Politik

Wende 89: Stralsund | 29.04.2009 20:00 | Christine Käppeler

Dem Sozialismus ist es schlecht ergangen

In Stralsund fiel im Herbst 89 erst die Mauer in den Köpfen, dann wurde am runden Tisch debattiert und schließlich verschwand im Morgengrauen ein Mokkalöffel der Stasi

Winrich Jax hat drei Mappen mit Dokumenten mitgebracht, immer wieder öffnet er sie, um aus den Schriftstücken, die den Stralsunder Aufbruch vom Herbst '89 festhalten, zu zitieren. Der habe schon mit einem "öffentlichen Spaziergang"  am 1. September 1989, begonnen, erzählt er. Noch keine Demonstration, eher ein öffentlicher Spaziergang, trotzdem hätten die 400 Meter, von der Nikolaikirche zur Jakobikirche in der Stralsunder Innenstadt, mit Kerzen in der Hand, ausgereicht, um die Offiziellen zum ersten Mal zu beunruhigen. „Wir wollten uns nicht mehr ducken. Wir konnten uns nicht mehr ducken“, ergänzt eine Frau, die sich später als Ursula Kaden vorstellen wird, eine der Initiatorinnen der Stralsunder Friedensgebete. Einer anderen dauert die ausufernder Erzählung des Stralsunder Pfarrers zu lang: „Du wurdest gefragt, was die Initialzündung für dein Engagement war, Winrich. Das solltest Du erzählen.“

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Ursula Kaden erinnert sich an die Wendezeit in Stralsund

Und so erinnert Jax an den 7. Oktober 1989, wie er sich mitten in den Vorbereitungen für den Gottesdienst am Sonntag befand, als er von seinem ältesten Sohn, damals Student, einen Anruf bekam: „Hier passiert etwas ganz Schlimmes.“ In Berlin wurde für Gorbatschow und Reformen in der DDR demonstriert, doch die Polizei trieb den Protest auseinander. Später an diesem Abend klingelte noch einmal Jax' Telefon: Einer seiner Konfirmanden sei auf einen LKW geworfen worden, Jax solle bitte die Eltern informieren: „Das war der Anfang. Als der Staat sich so gegen seine Kinder wandte, wurde ich radikalisiert. Von diesem 7. Oktober an habe ich viel Zeit in die Wende investiert.“

Warum gerade er als Pfarrer in die Rolle des Systemkritikers hineinwuchs? Jax: „Ich hatte studiert und konnte reden. Ich musste das einfach tun.“ Jax wählt seine Worte mit Sorgfalt, er sieht nicht aus wie ein Mann der spontanen Entscheidung. Es fällt schwer, ihn mit einem Wort wie „Radikalisierung“ in Verbindung zu bringen, wenn er während des abendlichen Gesprächs fast 20 Jahre später im Schein der roten Stehlampe sitzt und erzählt. Hinter ihm die Türme der Nikolaikirche, die an jenem 9. Oktober 1989 zum ersten Mal zu klein wurde, um all die Stralsunder zu fassen, die zum Friedensgebet strömten.

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„Am 9. Oktober ist das plötzlich explodiert“, ergänzt Ursula Kaden den Pfarrer.„Für mich ist die Mauer, die uns eingesperrt hat, an diesem 9.Oktober gefallen“. Plötzlich kamen viele aus ihren Nischen, plötzlich war es kein Problem mehr, den öffentlichen Raum zu kreuzen, um sich zu verständigen, obwohl draußen vor der Nikolaikirche die Einsatzfahrzeuge warteten. „Die sahen zu, jederzeit bereit einzugreifen“, meint ein älterer Herr in einer Lederjacke. Dass alles gut ging, räumt Jax ein, lag in Stralsund bestimmt auch daran, dass man sich in einer solchen Stadt mit damals 75.000 Einwohnern eben kannte. „Wir kommen aus einem Nest, da muss man doch zusammenarbeiten“, habe er oft gehört.

Lange bevor es zum ersten Zentralen Runden Tisch in Berlin kam, gab es die „Stralsunder 20“: Zehn Wendebewegte und zehn Stadtverordnete, die sich wöchentlich zum Dialog trafen, moderiert von Winrich Jax. Der sagt, er sei nie einer gewesen, der den Sozialismus abschaffen wollte. Er habe sich als „Kind der DDR“ gefühlt. „Mir tut es leid, dass es dem Sozialismus so schlecht ergangen ist.“ Die Wende, sie kam für seinen Geschmack viel zu schnell. „Jetzt sind wir also wieder unter uns“, habe er eines Abends kurz nach dem Fall der Mauer in der fast leeren Marienkirche gedacht.

So hätte dieser Abend in der Stralsunder Stadtbibliothek beinahe einen sehr nachdenklichen Schlussakkord gehabt, hätte dann nicht doch noch einer mit der Geschichte von jenem Abend im Dezember angefangen, als etwa 400 Stralsundern zur örtlichen Stasi zogen, um das Gebäude versiegeln zu lassen. Wie das alles dann bis morgens um vier dauerte, weil kein Staatsanwalt zu kriegen war, der das Gebäude ordnungsgemäß versiegeln konnte, wie dann Frauen und Kind auftauchten, um zu sehen was los war, weshalb der Erzähler der Anekdote bis heute einen Mokkalöffel mit der Gravur „MfS“ besitzt, den sein Kind ganz unbedarft eingepackt hatte. Da wird sie dann doch noch einmal lebendig, die Zeit des Aufbruchs in Stralsund, auch wenn sich so im Nachhinein nicht genau sagen lässt, wo sich Wahrheit und Fantasie treffen.

Draußen schließlich, vor der Stralsunder Stadtbibliothek, bremst der ältere Herr in der Lederjacke auf seinem Fahrrad noch einmal scharf vorm Portal: „Genau hier“, er zeigt die Badenstraße entlang, „hat er gestanden, der Polizei-LKW mit der Plane, die schon zur Seite gezogen war.“ In seinen Augen leuchtet die Aufregung jenes Wendeherbstes noch einmal auf; dann radelt er über das Kopfsteinpflaster davon.

 
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