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Kultur : Ex und Hoppe

Warum die Schriftstellerin Felicitas Hoppe auch als Romanfigur nicht zu greifen ist – und dennoch zu Recht den Georg-Büchner-Preis erhalten hat

Eine Frau mit kurzen Haaren trägt ein rotes Kleid vor einer Weltkarte.
Besondere Kennzeichen: ein preisgekröntes individuum

Foto: Tobias Bohm

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Im Frühjahr 1836 brütet Georg Büchner – er ist 22 Jahre alt und vor kurzem aus Hessen, wo er steckbrieflich gesucht wird, nach Straßburg geflohen – über seiner Dissertation. Sie handelt vom Nervensystem der Barbe (ein Karpfenfisch). Parallel dazu schreibt er an seinem vermeintlich heitersten Stück, dem Lustspiel Leonce und Lena. Auch darin flieht einer vor der Staatsmacht, jedoch im umgekehrten Sinne: Der Prinz Leonce nimmt Ausreiß vor seiner eigenen, vom Vater arrangierten Hochzeit, durch die ihm das Königreich Popo in die Hände fallen und sein dolce far niente ein Ende haben soll. Auf der Flucht wird er von der Polizei aufgehalten, doch deren Steckbrief spricht der Fähigkeit der Schrift zur Identifikation von Indi­viduen Hohn – gerade weil jedes Wort darin der Wahrheit entspricht: Gesucht wird „ein Mensch […], geht auf zwei Füßen, hat zwei Arme, ferner einen Mund, eine Nase, zwei Augen, zwei Ohren. Besondere Kennzeichen: ein höchst gefährliches Individuum.“

Kaum ein Jahr später stirbt Büchner an Typhus; man vermutet, er habe sich beim Zerlegen seiner Fische infiziert. Als postume Wiedergutmachung für den Fahndungsaufruf stiftet der hessische Landtag von 1923 dem Gesuchten eine weitere Urkunde: den Georg-Büchner-Preis, heute die zweifellos renommierteste Auszeichnung für Literatur, auch wegen der Dotierung in Höhe von 50.000 Euro. Darüber freuen darf sich in diesem Jahr Felicitas Hoppe – was vor allem männliche Literaturkritiker nicht allzu sehr zu freuen scheint: Die Schriftstellerin gilt ihnen als zu leicht, als zu verspielt, als zu unpolitisch, um sich mit dem erdenschweren Namen eines Revolutionärs zu schmücken. Aber das ist ja kein ganz neuer Vorwurf, deshalb Schwamm drüber!

Geliebte Dingsymbole

Für alle, die mehr über die diesjährige Büchner-Preisträgerin wissen möchten: Soeben ist eine Felicitas-Hoppe-Biografie erschienen. Ihr Titel lautet schlicht Hoppe und als Autorin zeichnet sich eine gewisse Felicitas Hoppe verantwortlich, die als „fh“ ihre fiktionalen Quellen (Tagebücher, Interviews, Briefe, Kritiken und natürlich Felicitas Hoppes Romane und Erzählungen selbst) kommentiert.

Hoppe über Hoppe ist eine ziemlich wilde Geschichte, sie führt von Hameln über Kanada nach Australien und handelt von Rucksäcken, Familien, Briefmarken, kurz: vom Suchen und vom Finden. Wer ihr mit den gängigen Vorstellungen über autobiografisches Schreiben zu Leibe rücken will, wird nicht weit kommen. Wie jedes fein geknüpfte Seemannsgarn, wie jede gut geölte Räuberpistole rechtfertigt Hoppe die eigene Wahrhaftigkeit nicht durch die Deckungsgleichheit mit biografischen Fakten, sondern im Gegenteil durch die fortgesetzte Verifizierung noch der unglaublichsten Erfindung. Einzelne Zitate und Motive aus den Büchern von Felicitas Hoppe sowie geliebte Dingsymbole werden anekdotisch in der Realität verankert – als würden Fiktion und Realität tatsächlich ineinanderfallen.

„Eine Legende, was sonst. To be continued. (Fortsetzung folgt. / fh)“, heißt es am Ende dieses Lustspiels namens Hoppe. Wer so präzise und so heiter wie Felicitas Hoppe das Ich dekonstruiert, der weiß selbstredend um die Bedeutung von Steck­briefen. Schon der Prolog des Romans erinnert an Büchners Mensch mit den zwei Augen, zwei Ohren und der einen Nase, denn da steht: „Felicitas Hoppe, *22.12.1960 in Hameln, ist eine deutsche Schriftstellerin. Wikipedia.“ Später zitiert die Autorin einen anderen Hoppe-Steckbrief: „Neigung zu Schnitzeljagden. Liebt es, Spuren zu legen, um sie gleich darauf wieder zu verwischen. Hase und Igel in einer Person.“ In den Worten von Büchners Leonce: „Mensch, du bist nichts als ein schlechtes Wortspiel. Du hast weder Vater noch Mutter, sondern die fünf Vokale haben dich mit­einander erzeugt.“ Diese Sätze des Fischnerven- Präparators begreifen nur wenige deutschsprachige Gegenwartsautoren so gut wie Felicitas Hoppe.

Katrin Schuster schreibt auch oft das Medientagebuch

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