Politik

Rente | 23.06.2009 13:00 | Tom Strohschneider

Stürzt das Mahnmal!

Die Rente mit 67 ist unsozialer Mist. Gut, dass die Diskussion darüber immer wieder angestoßen wird. Sie müsste aber endlich auch einmal weitergeführt werden

Wenn man sich die jüngste Renten-Debatte anschaut, entsteht der Eindruck, der bayerische SPD-Abgeordnete Florian Pronold habe einen der Grundpfeiler der Bundesrepublik angesägt. Nur nicht an der Rente mit 67 rütteln, ruft es aus allen Richtungen. Die Arbeitgeber warnen, die CDU pocht „ohne jeden Vorbehalt“ auf Umsetzung der Reform und die SPD-Spitze versammelt sich fast geschlossen zur Verteidigung eines der Mahnmale ihrer Regierungszeit.

Dabei hat Pronold nur auf etwas aufmerksam gemacht, was ohnehin in dem 2007 beschlossenen Gesetz steht – und einen möglichen Schluss daraus gezogen: Ab 2010 muss die Bundesregierung regelmäßig prüfen, „ob die Anhebung der Regelaltersgrenze unter Berücksichtigung der Entwicklung der Arbeitsmarktlage sowie der wirtschaftlichen und sozialen Situation älterer Arbeitnehmer weiterhin vertretbar erscheint und die getroffenen gesetzlichen Regelungen bestehen bleiben können“.

Heute sind gerade einmal gut die Hälfte der über 55-Jährigen erwerbstätig; die Zahl derer, die im Alter prekären Jobs nachgehen müssen, ist hoch. Wer es wie so viele gar nicht erst bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter schafft, muss Abschläge hinnehmen. Mit den Reformen von 2001 und 2004 ist das Niveau der Rente ohnehin schon drastisch gesenkt worden – bis 2030 wird es um etwa ein Fünftel zurückgehen. Zugleich ist die Gruppe derer deutlich angewachsen, die trotz Arbeit so arm ist, dass sie sich trotz der staatlichen Subventionen keine private Vorsorge leisten kann. Die Krise wird die Zahl der Erwerbslosen ansteigen lassen. Das ist die Lage.

Kein Zurück zur alten Regelung

Eine Aussetzung der Rente mit 67, die jetzt als mögliche Variante diskutiert wird, hilft allerdings nicht viel weiter. Es würde wohl lediglich darauf hinauslaufen, den 2012 beginnenden schrittweisen Anstieg des Einstiegsalters hinauszuschieben. Doch die Rente mit 67 wird in Zukunft keineswegs besser. Ebenso kurzsichtig wäre es, einfach nur die Rückkehr zur alten Gesetzeslage vor 2001 zu fordern. Den demografischen Wandel, die gravierenden Veränderungen in der Arbeitswelt, die neuen Horizonte persönlicher Lebensplanung – all das lässt sich nicht einfach wegdiskutieren.

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Alter braucht soziale Absicherung, Arbeit braucht flexible Zeitmodelle. Eine Reform der Rentenreform müsste allerdings über den Horizont der Lohnarbeit hinausweisen. Eine Erwerbstätigenversicherung, also die Ausweitung des Versichertenkreises, wie sie von Gewerkschaften und Sozialverbänden vorgeschlagen wird, ist dabei ein erster Ansatz. Überlegungen, die zu einer Art Bürgerversicherung auch bei der Rente führen, wie sie etwa von der IG BAU angestellt werden, gehen noch ein Stück weiter. Warum also dann nicht den nächsten Schritt überlegen: Eine soziale Basissicherung für alle, ob man diese nun Grundeinkommen nennt oder anders, sowie eine radikale Umverteilung der Arbeit mit größtmöglicher Flexibilität und Selbstorganisation.

Reformlager in traurigem Zustand

Das wären Themen einer notwendigen Debatte, die freilich auch in ihrer ganz aktuellen und realpolitischen Variante weniger reflexhaft geführt werden müsste. Über die Äußerungen aus Union, FDP und Arbeitgeberlager muss man sich dabei nicht groß den Kopf zerbrechen. Über den Zustand eines zumindest denkbaren Reformlagers hingegen schon. Die Grünen haben sich in ihrem Wahlprogramm für eine Garantierente ausgesprochen, sehen aber als Alternative zum Einstiegsalter mit 67 nur Rentensenkung oder Beitragserhöhung. Die Suche nach flexiblen Varianten, die Berücksichtigung völlig unterschiedlicher Berufsbiografien – darüber ließe sich besser streiten, wenn einer der Diskussionspartner endlich aufhören würde, eine verpatzte Reform wie eine Reliquie zu verteidigen.

Es bringt der SPD überhaupt nichts, an einer schematischen und sozial haarsträubenden Regelung festzuhalten. Die Mehrheit der Bevölkerung signalisiert in Umfragen, was sie von der Rente mit 67 hält. Was sich Leute wie Franz Müntefering als Standhaftigkeit schönreden, entpuppt sich als unhistorischer Starrsinn. Allerdings ist es ebensowenig hilfreich, wenn Linke in jedem selbstkritischen Vorstoß innerhalb der SPD immer nur „unglaubwürdiges Wahlkampfgetöse“ sehen, wie jetzt wieder der Parteivize Klaus Ernst. Eine für die kommende Woche geplante Bundestagsabstimmung über einen Antrag der Linken, der mehr auf Vorführung der SPD aus ist als auf eine zukunftsfähige Alterssicherung, bringt nichts – im Gegenteil. So etwas isoliert die Rentenkritiker innerhalb der SPD. Und die Bereitschaft zur Diskussion wird auch nicht größer.

 
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Kommentare
Baszlo schrieb am 23.06.2009 um 17:05
Wenn die Linke der SPD vorwirft nur unglaubwürdiges Wahlkampfgetöse zu veranstalten, dann hat sie doch ohne jeden Zweifel recht!
Ich kann es gar nicht Glauben, dass es immer noch Menschen gibt, die den SPD-Politikern ihre plötzlichen sozialen Anfälle abnehmen.
Es ist doch seit Jahrzehnten dasselbe, die SPD tut immer sehr sozial, ist aber genauso wie CDU/FDP und Grüne nur ein Büttel des Arbeitgeberlagers, was sie ja wohl oft genug bewiesen haben. Zuletzt wirklich eindrucksvoll mit der Agenda 2010 zu der die SPD und die Grünen auch immer noch stehen!
Mit CDU/SPD/FDP/Grünen kann es wohl kaum eine bürgerfreundliche Reform geben, dazu sind diese Parteien viel zu tief im Sumpf zwischen Wirtschaft und Politik versunken. Je eher das verstanden wird, des so eher können Parteien wie die Linke, oder meinetwegen auch die Piratenpartei, tatsächlich zu Macht kommen und Reformen einführen!
Tom Strohschneider schrieb am 23.06.2009 um 17:21
Ich melde trotzdem Zweifel an: Der Vorwurf von Ernst ist deshalb murx, weil "die SPD" ja gar nicht gegen die Rente mit 67 ist, es also gar kein "Wahlkampfgetöse" gibt, sondern relativ leise Kritik von einigen wenigen Parteilinken. Das ist immerhin so wirksam, dass jetzt über die Rente mit 67 öffentlich geredet wird. Das war nicht so, als vor einigen Wochen die Gewerkschaften einen ersten Versuch unternommen hatten, die Aussetzung der Reform wegen der Krise zu verlangen.
Baszlo schrieb am 23.06.2009 um 18:44
Na aber genau das ist doch der Trick mit dem die SPD sich seit Jahrzehnten durchmogelt. Ganz plötzlich bekommen "Parteilinke" doch Zweifel an der bisher begeistert verfolgten neoliberalen Politik und auch wenn die Parteispitze noch dagegen ist, bewegt sich doch was in der SPD für die Menschen.... Nach den Wahlen will dann die SPD natürlich nicht an ihren Wahlversprechungen gemessen werden. Das wäre ja "unfair"....
Das wirklich verblüffende für mich ist, dass dieser Trick immer wieder klappt!
Joss Fritz schrieb am 24.06.2009 um 09:34
@Baszlo

Wir werden sehen, ob der Trick auch diesesmal klappt, ich glaube es nicht.

mfg
skorpion schrieb am 24.06.2009 um 19:43
Es gibt nicht die SPD oder die CDU. Es gibt nur konkrete Menschen denen gegenwärtig in den Medien ihre ganz persönlichen Ansichten zu einem Problem unter dem Deckmantel einer Partei öffentlich darzulegen. Es gibt ebenso Mitglieder der CDU oder der SPD die ganz andere Ansichten vertreten, die sie aber nicht oder nur sehr schlecht öffentlich machen können.
SteinMain schrieb am 24.06.2009 um 09:29
Was ich in der Diskussion vermisse, ist ganz einfach die Tatsache, das Typen wie Riester oder Rürüp und wie sie alle heissen, längst wieder auf einem schönen Vorstandpöstchen bei der Allianz oder Arag oder wie sie alle heissen sitzen, nachdem sie im Auftrag ihres eigentlichen Brotherren eine zeitlang auf Volksvertreter geschauspielert haben und solche ätzend unsozialen Dinge wie die Finanzmarkt-Kapitalisierung der Altersrücklagen von armen, kleinen Leuten durchgesetzt haben. Widerlich einfach.
skorpion schrieb am 24.06.2009 um 19:45
Was dachtet ihr denn? das ist doch Naivität


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