Politik

USA | 07.10.2009 11:30 | Konrad Ege

Obama in Gefahr

Das Weiße Haus befindet sich im Belagerungszustand, der sonst so instinksichere Präsident schiebt viele Entscheidungen vor sich her und verliert an Autorität

Im Ovalen Büro hängt der Haussegen schief. Nicht nur wegen des Olymia-Schlamassels in Kopenhagen und der gescheiterten Bewerbung von Chicago. Guantánamo wird nun doch nicht im Januar geschlossen. Stanley McChrystal, der kommandierende General in Afghanistan, macht Druck mit Eskalationskonzepten. Vor dem Klimagipfel im Dezember wird es in den USA kein neues Klimaschutzgesetz geben. Die Gesundheitsreform gerät zur Bonanza für die Versicherungsindustrie. Und die Arbeitslosenquote stieg im September auf fast zehn Prozent. Barack Obama fährt neben der Erfolgsspur.

Der Präsident und die Demokratische Partei sind in Gefahr. Knapp ein Jahr nach den Freudentränen am Wahlabend verbreitet sich Ernüchterung. Zum Teil resultiert das bei Barack Obamas Anhängern aus dem ­Eingeständnis, dass man vielleicht zu viel hineingelesen hatte in die Reden des charismatischen und angeblich über den gesellschaftlichen Klüften stehenden Politikers, der – realistisch betrachtet – gar nie viel mehr versprach als eine Regierung der Mitte, die kompetent und kompromissbereit umgehen würde mit gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Wandel. Eine Kurskorrektur nach der Ära Bush/Cheney, für die sich auch – das zeigten die Wahlspenden – viele der oberen Zehntausend erwärmten.

Zu viel Kompromisse

Ernüchterung aber auch, weil gerade die Gesundheitsreform zeigt, wie wenig sich doch verändert hat in Washington. Etwa 57 Millionen US-Amerikaner leben in Familien, die Probleme haben, ihre Arzt- und Medikamentenrechnungen zu bezahlen. Versicherungsprämien sind im vergangenen Jahrzehnt um 138 Prozent gestiegen. Ein paar tausend Lobbyisten kämpfen aber nun für Versicherungsfirmen, für die Pharmaindustrie, Krankenhäuser und Ärzte, um die Reform zu „gestalten“. Obamas Stammwähler müssen hinnehmen, dass der Präsident und führende Demokraten zunehmend mehr Kompromisse eingehen mit der Industrie – angeblich, weil man nur so im Kongress eine Mehrheit fände. Wobei die Demokraten dort die Mehrheit stellen.

Mehrere demokratische Gesetzentwürfe liegen vor, die alle eine Versicherungspflicht verankern wollen. Der Staat würde künftig Bedürftigen helfen, aber wer keine Police abschließt, muss Strafe zahlen. Und die Versicherungsfirmen dürfen chronisch Kranke künftig nicht mehr diskriminieren. Aus Sicht von Patientenverbänden ein Fortschritt, allerdings bleibt unklar, wie Prämien bestimmt werden. Einer vom Finanzausschuss im Senat beschlossenen Version zufolge dürfen Firmen von älteren – eher krankheitsanfälligen – Kunden bis zu fünf Mal so viel verlangen wie von jungen.

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Umstritten bleibt noch immer, ob das Gesetz die so genannte public option enthalten wird, eine neue staatliche Kasse als Alternative zu den marktbeherrschenden Versicherungsfirmen. Die Profitorientierten hassen dieses Konzept, erwarten sie doch, dass ihnen die Versicherungspflicht Millionen und Millionen neuer Kunden bringt. Obama hatte die public option im Wahlkampf versprochen, jetzt heißt es nur noch, sie sei wünschenswert. Und die als Alternativen dazu angebotenen Konzepte – eine „Versicherungsbörse“ etwa – sind unerprobt und kompliziert. Es hat sich eine aus demokratischer Sicht gefährliche Dynamik entwickelt: Obamas Stammwähler können sich weder für das Reformkonzept noch andere „halbherzige“ Maßnahmen begeistern. Viele Bürger sind skeptisch und verunsichert. Lauter Protest kommt von rechtspopulistischen Verbänden, die Obama als einen Politiker der Elite brandmarken, ihm Sozialismus und Faschismus vorwerfen und dabei die Arbeiter sowie Geringverdiener warnen, die Gesundheitsreform werde mehr kosten und nichts nützen. Und – abhängig von den endgültigen Entscheidungen im Kongress und Obamas Haltung – könnten die Rechten mehr oder weniger recht bekommen.

Der Sündenbock

Eine ähnliche Konstellation findet man in der Wirtschaftspolitik. Das Konjunkturprogramm des Weißen Hauses hat eine Neuauflage der Depression aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts verhindern helfen. Nach Angaben des gewerkschaftsnahen Economic Policy Institute schafft oder erhält es 200.000 bis 250.000 Arbeitsplätze im Monat. Doch das ist nicht einmal genug, um die Arbeitslosenrate zu reduzieren. Ein neues Konjunkturprogramm scheint gegenwärtig nicht in den Karten zu sein. Allmählich werden die Arbeitslosen „Obamas Arbeitslose“. Und die Opposition von Rechts hat schon los gelegt, dass der Präsident die Banken gerettet habe, aber den kleinen Mann nicht retten könne. Diese Opposition wird nicht angeführt von einer Republikanischen Partei, wie man sie aus der Zeit von Ronald Reagan kennt, und einem staatstragenden Konservatismus – Wortführer sind zornige Männer und Frauen, die von einer radikalen rechten Bewegung träumen, um ein vom Liberalismus verratenes „Amerika“ wieder zu seinen Ursprüngen zurück zu bringen.

Obama ist der Sündenbock. Jetzt wolle er auch noch die Terroristen in Guantánamo frei setzen, heißt es. Und die amerikanische Wirtschaft in den Ruin treiben mit internationalen Abkommen gegen Öl und Kohle. Der republikanische Senator und Präsidentschaftskandidat John McCain hat die Radikalen salonfähig gemacht, als er Sarah Palin zur Bewerberin um die Vizepräsidentschaft erklärte. Das wären die „Sieger“, sollte Obama verlieren.

 
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Kommentare
SteinMain schrieb am 07.10.2009 um 21:42
Ganz schöner Artikel, seltsamer Intro-Satz. Was hat bitte ein Mediengedönse wie Olympische Spiele mit der amerikanischen Politik zu tun, ausser für Bildzeitungsleser und sonstige intelektuell weniger bedachte Mitmenschen ?
Es war doch klar, das an dieser alten, dreckigen, kapitalistischen Kriegsmaschine USA keine noch so hehre Lichtgestalt etwas reparieren kann, ohne sich ölige (!) Finger zu machen, so als Schatzi der Milliardenschweren Oberklasse.
Und dann noch eine öffentliche Krankenversicherung für ein Volk von Cowboys, die sich im Zweifelsfall lieber den Blinddarm selbst operieren, bei Mondschein unter freiem Himmel (mal überspitzt).
Obama ist doch nur der Aufstand des ordentlichen Bildungsbürgertums, im Prinzip will der US-Amerikaner Geld für nichts, Krach, Suff und Drogen, sonst nichts.
pkaras schrieb am 07.10.2009 um 23:45
Ob die Reform im Gesundheitssystem, die Wende in der Klimapolitik, die Einführung von Regularien für die Finanzwelt, eigentlich alles was er im Wahlkampf versprach, scheint ihm aus den Händen zu gleiten.
Ist er von diesen ultra-rechten Angriffen überrascht?
Hätte er nicht wissen müssen, dass er mit seinen Vorhaben beim politischen Establishment auf Granit beisst?
Man schwärmte von der Mobilisierung der Unterstützer Obamas, dass bis zum letzten Glied Jeder im Wahlkampf sich engagierte.
Wo bleibt jetzt das Engagement seiner Unterstützer? Warum schaltet er sein Netzwerk nicht wieder ein?
Wenn er in den Entscheidungsgremien bei der Durchbringung der notwendigen Reformen gehindert wird ,dann muss der Druck von der Strasse kommen.
Die Unterstützung, die er im Wahlkampf hatte, die ist auch jetzt nötig und ich kann mir nicht vorstellen, dass die zahlenmässig geringer sein sollte als die der ultra-rechten Schreihälse. Zumal Obama vor einem Jahr die klare Mehrheit noch hinter sich hatte.
Pankefuchs schrieb am 08.10.2009 um 10:28
Hat wirklich jemand gedacht, dass sich mit Obama was ändern wird? Nicht umsonst hat er den teuersten Wahlkampf aller Zeiten gehabt. Wer hat das bezahlt? Sicher nicht der Arbeitslose, der Hilfe braucht. Und wenn man nicht völlig aus dem Mustopp kommt, weiss man dass erst die Spender abgearbeitet werden müssen. Man hat lediglich einen Präsidenten anderer Hautfarbe gekrönt um das Volk still zu halten.
Mit dem Geld was Obama in die Banken pumpt, hätte er eine eigene (Staats)Bank gründen können die NUR das macht, was Banken machen sollen - der Wirtschaft mit Krediten helfen (was überigens auch für Germany zutrifft).
So wie es jetzt läuft, ist mehr als deutliche zu sehen für wen er/die Regierung arbeitet (trifft übrigens auch für Germany zu).
Aber so lange der Pöbel so blöd ist und sich vor jeder Wahl das blaue vom Himmel versprechen läßt, obwohl er seit Jahrzehnten weiss das nur gelogen wird, tut mir keiner dieser Wähler Leid der den Bach runter geht (trifft übrigens auch für Germany zu).


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