ob einer Cobra besser runde Designerbügel stehen - Geschmacksache Ich würde mich da einreihen bei ausbei.

Zum Tatort: das Storyboard vom Tatort selber war mir dann doch zu zufällig. Wo mit der Dauer im schneller jeder Griff in die Lostrommel ein Volltreffer schien - vom fehlerhaften Anfangsverdacht abgesehen. Mir schien, hier muss eine Geschichte auf 90 Minuten komprimiert werden, die gut und gerne 120 Minuten verdient hätte dafür aber sauberer daher gekommen wäre. Oder, alternativ, man reduziert sich auf die Lösung einer Entführung.

PS
Liebe Tatort-Redaktion: laßt doch endlich die obligatorische Wurst am Ende weg. Ballaufs Harre sind mittlerweile grau, da ißt man Käsekuchen mit Kaffee.
Matthias Dell schrieb am 09.01.2012 um 09:49
beim käsekuchen bin ich dabei. ob 120 min geholfen hätten, wage ich zu bezweifeln. die lostrommel ist naturgemäß ein helfer von gewagten konstruktionen, sie darf einem nur nicht so vorkommen
Sarah Rudolph schrieb am 09.01.2012 um 14:00
Käsekuchen? Ernsthaft?
Blinkfeuer schrieb am 09.01.2012 um 14:58
Käsekuchen? = Altersdiskriminierung!
Prof. Boerne, übernehmen Sie.
Matthias Dell schrieb am 09.01.2012 um 15:16
@sarah rudolph
käsekuchen? schon. die sonntagnachmittagsvariante des "italieners"
weinsztein schrieb am 09.01.2012 um 15:50
Genau. torta di formaggio.
Free World schrieb am 09.01.2012 um 16:41
die variante gibt es aber nicht mit kaffee, sondern je nach add-ons mit rot.- oder weisswein. .)
Free World schrieb am 09.01.2012 um 16:42
ja. ernsthaft. paßt auch besser zum "dicken" mit schön extra sahne. .)
Sarah Rudolph schrieb am 09.01.2012 um 19:06
Meine Herren... ich versteh euch nicht.
Currywoosch oder Rievkooche. Schluss!
Grundgütiger schrieb am 09.01.2012 um 09:34
Was zum Teil anfing wie:"Harry,hol schon mal den Wagen", entwickelte sich zum ernsten Hilfsprogramm für den gebeutelten Mittelstand.
Denn eine Botschaft war wohl klar, geht´s dem Mittelstand schlecht, kann das morden nur zunehmen. Bei den Fahrschulpreisen. Oder der Zahlungsmoral der Kommunen.
Also liebe Bürgermeister, nur das bestellen, was ihr auch bezahlen könnt!
Ansonsten war ich begeistert von der Aufmachung. Ein solider Tatort, nicht mehr und nicht weniger.
Matthias Jobst schrieb am 09.01.2012 um 10:05
sehe ich ähnlich. solider tatort, insgesamt aber etwas fad und so gar nicht überraschend... die von herrn dell beobachtete genre-theoretischen überlegungen sind zwar nett, helfen dem film an sich aber nicht weiter. wobei die parkour-szene am anfang wirklich schön war
Amanda schrieb am 09.01.2012 um 11:34
Ja, und ich dachte gar, der entführte Jüngling würde diesen Freizeitsport betreiben und die Maskierten bei seiner Flucht so auf die Plätze verweisen. Denn manchmal mag ich ja zaunpfahlgewunkene Kreise. Naiv?
Sarah Rudolph schrieb am 09.01.2012 um 20:37
haha, ja, ich hoffte auch darauf, dass er sich mit seinen parkour-künsten in die freiheit gerettet haben könnte.
aber das war wohl nix.
Tobi-Eiki schrieb am 09.01.2012 um 13:27
Grundsätzlich handelte es sich bei diesem Tatort um einen wirklich spannenden und gut erzählten Sonntagskrimi. Es war jedoch bereits früh ersichtlich oder vermutbar, dass die Alt-Entführer Karg tatsächlich an der Entführung des Unternehmers Thom beteiligt waren. Vor allem aber, als Ballauf und Schenk die Anglerhütte von Karg aufsuchten und im Hintergrund ein Traktor durchs Bild fuhr. Sagte Freddy nicht, "das klingt doch wie ein Traktor", als er den Telefonmitschnitt bei Frau Thon mithörte?

Außerdem war gut ersichtlich, dass einer der beiden Entführer eine weibliche Person sein könnte. Laufstil, Körperhaltung, Augen. Da fiel der Verdacht schnell auf die Familie Thon, weshalb ich die Verwischung der Spur bis hin zum Täter nicht optimal gelöst fand.

Besonders irritierend fand ich jedoch die Diskussion zwischen Freddy und Max am Ende bei der obligatorischen Currywurst. Wollte Max nicht mit der Psychologin zum Italiener? Viel schlimmer fand ich jedoch ihren Abgang. Mit leichtem Grinsen, ohne Wort, einfach weg, als gab die Regie just in diesem Moment die Anweisung zum Aufbruch. War das vielleicht der Hinweis, dass Max in Zukunft weniger mit Lydia flirten wird, weil sie kaum noch Auftritte erhalten wird?
Sarah Rudolph schrieb am 09.01.2012 um 14:02
Ich fand in der Situation auch Ballauf wieder ganz schwach "Was hat sie denn nun schon wieder"... der Mann wird immer mehr zur Karikatur, sehr schade.
Ich hätte ja auch die Pizza beim Edelitaliener oder so sehr angemessen gefunden für die beiden... aber nun. Wir werden sehn, der nächste Kölner kommt bestimmt...
Matthias Dell schrieb am 09.01.2012 um 15:20
@tobi-eiki
laufstil - respekt. ich kann bei vermummten, schwarz tragenden personen einfach nicht an frauen denken. mit lydia: how knows? vielleicht auch eine form der konsolidierung (@sarah rudolph). das letzte mal war viel abenteuerlicher mit dem hin und her, jetzt erst mal ruhig mit den jungen pferden, und dann neuer anlauf. oder so.
der traktor gehörte für mich zu den sachen, die ausbein oben moniert: ich hab den traktor jedenfalls nicht gehört, saß aber auch nur vorm fenrseher
Tobi-Eiki schrieb am 09.01.2012 um 16:01
Ich fand Ballaufs Reaktion auch unverständlich. Im Polizeipräsidium flirtete er noch heftig mit ihr und plötzlich war sie ihm egal? Warum ist er ihr nicht hinterhergelaufen? Diese Schlussszene war für mich der schwächste Teil des gesamten Films.
Tobi-Eiki schrieb am 09.01.2012 um 16:05
Hallo Herr Dell,

besonders auffällig war die Bewegung der maskierten und vermummten weiblichen Person als sie über das Dach rannten, um den entflohenen Wächter zu verfolgen. Allerdings gebe ich Ihnen Recht, dass es nicht leicht zu erkennen war. Es waren lediglich Vermutungen während des Films, die letztlich bestätigt wurden.
ausbein schrieb am 09.01.2012 um 16:50
Ballauf agiert die ganze Folge über unsensibel und hölzern. (Da passt dann auch die Schlussszene.)

Erst treibt er ein früheres Entführungsopfer, zu dem Zeitpunkt noch: nur ein Zeuge, zur Panikattacke, beschuldigt dann den Vater des gerade Entführten auf unangemessen grobe Weise, lehnt dann das gesunde vegetarische Essen ab, was ihm Lydia mitgebracht hat ...

Letzteres wäre ja o.k. - aber doch nicht ohne davon probiert zu haben. (Wer will denn so einen Stiesel?)

Ja, Ballauf steckt in einer Krise.
Sarah Rudolph schrieb am 09.01.2012 um 17:10
Das war ja auch so ein ganz alberner Dialog "Das ist gesund und fettarm!" "Also vegetarisch?"
Ich kann mich ja auch fleischlos hervorragend ungesund ernähren. Und von margerem Fleisch habe ich irgendwann auch schonmal gehört...
Free World schrieb am 09.01.2012 um 17:12
@ausbein.

niemand. aber mal ganz ehrlich. hat ballauf jemals unhölzern gewirkt?

und nein. die schlussszene war komplett unpassend. welche frau, die gesundes essen mitbringt und eine option auf ein essen beim italiener im angebot trifft sich zum standfraß mit den beilagen 4 bis 6 bei altöl egon zur wasserwurst?

eben. keine.
Sarah Rudolph schrieb am 09.01.2012 um 18:03
doch. ich.
captain red schrieb am 09.01.2012 um 21:04
Interessant, dass hier niemand auf die sowohl dramaturgisch als auch produktions- (=sound-) technisch vollkommen unzureichend und teilweise enorm störende, ja beinahe dilletantisch eingesetzte wie komponierte, Filmmusik eingeht.

Die war dem Bild nicht gewachsen und hat mich mehrfach rausgerissen...
Matthias Dell schrieb am 11.01.2012 um 16:35
alles richtig. dass nicht drauf eingegangen wird, hat auch mit dem hinweis eines filmkomponisten bei einem berliner tatort mit guter musik zu tun
www.freitag.de/kultur/1113-schmeckt-auch-so#comment-249389
der darauf hinwies, dass musik zumeist nur thematisiert wird, wenn sie schlecht ist.
dazu kommt das motto für 2012 - "vorfahrt für konstruktive kritik - immer auch die stärken loben"
captain red schrieb am 12.01.2012 um 01:47
SO unkonstruktiv waren meine Anmerkungen doch gar nicht...

Natürlich, für den Durchschnittszuschauer scheint zu gelten: "Filmmusik ist dann gut, wenn man sie nicht merkt", aber das stimmt ja glücklicherweise auch nie so ganz.

Mir zumindest fällt die Musik auch gerade dann auf, wenn sie hervorragend gearbeitet / komponiert ist. Oder so mittel. Oder eben schlecht...
weinsztein schrieb am 13.01.2012 um 02:21
@captain red

Würden sie Ihre Kritik an der "Filmmusik" bitte präzisieren?
Matthias Dell schrieb am 13.01.2012 um 09:56
@captain red
kein stress, das mit dem motto war eher ironisch gemeint und schon gar nicht im umkehrschluss auf sie bezogen. bin ganz bei ihnen, musik stand viel zu weit weg vom mann
captain red schrieb am 15.01.2012 um 10:31
Ich versuche es mal:

Die Musik operiert mit in sich bewegten Klangflächen, die häufig markant auf Schnitt beginnen, was diese sehr mechanisch erscheinen lässt, und geht dann im Laufe der Cues überhaupt nicht dynamisch mit der Szene / den Personen mit sondern verharrt in seiner Grundstimmung.

Darüberhinaus ignoriert sie konsequent genre- und filmtypische Einladungen im Bild (z.B. Zooms auf Gesichter, die ohne Musik deplaziert wirken, wie in einer Studentenfilmübung) nur um auf der anderen Seite gar zu offensichtlich und plump Spannung erzeugen zu wollen durch schrille, hohe Streicher, welche man so seit Mitte der 90er eigentlich nicht mehr verwendet, da sie zum einen arg synthetisch klingen und v.a. mit O-Ton und Atmo kollidieren - sprich: sich in den Vordergrund bewegen, wo sie nichts zu suchen haben, vor allem, wenn sie so schlecht klingen und beim Zuschauer Pein in den Ohren auslösen.

Über die Trommeln, die eher zu einem Dschungelfilm gepasst hätten sowie den allgemein arg angestaubten Sound der Produktion (welche in sich gar nicht konsistent wirkte) hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens.

Kurioser und humoristischer Höhepunkt war das Sonar (klare Referenz an "Das Boot"), wenn sich der Taucher am Ende das Lösegeld schnappt.
In einer Parodie oder Komödie wäre das wirklich gut gekommen...

Einige der ruhigeren Klavier+Harfe-Nummern waren musikalisch gesehen schon schön und verbreiteten ein angenehmes, klassisches Krimi-Flair, das sei zugestanden.
lebowski schrieb am 10.01.2012 um 12:58
Gut gegeben, Herr Dell! Tatsächlich mal wieder ein Spitzentatort.

Bei einer Sache muss man dann doch widersprechen:

"Wenn die FDP nicht gerade so mies drauf wär', könnte man ihr unter die Nase reiben, wohin die von ihr propagierte Wirtschaftsmacherselfmadeperformance so führt.."

Das weiß nun jedes FDP-Mitglied, dass freie Marktwirtschaft nur in der BWL-Vorlesung eine schöne Sache ist. Ansonsten geht man auf Nummer sicher (www.heise.de/tp/blogs/8/151193).
Es ist übrigens generell sehr schwierig, auch nur einen einzigen FDP-Spitzenpolitiker zu finden, der auch nur ein einziges Mal in der von ihm bejubelten freien Marktwirtschaft gearbeitet hat.
Ein paar Beispiele:
Brüderle- öffentlicher Dienst
Schnarre- Beamtin im Patentamt
Westerwelle- Berufspolitiker und Profi-Diätetiker
usw.
Da ist nun ausgerechnet der neue FDP-Generalsekretär eine der wenigen Ausnahmen.
weinsztein schrieb am 13.01.2012 um 02:36
@lebowski

in gewisser Weise trifft Ihr Einwand auch Jakob Augstein und Friedrich Engels. Beide sind Kinder erfolgreicher Unternehmer mit durchaus nicht erfolglosen journalistischen Suchbewegungen und mehr oder weniger von Marx geleitet.

(Werte Hektiker, das warn Scherz)
lebowski schrieb am 14.01.2012 um 19:43
Glück für Engels und Augstein.
Allerdings behauptet keiner der beiden, der Zwang, seine Haut zur Markte tragen zu müssen, habe etwas mit Freiheit zu tun.
Das bringen nur Liberale, wobei sie dann auf die Freiheit, die man ihnen einräumt gnädig verzichten, um ein Leben in wohlversorgter Beamtensklaverei zu verbringen.
LiPa schrieb am 13.01.2012 um 14:13
Eigentlich lob ich mir den alten "Colombo". Da wurde einem immer schon der Mörder am Anfang präsentiert und der Spaß am Zuschauen bestand darin, zu sehen, wie der Mann im Mantel dem Täter auf die Spur kommt.
Oder den Münsteraner Tatort, der einfach Spaß macht, ihn sich anzuschauen, egal um welchen Plot es sich handelt, weil auch da Freaks als Täterssucher agieren.

Die Langeweile und rapider Interessensabsturz kommt dann auf, wenn schon am Anfang klar ist, wie die Lösung des Falles sein wird. Dennoch wird aber die volle Sendezeit über so getan wird, als sei es völlig schleierhaft, wer denn nun die Täter sind - wie in diesem Fall.

Da wünsch ich mir ja fast "Der Kommisar" mit Erik Ode zurück.
Standardsatz von Krimi-Autor Herbert Reinecker: "Haben Sie den Täter? Wissen Sie schon wer es ist?"
Antwort zu den meisten "Tatorts": ja, ist aber eigentlich auch egal. Um den Krimi geht es ja eh nicht.

Und ich Hirnie dachte, dieser Tatort könnte interessant werden. In meinem Programm-App stand nämlich, dass hier Ballauf und Schenks Privatkrempel stark reduziert worden wäre. Tatsächlich trägt er die Sendezeit.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG