Politik

Presseschau | 30.03.2009 11:00 | Julian Heissler

Die Reflexe der konservativen Presse

Die Proteste am Wochenende waren gewaltig - doch die bürgerlichen Medien nehmen sie nicht ernst und rücken die Demonstranten in eine zweifelhafte Ecke

Mehrere zehntausend Menschen gingen am Samstag in Frankfurt und Berlin auf die Straße – doch ihr Anliegen kam in einige Medien kaum vor. Die Demonstranten kritisierten den ausufernden Kapitalismus. Doch Teile der Medien betrieben lieber Milieustudien und werteten die Massendemonstrationen so als linke Folklore ab.

Auf die Spitze trieb es Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS): Hier wurde die Berichterstattung direkt ins Feuilleton verlegt. Was folgte, war eine lange Stilkritik über das kollektive „Fremdschämen“ der Demonstranten. Denn die Krise sei ja schließlich nicht nur gefährlich für die wirtschaftliche Existenzgrundlage von Millionen Menschen rund um den Erdball, sondern „auch unglaublich peinlich“, wie uns Nils Minkmar aus Frankfurt wissen lies. Danke FAS.

Die Zeitungen des Springer-Konzerns reagierten dann am Sonntag auch wieder mit den üblichen Reflexen. Hatte die Bild am Samstag auf Seite 1 noch gegen reiche Geldsäcke gewettert, bewegte sich die Berichterstattung nach der Demonstration wieder in den gewohnten Bahnen. „Krawalle überschatten G 20-Protest“ titelte zum Beispiel die Berliner Morgenpost, Schwesterblatt der Welt. Immerhin gab es rund 25 Festnahmen zu beklagen (bei laut Polizei rund 15 000 Teilnehmern allein in Berlin). Und auch dass in der folgenden Nacht ein Jaguar und ein Porsche in Flammen aufgingen, enthielt das Blatt seinen Lesern nicht vor. Zwar passiert das in Berlin seit Jahren regelmäßig, doch die Verknüpfung von brennenden Nobelkarossen und kapitalismuskritischer Demonstration muss für die Redaktionen an der Rudi-Dutschke-Straße einfach zu verlockend gewesen sein.

Da konnte der Leser richtig dankbar sein, wenn sich einige Zeitungen und Onlinemedien der Unsitte bedienten und einfach Texte der Nachrichtenagenturen veröffentlichten. Die waren zwar knochentrocken – doch gaben sie zumindest ein ausgewogenes Bild der Demonstrationen wieder – ohne Häme und Skandalisierung.
 

 
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Kommentare
A R schrieb am 30.03.2009 um 14:36
Stell Dir vor es ist Streik und keiner geht hin – so kann man die Demonstrationen in Berlin und Frankfurt bewerten. In Deutschland, einem Staat in dem ca. 82 Millionen Menschen leben, gehen in Berlin nur ca. 15.000 Menschen von 3.426.354 Einwohnern zu eine G20-Demonstration. Bedenkt man, dass die Linke, welche zu dieser Demonstration aufrief bei der Bundestagswahl 2005 321.714 Erstimmen erhalten hat, kann man nicht mehr von „gewaltigen“ Protesten sprechen.
Wer wirklich wissen will was ein „gewaltiger“ Streik ist, der muss nur mal den Blick über den Rhein nach Frankreich werfen: dort gingen mehr als 1 Million Menschen auf die Straße um gegen das Krisenmanagement von Sarkozy zu demonstrieren. Die geringen Teilnehmerzahlen in Deutschland im Vergleich zu Frankreich zeigen sehr deutlich die politische und vor allem gesellschaftliche Relevanz der Demonstrationen. Es stellt sich eher die Frage ob insbesondere der Kommentator die Demonstrationen – auch aufgrund seiner politischen Einstellung – überbewertet und ob eine solche politische Überbewertung nicht im Widerspruch zum objektiven Journalismus steht.
Columbus schrieb am 30.03.2009 um 14:43
Gut kommentiert.

Öffentlich- rechtlich und TV-medial koproduziert, lautete für mich der beste Spruch zum Geschehen:

"An diesem Tag haben in Frankfurt, außer den Linken, auch ganz normale Bürger protestiert."

Blindekuh- Spiele angesichts jeglicher Krisenzeichen, finden sich jedoch im letzte ZEIT-Magazin, Nr.14. Das wird jetzt in der Hauptsache von Florian Illies, 8-12 Kilometer über Meereshöhe, redigiert und eingerichtet. Es berichtet daher, dazu passend, über eine ganz eigentümliche Form des ökologischen Tests gehärteter und ummantelter Luxusuhren an Kleinkindwindeln einer Redakteurstochter, gleich auf sieben Ganzseiten. -"Werbung, Werbung, Werbung"- Offensichtlich verkauft sich Infantilität wie geschnitten´ Brot, da, über den Wolken, in der Business Class und leider auch noch zu häufig am Boden. Denn da sind die großen Kinder weiter an der Macht. Es ist beileibe nicht der einzige "Ausglitscher" in diesem orientierungslosen und großformatigen Donnerstags-Freiraum.

Grüße
Christoph Leusch
Columbus schrieb am 30.03.2009 um 14:45
Gut kommentiert.

Öffentlich- rechtlich und TV-medial koproduziert, lautete für mich der beste Spruch zum Geschehen:

"An diesem Tag haben in Frankfurt, außer den Linken, auch ganz normale Bürger protestiert."

Blindekuh- Spiele angesichts jeglicher Krisenzeichen, findet sich jedoch im letzte ZEIT-Magazin, Nr.14. Das wird jetzt in der Hauptsache von Florian Illies, 8-12 Kilometer über Meereshöhe, redigiert und eingerichtet. Es berichtet daher, dazu passend, über eine ganz eigentümliche Form des ökologischen Tests gehärteter und ummantelter Luxusuhren an Kleinkindwindeln einer Redakteurstochter, gleich auf sieben Ganzseiten. -"Werbung, Werbung, Werbung"- Offensichtlich verkauft sich Infantilität wie geschnitten´ Brot, da, über den Wolken, in der Business Class und leider auch noch zu häufig am Boden. Denn da sind die großen Kinder weiter an der Macht. Es ist beileibe nicht der einzige "Ausglitscher" in diesem orientierungslosen und großformatigen Donnerstags-Freiraum.

Grüße
Christoph Leusch
Pasta Fari schrieb am 31.03.2009 um 03:42
apropros bürgerliche medien und die berichterstattung zu den demonstrationen:

auf sueddeutsche.de wurde am 28. märz mit folgender überschrift berichtet:
Krawalle und Kapitalismuskritik
mit drei wörtern kann man die tatsächlichen geschehnisse schon ganz schön verzerren.
wenn man dann trotz überschrift nicht verführt ist, den artikel zu lesen, könnte man meinen es hätte einen aufstand gegeben.
Mort schrieb am 03.04.2009 um 10:39
Leider ein "Spielchen", das sich scheinbar in einem Teufelskreis befindet.
Denn irgendwie bekommt man den Eindruck, Demos wären wirklich nur Folklore von "68ern" (die z.T. wohl erst nach 88 gebohren wurden...). Oder wie ein Kommentator zu einer Stuttgarter Demo, auf der ich auch war, beim taz-Bericht zu Recht bemerkte: "Eigentlich wollte ich für Meinungsfreiheit demonstrieren, nicht für Kommunismus". Allzu oft geht das eigentliche Thema völlig in der extrem linken Propaganda von "Demo-Abonnenten" (schwarzer Block, Linke, KPD, ...) unter. Bzw. entsprechend in der vom rechten Rand, wenn's z.B. um Problemviertel mit hohem Ausländeranteil geht. Eine Demo ohne Radikalisierung scheint nicht möglich - leider ebenso wie die Diskussionen von Maischberger bis Bundestag...

Kein Wunder, dass Otto Normalbürger sich das Treiben verwundert anschaut, aber nicht aktiv mitmarschiert, selbst wenn er sich für das Thema interessiert und der (angebliche?) Position der Demonstranten zustimmt. Wer möchte schon mit einem radikalen Mob in Verbindung gebracht werden?

Dass die Presse über Demonstrationen nur äußerst selten objektiv berichtet, verschlimmert das Problem selbstverständlich. Zu besagter Stuttgart-Demo war z.B. einzig der Artikel der taz halbwegs objektiv (wenn auch natürlich leicht links angehaucht), sowie ein wirklich guter Blog-Beitrag eines grünen Politikers. Ansonsten übertriebene Berichte über ein paar kleine Raufereien mit Polizisten (SWR, Agentur-Meldungen) oder - in linken Blogs - übertriebene Schimpferei über das (zugegebenermaßen etwas übertriebene) Polizeiaufgebot und wie blöd die "Bullen" doch wären, einen schwarz gekleideten Kommunisten-Block für den "richtigen" schwarzen Block zu halten. Und über das Thema der Demo wurde bestenfalls in 2 Sätzen kurz (und meistens falsch) informiert.
Aber auch für jemanden, der die Demo beobachtete, war das Thema zwischen diversen kommunistischen, sozialistischen und allgemeinen "Kapitalismus/die Gesellschaft ist scheiße"-Plakaten nur schwer zu erkennen. Höchstens 10% der Sprüche bezogen sich aufs Thema, und die "Schlachtrufe" waren nahezu ausschließlich linke Standardsprüche.

Was in Deutschland fehlt, sind aus der Mitte organisierte oder zumindest sachorientiert abgehaltene Demonstrationen. Und natürlich auch entsprechende Teilnehmer.
Aber auch von Politik und Presse muss wieder der Eindruck kommen, dass Demonstrationen auch dann Beachtung finden, wenn es nicht zu gewalttätigen Ausbrüchen kommt. Wem helfen denn sonst Demos wie jene gegen die Vorratsdatenspeicherung, zu denen zigtausende Leute gingen, die aber mangels Ausschreitungen von nahezu niemandem wahrgenommen wurden?
So traurig es ist: Das ist doch schon fast eine Aufforderung zur Gewalt an die Extremen. Und das Thema wird wieder zur Nebensache...


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