Politik

Winnenden | 12.03.2009 12:50 | Philip Grassmann

Viele Erklärungen, keine Antwort

Die Tat macht viele Menschen ratlos. Es gibt viele Deutungsversuche, aber welcher ist der passende? Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Amoklauf von Winnenden!

Es ist eine entsetzliche Tat. 15 Menschen sind von einem jugendlichen Amokläufer ermordet worden. Tim K., der Täter, ist tot. Er war 17 Jahre alt. Diese vier Sätze sind alles, was man jetzt mit Gewissheit über die Tragödie in Winnenden sagen kann.

Und es gibt noch ein paar andere Fakten, die zu den Gewissheiten über Amokläufer im allgemeinen gehören. Sie sind in der überwiegenden Mehrzahl männlichen Geschlechts. Es ist für sie in den allermeisten Fällen kein Problem gewesen, an Waffen heranzukommen. Und es werden fast ausschließlich Distanzwaffen für die Tat benutzt, also Pistolen oder Gewehre.

Aber die Tat selbst, die Umstände, lassen einen ratlos zurück. Es gibt viele Erklärungsversuche für solche Tragödien, aber keine befriedigende Antwort.

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Wenn Nachrichten Amok laufen

Auch in der Freitag-Redaktion haben wir intensiv darüber debattiert. Können zum Beispiel brutale Ballerspiele am Computer Ursache für einen Amoklauf sein? Oder ist es nicht umgekehrt so, dass man damit Aggressionen in der virtuellen und eben nicht in der realen Welt auslebt? Ist das eigentliche Problem nicht vielmehr der Zugang zu den Waffen, der so eine Tat überhaupt erst möglich macht? Was bedeutet es, dass die Opfer in der Schule von Winnenden bis auf eines alle weiblich waren? Handelt es sich hier um ein Phänomen der Männergewalt? Warum werden die Amokläufer immer jünger? Und ist es nicht eigentlich auch richtig, dass diese Fälle extrem selten sind und dass man deshalb überhaupt keine allgemein gültigen Schlüsse aus so einer Tragödie ziehen kann?

Auch in den Blogs auf freitag.de werden diese Fragen gestellt und Antworten gesucht. Beispielsweise in den Beiträgen von Karsten Fischer, Jacob Fricke und Lukas Heinser.

Wir haben, wie gesagt, intensiv debattiert. Und wir möchten darüber mit der Freitag-Community ins Gespräch kommen. Was ist Ihre Meinung zum Amoklauf von Winnenden? Schreiben Sie uns! (Nutzen Sie dazu die Kommentarfunktion unter diesem Text.)

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Artikelaktionen
Kommentare
HerrSchmitz schrieb am 12.03.2009 um 13:12
sind es vielleicht die nicht auch die medien, die solchen dramen nur zu gern eine bühne geben?

es gibt so viele ansätze, und keiner wird in voller gänze einer erklärung genügen. was bleibt, ist ein hilfloses stochern im trüben, das verdeutlicht wie hilflos unsere gesellschaft diesem phänomen gegenüber steht. wem dieses faktum hilft, weiss ich nicht. genug angriffsfläche für etwaigen diskurs über die mediengesellschaft bietet das alle mal. ob dieser allerdings nötig ist, wage ich zu bezweifeln. bei allem respekt vor den betroffenen ist doch gerade jetzt blinder aktionismus - jeder schießt (verbal) auf jeden - nicht das probate mittel. meiner meinung nach. das mieft nach sozialem shock and awe, provoziert zumindest letzteres. dass dies wiederum kein nährboden für gesunde menschen ist, sollte inzwischen jedem klar sein.
Steffen Kraft schrieb am 12.03.2009 um 13:36
Erstaunlich finde ich, dass sofort Fragen nach dem Einfluss von Killerspielen und Horrorvideos - also fiktionalen Medienformaten - gestellt werden, aber der Einfluss realer Geschehnisse inklusive ihrer medialen Vermittlung oft nicht einmal erwogen wird.

Mir scheint, als habe spätestens das Columbine-Massaker in den Köpfen eine Art Genre etabliert, dessen Elemente seither bei Tätern wie Zuschauern bekannt sind und nun variiert werden können, um Aussagen zu produzieren.

Denn darum geht es den Tätern ja oft: bestimmte Zeichen zu setzen. Und sei es nur, dass sie, anstatt einen Abschiedsbrief zu schreiben, ihren Tod selbst als monströse Live-Performance inszenieren.

Dieses Genre-Bewusstsein aber scheint nachhaltiger von den Berichten über Columbine, Erfurt, Emsdetten selbst geprägt zu sein als von Counterstrike, Doom und Splatter-Filmen - schon allein, weil diese Bilder viel weiter verbreitet und mit ihrem Anspruch, Realität abzubilden, auch eindrücklicher sind.

Die Folge aus dieser Überlegung kann natürlich nicht sein, dass Medien ihre Berichterstattung zurücknehmen. Schließlich benötigen wir als Zuschauer Anhaltspunkte, wie wir das Geschehen verarbeiten, also die Aussagen des Täters lesen können. Sonst kämen wir mit dem Schrecklichem gar nicht zurande.

Es könnte hier etwas in Gang gekommen sein, was nur schwer zu stoppen sein wird: eine - im Wortsinn - fatale Kommunikationsform, die sich selbst gegenüber der intelligentesten Sozialpsychologie als resistent erweisen könnte.
HerrSchmitz schrieb am 12.03.2009 um 13:43
die folge kann natürlich nicht sein, medienberichterstattung zu unterbinden. und natürlich kann man daraus wiederum folgern, dass wir uns hier in einem unaufhaltsamen strudel befinden, der sich sogar noch selbst füttert, keine frage.

trotz alledem wäre es nicht verwerflich, wenn einige große medien ein wenig ruhe an den tag legen und eben nicht in die handelsübliche hysterie einstimmen würden. ob es allerdings wahrscheinlich ist, steht auf einem ganz anderen blatt.
Jörn Kabisch schrieb am 12.03.2009 um 14:03
Lieber HerrSchmitz,
diese Frage stellt sich auch immer den Redaktionen. Geben wir als Journalisten solchen Ereignissen eine zu große Bühne? Nutzen wir Neugier, sogar Sensationsgier, den Drang nach Voyeurismus aus? Aber was wäre die Alternative? Sollen wir ein Ereignis, das Tagesgespräch ist, verschweigen? Abwarten, bis etwas berichtenswertes passiert?

Ich habe mit Freunden den ganzen gestrigen Abend über Winnenden geredet. Man erinnert sich dabei an Erfurt, an Columbine oder an Rosenheim. Obwohl man nicht viel weiß, stockt das Gespräch nicht. Eine solche Tat allein ist von solcher Größe, gleichzeitig auch so unfassbar, dass niemand das Thema wechseln konnte/wollte. Mir ist dieser Abend vorgekommen wie eine Art Trauerarbeit, zugegeben über uns unbekannte Menschen.

Ist die Aufgabe von Medien allein, zu berichten. Oder ist sie nicht auch, sich an der Kommunikation über Themen, die viele Menschen bewegt, wo immer sie hinführt, auch wenn sie zum Teil niedere Motive haben kann, zu beteiligen. Weil geredet werden muss, um damit klarzukommen. Weil vielleicht erst später die Situation da ist, auch Antworten zu finden. Ich finde ja!

Dazu ein Beispiel: Ich erinnere mich noch an die Tage nach dem 11. September. In allen Medien stand dasselbe und was da stand, doppelte sich auch noch in den Zeitungen. Trotzdem: Ich habe fast alles gelesen, vieles davon mehrmals. Wie ein Kind, das eine Geschichte so lange vorgelesen bekommt, bis die Geschichte auswendig kann. Eigentlich dumm. Ich habe mir später zu erklären versucht, warum? Ging es darum, das Geschehen noch mal zu durchleben? Wahrscheinlich. Und komisch: Ich habe später beispielsweise nie mehr nur einen Film oder Journal oder literarische Verarbeitung von 9/11 interessant genug gefunden, um sie anzusehen.
Steffen Kraft schrieb am 12.03.2009 um 14:31
Mehr Ruhe finde ich gut, von Hysterie würde ich allerdings noch nicht sprechen.

Man darf ja nicht vergessen, dass die Berichterstattung über die Stadt, Umstände, Hintergründe des Täters und der Tat nicht nur die Funktion hat, zu informieren.

Sie dient zugleich der Verarbeitung. Wir haben ein Bedürfnis nach mehr Wissen, selbst nach scheinbar Belanglosem, gerade weil die Tat zunächst wirklich unfassbar ist.

Denn was anderes als die Details aus dem Alltag des Täters und der Opfer können wir als Zeichen nutzen, die uns, wenn schon nicht die Bedeutung der Tat entschlüsseln, dann doch wenigstens eine Haltung ihr gegenüber ermöglichen.

Dass Medien versuchen, dieses Bedürfnis zu befriedigen, halte ich für alles andere als verwerflich. Das Bedürfnis selbst scheint mir nur berechtigt zu sein.
Steffen Kraft schrieb am 12.03.2009 um 14:34
Hups, da haben Jörn Kabisch und ich offenbar parallel geschrieben. Und in diesem Fall: auch parallel gedacht.
HerrSchmitz schrieb am 12.03.2009 um 14:55
es ging mir nicht darum, den medien hier einen maulkorb zu wünschen. ganz im gegenteil, diese themen sind von interesse und haben dadurch ihre legitimation. nur ist es so, wie auch hier schon bemerkt wurde, dass man sich durch die zunehmende "berieselung" der medien mit eben solchen katastrophen, immer mehr einer gesellschaft gegenüber sieht, die zu verstehen nicht nur für otto normal eine schier nicht zu bewältigende herausforderung dar stellt.

was daraus allerdings folgt, vermag ich nicht zu sagen. unsere gesellschaft tickt, wie sie tickt. nur ist es eben kein mystisches ereignis, wenn etwas wie winnenden passiert. es ist viel mehr ein zeichen der zeit, in der man sich nicht mehr an einfache werte und richtlinien klammern kann. die medienwelt trägt ihren teil dazu bei. und das wie ich finde völlig zu recht.

trotzdem muss die mediengesellschaft, in der wir leben - und das ich für meinen teil gut - einen teil der verantwortung tragen, da ohne sie die bühne nicht bestellt wäre. dem kann, soll und darf sie sich nicht entziehen und ausflüchte in ständiger orakelei und öffentlicher verwunderung suchen.

und nochmal, daraus leite ich eben gerade nicht ab, dass sich dringend etwas an der berichterstattung ändern sollte. menschen dürsten nach infos, sensationen und seelentourismus. als volkswirt ist mir sonnenklar, dass hier ein match zwischen angebot und nachfrage besteht. nur etwas mehr haltung wäre eben doch zu wünschen (!), wenn man von massaker live tickern und ähnlich groteskem hört.
m 1 schrieb am 12.03.2009 um 13:27
Die Kausalkette bricht an ihrer schwächsten Stelle und dieses schwache Glied ist das Herankommen an die für die Tatausführung nötigen Mittel/Waffen.

Ich unterstelle mal jeder von uns hatte bereits heftige Hassanfälle gegen eine oder mehrere Personen. Ich unterstelle ebenfalls, dass jeder von uns schon konkrete Bilder vor Augen hatte, wie er/sie die Agression durchführen wollte. Aber am Ende scheitert es am Organisatorischen und man schläft eine Nacht drüber, beruhigt sich wieder und wägt die Hassanfälle gegen die wieder an die Oberfläche kommenden Vernunftsgründe ab. Der Grund für das Hineinsteigern? Ohnmacht.

Wenn aber die zur Tatausführung nötigen Waffen und Mittel zur Verfügung stehen, dann wird es auch zu Taten kommen.
mcmac schrieb am 12.03.2009 um 17:24
Lieber m1,
...so ist es! -Danke.
Bei allem Nachdenken über die tieferen Gründe einer solchen Tat (und was diese möglicherweise über unsere Gegenwart, über uns aussagt), wäre es eigentlich sehr einfach, solche Taten zumindest durch die Aufstellung geeigneter Hürden zu erschweren, vielleicht sogar praktisch unmöglich zu machen. (Und dass sollte man -neben dem großen "Warum?"- als ein Gebot der Stunde begreifen.) Den politischen Willen dazu natürlich vorausgesetzt. Und genau da hakt es m.e. gewaltig. Deshalb:

Öffentliche Petition
An den
Deutschen Bundestag
Petitionsausschuss
Platz der Republik 1
11011 Berlin
Datum: 12.03.2009

Wortlaut der Petition/Was möchten Sie mit Ihrer Petition konkret erreichen?
Über welche Entscheidung/welche Maßnahme/welchen Sachverhalt wollen Sie sich
beschweren? (Kurze Umschreibung des Gegenstands Ihrer Petition)
Der Deutsche Bundestag möge beschließen ...Ein im Waffengesetz neu und rasch zu verankerndes, komplettes und ausnahmsloses Verbot der Lagerung und Führung von Waffen, insbesondere Schusswaffen (vor allem sämtlicher Feuerwaffen i.S. des Waffengesetzes) und dazu geeigneter Munition in privaten Haushalten. Weiterhin: Ein zentrales, bundesweites und lückenloses Waffenregister.

Bitte begründen Sie Ihre Petition!
Ziel dieser Restriktionen: Weitestgehende Erschwerung und Verhinderung von sogenannten Amokläufen, insbesondere durch junge Menschen, Stichwort „school shooting”.

In drei Wochen müsste diese Petition zum Mitzeichnen unter epetition.bundestag.de veröffentlicht werden.

grußmcmac
m 1 schrieb am 13.03.2009 um 10:39
Danke für die Zustimmung. Zu der Petition kann ich nur so viel sagen:

Pazifismus kann man lernen, muss man lehren und muss man wollen. Wer mehr Argumente braucht, der schlage bitte bei den Wehrdienstverweigerungsdiskussionen der 70er Jahre nach. Alles durch x Instanzen abgesegnet, aber nie gesellschaftlich auf breiter Basis durchgesetzt.

Schlussfolgerung: Die Gesellschaft will Gewalt und die Mittel zur Ausübung derselben.

Anmerkung: Das war bereits Kommentar bei http://www.freitag.de/community/blogs/christianberlin/toetungsmaschinen-sind-keine-freizeitspielzeuge, aber zu Ihrem Flehen nach 'politischem Willen' passt es auch sehr gut. Auch die Begründung der Petition ist, Verzeihung, hirnrissig, weil der Staat junge schießende Menschen will, motiviert, unterstützt, fördert und ausbildet. 'Hirnrissig' deswegen, weil jeder Politiker selbstverständlich Ihre Begründung inbrünstig herunter beten und unterstützen wird, aber...
nbo schrieb am 12.03.2009 um 13:28
finde nach wie vor den ansatz von mark ames aus seinem interview mit dem freitag im april 2007 einleuchtend:

"...
FREITAG: Trotzdem scheint aber kaum jemand in den Amokläufen politische Statements oder Rebellionen erkennen zu wollen.

AMES: Viele der Massaker sind nicht offen politisch - das war bei den Sklavenaufständen ähnlich. Bis vor etwa 200 Jahren dachte jeder, dass Sklaverei normal ist. Jahrtausende lang. Ich vermutete, dass man damals angesichts der Gewaltausbrüche von Sklaven wahrscheinlich ähnlich fassungslos war, wie heute angesichts der Amokläufe. Ich habe mir die Quellen angesehen. Es gab sehr wenige Rebellionen, aber es gab viel so genannte willkürliche Gewalt: Plantage niederbrennen, den Besitzer vergiften, eines seiner Kinder umbringen. Und die offizielle Sichtweise war - das ist das Resultat von auswärtigen Einflüssen: der Papst, die Jakobiner. Oder es liegt an der natürlichen Niedertracht der Schwarzen, am Mangel an christlichen Werten.

Niemand sagte, was uns heute offensichtlich erscheint: die Sklaverei war die Ursache der Rebellionen. Und ich glaube, das trifft auf die heutigen Massaker auch zu. Die Leute, die da durchdrehen, müssen nicht unbedingt wissen, dass sie gegen die Folgen der Reagonomics rebellieren.
..."
http://www.freitag.de/2007/17/07170302.php
(später gab es eine replik darauf von götz eisenberg: http://www.freitag.de/2007/21/07210401.php)

bei all den experten-interviews, die gerade zu lesen sind, habe ich das gefühl, dass das big picture, in welcher kultur, in welchem dampfkessel wir leben, ausgeblendet wird.
Matthias Dell schrieb am 12.03.2009 um 14:10
Diesen Hinweis finde ich interessant: dass alles, was größer ist als Elternhaus, Schule oder Freunde, also etwa, die Gesellschaft, in der wir leben, keine Rolle spielt für die Begründung der Tat. Der Amoklauf als krimineller Einzelfall. Während es andere Verbrechen gibt, die durchaus an mentale oder politsche Kontexte delegiert werden können (Kindstötungen in Ostdeutschland, Missbrauch in Österreich oder Belgien).
Tom Strohschneider schrieb am 12.03.2009 um 14:21
Danke an nbo, mich lässt auch gerade diese Frage etwas ratlos zurück: Gast im Schützenverein des Vaters, Pistole aus dem elterlichen Schrank geklaut, Ankündigung der Tat im Internet – und natürlich wurde jetzt im Computer des Amokschützen von Winnenden auch noch ein Ballerspiel entdeckt, ein paar Horrorfilme nicht zu vergessen. Damit ist das bekannte Bühnenbild komplett, vor dem die immergleiche Diskussion aufgeführt wird: Die einen fordern schärfere Waffengesetze, die anderen lehnen sie ab. Die einen machen Mediengewalt verantwortlich, die anderen halten das Argument für zu oberflächlich. Früher oder später wird von irgendjemand darauf verwiesen, dass man sich doch bittesehr auch die gesellschaftlichen Implikationen ansehen müsse – Konkurrenz, Leistungsdruck, psychologische Zurichtungen durch die Bedürfnisindustrie und so weiter. Schon richtig. Aber warum passiert so etwas wie in Winnenden dann nicht öfter? Wie sehr brodelt es bei uns anderen unter der Patina der Zivilisation? Und wie froh kann man über einen „Selbstschutz“ sein, von dem man annehmen muss, dass mit der tödlichen Wut gleich auch noch anderes verdrängt und wegdiszipliniert wird?
Der Freitag schrieb am 12.03.2009 um 13:45
Liebe Leser, Blogger und Autoren,
in der Community entstehen seit gestern viele gute eigene Beiträge zum Thema. Posten Sie doch einfach die Links zu Ihren eigenen Texten ebenfalls unter diesen Text, dann können von der Startseite aus auch alle anderen Gedanken schnell gefunden werden.

Viele Grüße

Tessa
ufin schrieb am 12.03.2009 um 14:39
Das Selbstbild und seine Abstraktionsleistung
Was lernt man, wenn man lernt, sich durchzusetzen? Man lernt, dass das Wissen ein Mittel dafür ist, man lernt für den Erfolg im Vergleich: Man lernt für die Prüfung, das Zeugnis und profitiert vom Fehler der anderen. Man lernt in der Lernkonkurrenz. Diese Form des vergleichenden, konkurrierenden Lernens bedeutet, dass man nicht mit seiner Leistung bestimmen kann, wie viel man erreicht, sondern das Leistungsprinzip die individuelle Leistung unter den Leistungsdruck setzt und so auf eine vorher schon feststehende geringe Anzahl von "Zielen"/Plätzen verteilt. Warum bräuchte es sonst Lernkonkurrenz? Also ist Erfolg und Misserfolg gleichzeitig nötig und verlangt als Ergänzung die persönliche Anerkennung (,um diese Gegensätzlichkeit auszuhalten), die als Stolz oder Angeberei bis zum Selbstvorwurf oder der Vorstellung der "eigenen Sinnlosigkeit" führt, die sich am Selbtsideal des anerkannten "Supermanns" misst und diesem natürlich nicht gerecht werden kann, da diesem Anspruch, der ja wieder eine "Selbstangeberei" ist, die Anerkennung der anderen fehlt. So gedanklich verrannt, nicht mehr interessiert an den Gründen, warum man nicht anerkannt wird, warum man nicht gemocht wird oder warum man erfolglos ist - und so auch an sich selbst etwas ändern könnte - vergleicht man sich mit der ganzen Welt und hält diese vor dem eigenen nicht erfüllten Ideal für ungerecht und hält diesen selbst gemachten Widerspruch in seinem Denken nicht mehr aus und entschließt sich zur praktischen Lösung, indem man sich aus seinem Anspruch zum tatsächlichen Richter erhebt und die anderen bestraft. Die Rettung der persönlichen Ehre vor sich selbst ist rücksichtslos gegen alle anderen und zugleich gegen sich selbst, da es in dem Wissen passiert, dass hier in nicht erlaubter Form die Gewalt angemaßt wurde von einer anderen Instanz.

Verwiesen sei auf den Beitrag http://www.freitag.de/2006/48/06480401.php
merdeister schrieb am 12.03.2009 um 14:44
In jedem von uns steckt ein Amokläufer. In den letzten Jahren scheint sich jedoch etwas in unserer Umgebung zu verändern, was diesen Amokläufer in uns schneller hervorruft. Im Grunde kann man das Problem statistisch angehen: Je mehr Menschen unter Druck stehen und sich nicht ernst genommen fühlen, je mehr Menschen spüren, das sie nicht als Person sondern als Humankapital betrachtet werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, das einer von ihnen Amok läuft.
Dabei ist es unwichtig ob die Waffen legal oder illegal beschafft wurden, zur Not kommt man immer heran.
Der Druck der von höheren Hirachieebenen kommt wird von jedem (fast jedem) Menschen zur nächsten Hirachieebene weitergegeben und auf den Unteren sammeln sich immer mehr an.
Wenn jemand nach außen erfolgreich erscheint muss das ja nicht bedeuten, das dieser Mensch sich selber auch als erfolgreich wahrnimmt.
Wir werden wohl weiter mit verRÜCKTEN leben müssen, genau wie mit anderen Gefahren des Lebens, wir könnten aber die Menschen um uns herum ein wenig mehr wertschätzen, vielleicht bleibt dann irgendwo ein Amokläufer mehr stecken...und löst sich auf.
ChristianBerlin schrieb am 12.03.2009 um 14:55
Da der Freitag den Diskusssionsplatz hierher verlegt hat, habe ich vorsichtshalber meine (gestrige) Antwort in mein Blog geschrieben, dann brauche ich bei weiteren Verlagerungen nur den Link zu posten.

http://www.freitag.de/community/blogs/christianberlin/toetungsmaschinen-sind-keine-freizeitspielzeuge

[offtopic: Diesen Link hatte ich oben schon mal gepostet, kam aber nicht an. Ich argumentiere im BlogBeitrag ähnlich wie m1, nur etwas nachdrücklicher .

@Tessa & Peggy: auf Kommentare kann man leider auf freitag.de nicht dauerhaft verlinken, weil die Seitenzahlen hinter ?comments= rückwärts gezählt werden (und sich erhöhen, je mehr dazukommt).]
mcmac schrieb am 12.03.2009 um 15:02
Bezüglich Ihrer Aufforderung bin ich so frei und zitiere einen meiner eigenen Kommentare auf einen Beitrag von CB, der über eine Petition nachdenkt:

mcmac schrieb am 12.03.2009 um 12:30
Lieber CB,
genau eine solche Petition ist schon in Arbeit; dürfte -hoffentlich- in drei Wochen unter epetiton.bundestag.de veröffentlicht werden.
"Der Deutsche Bundestag möge beschließen ...Ein im Waffengesetz neu und rasch zu verankerndes, komplettes und
ausnahmsloses Verbot der Lagerung und Führung von Waffen, insbesondere Schusswaffen (vor allem sämtlicher
Feuerwaffen i.S. des Waffengesetzes) und dazu geeigneter Munition in privaten Haushalten. Weiterhin: Ein
zentrales, bundesweites und lückenloses Waffenregister."
Begründung: "Ziel dieser Restriktionen: Weitestgehende Erschwerung und Verhinderung von sogenannten Amokläufen,
insbesondere durch junge Menschen, Stichwort „school shooting”."
grußmcmac
Frans-von-Hahn schrieb am 12.03.2009 um 15:35
Die Frage, ob es einen passenden Deutungsversuch gibt, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlicher ist, dass mehrere Komponenten zusammen kommen müssen, damit es zu einem Ereignis wie in Winnenden kommt. Der leichte Zugang zu Waffen, wie in diesem Fall, als auch die Beschäftigung mit Computerspielen sind nahe liegende Möglichkeiten das Geschehen zu erklären.

Aus den Medien ist zu erfahren, dass der Täter aus einer gut situierten Familie stammt. Als er ein Kind war, haben seine Eltern ihm in kleinen Schritten die Welt erklärt. Eine Welt in der es das Gute und das Böse gibt. Wobei zum Schluss das Gute über das Böse siegen wird. Dem Kind wird erzählt, dass es die Schule besuchen wird, einen Abschluss und danach eine Lehre oder ein Studium absolvieren wird. Oder kurz gesagt: mach was von dir verlangt wird und Alles wird gut.

Das Kind hat sich an diese Regeln gehalten. Es hat die Schule besucht und sich in die Gesellschaft auf seine Art integriert. Wir lesen, dass Tim ein erfolgreicher Sportler war.

Wir lesen auch, dass Tim nur einen mittelmäßigen Schulabschluss geschafft hat. Wir wissen, dass dieser Abschluss nur bedingt reichen wird, um in eine von Sorgen freie Zukunft zu schauen.
Tim ist kein Kind mehr. Er ist 17 Jahre alt und damit ist auch ihm bewusst geworden, dass trotz all seiner Bemühungen die Zukunft für ihn keine einfache sein wird. Mit dieser Erkenntnis und den Versprechen der Vergangenheit in der Erinnerung, darf er sich vom Leben betrogen fühlen.
Wer sich betrogen fühlt, der ruft nach Ausgleich und Gerechtigkeit. Der Betrüger muss genannt werden und seine Taten sollen bestraft werden. Was aber, wenn der Betrogene keinen Adressaten hat, dem er den Betrug vorwerfen kann ? Wenn seine Erklärung ist, dass ihn alle betrogen haben ? Kann dann aus der kindlichen Idee „Alles wird gut“ die Erkenntnis werden, dass Alles und Jeder gegen einen ist ?

Der von mir vorgetragene Aspekt ist sicherlich nur einer von mehreren, die zu der Tat geführt haben. Vielleicht hat er auch gar nichts damit zu tun und die Motive waren von ganz anderer Natur. Jetzt schlägt die Stunde der „Experten“. Die Redaktion hat ihre Leserschaft zur Erklärung aufgefordert und wir stochern im Nebel und sind ratlos trotz aller Ideen und Diskussionen.
Jakob Augstein schrieb am 12.03.2009 um 16:13
Einer der ersten Einträge zu diesem Thema lautete gestern

"Schweigt!"

Damit ist eigentlich alles gesagt,
Nur fällt uns das so unendlich schwer. Uns Journalisten sowieso. Aber auch uns Menschen. Weil wir angesichts solcher Geschehnisse reden müssen um nicht verrückt zu werden.

Allein - etwas Sinnvolles lässt sich dazu ja nicht sagen.

Killerspiele, Druck in der Schule, Liebeskummer, Stress mit den Eltern - man könnte auch sagen: die Pubertät - müssen dann herhalten. Oder gleich der Kapitalismus als solcher,, wie der geschätzte nbo vorgeschlagen hat.
Aber das ist doch alles abwegig.

Bemerkenswert ist, dass wir offenbar nicht hinnehmen können, dass solche Dinge geschehen und wir sie nicht vorhersagen und nciht verhindern und nicht ändern können. Uns fehlt inzwischen die Fähigkeit zum Sich-Fügen, die vermutlich den Menschen der Vergangenheit das Überleben überhaupt erst ermöglicht hat.

Es wäre dringend notwendig, dass wir das einsehen. Denn der Kontroll- und Präventionswahn, der unsere Gesellschaft ohnehin schon im Griff hat - droht nach solchen Taten immer weiter um sich zu greifen.
(Man denke nur an die grotesken Sicherheitsvorschriften, die in Folge on 9/11 weltweit gelten, eine permanente Paranoia, ein dauerndes Gefühl des Bedrohtseins, jeder Mensch ein Täter, ein Risiko, das es einzuhegen gilt.)

Schon liest man in der FAZ, dass Lehrer, Eltern und Schüler lernen müssen, potentielle Täter rechtzeitig zu erkennen ... Wir alle als Kriminalpsychologen unterwegs in Kindergarten und Schule auf der Suche nach den Massenmördern von morgen ...

Es gibt im Menschen einen Restbereich des Nicht-Erforschbaren. Einen freien Willen. Ein Leid. Einen Charakter. Einen Schmerz. Egal. Am Ende ist das die Freiheit. Und das Risiko. Das lässt sich nur ausschalten zu Kosten, die wir nicht zu tragen bereit sein sollten.

Und wenn es dann geschieht - sollten wir schweigen, so weit wir das können.
Anna Dorothea schrieb am 12.03.2009 um 19:13
Gerade wollte ich einen Blog zu diesem Thema schreiben. Da entdeckte ich Ihren Beitrag, der mir vollkommen aus der Seele spricht.

Mir tat es gestern geradezu körperlich weh, dass offensichtlich kein Radiosender nach Verkünden dieser entsetzlichen Nachrichten in der Lage war, sein Musikprogramm zu ändern. Statt dessen spielte der hiesige NDR gleich danach dümmlich-fröhliche Schlager - business as usual.

Auch Frau von der Leyens tatkräftige Pläne, die sie nur zwei Stunden nach dem Amoklauf bekanntgab, kamen mir zu schnell, wie all diese Analysen und "Wenn.... nicht, dann... vielleicht nicht..."

Der ganze Aktionismus angesichts dieses schrecklichen Unglücks soll, so kommt es mir vor, nur darüber hinwegtäuschen, dass es die absolute Sicherheit einfach nicht gibt. Dieser Gedanke ist, ich gebe es zu, schwer zu ertragen.Wenn wir innehalten und schweigen, statt zu reden und zu handeln, könnte uns bewusst werden, wie zerbrechlich unser Leben tatsächlich ist. Dann könnten wir den Gedanken nicht mehr verdrängen, dass so etwas jedem jederzeit passieren kann. Dass es Zufall ist, wenn es uns nicht trifft.

Ich habe eine 16jährige Tochter. Sie hätte ebenso unter den toten Jugendlichen sein können. Gestern abend war ich, so traurig und entsetzt ich sonst war, gleichzeitg froh und dankbar, dass sie da war.
Anna Dorothea schrieb am 12.03.2009 um 19:15
Sorry! Dreimal sollte dieser Kommentar bestimmt nicht erscheinen. Ich habe jedesmal auf Abbrechen gedrückt..
Der Freitag schrieb am 12.03.2009 um 19:17
Wir haben das schnell behoben, kein Problem. Viele Grüße!
jfricke schrieb am 12.03.2009 um 20:44
Lieber Jakob Augstein,

ich stimme Ihnen zu. Es kann nicht darum gehen, dass Lehrer, Eltern und Schüler potentielle Täter rechtzeitig erkennen und "melden".

Aber ich teile nicht ihre These, dass wir uns einfach damit abfinden sollen, dass solche Dinge eben passieren. Niemand wird als Amok-Läufer geboren. Die Verzweiflung die einen zu einer solchen Tat treibt, muss unvorstellbar groß sein.

MIr geht es darum, dass wir die potentiellen Täter nicht mit ihrem Leid und ihrem Schmerz alleine lasse. Damit meine ich nicht, dass wir uns auf die Suche nach potentiellen Tätern begeben und diese zwangseinweisen sollen. Vielmehr müssen wir ein Klima an den Schulen schaffen, in welchem sich Schüler nicht davor fürchten psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und es nicht dazu kommt, dass einzelne Schüler isoliert, gedemütigt oder ausgeschlossen werden. In diesem Bereich gibt es viel Nachholbedarf an deutschen Schulen.

Dadurch werden wir nicht jeden Amoklauf verhindern können, aber viele potentielle Amokläufer.
Bildungswirt schrieb am 12.03.2009 um 22:25
Wirkliche Trauerarbeit, Rituale und auch Schwiegen mit und für die Opfer - ein bewusstes Insichgehen - werden nicht mehr gelernt. Kommunikative Sprechblasen türmen sich hingegen als Dauerbeschallung gebirgsartig auf. Deshalb produzieren zementiert erlebte Verhältnisse neue Deformationen an jugendlichen Seelen, sie erleben sich vor allem als unnütz und nicht gebraucht.
Und schon sind die Schwätzer mit den Kontrolletti-Wahnvorstelungen im Umlauf, die Heilung suggerieren.
Greiph schrieb am 12.03.2009 um 23:33
Joss Fritz: Zu den fast nicht vorkommenden Mittelmeerländern habe ich eine Idee. Bei sehr vielen Reisen habe ich erfahren, dass die „Mittelmeermenschen“ durchweg extrovertierter und histrionischer als wir Nordmenschen sind, vielleicht ist das eine Erklärung.

Zu dieser Schlussfolgerung kam gestern auch Prof. Pfeiffer in der Sendung "hart aber fair". Es hat den Anschein, dass Geographie bzw. Kultur eine Rolle spielen. Möglicherweise sind sie sogar ausschlaggebender als Waffengesetze. Denn es gibt Staaten, in denen man mit Sicherheit leichter an Waffen herankommt als in Deutschland, die aber in dieser Liste gar nicht auftauchen. Solche Spekulationen werden natürlich dadurch relativiert, dass man nicht weiß, ob diese Liste erschöpfend ist.
Saturday schrieb am 12.03.2009 um 17:00
Was mensch neben anderen Überlegungen zu den Motiven der Amokläufer auch hinzu ziehen sollte:
es gibt einen statistisch belegten Zusammenhang zwischen der Kriegsbeteiligung eines Staats und dem Anstieg von Gewalttaten in diesem Land (E.Aronson,T.Wilson, R.M. Akert: Sozialpsychologie.Pearson Education 6/2009)
Ich kann mich nicht erinnern, von einem Amoklauf in der BRD gehört zu haben, bevor dieser staat sich an Kriegen beteiligte, also vor dem Jugoslawienkrieg 99 und dem sog. krieg gegen den Terror seit 2001/2 bis heute.
Mein Eindruck ist, dass ein kriegführender Staat das Verhältnis seiner Bewohner zu Gewalt massiv verändert. Und das halte ich für gravierender als den Einfluss von Gewaltgames oder Schusswaffen!
lukasheinser schrieb am 12.03.2009 um 17:54
Suchen Sie sich einen oder mehre dieser Amokläufe aus:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_August_Wagner (1913, vor dem 1. Weltkrieg)
http://de.wikipedia.org/wiki/Attentat_von_Volkhoven (1964)
http://de.wikipedia.org/wiki/Eppstein#Amoklauf_an_der_Freiherr-vom-Stein-Gesamtschule (1983)

Ich glaube kaum, dass sich die Amokläufe seit 1999 (Bad Reichenhall) mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr in Verbindung bringen lassen. Bestimmt 95% der Deutschen (mich eingeschlossen) haben überhaupt nicht im Hinterkopf, dass gerade irgendwo in der Welt deutsche Soldaten unterwegs sind.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.03.2009 um 17:05
Kompliment an Jakob Augstein - schweigen ist in der Tat das einzig angemessene Verhalten. Dies gilt insbesondere für jene Politiker, die zu entschiedenen Befürwortern von Militäreinsätzen gehören und nun gewalttriefende Spiele aber so was von verbieten wollen. Der Einsatz von Brandstiftern zu Löschzwecken wird nun wohl auch außerhalb der Finanzsphäre zur Regel.
Unserer Öffentlichkeit tät es gut, wenn solche tragischen Ereignisse nicht bis ins letzte Detail für die Befriedigung der Sucht nach Auflage/Quote/Klickrate eingesetzt würden. In der verbliebenen Zeit ließe sich dann darüber sinnieren, wie und warum sich manche Gruppen in unserer Gesellschaft außerhalb eines vermeintlich verbindlichen moralischen Rahmens (Regeln, Gesetze, Anstand, Ehrlichkeit) stellen: Finanzjongleure, Politiker, Manager und, ja, auch manche Fußballzuschauer, Jugendliche …
Oder könnte eine Debatte über die ästhetische und inhaltliche Erbärmlichkeit gewisser Computerspiele führen.
Joachim Losehand schrieb am 12.03.2009 um 18:49
Was jetzt - nach der Tat - in der Öffentlichkeit passiert ist, die rituelle Entsühnung der Gesellschaft vor sich selbst.

Die Suche nach Antworten auf die Frage nach Ursachen, Hintergründen und Schuldigen ist die Suche nach dem Sündenbock, "daß also der Bock alle ihre Missetat auf sich in eine Wildnis trage" (Lev 16, 22) und so durch den Bock die Gemeinschaft befreit.

Ist das geschehen, wenden wir uns wieder der Tagesordnung und dem nächsten Aufmacher zu.
Jakob Augstein schrieb am 12.03.2009 um 22:44
Lieber JL,
ja, Entsühnung ist ein gutes Wort in diesem Zusammenhang.
Ein klärendes.
Manchmal kann einem ein Wort einen Sachverhalt deutlicher machen.
Es geht bei der Bearbeitung solcher Fälle durch Medien und Gesellschaft ganz sicher darum, sich von eigener Sünde und Schuld - ganz bewusst in dieser Terminologie - reinzuwaschen und so ein Täter hat sich gleichsam selber als Sündenbock zur Verfügung gestellt.

Es ist schon so, dass uns, denen die Religion abhanden gekommen ist, in solchen Momenten etwas fehlt, terminologisch, aber nicht nur terminologisch.
Ihr JA
Joachim Losehand schrieb am 13.03.2009 um 09:37
Daß auch der Täter als Sündenbock dienen kann, ist sicherlich möglich.

Nach einem Frevel oder einem Verbrechen bzw. jährlich wiederkehrend wird jedoch im scapegoat-Ritual symbolisch einem Dritten (Mensch, Tier, Gegenstand) die Schuld aufgebürdet.

Die Suche nach einem Schuldigen, der Ruf nach "Konsequenzen der Verantwortlichen" (Medien, Waffengesetze, Jugendschutzbestimmungen, Lehrer, Gesellschaft usw.) und die Beteuerung von Betroffenheit und Umkehrwillen macht jedoch meiner Meinung nach das moderne Reinigungs-Ritual aus.
Joss Fritz schrieb am 12.03.2009 um 22:51
Hier ist viel interessantes und richtiges geschrieben worden, dass ich nicht noch einmal wiederholen
will, Vielmehr will ich ein paar andere Aspekte in die Diskussion bringen.
Beim lesen des nachfolgend verlinkten Spiegelartikel fiel mir eine am Ende des Artikels befindliche Übersicht von „Amokläufen“ auf.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,613025,00.html

(Bitte bis zum Ende des Artikels scrollen)

Die Übersicht geht bis zum Anfang der 60er Jahre zurück. Beim lesen dieser Übersicht fielen mir ein paar Details auf, die ich hier zur Diskussion stellen möchte.

Deutschland (ca. 80.000.000 Einwohner, 4 Vorfälle)

USA (ca. 300.000.000 Einwohner, 10 Vorfälle)

Wenn man bedenkt, dass Deutschland bis 1989 ca. 60.000.000 Einwohner hatte, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass wir bezüglich dieser Vorkommnisse (statistisch) mit den USA gleich und bezogen auf den Rest der Welt vorne liegen und das bei einem, im Gegensatz zu den USA, existierenden Waffengesetzes. Daran kann es also nicht liegen.

Wieso ist das so?

Betrachtet man die Rolle der europäischen Länder, so fällt auf, dass die Mittelmeerländer fehlen.
(Ausnahme der Vorfall in Toulon). Betroffen sind die nördlichen europäischen Länder, wie Frankreich (Nanterre), Schweiz, Deutschland, Schottland und Finnland.

Warum treten die Mittelmeerländer kaum in Erscheinung?

So richtig geballt, ging es dann, in Europa, 2001 los.

Hat das vielleicht mit der Verbreitung des Internets und von Computerspielen zu tun?

Fragen über Fragen. Vielleicht fällt dem einen oder anderen von euch dazu was ein.

Zu den fast nicht vorkommenden Mittelmeerländern habe ich eine Idee. Bei sehr vielen Reisen habe ich erfahren, dass die „Mittelmeermenschen“ durchweg extrovertierter und histrionischer als wir Nordmenschen sind, vielleicht ist das eine Erklärung.

Wie schon geschrieben, diese Fragen und Ideen kamen mir beim lesen dieser Übersicht.

mfg
I.D.A. Liszt schrieb am 12.03.2009 um 23:28
"Deutschland" hatte schon ein paar Einwohner mehr. Da war nämlich noch dieses kleine Anhängsel zum Osten hin, mit seinen über 16.000 Einwohnern. Sie meinen wahrscheinlich die ehemalige BRD.

Und die "Mittelmeermenschen" (in den sehr verkürzten tausend Jahren damals sprach man auch gern vom "mediterranen Typ") sind vielleicht einfach nicht so verkniffen, weil sie das schöne warme Mittelmeer haben, den ganzen Tag Rotwein trinken und vor allem viel Knoblauch ans Essen tun.
Da ist der "Nordmensch" doch ganz anders - kaltes Seewasser, Bier (und das noch in Form des immer verbreiteter ausgeschenkten Pils) und den ganzen Tag nur Kerbel und Liebstöckel als Gewürze.
Da greift man halt mal zur Knarre und nietet ein paar Mitschüler um!!!

Ich könnte mir vorstellen, dass die Gründe dafür doch ein wenig tiefer liegen.
Und diese Fragen hat ja Philipp Grassmann aufzuwerfen versucht. Eine bloße Wiederholung der Fragen ist nicht sehr erhellend.

Doch Ihr Hinweis auf die USA und die BRD als "Haupt-Amok-Laufstege" ist sehr interessant. Vielleicht kann der Dritte im Bunde, das Reich der aufgehenden Sonne, auch in dieser Liga mitspielen. Da gab es doch mal diese Aum-Sekte, deren Mitglieder zwar nicht Amok liefen, aber sch alle Mühe gaben, etlichen ihrer Mitmenschen und sich selbst ins Nirvana zu verhelfen.

Hier liegt möglicherweise ein Forschungsgegenstand verborgen: Woher kommt es, dass solche Greuel in den reichsten und am komfortabelsten lebenden Ländern und Nationen dieses Globus ausgeheckt werden?
Haben wir in den USA, Japan und der BRD vielleicht sonst nichts Vernünftiges zu tun? Oder langweilen wir uns zu sehr mit unserem schlechten Fernsehprogramm? Oder versuchen wir uns vielleicht selbst zu bestrafen, weil wir uns dafür hassen oder schämen, dass es uns, verglichen mit dem armen Rest der Welt, viel zu gut geht?
I.D.A. Liszt schrieb am 12.03.2009 um 23:34
"Deutschland" hatte schon ein paar Einwohner mehr. Da war nämlich noch dieses kleine Anhängsel zum Osten hin, mit seinen über 16.000 Einwohnern. Sie meinen wahrscheinlich die ehemalige BRD.

Und die "Mittelmeermenschen" (in den sehr verkürzten tausend Jahren damals sprach man auch gern vom "mediterranen Typ") sind vielleicht einfach nicht so verkniffen, weil sie das schöne warme Mittelmeer haben, den ganzen Tag Rotwein trinken und vor allem viel Knoblauch ans Essen tun.
Da ist der "Nordmensch" doch ganz anders - kaltes Seewasser, Bier (und das noch in Form des immer verbreiteter ausgeschenkten Pils) und den ganzen Tag nur Kerbel und Liebstöckel als Gewürze.
Da greift man halt mal zur Knarre und nietet ein paar Mitschüler um!!!

Ich könnte mir vorstellen, dass die Gründe dafür doch ein wenig tiefer liegen.
Und diese Fragen hat ja Philipp Grassmann aufzuwerfen versucht. Eine bloße Wiederholung der Fragen ist nicht sehr erhellend.

Doch Ihr Hinweis auf die USA und die BRD als "Haupt-Amok-Laufstege" ist sehr interessant. Vielleicht kann der Dritte im Bunde, das Reich der aufgehenden Sonne, auch in dieser Liga mitspielen. Da gab es doch mal diese Aum-Sekte, deren Mitglieder zwar nicht Amok liefen, aber sch alle Mühe gaben, etlichen ihrer Mitmenschen und sich selbst ins Nirvana zu verhelfen.

Hier liegt möglicherweise ein Forschungsgegenstand verborgen: Woher kommt es, dass solche Greuel in den reichsten und am komfortabelsten lebenden Ländern und Nationen dieses Globus ausgeheckt werden?
Haben wir in den USA, Japan und der BRD vielleicht sonst nichts Vernünftiges zu tun? Oder langweilen wir uns zu sehr mit unserem schlechten Fernsehprogramm? Oder versuchen wir uns vielleicht selbst zu bestrafen, weil wir uns dafür hassen oder schämen, dass es uns, verglichen mit dem armen Rest der Welt, viel zu gut geht?
Greiph schrieb am 12.03.2009 um 23:36
Joss Fritz: Zu den fast nicht vorkommenden Mittelmeerländern habe ich eine Idee. Bei sehr vielen Reisen habe ich erfahren, dass die „Mittelmeermenschen“ durchweg extrovertierter und histrionischer als wir Nordmenschen sind, vielleicht ist das eine Erklärung.

Zu dieser Schlussfolgerung kam gestern auch Prof. Pfeiffer in der Sendung "hart aber fair". Es hat den Anschein, dass Geographie bzw. Kultur eine Rolle spielen. Möglicherweise sind sie sogar ausschlaggebender als Waffengesetze. Denn es gibt Staaten, in denen man mit Sicherheit leichter an Waffen herankommt als in Deutschland, die aber in dieser Liste gar nicht auftauchen. Solche Spekulationen werden natürlich dadurch relativiert, dass man nicht weiß, ob diese Liste erschöpfend ist.

Hinweis: dieser Beitrag taucht weiter oben schon auf, wo er gar nicht hin sollte. Bitte das zu entschuldigen.
Eduard Brauner schrieb am 12.03.2009 um 23:53
Als ich noch kleiner Junge war, haben sie mir immer gesagt: du sollst nicht töten!
Sie haben mir aber nicht erklärt warum man tötet
I.D.A. Liszt schrieb am 12.03.2009 um 23:59
@ Greiphs Kommentar zu Joss Fritz: Ja, die Geopsychologie!
Wie kommt es dann, das Amokläufe im sonnigen, südlichen Malaysia "erfunden" wurden?
Und in wenigstens einem der so amokfreien Mittelmeerländer gibt es in den südlichen Regionen die "omertà", das Gesetz des Schweigens, und wer das durchbricht... Aber damit wollen wir "Nordmenschen" vielleicht am liebsten nur in Schauerkriminalromanen unterhalten werden.
Will sagen: Möglicherweise gibt es ein Potential der Gewalt in uns Menschen, das ausbricht, wenn die Bevölkerungsdichte ein gewisses Maß überschreitet. Nein, diese Überlegung ließe Finnland ja außen vor.
Jedenfalls gibt es so ein Gewaltptential, das ausgelebt sein will, und es bricht sich dann eben auf alle mögliche, bislang unerklärliche Weise, Bahn.
Und Erklärungen werden gewiss nicht jetzt in aller unnötigen Hast, die die verunsicherten Menschen von der "Kompetenz" der zuständigen Stellen überzeugen soll, von selbst ernannten Experten gefunden, auch nicht von denen, die im Freitags-Blog schreiben. Dazu braucht es Zeit und Ruhe zum Nachdenken, nicht zum raschen, Abarbeiten des nun gerade Aktuellen.
Denn schon bald wird, wie gewohnt, die nächste Sau durchs Dorf getrieben, und was ist dann mit all den schönen Gedanken zum Amoklauf in Winnenden? Makulatur!
Joss Fritz schrieb am 18.03.2009 um 21:27
"@ Greiphs Kommentar zu Joss Fritz: Ja, die Geopsychologie!
Wie kommt es dann, das Amokläufe im sonnigen, südlichen Malaysia "erfunden" wurden?
Und in wenigstens einem der so amokfreien Mittelmeerländer gibt es in den südlichen Regionen die "omertà", das Gesetz des Schweigens............"

Und was haben Amokläufe in Malaisia und die Omerta jetzt mit durchgeknallten Jugendlichen an Schulen zu tun?

mfg
Joss Fritz schrieb am 18.03.2009 um 21:27
"@ Greiphs Kommentar zu Joss Fritz: Ja, die Geopsychologie!
Wie kommt es dann, das Amokläufe im sonnigen, südlichen Malaysia "erfunden" wurden?
Und in wenigstens einem der so amokfreien Mittelmeerländer gibt es in den südlichen Regionen die "omertà", das Gesetz des Schweigens............"

Und was haben Amokläufe in Malaisia und die Omerta jetzt mit durchgeknallten Jugendlichen an Schulen zu tun?

mfg
tom.www schrieb am 13.03.2009 um 01:24

Zum Thema:

Nachruf auf einen Mörder (Funny Games)

Siehe Blog.
mcmac schrieb am 13.03.2009 um 02:44
"[...]und dass man deshalb überhaupt keine allgemein gültigen Schlüsse aus so einer Tragödie ziehen kann?[...]"

-möchte ich Sie noch einmal zitieren und hinzufügen, dass das Sich-an-mannigfachen-Ursachen-zu-suchen-Delektierende zu diesem Thema durchaus richtig ist und eine wichtige Funktion hat, aber kein gegenwärtiges Problem dieses Phänomens löst.
Ich nehme an, dass ich eigentliich falsch bin in diesem Blog.
Trotzdem noch einmal:
Öffentliche Petition
An den
Deutschen Bundestag
Petitionsausschuss
Platz der Republik 1
Der Deutsche Bundestag möge beschließen ...Ein im Waffengesetz neu und rasch zu verankerndes, komplettes und
ausnahmsloses Verbot der Lagerung und Führung von Waffen, insbesondere Schusswaffen (vor allem sämtlicher
Feuerwaffen i.S. des Waffengesetzes) und dazu geeigneter Munition in privaten Haushalten. Weiterhin: Ein
zentrales, bundesweites und lückenloses Waffenregister.
Ziel dieser Restriktionen: Weitestgehende Erschwerung und Verhinderung von sogenannten Amokläufen,
insbesondere durch junge Menschen, Stichwort „school shooting”.
Igor Pavellenko schrieb am 13.03.2009 um 12:47
Ich werf das jetzt einfach mal so in den Raum:

Mal ganz abgesehen von den vielen Einzelaspekten, sollte man sich grundsätzlich Fragen – auch abgesehen von solchen Ereignissen – welche Werte werden eigentlich in unserer Gesellschaft gewünscht, verbreitet und vor allem gelebt. Ich frage mich manchmal wo ist eigentlich die Solidarität, die Gemeinschaft im Alltag geblieben. Die kleine Nachbarschaftshilfe. Oder die selbstlose Unterstützung unter Arbeitskollegen. Ich habe zuweilen den Eindruck dass Alle zwar lieb, nett und freundlich sind aber jeder nur sein eigenes Süppchen kocht. Keine ist bereit sich für einen anderen einzusetzen. Nachdem Motto: Jeder ist für sich alleine verantwortlich.

Hinzu kommt der immer währende Leistungsanspruch, der fast überall angepriesen wird. „Höher, schneller, reicher, mächtiger!“ Aber wo für eigentlich? Warum unbedingt eine 1 in Mathematik, wenn es doch auch eine 3 tut? Warum muss der einzelne immer besser sein als der andere?

Etwas mehr Gemeinschaft, Solidarität, Entschleunigung, Ruhe und Zufriedenheit mit den einfachen Dingen des Lebens, als Mentalität würde dieser Gesellschaft schon gut tun.
marsborn schrieb am 14.03.2009 um 16:25
Ja Igor, früher war mehr Lametta. Schon mal in Winnenden gewesen? Da gibt es so viel Nachbarschaftszusammenhalt, Ruhe und Zufriedenheit, dass man glatt zum Amokläufer werden könnte.
marsborn schrieb am 14.03.2009 um 16:25
Ja Igor, früher war mehr Lametta. Schon mal in Winnenden gewesen? Da gibt es so viel Nachbarschaftszusammenhalt, Ruhe und Zufriedenheit, dass man glatt zum Amokläufer werden könnte.
Igor Pavellenko schrieb am 15.03.2009 um 11:00
Wie ich schon geschrieben habe gings mir garnicht um bestimmte Umstände im Bezug auf den Amoklauf. Sondern viel mehr um eine gesamtgesellschaftliche Beobachtung, die ich glaube machen zu können.
Das da in Winnenden jetzt Alle näher zusammenrücken ist ja völlig klar. Aber was ist eigentlich mit dem Penner auf der Straße, an dem tausende von Leuten vorbei gehen? Was ist mit dem verwarlosenden Kind in der Hochhaussiedlung X, für das sich niemand interessiert? das ist dann ja scheiß egal, näh? ...
Headcase schrieb am 13.03.2009 um 17:31
Diese Debatte ist überflüssig. "Killerspiele", Leistungsdruck, Internet, Waffen und die Kochkünste der Mutter. Alles nur halbgare Teilaspekte und Versatzstücke einer unheimlichen Tat, die nicht verstanden werden kann. Die Konsequenzen des "Amoklaufs"? Es kann keine geben. Kapiert das endlich.

Hinsichtlich der Debatte um neue Medien: Die jetzigen Eliten in Medien, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind Dinosaurier und das wissen sie auch. Noch haben sie jedoch die Lufthoheit über den Stammtischen. Sie kreieren Begriffe wie "Killerspiel" und können sicher sein, dass dieser Neusprech auch in emanzipierten Medien übernommen wird.

Nur werden die Stammtische zukünftig bei Facebook aufgestellt und dann müssten Pfeiffer, CSU und Co. schon twittern, bloggen, social-networken, wenn sie außerhalb von Altenheimen noch gehört werden wollen. Sobald sie dies tun, ist die Diskussion erledigt.
mcmac schrieb am 13.03.2009 um 23:11
Liebe(r) Headcase,
ich versuche es ja zu kapieren, dass es nichts zu kapieren gibt. Aber leider macht mir meine Vernunft (dieser kleine Sauhund) an einem bestimmten Punkt immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Weil sie (er) mir sagt (mich ankläfft), dass es doch noch Möglichkeiten gibt, sehr praktikable, um so etwas mindestens signifikant zu erschweren. Also doch Konsequenzen! Wie z.B. die Kausalkette (oder von mir aus auch: Das Muster der Abläufe) an einer ganz konkreten Stelle zu unterbrechen...Feuerwaffen und Munition gehören -verdammt noch mal- nicht in eine private Wohnung! Und dass muss (leider in dieser aus den Fugen geratenen, jedes menschliche Maß im Zweifelsfall missachtenden, egoistischen Gesellschaftstruktur) gesetzlich verordnet werden. Dass das nicht die ultima ratio sein kann, versteht sich m.e. von selbst. Aber um "weitermachen zu können" sollte man zunächst das Überleben sichern.

Das Mysterium eines Gewitterblitzes hält mich nicht davon ab, einen Blitzableiter zu benutzen. Das Mysterium der Gravitation ist seinem Wsesn nach bis dato unerklärlich, aber merkwürdigerweise benutzen Menschen, die freiwillig und zum Spaß aus Flugzeugen springen normalerweise Fallschirme.
Dass menschliches Handeln wie das von Tim K. viele berechtigte, wichtige, aber nicht zu beantwortende Fragen aufwirft, bedeutet nicht, dass man es fatalistisch hinnehmen muss. Und schon gar nicht, bis es das nächste Mal passiert, obwohl es realistische, effektive Chancen gegeben hätte, die letzte, unheimliche und rasend schreckliche Konsequenz zu verhindern.
Denn dass man diese Chance ausließ, erkläre -plausibel- wer will mal den nächsten potenziellen Opfern. Ich nicht, weil ich es -trotz (oder wegen) des "kleinen Sauhundes"- nicht könnte.
Es den Betroffenen, Hinterbliebenen von heute so, wie Sie es formulieren, abschließend zu sagen, stelle man sich vor....
Vielen Dank -aber und deswegen-, liebe(r) Headcase, für Ihren inspirierenden Beitrag!
grußmcmac
Magda schrieb am 17.03.2009 um 13:24
Also "wir " kapieren gar nichts. Was ist denn das für eine Sprache.
Und, das mit den Altenheimen verkneif Dir mal lieber. Hier sind Leute, die schwingen dann ihren virtuellen Rohrstock und dann kannste sehen, wie Amok geht. Ich zum Beispiel, ich liege dauernd auf der Lauer und zähle mit, wer hier alles Seniorenbashing betreibt. Pass bloß auf. .

Der Begriff "Killerspiel " ist mir - auch wenn "olle Politiker" ihn kreiert haben durchaus einleuchtend, auch wenn mich das zur Unemanzipierten stempelt. Sei es drum. .
Mit unemanzipiertem Hintergrund stelle ich fest, dass alle Süchtigen die aberwitzigsten Kausalketten herstellen, nur um zu beweisen, dass ihr zwanghaftes Tun sinnvoll, nützlich - in anderen Kreisen - auch gottgewollt ist.
dimmi84 schrieb am 14.03.2009 um 11:06
Amok.
Aus dem Netz der Meinungen dazu den Knoten in der Mitte finden. Das ist die bestmögliche Erklärung. Denn jede hat ihren Wert.
Über Häufigkeit und Bezogenheit zur Gesellschaft der Täter sagt Wikipia etwas aus. Zumindest andeutungsweise steht die Zunahme dieser Akte von Hoffnungslosigkeit, Verirrung, Verzweiflung und Hass in einem Zusammenhang mit der Entwicklung der Welt-Gesellschaft, ihrer Taten und Untaten, die ungebremst in die Kinderzimmer dringen. Diese Taten und Untaten sind immer und ausschließlich Akte von Menschen, anstatt unvermeidliche Schicksale.
Die Eltern verstehen ihre Kinder nicht, ihnen fehlt die Zeit für Zuwendung. Geld muss her für Hypothek, Auto, Boot, Urlaub und Geltungssüchte. Ja, auch für gutes Essen auf dem Tisch.
Was hilft? Liebe? Wo sie nicht gelebt wird, ist sie gestorben. Wo ist die Mutter von Tim. Sie taucht in keiner Nachricht auf. Warum?
Schul-Pädagogik? Zuwendung zu 30 Kindern/Jugendlichen in einer Klasse ist unmöglich. Zu wievielen ist es LehrerInnen möglich einen Bezug aufzubauen? Die Klassenfrequenz muss runter auf höchstens 20 Kinder.
pandoria schrieb am 14.03.2009 um 14:45
Ich wundere mich über die Fragen, denen die Experten jetzt nachgehen:
- War Tim K. irgendwann mal in psychotherapeutischer Behandlung oder nicht?
- Stammt ein Eintrag in einem Internetforum von Tim K. oder nicht?
Was für Aufschlüsse erhofft man sich denn aus der Beantwortung SOLCHER FRAGEN?
Angenommen, Tim K. war in psychotherapeutischer Behandlung: Ist das dann ein Zeichen dafür, wie krank er war oder wie geheilt? Angenommen, Tim K. war nicht in psychotherapeutischer Behandlung: Was trägt dann dies Schnipselchen zur Erkenntnis des Gesamtbilds bei? Und angenommen, die virtuelle Botschaft stammt von Tim: Was bedeutet eine virtuelle Botschaft unter virtuellem Namen in einem virtuellen Medium für die WIRKLICHKEIT, die in diesem Fall leider Amoklauf heißt?
Für mich als Laien sieht der Fall so aus: Tim K., einem Jungen, der vielleicht ein bisschen zu sensibel für die Welt war (oder besser: für die Welt, wie er sie empfunden hat), ist der Kragen geplatzt. Und weil er wollte, dass sich endlich mal jemand kümmert, weil er keine reellen Kanäle für seine Wut hatte, hat er daraus eine Inszenierung gemacht, deren Interpretation nun tatsächlich in vollem Gange ist. Nur: in was für einem??
Klaus.Fueller schrieb am 17.03.2009 um 06:34
Wieso war der "zu sensibel"? Vielleicht war er einfach stumpf und dumpf gegen sich und andere? Vielleicht war er einfach größenwahnsinnig - und dieser Wahnsinn ist zusammengebrochen?
marsborn schrieb am 14.03.2009 um 16:28
Tut mir leid, ich verstehe dieses verlogene "Warum?" Gereine nicht. Jedenfalls nicht, wenn es von erwachsenen Menschen kommt. Wer schießen gelernt hat und an eine Waffe kommt, der schießt auch irgendwann. Oder? Gelegenheit macht Amokläufer.
sp hiedl schrieb am 15.03.2009 um 15:04
In der allgemeinen Debatte um die Ursachenbekämpfung wird immer mehr der Einsatz von Psychologen und psychologischen Frühwarnsystemen an Schulen gefordert. Dabei wird übersehen, dass an den Schulen vorhandene Strukturen zur Problembewältigung aus Kostengründen zurückgestutzt werden. So waren beispielsweise in NRW früher die Klassenkonferenzen eine gute Möglichkeit für alle Lehrer, die einen bestimmten Schüler unterrichten, sich zusammen mit den Eltern über das problematische Verhalten ihres Kindes auszutauschen. Bei einer wachsenden Zahl von Problemfällen ist es insbesondere an einer Ganztagsschule schwierig, diese Besprechungen in den Schulalltag einzubauen. Anstatt die Lehrer für diesen Zweck vom Unterricht zu befreien, reagiert die Schulbürokratie mit "Deckel drauf" und einer Individualisierung des Problems. Seit ca. zwei Jahren dürfen neben Eltern und betroffenen Schülern nur noch Klassenlehrer, Beratungslehrer und Abteilungsleiter an der Konferenz teilnehmen. Die Folge: Es wird erschwert, pädagogisch an einem Strang zu ziehen. Die Fachlehrer bekommen nicht mehr mit, wenn auffällige Schüler mit erzieherischen Maßnahmen belegt werden. Sie sind mit ihren erzieherischen Problemen auf sich allein gestellt. Der kommunikative Missstand kann nur durch hyperaktive Klassenlehrer aufgefangen werden, die für ihren Einsatz nicht honoriert werden. Entlastungsstunden und Aufstiegschancen sind zunehmend nur noch mit Verwaltungs- und Fachaufgaben verbunden, wie z.B. Internetbetreuung und Schulbucverwaltung. Statt Eltern weiterhin vorzugaukeln, dass im Massenbetrieb Schule jedem Kind individuell geholfen werden könne, wäre die Stärkung dieser kollektiven Kommunikations- und Beratungsstrukturen von Seiten der Politik notwendig.
F. J. Frenger jun. schrieb am 15.03.2009 um 16:06
Winseln um Winnenden – Den Bild-Prollos geht es nicht um das Warum, sondern um die Schuld und das möglichst bevor die Leichen kalt sind.

Als vergangenen Mittwoch die ersten Leichensäcke über die TV-Bildschirme flatterten, da wollte ich nur eins: irgendwohin, wo ich am nächsten Tag keine Bildzeitung beim Bäcker kriege. Journalisten mit hellseherischen Fähigkeiten, Experten mit Exklusiverklärungen, Politiker mit patentierten Palliativmaßnahmen und natürlich besorgte Bundesbürger mit liebevoll gebastelten Warum-Transparenten versicherten sich gegenseitig ihrer Erschütterung. W wie Winnenden – durch das Medienecho in die Hall of Fame deutscher Schicksalsorte katapultiert. So ist in manchen Zeitungen die Blutspur des Amoks dermaßen detailliert kartiert, man könnte einen Wandertag danach planen. Nichts war zu blass für das Blitzlichtgewitter der Kameras – viel (Falsch-)Information, wenig Erkenntnis. Die spärlichen Infos über den Tischtennis spielenden Täter – an sich ein guter Bub und seine Koi-Karpfen, die hatte er lieb – zeichnen alles andere als das Bild eines Freddy Krügers mit baden-württembergischem Einschlag. Ein gutbürgerliches Elternhaus, in dem immerhin 16 SPORTwaffen und 5.000 Schuss Munition residierten, das kann doch unmöglich als Brutstätte eines „Amokkillers“ herhalten? Schließlich dreht sich die Gretchenfrage hier gar nicht um das Warum. Der Medienproll schreit nach einem generalverdächtigen Schuldigen, der den entstaubten Bildern aus Erfurt entspricht. Ein asexueller, Frauen hassender Freak gefangen in einem narzisstischen Paralleluniversum aus Softair-Kniften und Killerspielen, der sich zudem in psychologischer Behandlung befand – plausibel, Rambo. A new monster is born! Alles andere als Headshots sind dementsprechend die öffentlichen Analysen. Schuld ist die Waffen-Killerspiele-Doppelleben-Wegsehen-Einzelgänger-Schule-Horror-Kultur. Wäre es nicht ebenso schlimm, wenn sich Tim K. anstatt über Papas Waffenschrank über Muttis Messerblock hergemacht hätte? Oder als Dreißigjähriger im Edeka nebenan Amok gelaufen wäre? Und überhaupt, wieso führen Leute diese Diskussion, die selbst nicht in der digitalisierten Variante der Welt aufgewachsen sind? Um Gewaltphantasien auszumerzen, müsste man da nicht Gehirne kastrieren? Stattdessen machen wir heute einen Killer unsterblich, um schon morgen vor Trittbrettfahrern zu warnen. Wenn Jugendliche vor Fernsehkameras zugeben, dass ihnen K. bestenfalls Leid tat, wenn er von seinen Mitschülern mit Kreide beschmissen wurde, dann lässt das tief blicken. Wer die Unmöglichkeit einer Antwort nachbetet, differenziert nicht zwischen Motiven und Gründen für solche Taten. Würden wir jetzt über Tim K. reden, wenn er seinem Leben nicht im Blutrausch, sondern allein, heimlich und mit einem Strick im Keller seines Elternhauses ein Ende gesetzt hätte?
Anna Dorothea schrieb am 17.03.2009 um 13:50
@pandoria: " ...Tim K., einem Jungen, der vielleicht ein bisschen zu sensibel für die Welt war."

Natürlich war Tim K. Opfer der Umstände, in denen er lebte. In gewisser Weise ist er AUCH eine tragische Figur. Nur: Ab wann muss jemand die Verantwortung für die Folgen seines Handelns übernehmen, zumindest für einen Teil? Ab welchem Alter, wo machen Sie das fest?

Und: Er war zu sensibel für die Welt? 95 Prozent der Opfer in der Schule, die verletzt oder getötet wurden, waren Frauen! Für mich steckte da eine gezielte Absicht - und wahrscheinlich eine narzisstische Kränkung - dahinter.

Ich wehre mich auch entschieden gegen eine verharmlosende Formulierung wie "Ihm ist der Kragen geplatzt"! (in Ihrem Kommentar). Dieser Junge ist durchgedreht, explodiert. Er hat blindwütig durch Kopfschüsse Menschen hingerichtet, und das sollten wir auch genauso benennen.
I.D.A. Liszt schrieb am 17.03.2009 um 14:12
@ Anna Dorothea:
"Hinrichten" ist als Ausdruck hier sicher genauso fehl am Platze wie im Zusammenhang mit Terrorakten.
Tim K. hat die Leute blindwütig gemordet, umgebracht, meinetwegen auch gemeuchelt, aber auf keinen Fall hingerichtet. Im Wort "hinrichten" steckt ja auchnicht zuletzt das Richten. Und dem Richten wohnt auch das Abwägen und Entscheiden inne. Davon kann aber, bezogen auf einen Amoklauf, wohl kaum die Rede sein. Ein blindwütiges Hinrichten ist schwer vorstellbar ...
Anna Dorothea schrieb am 17.03.2009 um 15:23
Völlig richtig. Ein Hinrichten hat immer etwas kaltblütiges. Das ist hier der falsche Ausdruck. Danke, dass Sie mich auf diese sprachliche Ungenauigkeit hingewiesen haben.
ChristianBerlin schrieb am 18.03.2009 um 00:19
@I.D.A. Liszt

[Zitat I.D.A. Liszt] Im Wort "hinrichten" steckt ja auchnicht zuletzt das Richten. Und dem Richten wohnt auch das Abwägen und Entscheiden inne.[/Zitatende]

Habe selten einen Syllogismus gelesen, der dermaßen auf beiden Prämissen hinkt. Füge ich meiner Sammlung kurioser Trugschlüsse hinzu.
mklingma schrieb am 19.03.2009 um 22:03
Steffen Kraft hat im Freitag vom 19.03. einen Kommentar geschrieben, indem er das formuliert, was jeder wissen müsste, aber kaum jemand auszusprechen wagt. Es gibt sogar einen psychologischen Begriff dafür, man spricht von einem Werther-Effekt, denn seit Goethes Veröffentlichung der "Leiden des jungen Werther" ist man darauf aufmerksam geworden, dass Selbsttötungen, denen große öffentliche und mediale Aufmerksamkeit gewidmet wird, zur Nachahmung anregen. Nach der Veröffentlichung des Werther gab es eine Welle von Selbsttötungen, wobei die Umstände des Romans regelrecht imitiert wurden. Nach dem erweiterten Suizid von Winnenden - als solchen kann man einen Amoklauf auch bezeichnen - rechnet die Polizei natürlich wiederum mit Nachahmungstätern, so wie die Tat von Winnenden durch vorhergehende Amokläufe inspiriert worden sein dürfte.

Wenn wir es also weiterhin als unser Menschenrecht betrachten wollen, nicht nur über solche Schreckenstaten zeitnah informiert zu werden, sondern auch alle Details möglichst anschaulich geschildert zu bekommen und öffentlich die Motive und den menschlichen Hintergrund des Täters zu erörtern, dann sollten wir uns auch darüber im klaren sein, dass dieses unser Menschenrecht auf Information neue gleich geartete Taten inspirieren könnte.

Wenn eine Zeitschrift wie der Spiegel zum wiederholten Male solchen Menschen, denen wir im Stillen unser Mitgefühl schenken mögen, zu Titelhelden macht, dann übernimmt das Medium auch eine Verantwortung, so wie auch jeder Einzelne, der sich an solchen Spekulationen berauscht.

Natürlich ist es angenehmer über Computerspiele und Waffengesetze und auch die menschliche Verrohung zu spekulieren sowie vielleicht über den Todestrieb und was es sonst noch so gibt, aber jeder kann bei sich selbst damit beginnen, sein Konsumverhalten zu überprüfen, und man kann eine verantwortungsvollere Berichterstattung einfordern, als wir sie in den letzten Jahren erleben mussten.
Axel Garbelmann schrieb am 20.03.2009 um 09:41
Zum Amok und zur Blindwütigkeit:

Im Malaiischen "Amok" und im englischen "to berserk" steckt der Gedanke, Amokläufer würden wie rasende Furien wildum sich ballernd durch die Tatorte rennen und alles niederstrecken, was nicht schnell genug fliehen kann.

Aber weder Columbine, noch Erfurt, nicht Emsdetten und auch nicht Winnenden zeigen dieses Vorgehen. Ähnlich wie bei dem sog. Amoklauf des Todesschützen von Austin 1969, der über 40 Menschen mit einem Scharfschützengewehr getötet hat, zeugen die Bilder von Columbine und die Tathergänge von Erfurt und Winnenden: Die Kälte, das gezielte, die Langsamkeit, mit der die Mörder von Columbine vorgingen, die scheinbare Ruhe, mit der Erfurt geschehen ist.

Heisse Aufwallungen von Hass sind vielleicht leichter vorstellbar als die emotionale Kälte und Distanz, die sich tatsächlich in den Amoktaten zeigt (weswegen Amok eigentlich irreführend ist).

Diese Amokläufe sind organisiert, sie hatten etwas von Planung. Es ist diese Kälte, die an den Taten so erschreckend ist, da sie so unvorstellbar ist. Kein Um-sich-ballern. Gezieltes Schiessen, nachladen, schiessen - wie eine Maschine. Es ist das gleiche Verhalten, welches Soldaten im Krieg an den Tag legen. Vielleicht müssen sie das tun, um das zu tun, was Soldaten eben (auch) tun - töten.
Diese Amokläufe, die Familienmassaker, zeigen uns den Einbruch des barabrischen Mechanismus in die Welt, die für für zivilisiert und immun gehalten haben - dabei gehen wir mit unseren Kriegen und Toden so selbstverständlich um. Wo ist schon Afghanistan? Was interesseirt und Darfur?
Was unterscheidet einen Todesreiter in Darfur von einem Soldaten in Afghanistan von einem Amokläufer in den USA oder Deutschland?

Die Motivation - nicht das Handeln. Das macht Angst. Jemand wie Tim K. hat seinen inneren Krieg ausagiert. Über diesen Krieg hat er ebenso geschwiegen wie wir alle über unsere Kriege schweigen.

Das Töten bricht in unser Ideal des gesellschaftlichen Konsens, egal, wo es stattfindet. Es stellt unsere Vorstellung einer friedlichen, zivilisierten, bürgerlichen Gesellschaft fundamental in Frage.

Es wird Zeit, sich dem zu stellen, statt an der Oberfläche der Phänomene herumzuplantschen.


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Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
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