Die Affäre um den Bundespräsidenten Christian Wulff ist nur der jüngste, durch die Prominenz des Angeklagten besonders aufsehenerregende Fall in einer Reihe von skandalträchtigen Vorkommnissen, die es dem deutschen Publikum erlaubten, sich über Korruption und Verworfenheit seines Führungspersonals zu empören. Dabei konnte man gelegentlich den Eindruck eines moralischen Exzesses gewinnen. Statt über die Verantwortungslosigkeit von Menschen, die doch Vorbilder sein sollten, derart in Erregung versetzt zu werden, hätte man sich ja auch etwas abgeklärter geben und fragen können, was von Personen in sogenannten Führungspositien eigentlich anderes zu erwarten sei als die Ausnutzung der eigenen Privilegien, in deren Bestand doch wohl das eigentliche Problem liegt.
Ein ähnlich realitätsvergessener Moralismus prägte die Reaktionen auf die Plagiatsaffäre um den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, über dessen „Unredlichkeit“ sich Teile der Öffentlichkeit derart erregten, dass die faktische Alltäglichkeit des zur Debatte stehenden Vorgangs kaum noch auffiel: Haben doch erklärte Spitzenpolitiker nicht zuletzt mit der Intrigenpflege und Machtsicherung so viel zu tun, dass es eher verdächtig wäre, wenn sie die Zeit hätten, ihre Doktorarbeit selbst zu schreiben. Gerade aber weil die Genannten tatsächlich taten, was ihnen all diejenigen zutrauten, die es ‚schon immer wussten‘, konnte man sich so gut über sie aufregen.
Anders als der Fall Wulff, dessen Behandlung dem in der bürgerlichen Gesellschaft üblichen Prozedere von Anklage, Leugnung, neuer Enthüllung und Teilgeständnis im Rahmen der parlamentarischen Öffentlichkeit folgt, weist der Fall Guttenberg jedoch weit in die Zukunft. Grund dafür ist weniger die Person des Angeklagten als das Personal der Ankläger und Ermittler. Es handelt sich bei ihnen weder um Verkörperungen des moralischen Intellektuellen in der Tradition von Heinrich Böll und Günter Grass noch um den Typus des investigativen Journalisten, der mit Mut und Erfindungsgabe am Rande des Gesetzes, aber doch in dessen Namen agiert. Vielmehr ist mit Internetforen wie GuttenPlag oder VroniPlag eine Figur des „Aufklärers“ in die politische Öffentlichkeit getreten, die bislang als Sinnbild einer bloß technischen, letztlich apolitischen Intelligenz galt: der Informatiker.
Der informationelle Aufklärer
So wenig über die fast durchweg anonym operierenden Plagiatsjäger im Internet in Erfahrung zu bringen ist, dass es sich bei ihnen mehrheitlich um Informatiker oder zumindest um passionierte Netzexperten handelt, ist offensichtlich. Kaum zufällig hat fast zeitgleich mit ihren Enthüllungskampagnen mit der Piratenpartei eine Gruppierung an Bedeutung gewonnen, die zuvor zwar ökonomischen und gesellschaftlichen, aber kaum politischen Einfluss für sich reklamieren konnte.
Sie alle streben auf bundespolitischer Ebene an, was Wikileaks auf globaler Ebene erreichen möchte: den Begriff der Aufklärung als „informationelle Aufklärung“ neu zu bestimmen. Informationelle Aufklärung zielt nicht mehr auf Mündigkeit im Sinne bürgerlicher Freiheit, nicht mehr darauf, die Individuen instand zu setzen, sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Vielmehr wähnt sie sich selbst ganz positivistisch bereits im Besitz der Wahrheit, sofern sie im Besitz von Informationen ist, die sich gegen die vermeintlichen Agenten der Herrschaft in Dienst nehmen lassen. Informationelle Aufklärung erweist sich so als umgekehrte Denunziationsstrategie. Sammelt der herkömmliche Denunziant Informationen über vermeintlich subversive Elemente, so trägt der informationelle Aufklärer scheinbar subversive Fakten zusammen, um das zeitgenössische Herrschaftspersonal zu diskreditieren.
Dabei könnte die Neuerfindung des Informatikers als politische Figur durchaus als Fortschritt gewertet werden, gewinnt doch mit ihr eine gesellschaftliche Gruppe politischen Einfluss, die für die Produktionssphäre längst unentbehrlich ist. Von Engels über Lenin bis hin zu Walter Benjamin gab es in kommunistischen Strömungen immer wieder Versuche, die Ingenieure, Techniker und Experten als potentielle Avantgarde eines revolutionären Umsturzes zu mobilisieren. Sie, nicht die faktisch längst abgeschriebenen, vom Modernisierungsprozess überholten Philosophen und Theoretiker, bildeten die eigentliche Vorhut der revolutionären Klasse, weil sie zugleich Menschen der Praxis und fähig seien, die in die Arbeitssphäre Gebannten über die Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung aufzuklären, die in ihrer Tätigkeit liegen.
Ähnlich könnten die Informatiker und Netzwerker als Fachleute für die avancierteste Sphäre gesellschaftlicher Produktion die Vorhut einer sozialen Umwälzung abgeben. Unbewusst liegen solche Erwägungen wohl auch der Begeisterung für soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter zugrunde, die als subversive Kommunikationsmedien gegen die globale „Kontrollgesellschaft“ ins Feld geführt werden, obwohl sie doch zugleich auch als deren fortgeschrittenste Instrumente gesehen werden können.
Ähnlichkeit zum Gegner
Dass die Stilisierung des Netzwerkers zum Revolutionär nur scheinbar materialistisch begründet ist, in Wahrheit vielmehr einem enormen Medienidealismus frönt, beweisen ihre wichtigsten Akteure selbst. Ihre vermeintlichen Aufklärungskampagnen über das politische Führungspersonal begleiten die Betreiber von VroniPlag und verwandten Foren durchweg mit einem säuerlichen Moralismus, der über die Enge bürgerlicher Moralvorstellungen nicht etwa hinaus ist, sondern sogar hinter diese zurückfällt.
Aufklärung im bürgerlichen Sinn verstand sich lange vor ihrer ideologiekritischen Zuspitzung durch den historischen Materialismus als Zertrümmerung des falschen Scheins, der mit seiner Realität konfrontiert und im Namen der Erweiterung menschlicher Handlungsmöglichkeiten entzaubert werden sollte. So jedenfalls wurde Aufklärung bereits von den französischen Enzyklopädisten um Diderot im 18. Jahrhundert begriffen und praktiziert, indem sie die politische Rhetorik ihrer Zeit als Ausdruck und Rationalisierung von Unfreiheit zu entziffern suchten. Die Kampagnen der Plagiatsjäger indessen haben deutlich gemacht, dass es ihren Akteuren weniger um Kritik geht, sondern mehr um die unter dem Deckmantel politisch korrekter Empörung vorgenommene Entfesselung des Ressentiments. Substantielle Aufklärung hätte sich bemühen müssen, am Beispiel des Plagiats den Begriff des geistigen Eigentums seiner tiefen, und, wie die Debatte um das Urheberrecht zeigt, noch ungelösten Widersprüchlichkeit zu überführen. Stattdessen kaprizierten sich die informationellen Aufklärer auf die Person des Plagiators und seine vermeintliche Verantwortungslosigkeit und befeuerten damit den Hass all jener, die überall politische Konspirationen wittern und den Mächtigen stets das Schlimmste, sich selbst aber immer nur das Beste zutrauen.
Begünstigt wird diese Verkehrung von Aufklärung in Ideologie durch das positivistische Missverständnis der Aufklärer, die Faktum und Wahrheit, Information und Begriff miteinander verwechseln und meinen, wenn nur überall „Transparenz“ herrsche, werde bald auch überall Freiheit herrschen. In Wahrheit legt diese Auffassung Zeugnis von der realen Verkümmerung individueller Freiheit ab, die nur noch als Informationsfreiheit, als „informationelle Selbstbestimmung“, überhaupt noch denkbar zu sein scheint, nicht aber als verwirklichte Autonomie. Wie eine Aufklärung, die sich keine Rechenschaft über die empirische Unfreiheit derer ablegt, die sie aufklären will, zur Lüge werden muss, so begünstigt ein Verständnis von Information, das keinem Begriff von Wahrheit mehr folgt, nicht die Aufklärung, sondern das Vorurteil und das Ressentiment. Auf diese Weise droht den informationellen Aufklärer, am Ende doch das zu werden, was man ihnen doch nicht als Absicht unterstellen will: Experten in Sachen Desinformation und Manipulation, die von ihren erklärten Gegnern kaum zu unterscheiden sind.
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"Stattdessen kaprizierten sich die informationellen Aufklärer auf die Person des Plagiators"
Wie kommen sie zu dieser Einschätzung? Das ist genau nicht, was auf den PlagiatsWikis Guttenplag und Vroniplag passiert, dort geht es um die Dokumentation -- präzise Dokumentation -- von Plagiatsfundstellen, unabhängig von der Person des Autors. Den meisten Aktiven liegt eher das Wohl der Wissenschaft am Herzen. Was stimmt ist, dass die Plagiatswikis von Beginn an dem Vorwurf des Denunziantentums, der Menschenjagdt, der Hetze etc. ausgesetzt waren. Als die Arbeitsweise aber besser bekannt und die Qualität der Analyse mehr und mehr anerkannt (und mit einem Grimme Preis geehrt) wurde, haben sich diese Vorwürfe gelegt. Natürlich wurden die Ergebnisse der Plagiatsdokumentation in vielfältiger Weise instrumentalisiert, auch für unangemessene Anwürfe gegenüber möglichen Plagiatoren, aber das ging nie von dem Vroniplag Wiki selbst aus -- im Gegenteil, ein Admin wurde sogar unbefristet gesperrt, weil er unter dem Namen Vroniplag Wiki persönliche Angriffe getwittert hat. Ich lade sie ein, sich Vroniplag selbst etwas genauer anzuschauen -- das nennt sich Recherche und ist bei den "Informatikern" hoch angesehen. |
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Also ich kann zwar nicht darüber Urteilen wie viel der Autor dieses Artikels recherchiert hat (Sie übrigens auch nicht).
Aber ich kann eindeutig sagen: Sie haben nicht recherchiert. Ihre Meinung in allen Ehren, aber was diese mit der Recherche oder Recherche-Fähigkeit des Autors zu tun? Für mich scheint dies eine Denunziation Ihrerseites und ein guter Beleg für das vom Autor angesprochene Thema. Schönen Tag |
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Man sieht am Artikel: Der Autor hat es nicht so mit Daten und Fakten. Er verliert sich lieber im "feuilletonistischen Ressentiment" gegen "vermeintliche Informatiker" und "passionierte Netzexperten", die keinem "Begriff von Wahrheit" mehr folgen und - vor allem - nicht das tun, was der Autor (offensichtlich) für eigentlich wichtig hält: Den "Begriff des geistigen Eigentums" infragestellen und eine "Debatte um das Urheberrecht" führen. Tja. Vielleicht macht der Autor das ja im nächsten Artikel einfach selbst. Vorher würde ich aber gerne ein paar Belege für die Kernthesen dieses Artikels hier nachgeliefert bekommen: Wo ist der "säuerliche Moralismus" denn genau zu verorten, dem die "wichtigsten Akteure" so exzessiv frönen? Was ist so eng an den "bürgerlichen Moralvorstellungen", die sich gegen wissenschaftlichen Betrug richten? Was genau ist der Widerspruch zwischen "Transparenz“ und "verwirklichter Autonomie"? Wessen Autonomie ist überhaupt gemeint? Es ist ja ganz unterhaltsam, das einfach alles mal in den Raum zu werfen. Bleibt es allerdings beim einfach Werfen, dann erstreckt sich der Erkenntnisgewinn des Lesers eigentlich nur auf: Magnus Klaue denunziert ganz gern faktenfrei vor sich hin. Nehmen wir mal schulterzuckend schlicht zur Kenntnis.
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Statt über die Verantwortungslosigkeit von Menschen, die doch Vorbilder sein sollten, derart in Erregung versetzt zu werden, hätte man sich ja auch etwas abgeklärter geben und fragen können, was von Personen in sogenannten Führungspositien eigentlich anderes zu erwarten sei als die Ausnutzung der eigenen Privilegien, in deren Bestand doch wohl das eigentliche Problem liegt.
Fein. Überraschend ist die Korruption durch Annahme von Geld oder geldwerten Vorteilen in der Tat nicht. Diese Korruption erstreckt sich schließlich nicht nur auf einzelne Personen, sondern auf die politischen Strukturen. Partei"spenden" sind nichts anderes als institutionalisierte, legale Korruption. Nur: Wenn diese alltägliche Korruption einmal, selten genug, anhand eines konkreten Beispiels, einer konkreten Person abgehandelt wird... Soll man sich dann tatsächlich mit einem gemurmelten "Wissen wir eh schon" gelangweilt umdrehen? Gerade aber weil die Genannten tatsächlich taten, was ihnen all diejenigen zutrauten, die es ‚schon immer wussten‘, konnte man sich so gut über sie aufregen. Macht es tatsächlich keinen Unterschied, ob ich Dinge weiß (oder doch sehr stark vermute) oder ob ich diese Dinge in einigen konkreten Fällen hieb- und stichfest nachweisen kann? Vielmehr ist mit Internetforen wie GuttenPlag oder VroniPlag eine Figur des „Aufklärers“ in die politische Öffentlichkeit getreten, die bislang als Sinnbild einer bloß technischen, letztlich apolitischen Intelligenz galt: der Informatiker. Mit Informatikern hat das Ganze nun überhaupt nichts zu tun. Informatiker sind Leute, welche Computer bauen oder die theoretischen Grundlagen zum Bau von Computern erforschen, es sind Leute, die Programme für Computer schreiben, bzw. die theoretischen Grundlagen für diese Programme entwickeln. Die Leute von GuttenPlag dagegen sind ganz normale Computerbenützer. Jeder Depp - sogar ich - kann heute mit relativ wenig Lernaufwand einen Computer bedienen. Mehr als diese Bedienungsfertigkeit braucht es nicht, um im Internet zu recherchieren. (Okay, ein wenig Sachkenntnis über den zu recherchierenden Gegenstand ist vielleicht ganz nützlich.) So wenig über die fast durchweg anonym operierenden Plagiatsjäger im Internet in Erfahrung zu bringen ist, Nun mögen sie anonym bleiben. Entscheidend ist, ob sie etwas herausgefunden haben und ob sie das Herausgefundene belegen können. Namen sind Schall & Rauch. Kaum zufällig hat fast zeitgleich mit ihren Enthüllungskampagnen mit der Piratenpartei eine Gruppierung an Bedeutung gewonnen, die zuvor zwar ökonomischen und gesellschaftlichen, aber kaum politischen Einfluss für sich reklamieren konnte. Die Piratenpartei hatte ökonomischen Einfluß? Ganz im Ernst? Sie alle streben auf bundespolitischer Ebene an, was Wikileaks auf globaler Ebene erreichen möchte: den Begriff der Aufklärung als „informationelle Aufklärung“ neu zu bestimmen. Informationelle Aufklärung zielt nicht mehr auf Mündigkeit im Sinne bürgerlicher Freiheit, nicht mehr darauf, die Individuen instand zu setzen, sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Vielmehr wähnt sie sich selbst ganz positivistisch bereits im Besitz der Wahrheit, sofern sie im Besitz von Informationen ist, die sich gegen die vermeintlichen Agenten der Herrschaft in Dienst nehmen lassen. In der Tat ist Information noch keine Aufklärung, die Mündigkeit befördert. Information und Informiertheit aber ist die Voraussetzung von Aufklärung. Ich mag so intelligent sein, wie ich nur will, solange ich keine Ahnung von den Fakten habe, über die nachdenke, wird mein Denken ins Leere stoßen. Intelligenz ist nicht Wissen und Bildung, Intelligenz ist die Fähigkeit, vorhandene Informationen auf eine sinnvolle und womöglich gar kreative Art und Weise miteinander zu verknüpfen. Aber, klar, um Informationen miteinander zu verknüpfen muß ich erst mal Informationen haben. Informationelle Aufklärung erweist sich so als umgekehrte Denunziationsstrategie. Sammelt der herkömmliche Denunziant Informationen über vermeintlich subversive Elemente, so trägt der informationelle Aufklärer scheinbar subversive Fakten zusammen, um das zeitgenössische Herrschaftspersonal zu diskreditieren. ich frage mich, was daran jetzt so grauenvoll sein soll. Herrschaftspersonal lebt wesentlich davon, daß es akkreditiert, also glaubwürdig ist, für seriös und vertrauenswürdig gilt. Diskreditiere ich nun einen aus diesem Herrschaftspersonal, zerstöre ich also seine Glaub- und Vertrauenswürdigkeit, so ist das sicherlich nicht hinreichend, das Herrschaftssystem aus den Angeln zu heben. Aber: Soll ich tatsächlich Handlungen unterlassen, die nur zu (kleinen) Teilerfolgen führen? Ihre vermeintlichen Aufklärungskampagnen über das politische Führungspersonal begleiten die Betreiber von VroniPlag und verwandten Foren durchweg mit einem säuerlichen Moralismus, der über die Enge bürgerlicher Moralvorstellungen nicht etwa hinaus ist, sondern sogar hinter diese zurückfällt. Ich sehe diesen "säuerlichen Moralismus" nicht recht und wäre um Belege froh. Aber nehmen wir ruhig mal an, es sei so: Aus einem säuerlichen Moralismus heraus legen verschiedene Leute bislang verborgene Informationen frei. Einmal freigelegt kann ich mich dieser Informationen bedienen, völlig unabhängig von den persönlichen Motiven der Aufdecker. Substantielle Aufklärung hätte sich bemühen müssen, am Beispiel des Plagiats den Begriff des geistigen Eigentums seiner tiefen, und, wie die Debatte um das Urheberrecht zeigt, noch ungelösten Widersprüchlichkeit zu überführen. Bei der Affäre Guttenberg ging es doch nicht um geistiges Eigentum und seine Widersprüche. Eine Doktorarbeit (eine Diplomarbeit, Seminararbeit) ist von ihrem Wesen her die Aneignung und Verwendung fremden geistigen Eigentums. Bevor ich in einer Doktorarbeit eigene Gedanken entwickle, bzw. eigene Forschung darstelle und interpretiere, muß ich nachweisen, daß ich tiefgehende Kenntnisse des Faches und des engeren Spezialgebiets innerhalb dieses Faches habe. Dies tue ich, indem ich fremde Gedanken anerkannter Wissenschaftler referiere, indem ich diese Wissenschaftler zitiere und angebe, wo sich die zitierten Textstellen finden lassen. Das Zitieren fremder Texte ist in einer Doktorarbeit nicht das Eingeständnis: Leute, ich bin zu blöd, mir eigene Gedanken einfallen zu lassen. Das Zitieren ist gerade der (notwendige) Nachweis, daß ich mich in das in Rede stehende Fachgebiet eingearbeitet habe, daß ich den aktuellen Stand der Forschung kenne. Daß man auch immer wieder die einfachsten Dinge neu erklären muß. Ciao Wolfram |
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Hindemith, KayH und Wolfram Heinrich haben bereits sehr treffend kommentiert, mir bleibt nur zwei weitere Punkten anzusprechen:
Informationelle Aufklärung erweist sich so als umgekehrte Denunziationsstrategie. Sammelt der herkömmliche Denunziant Informationen über vermeintlich subversive Elemente, so trägt der informationelle Aufklärer scheinbar subversive Fakten zusammen, um das zeitgenössische Herrschaftspersonal zu diskreditieren. Wenn es sich um *Fakten* handelt, in wie fern ist das dann eine Diskreditierung? Vielleicht ist etwas nur falsch verstanden worden, da können wir darüber diskutieren. Gerade die Wikis bieten ein Forum, um über die dokumentierten Problemfälle zu diskutieren. Es gibt natürlich Leute, die darin einen persönlichen Angriff sehen, und entsprechend persönlich zurückschiessen. Aber es handelt sich bei alle von GuttenPlag und VroniPlag behandelte Werke um Veröffentlichungen, die frei zugänglich sind. Es wird, wie Hindemith aufgreift, nicht der Person, sondern das Werk diskutiert. Wie eine Aufklärung, die sich keine Rechenschaft über die empirische Unfreiheit derer ablegt, die sie aufklären will, zur Lüge werden muss, so begünstigt ein Verständnis von Information, das keinem Begriff von Wahrheit mehr folgt, nicht die Aufklärung, sondern das Vorurteil und das Ressentiment. Auf diese Weise droht den informationellen Aufklärer, am Ende doch das zu werden, was man ihnen doch nicht als Absicht unterstellen will: Experten in Sachen Desinformation und Manipulation, die von ihren erklärten Gegnern kaum zu unterscheiden sind. Als Informatiker_innen wissen wir, dass Information wertneutral ist. Sie wird erst zu Wissen (Wahrheit?), wenn sie in ein Kontext eingebettet wird, wenn sie interpretiert wird. Die Dokumentationen der Plagiate bieten im hohen Maße sehr viel Information an - zur "Desinformation" wird sie nur durch den Kontextgebern, zum Beispiel durch politische Parteien oder Zeitungen. Es ist erlaubt, ja sogar erwünscht, in der Wissenschaft, dass zwei verschiedene Personen unterschiedliche Schlüsse aus die gleichen Daten ziehen. Darüber streitet man sich - aber bitte sachlich - und man schafft es vielleicht, den Gegenüber mit Argumenten zu überzeugen. |
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Die Parallele zwischen Wulff und KTG ist mir ebenfalls aufgefallen, es erinnert mich an die DSK-Affäre. Die Berichterstattung zu diesen Personen verstopft regelrecht die Informationskanäle, obwohl die inhaltliche Substanz eher dürftig bzw. schnell gesagt ist. Warum dann so viele Berichte und eine derartige Resonanz zu diesen Themen (Anzahl der Abrufe und Leserkommentare)? Ich vermute einen oder mehrere der folgenden Gründe:
* Vermeintliche oder echte Verfehlungen werden von Parteigegnern instrumentalisiert und in den Medien platziert. * Über Anstand und Moral kann jeder rasch etwas ohne große Recherche oder Expertise schreiben und / oder sich selbstgerecht echauffieren. Fundierte Beiträge etwa zur Eurokrise sind schwieriger und aufwändiger zu schreiben und zu lesen. * Ausschlaggebend für die Reaktionen ist die betroffene Person: Mächtig, berühmt und zugleich angreifbar (Fallhöhe?). Dieselben Verfehlungen bei weniger prominenten oder profilierten Personen erzielen weder solche Diskussionen noch Konsequenzen. Mit Vroniplag und den Technikern hat das nichts zu tun. Die Plagiatsvorwürfe sind in der Diskussion und Medienrezeption eher Mittel zum Zweck und beliebig austauschbar mit Steuerhinterziehung, sexueller Nötigung oder Falschparken. Wenn die Verfehlung nicht objektiv schlimm ist, wird sie eben nach Kräften aufgebauscht. Auf etliche andere VP-Fälle gab es kaum Medienreaktionen, SKM, Chatzi etc. sind noch im Amt. Hochschulen ignorieren bzw. verschleppen inzwischen etliche Plagiatsvorwürfe oder weisen sie ganz zurück. Die Plagiatsdokumentationen fand ich übrigens spannend, um über das eigene Plagiatsverständnis nachzudenken und darüber, wie Plagiate entstehen oder verhindert werden können. Von und über KTG möchte ich nichts mehr lesen – er hat doch im vergangenen Herbst absolut nichts Wichtiges oder Kompetentes geäußert. Auch den Informationsgewinn ständig neuer Berichte über „Wulff kommuniziert ungeschickt“ finde ich minimal. Stattdessen wünsche ich mir mehr fundierte Beiträge zu wirklich relevanten Themen, zu denen noch nicht alles gesagt ist. Das verstehe ich unter Aufklärung! |
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Ich würde micht zwar der Einschätzung, grenzenlose Transparenz ist nicht mit Aufklärung gleichzusetzen und schon gar nicht gleich moralisch überlegen, anschließen. Jedoch würde ich die Maschinerie, welche heute ganze Schwärme von "Aufklärern" binden kann, auch nicht per se in die Rolle eines Aufklärers heben. Eben weil sie das tatsächlich nicht leistet. Das eine sind die, wieder einmal, erweiterten technischen Möglichkeiten, und das andere, wie wir lernen, damit umzugehen.
Gutten-Plag & Co. sind ja nun tatsächlich auch noch nicht die letzte Instanz, die über Fall oder Verbleib eines Guttenberg u.a. im Amt entschieden hat. Da, so denke ich, redet Klaue vielleicht doch ein bisschen viel Bedeutung in diese Plattformen und Wikis hinein. |
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Aber interessant ist das Phänomen Wiki-Aufklärung allemal!
... möchte ich noch hinterher schicken. |
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Nun, Herr Klaue,
wenn man sich schon so intensiv beim politischen Establishment anbiedert, damit es vielleicht später auch mal klappt mit einer Karriere in Richtung Bundespräsidialamt, sollte man es sich nicht mit den moralinsauren Informatikern verscherzen. Die fischen auch in zwanzig Jahren noch diesen Artikel aus dem Netz! Don't Blame the Messenger! |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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