Kultur

Film | 04.01.2012 14:47 | Barbara Schweizerhof

Ein Tanz auf der Fensterbank

Das Spielfilmdebüt "Utopians" des polnischen Videokünstlers Zbigniew Bzymek bringt ein modernes Lebensgefühl auf den Punkt

So wie man bei Speck, Knoblauch und Nudeln an Spaghetti Carbonara denkt, so schließt man bei einer Geschichte, in deren Zentrum ein Yogalehrer, seine von einem Militäreinsatz zurückkehrende Tochter und deren schizophrene Freundin stehen: auf einen amerikanischen Independentfilm. Charakteristisch ist die Kombination von einigen wenigen, aber aussagekräftigen „Basics“. Speck und Knoblauch sind starke Aromen, genauso wie Yogalehrer und US-Marines eigenwillige Lebensbilder verkörpern. Natürlich kommt es immer auf das Zusammenspiel an. Tatsächlich ist dies etwas, das sich aus Zbigniew Bzymeks Utopians ähnlich einem gut abgestimmten Geschmack im Gaumen erst mit der Zeit entfaltet. Und ganz im Kopf des Zuschauers.

Am Anfang weiß man kaum, was die erste Szene mit der nächsten zu tun hat. Da sieht man einmal einen Mann, der ein Medikamentenröhrchen betrachtet, sich gleichzeitig einen Espresso mit perfekter Crema zubereitet und einem unsichtbaren Gegenüber Beziehungsratschläge eine gewisse Maya betreffend erteilt. Als nächstes fährt dieser Mann im Auto, aus den Fenstern lässt sich die charakterlose Parkplatzlandschaft eines amerikanischen Flughafenterminals ausmachen. Der Mann hält, hupt und ein dunkelhäutiges Wesen in soldatischer Tarnkleidung, das man erst auf den zweiten Blick als junge Frau erkennt, steigt ein. Wenig später besucht die Frau in Uniform eine Klinik, wo unter dem besorgten Blicken mehrerer Ärzte eine weitere junge Frau auf Fensterbänken herumtanzt. Den Mann vom Anfang sieht man sich derweil umkleiden und sich für die Verspätung entschuldigend vor eine Klasse entnervter Yoga-Schüler treten.

Das Seltsame, um nicht zu sagen Zauberhafte ist, dass sich die Fragen nach dem Zusammenhang nach und nach klären, ohne je explizit erklärt zu werden. Der Yogalehrer heißt Roger (Jim Fletcher), die Soldatin ist seine Tochter Zoe (Courtney Webster), die von einem Einsatz zurückkehrt und sich aufmacht, ihre Freundin und Geliebte Maya (Lauren Hind) aus der Psychiatrie zu befreien. Zu dritt treten sie einen Renovierungsjob an, mit dem ein Freund Rogers, Morris (Arthur French), sie beauftragt. In seinem gediegen eingerichteten Altbau sollen sie Türen abschleifen und ein Treppengeländer ausbessern. Sie ziehen ein – und beginnen, sich zu verbarrikadieren. Es wird wenig gesprochen, dafür viel im Spachtel gerührt. Seine Yogastunden gibt Roger nur noch unregelmäßig, so dass ihm bald die Schüler weglaufen. Und dann liest er noch diesen Hund irgendwo auf.

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Utopians hält sich nicht an die Chronologie, was man dem Film auch ein wenig als Attitüde vorwerfen kann. Auch hätte man sich gewünscht, dass die Dialoge bei aller Natürlichkeit weniger Redundanzen im Stile von „Was sollen wir tun? – Ich weiß nicht“ oder „Woran denkst du? – An nichts“ enthalten. Aber im Zusammenhang sind das lässliche Macken in diesem Spielfilmdebüt des polnischen Videokünstlers Bzymek, der in seiner Heimat unter anderem mit Krystian Lupa und in New York mit der Wooster Group zusammen gearbeitet hat. Auf sehr eigene und dank hervorragender Darsteller sehr nachdrückliche Weise bringt er hier ein prekäres und absolut modernes Lebensgefühl auf den Punkt: die fast überwältigenden Vereinzelung in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft, in der jeder für sich die Grenzen zwischen Krieg und Frieden, Verrückt und Normalsein, Lehren und Lernen selbst bestimmen muss.

 
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Kommentare
Columbus schrieb am 05.01.2012 um 01:53
Schön, wieder etwas von Ihnen zu lesen. Diesen Film möchte ich sehen. Wo wird er gezeigt?

Schade finde ich, dass die Bezüge des Regisseurs und Künstlers Bzymek in einem so kurzen Text nicht ausreichend klar gemacht werden können. Für Insider sagen Wooster Group und Krystian Lupa was. Für die vielen Zeitungsleser müssten die Namen und Personen, genau wie die Vorarbeiten und Herkünfte des Zbigniew Bzymek, erst einmal,- es geht doch gar nicht anders-, wortreich, mit viel Geld und Glück auch multimedial, vermittelt werden.

Zuletzt: Meinen Sie nicht, das diese Selbstbestimmung, fast alle werden zu "Driftern", wirbeln einmal hier und dann nicht, dann wieder da und nicht hier, eine grenzenlose Überforderung ist, die die meisten, noch gesunden Menschen so wenig aushalten, wie ihre kranken Nachbarn? Lohnte es sich, dazu ein paar Zeilen zu verlieren? Ist das eine der Botschaften des Films, des Künstlers, am Ende werden wir alle verrückt? - Ulla Berkewicz, die Autorin und Zufallsleiterin des Suhrkamp-Verlags, schrieb dazu einmal ein verkanntes Buch.

Liebe Grüße
und dawei, dawei
Christoph Leusch


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