Politik

Manager | 17.07.2009 15:15 | Vincent Körner

Wendelin in der Weltliga

Angeblich soll der Abgang von Porsche-Boss Wiedeking mit über 100 Millionen Euro vergoldet werden. Die Superabfindung wäre ein Beleg für die Untätigkeit der Politik

Mag sein, dass der Machtkampf zwischen Porsche und Volkswagen in der nächsten Woche zur Entscheidung kommt. Am kommenden Donnerstag werden die Aufsichtsräte der beiden Autokonzerne zu Sondersitzungen zusammentreffen und den Poker womöglich beenden. Besser gesagt: die Schlammschlacht, die inzwischen sogar in jener Branche für Irritationen sorgt, die selbst tatkräftig daran beteiligt ist – den Medien. „Hinterhältig und mit allen schmutzigen Tricks der öffentlichen Meinungsmache“ werde die Autobauer-Konkurrenz ausgefochten, schrieb gerade erst die Financial Times Deutschland.

VW will etwas weniger als die Hälfte der Porsche AG übernehmen und den Sportwagenbauer als eine von zehn Marken in seinen Konzern integrieren. Dagegen stemmt sich Wendelin Wiedeking mit aller Macht und allerlei Unterstützung: Baden-Württembergs CDU-Ministerpräsident etwa und auch Porsche-Betriebsrat Uwe Hück. Doch die Aussichten des Porsche-Chefs, in der Zukunft bei einem der beiden Autobauer noch eine Rolle zu spielen, sind in den vergangenen Tagen gewaltig gesunken. Wiedeking, schreibt die Wirtschaftswoche, wäre in dem seit Monaten geführten Machtkampf der Familien und Firmen „der große Verlierer“.

Berichte über Goldenen Handschlag

Man kann es auch anders sehen, jedenfalls wenn die Berichte stimmen, die über die möglichen Abfindungszahlungen an Wiedeking stimmen. Wie die Süddeutsche berichtet, hat der Porsche-Manager Aussicht auf einen Goldenen Handschlag von mehr als 100 Millionen Euro – das wäre die höchste jemals in Deutschland gezahlte Abschiedszahlung an einen der ohnehin nicht gerade darbenden Bosse.

Möglich macht solche Albtraumsummen nicht zuletzt – die deutsche Politik. Jahrelang war über die Begrenzung von Managergehältern diskutiert worden. Zuletzt einigte sich die Große Koalition auf eine ganz kleine Lösung. Eine Deckelung der Abfindungszahlungen oder wenigstens des steuerlichen Betriebsausgabenabzugs, wie etwa von den Grünen vorgeschlagen, wurde nicht durchgesetzt. Wortreich wird gern an die Verantwortung der Unternehmen erinnert und die gesellschaftliche Akzeptanz beschworen, an denen sich auch die Tschüss-Überweisungen für Manager messen lassen müssten. Leere Worte.

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Lascher Kodex, kein Gesetz

Dem stehen volle Brieftaschen gegenüber. Wiedeking gehört mit einem Einkommen von rund 80 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr ohnehin schon zu den bestbezahlten Managern der Welt. Sollte ihm nun der Abschied von Porsche tatsächlich mit mehr als 100 Millionen Euro schmackhaft gemacht werden, verstieße das nicht einmal gegen die so genannte Selbstverpflichtung der Wirtschaft, ein lascher Katalog mit Titel Corporate Governance Kodex. Darin heißt es nämlich: „Bei Abschluss von Vorstandsverträgen soll darauf geachtet werden, dass Zahlungen an ein Vorstandsmitglied bei vorzeitiger Beendigung der Vorstandstätigkeit ohne wichtigen Grund einschließlich Nebenleistungen den Wert von zwei Jahresvergütungen nicht überschreiten.“ Wollte man zynisch sein, könnte man sagen, Wiedeking erhält gar deutlich weniger, als möglich wäre.

Normals Leben und Parallelwelt

Zur Erinnerung: Einst sollte ein Abfindung auch in der Parallelwelt der Manager vor allem die Übergangszeit zwischen zwei Jobs überbrücken helfen. Die Summen waren immer schon etwas anders, aber der Grundgedanke ein ähnlicher. Heute lassen sich die nachgeworfenen Millionen mit nichts mehr vergleichen. Die im Kündigungsschutzgesetz festgeschriebene „Regelhöhe“ für normale Abfindungen liegt bei einem halben Monatsverdienst pro Jahr der Betriebszugehörigkeit. Wer – wie im normalen Leben gar nicht unüblich – 2.500 Euro brutto erhält und nach fünf Jahren seinen Job verliert, kann hoffen, mit etwas mehr als 6.000 Euro abgefunden zu werden. Ein grundsätzlicher Rechtsanspruch besteht dabei nicht.

Zurück zu Wiedeking, der nun in die Weltliga der Superabfindungen aufsteigen könnte, in der bisher noch die US-Boys dominieren. Jene 351 Millionen Dollar würde der Porsche-Mann zwar nicht erreichen, diese ebenso legendäre wie unfassbare Summe, die Lee Raymond nach zwölf Jahren an der Spitze des Öl-Konzerns Exxon Mobil eingestrichen hat. Auch an die 213 Millionen Dollar des Ex-Pfizer-Chefs Hank McKinnell oder die 210 Millionen Dollar von Robert Nardelli von der Baumarktkette Home-Deopt kommt er nicht heran. Mit den 160 Millionen Dollar, die der Chef von Merrill Lynch erhielt, nachdem er acht Milliarden Dollar verspekuliert hatte, könnte sich Wiedeking aber durchaus messen. Oder dem fast 100-Millionen-Dollar-Handschlag für den Ex-Boss der Citigroup. Beim früheren Chef der New Yorker Börse Richard Grasso entschied sogar ein Gericht, dass er die für seinen als unrühmlich beschriebenen Abgang zugeschanzten 187 Millionen Dollar behalten darf.

Was ist bei Managern "angemessen"?

Wie gesagt: Noch handelt es sich um Gerüchte, und selbst wenn diese sich bewahrheiten sollten, wäre an der Millionen-Abfindung für Wiedeking wohl nichts Falsches in einem formal-juristischen Sinne. Eine Klage von Aktionären, die das Gehalt des Porsche-Chefs als „sittenwidrig“ ansahen und dafür auch die Unterstützung von Aktienrechtlern erhielten, ist noch anhängig. Die Vergütung, sagt der Darmstädter Experte Uwe H. Schneider, müsse laut Aktiengesetz „angemessen“ sein. Aber was heißt das schon?

Mitunter hilft es immerhin, den Abfindungswahnsinn öffentlich anzuprangern. Als im Frühjahr dieses Jahres bekannt wurde, dass der frühere Chef der seinerzeit verlustträchtigen Dresdner Bank 3,6 Millionen Euro erhalten sollte, wurde massive Kritik laut. Herbert Walter verzichtete schließlich auf die Abfindung. Sein Begründung: Die Zahlungen seien zwar rechtmäßig, doch sei für ihn nachvollziehbar, dass sie "bei vielen Menschen auf Unverständnis stoßen". Auf ein solches, ungleich größeres jedoch, müsste sich auch Wendelin Wiedeking einstellen.

 
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Kommentare
misterl schrieb am 18.07.2009 um 00:10
Warum vermisse ich den Namen Wulff in dem Beitrag?

Wenn Wiedeking also mit einem solchen Betrag verabschiedet wird, so passiert dies auch unter zumindest gütigen Augen des MP aus Niedersachsen. Das Interesse an VW als Machtbasis eines gemeinsamen Konzerns ist halt größer als moralisch Bedenkliches abzulehnen.

Für Wiedeking wäre es am Ende "nur" ein hohes Schmerzensgeld als Resultat eines Machtkampfes zweier Familien, die es sich tatsächlich leisten könnten, so tief persönlich in die eigene Tasche zu greifen Der Reichtumszuwachs der Familien basiert auch auf Wiedeking Arbeit.

Das Verwerfliche daran reduziert sich am Ende darauf, dass es aus den Konzernschatullen bezahlt werden wird, in die Kosten einfließt, die abgeschrieben werden und damit die Steuerlast senkt und/oder die erhöhten Kosten an irgendeiner Stelle im Konzern aus Kostenersparnisgründen Jobs kosten könnte.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 18.07.2009 um 00:19
Porsche und Volkswagen passen doch wie Feldgrau und Braunau aufeinander. Der Staat sollte das notwendige Geld einfach locker machen. Schon der Traditionen wegen. Das fahrende Volk wirds schon verstehen. Irgendwie.
misterl schrieb am 18.07.2009 um 00:44
Ich glaube nicht, dass es vermittelbar ist. Das Volk wird vielleicht nur noch ein wenig apathischer. Wen scherts?
Calvin schrieb am 18.07.2009 um 00:49
Mich wundert mittlerweile nichts mehr. Fehlt nur noch, dass Porsche / Volkswagen in einigen Monaten Notkredite beim Staat beantragen.

Schwierig sind die hohen Abfindungszahlen meiner Ansicht nach wegen der unterschiedlichen Unternehmenskulturen in Deutschland und den USA. Die deutschen Manager messen sich vom Einkommen her halt gerne mit der Weltspitze und nicht dem Sozialstaatlichen Mittelmaß.

Solange die Poltik (und die Bevölkerung) da mitspielt bzw.nichts macht, sondern einfach zusieht, wird sich daran nichts ändern. Es zeigt aber auch, dass sich die Managerkaste weder verantwortlich fühlt noch ein Gefühl für Mäßigung hat. In ihrer Kleinen Parallewelt gelten eben andere Summen als Angemessen als in der normalen Welt. Schampus, Schrimps, Kaviar und Escortservice wollen schließlich auch noch lange nach dem Berufsleben bezahlt werden...
misterl schrieb am 18.07.2009 um 17:55
"Schampus, Schrimps, Kaviar und Escortservice wollen schließlich auch noch lange nach dem Berufsleben bezahlt werden..."

Vergiss es. Ich bin zwar nicht davon betroffen (warum eigentlich nicht?), kann aber rechnen. Aber wenn Du 80 Millionen per anno als Einkommen hast ist es nach 5 Jahren (netto ca 200 Millionen) kein Problem mehr ohne jeglichen weiteren Einkommen länger als die eigene Lebenszeit bestens davon zu leben. Eine Vermögenssteuer gibt es hierzulande bekanntlich nicht.

Diese Art Abfindungen sind eine Art Baueropferabgabe für erfolgreiches Missmangement auf sachlicher und/oder Firmen politischer Ebene.
drave11 schrieb am 19.07.2009 um 18:09
Ist es im Kapitalismus verwerflich, den höchstmöglichen Preis für einen Leistung zu verlangen? (In diesem Fall der Verzicht - Leistung zu erbringen)

Was hier nur deutlicher wiedergespiegelt wird sind moralische Vorstellungen. Diese sind in Westeuropa stärker innerhalb der Ökonomie verankert, als außerhalb. Diese "Normen" haben dann innerhalb der Nationalstaaten auch häufig Einzug gehalten in den gesetzliche Normierung. Z.B. Normen und Auslegung des BAG im deutschen Arbeitsrecht.

Welche Norm -außer der öffentlichen kurzen Empörung- (in Form von Schlag zeilen), sollte also ein Unternehmen davon abhalten "hohe Preise" zu halten?

Diese Preismentalität entspricht einer Logik, die in jeder standartisierten Lehrökonomie in die Köpfe »der Manager von morgen« eingehämmert wurde. Des Weiteren wurde diese Leistungsmenatlität so tief in der Gesellschaft verankert, dass an den Stammtischen von Arbeitern schon zu hören war: "Der Wiedeking hat das Einkommen verdient, denn er hat ja ordentlich gearbeitet".

Nur mit moral zu argumentieren, wird diese Situation nicht verändern. Im Gegenteil hat sich »die Moral« in den letzten Jahren sehr stark gewandelt, hin zu einem logischen marktwirtschaftlichem Verhalten.
Calvin schrieb am 20.07.2009 um 17:34
Ja, das stimmt durchaus. Nur haben es bestimmte Individuen bzw. Gruppen von Individuen deutlich leichter, Maximalansprüche durchzusetzen als andere.
Und für den sozialen Frieden, den ein Manager bei soviel Arbeit gar nicht im Blick haben kann, für den zu sorgen wäre Aufgabe der Politik.
Lohndrückerei auf der einen Seite und Lohnmaximierung auf der anderen, kombiniert mit Steuerschlupflöchern, die man erst ab einem gewissen Einkommen und Steuerberater nutzen kann, ist ein Garant für Unfrieden.
Außerdem: Wie definiert man Leistung? Zur zeit hat Porsche noch knapp 8 mrd. Euro Schulden, hat sich komplett mit der VW-Übernahme verhoben und wird nun dort eingegliedert werden bei gleichzeitigem Verlust seiner Eigenständigkeit.
Tolle Leistung!!
Der amerikaniche Weg der Leistungsbemessung von Managern ist erheblich mitschuld an der Krise: Kurzfristig die Kurse hochtreiben (egal wie), hohe Dividenden ausschütten und nach mir die Sintflut. Diese Form des Kapitalismus sorgt ganz von allein für Unruhe.
George Jung schrieb am 21.07.2009 um 12:08
Aus dem einfachen Grund, dass Moral nicht funktioniert haben wir doch heute den Kapitalismus. Er funktionierte und funktioniert deshalb gut oder zumindest besser als etwaige andere Formen, weil er doch von seinen Prinzipien schon davon ausgeht das der Mensch, pardon, scheisse ist. Was ich damit sagen will ist, dass der Kapitalismus auf der Gier basiert, er basiert auf dem Grundgedanken das ich mit etwas mehr Geld mache als es eigentlich im ersten Moment wirklich wert ist. Sprich etwas für einen höheren Wert verkaufe als ich selbst dafür bezahlt habe. Dieser Gedanke an sich ist nach hiesigem Moralverständnis unserer Gesellschaft unmoralisch, trotzdem unterstützt ein jeder von uns dieses Prinzip nach wie vor, oder was machen Sie alle auf ihrer Arbeit so?. Und warum machen wir das ? Nun weil es funktioniert und wir selbst afaik im ersten Moment nicht betroffen zu seien scheinen. Auf der anderen Seite regen wir uns aber riesig auf denn ein Manager der das gleiche im großen Stil macht ist ja sowas von unmoralisch. Quasi ein Monumentalrektum :).

Wir müssen endlich aufhören mit zweierlei Maß zu messen!

Der Punkt hierbei ist doch: Egal ob es 10.000 Leute mit hohen Beträgen machen, oder 80 Millionen Leute tagtäglich mit mittleren Summen, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen. Das Endergebnis sowie der Moralisch "falsche Gedanke" bleibt doch bestehen, oder irre ich mich da?

Sicher ein JEDER Mensch wird in diese Welt hineingeboren.
Doch auch ein MANAGER kommt bei Mama da unten auch nicht mit Anzug, Krawatte ud Flip Chart raus.

Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken hier Partei für die Managerseite mit ihren teils unglaublichen Gehältern zu ergreifen, doch möchte ich relativieren. Das alles geht nunmal weil es verdammtnochmal geht! Weil wir, quasi der Pöbel der heutigen Zeit, lieber mit unseren Hintern in Stühlen vor den Rechnern sitzen und geschätze 20 Millionen Comments, wie scheisse doch alles ist, in gewisse Medienforen schreiben. Die Kernaussage ist: Wenn wir hier alle bei den nächsten P-Gesprächen die Möglichkeit bekommen würden ohne sonderliche Mehrleistung unserer Arbeit mal so das 5-10 fache zu verdienen, wer würde eigentlich ablehenen? Ja - ich sehe schon wie 80 Millionen Bundesbürger das aus moralischen Bedenken heraus kategorisch ablehnen würden.

Sie haben ja schließlich nicht alle wirklich soviel mehr gearbeitet.

Und den Betrieb würde es schließlich auch ruinieren, dann verlieren andere ja ihren Job. Ne, dann verzichte ich auf meine 5 Millionen.


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