Kultur

Fremde Zeichen | 29.01.1999 00:00 | Beat Mazenauer

Wie einstmals noch einmal

Gerhard Roths Japan-Roman »Der Plan«

Mehr als ein Jahrzehnt hat Gerhard Roth an seinem siebenbändigen Zyklus Die Archive des Schweigens gearbeitet, seinem imposanten Versuch, die Geschichte und Gegenwart Österreichs literarisch aufzuarbeiten. Im Roman Der See (1995) hat er daran weitergeschrieben, mit mäßigem Erfolg allerdings, weil er ihm zuviele Themen aufgebürdet hat. Für dieses Scheitern rehabilitiert sich Gerhard Roth in seinem jüngsten Roman Der Plan glanzvoll. Allerdings verläßt er dafür die haßgeliebte Heimat und begleitet seinen Helden Feldt auf Vortragstournee nach Japan.

Feldt, Mitte dreißig, ist ein manischer Bücherwurm. Leser sind für ihn »Künstler ohne Werk«, die dafür die ganze Welt kennen. Dieser Leidenschaft entspricht Feldts Arbeitsort, die Wiener Nationalbibliothek. Hier bewegt er sich zwischen ungezählten Kostbarkeiten der Buchdruckkunst und unbezahlbaren auto- und kartographischen Schätzen. Darüber referiert er in Japan. Ein Stückchen Österreich allerdings behält der asthmatische Feldt bei sich in Form eines legendenumwobenen Autographs. Auf zwielichtige Weise ist er in Besitz der angeblich letzten Notiz Mozarts gelangt. »Quam olim d. c.« (Wie einstmals noch einmal) hatte dieser auf einem Notenblatt seiner »Requiem«-Arbeitspartitur festgehalten. Dieses einzigartige Kleinod, im Grunde nur ein unscheinbares Fetzchen Papier, möchte Feldt an einen japanischen Kunsthändler verschachern. Weil es dabei um viel Geld geht, gestaltet sich der diskrete Kontakt mit dem dubiosen Dr. Hayashi jedoch schwierig. Erst recht, als dieser ermordet aufgefunden wird und ein Dr. Chiba an seine Stelle tritt. Feldt mißtraut beiden zutiefst und fühlt sich auf unbehagliche Weise verfolgt. Zum Glück lenken ihn die sehr nette Übersetzerin Frau Sato und der Erdbebenforscher Dr. Kitamura davon ab. Sie führen Feldt ein in die faszinierende fremde Zeichenwelt Japans.

Auf Feldts Spuren schildert uns Gerhard Roth ein Land, in dem Tradition und Moderne permanent neue, überraschende Koalitionen eingehen. Hier die Megalocity Tokio, da die idyllisch anmutenden Teegärten am Fuße des Fudji-san, wie wir sie aus den Holzschnitten Hokusais oder Hi-roshiges zu kennen glauben. Doch die faszinierende Verschlingung von Kultur und Natur ist bedroht, denn unter ihrer Oberfläche brodelt es unheimlich. Wo immer Dr. Kitamura auftaucht, ist ein Erdbeben oder ein Vulkanausbruch zu gewärtigen. So trifft es auch Feldt, als er kurz vor Ende der Reise mit ihm in den Krater des noch aktiven Aso-san hinuntersteigt. Nur Stunden später wirft dieser glühende Lava und atemraubende Asche aus und rächt so gleichsam Feldts räuberischen Deal.

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Von seiner dramatischen Struktur her gibt sich Roths Roman wie ein Krimi. Es geht um den illegalen Handel mit einem nationalen Kulturgut. Doch diesen spannungsgeladenen Untergrund überblendet eine wunderbare, feine Pastellzeichnung. Nie gebärdet sich Der Plan aufdringlich, trotz Verfolgung, Feuer und Tod. Den Schlüssel zum Verständnis liefert eine überraschende Wendung kurz vor dem elementaren, krachenden Showdown. Bei der Übergabe des Autographs kommt heraus, warum diese sich mehrfach verzögert hat. Feldt fürchtete sich vor Dr. Chiba, doch der Japaner traute dem »Gajin«, dem fremden Weißen, ebensowenig. Beide mißdeuteten die ängstliche Unentschlossenheit ihres Gegenübers als berechnende Heimtücke. Auf dieser wechselseitigen Rätselhaftigkeit beruht das eigentliche Spannungsmoment des Plans, wogegen der sichtlich klischeehaft angelegte Krimiplot nebensächlich bleibt. Wie zufällig darin verstrickt, scheinen sich Feldt wie Dr. Chiba bloß der eigenen Haut zu erwehren. Die verlockende Gelegenheit hat sie zu Dealern gemacht, unsicher lassen sie alles weitere auf sich zukommen. Gerhard Roth erzählt es mit sprachlicher Souveränität und Bedachtsamkeit. Kein großes Wort, keine allerweltsgescheiten Sätze, vielmehr ein respektvolles Eintauchen in einen Wald voll faszinierender rebushafter Merkzeichen und Signale, deren Bedeutung nur erahnt werden will. Die Literatur, die Feldt mit manischer Begierde verschlingt, dient diesem dabei gleichsam als Übersetzungshilfe. Die Menschenkolonne auf den Fudji-san erinnert ihn an Jack Londons Klondike-Erzählung, der dreileibige Riese Geryon aus Dantes Göttlicher Komödie wird ihm zum Symbol der japanischen Unergründlichkeit: »freundlich im Antlitz, grausam und schaurig von Natur aus«. Dieser literarische Erfahrungsschatz übersetzt die fremde Umgebung ins eigene Wahrnehmungssystem und erleichtert die verständnisvolle Annäherung. Umgekehrt wird die fremde Welt zur Bibliothek, in der sich lesen und schmökern läßt, ohne der untergründigen Gefahr zu achten. In der stets mitgeführten Göttlichen Komödie findet Feldt Trost und Sicherheit, obgleich in ihr sein Unheil vorgezeichnet ist. Die Wanderung in den Krater des Aso-san korrespondiert mit Dantes Abstieg in die Hölle. Wie zur Bestätigung spiegelt sich Feldts Unglück auch in einem »I Ging«-Rätsel, das ihm seine Begleiterin Haru geworfen hat: »Lü / Der Wanderer« zwischen Feuer und Berg. Zwischen Feuer und Berg wandelt er tatsächlich, unter seinen Füßen zittert die Erde, bevor sie am Ende mit verheerender Gewalt zerbirst. Japan ist eine untergründig gefährdete Insel, vielleicht ist dies mit ein Grund für die freundliche Zurückhaltung dieser Menschen. Nach dem Besuch des Aso-san und kurz vor der entscheidenden Begegnung mit Dr. Chiba entwirft Feldt selbst ein »I-Ging-Rätsel«, um den Ausgang des Handels zu erfahren. Doch das japanische Buch, das ihm Haru geschenkt hat, enthält nur unverständliche, kryptische Zeichen. Hätte er sie zu lesen gewußt, hätte ihn das doppelte Gefahrenzeichen vielleicht gewarnt: »Kan / Das Abgründige, das Wasser«. »Wenn du wahrhaftig bist, so hast du im Herzen Gelingen, und was du tust, hat Erfolg.« Doch gerade an seiner Wahrhaftigkeit zweifelt Feldt ja und so fällt er. Doch er stürzt sich nicht, wie Hölderlins Empedokles (»der ernste Wanderer«) in den Vulkan, sondern der Vulkan stürzt über ihn und sühnt den Frevel mit dem Mozart-Autograph.

Die Reise endet für Feldt tragisch. Durch Gerhard Roth bleibt uns aber seine wunderbare Entdeckungsreise in ein Land erhalten, dessen Sprache und Sitten exotisch fremd anmuten. Zwar glauben wir nur ein bißchen davon verstanden zu haben, aber klammheimlich hat »Der Plan« doch eine Faszination wachgekitzelt.

Gerhard Roth: Der Plan. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1998, 302 Seiten, 39,80 DM

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