Politik

Kommentar | 05.09.2003 00:00 | Rainer Werning

Peking-Oper

Sechser-Runde über Nordkoreas Atomprogramm

Setzte China zu Zeiten der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" auf Parolen wie: "Mit taktischem Geschick den Tigerberg erobern", ging es den Post-Maoisten jetzt in Peking schlicht darum, mit Nordkorea einen engen Verbündeten, doch international geächteten "Schurken" an den Verhandlungstisch zu holen - und die Party mit vier weiteren Gästen, den USA, Russland, Japan und Südkorea, zu komplettieren.

Gut gemeint, doch die jeweiligen Interessen der Beteiligten sind momentan zu disparat, als dass sich ein Konsens finden ließe. Wie ist ernsthaft über Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu reden, wenn eine Partei wie die USA reale Kriege führt und eine andere wie Japan sich anschickt, ihren bereits weltweit viertgrößten Wehretat beträchtlich aufzustocken und eine feindselige Stimmung gegen Nordkorea zu schüren?

Zweifellose will sich China in Ostasien als Broker für Frieden und Stabilität empfehlen. Die Führung in Peking weiß, dass die Bush-Administration ihr Land bereits im Frühjahr 2001 als "strategischen Gegner" einstufte, folglich braucht man Verbündete in der Region. Für Japan wiederum bietet der nordkoreanische Atompoker die Chance, sich nunmehr auch militärisch als Regionalmacht aufzuspielen. Südkorea setzt trotz des Atomstreits auf wirtschaftliche Kooperation mit dem Norden. Mitte Juni brachte der südkoreanische Ex-Präsident Kim Dae Jung die Stimmung auf den Punkt: Verfüge Nordkorea tatsächlich über Atomwaffen - so Kim - sei dies "Spielzeug" im Vergleich zum realen Atomwaffenarsenal der USA.

Und die beiden Hauptkontrahenten - die USA und die Demokratische Volksrepublik Korea? Washington beschuldigt letztere, die 1994 getroffene Rahmenvereinbarung gebrochen zu haben. Die sah vor, dass Pjöngjang sein Nuklearprogramm im Gegenzug für die Lieferung von Leichtwasser-Reaktoren und Erdöl im Wert von etwa vier Milliarden Dollar einstellt. Nordkorea kontert, diese Lieferung sei immer wieder verzögert und eine zusätzliche Sicherheitsgarantie seit dem Amtsantritt von George Bush torpediert worden. Das Land bestreitet, den Besitz von Atomwaffen offiziell deklariert zu haben, spricht stattdessen von "starker militärischer Abschreckungskraft", die nach dem Irakkrieg unverzichtbar sei. Auf diese kompromisslose Position dürfte der Ende Mai 2003 von US-Verteidigungsminister Rumsfeld in Auftrag gegebene neue Operational Plan 5030 nicht ohne Einfluss sein, den selbst amerikanische Militärs ohne Umschweife als aggressiv bezeichnen. Der manische Kriegstrommler Paul Wolfowitz drohte während seines letzten Asien-Swings Pjöngjang ausgerechnet in Seoul mit einer "sofortigen und vernichtend effektiven Antwort", sollte Nordkorea seine "Aggressionen" fortsetzen. Unter solch bedrohlichen Vorzeichen begeht die Volksrepublik am 9. September den 55. Jahrestag ihrer Gründung.

 
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