Politik

Haushälter | 26.10.2009 19:00 | Jens Berger

Blindflug in den Schuldenstaat

Fahren auf Sicht: Union und FDP räumen endlich mit dem Vorurteil auf, bürgerliche Parteien könnten besser mit den Staatsfinanzen umgehen

Vor gerade mal einem halben Jahr tönte die FDP noch munter, sie wolle eine Nettoneuverschuldung der öffentlichen Haushalte per Grundgesetz verbieten lassen. Doch vor einem halben Jahr befand sich Deutschland auch noch im Wahlkampf und was schert einen Politiker sein Geschwätz von gestern, wenn die Kreuze gemacht und die Urnen geleert sind? An diesem Wochenende unterzeichnete die FDP einen Koalitionsvertrag, der bereits im nächsten Jahr eine Rekordneuverschuldung von bis zu 90 Milliarden Euro mit sich bringen wird. Damit wird Berlin auch im nächsten Jahr die Stabilitätskriterien der Maastricht-Verträge mit Pauken und Trompeten verfehlen. Wie Schwarz-Gelb unter diesen stockdüsteren Rahmenbedingungen den für 2011 angekündigten Umbau des Steuersystems verwirklichen will, der alle Einkommensgruppen durch die Bank weg entlasten soll, bleibt dabei ein offenes Geheimnis.

„Steuersenkung oder Tod“ – Guido Westerwelles revolutionäres Mantra wirkt in Zeiten der Finanzkrise schon fast tragisch realitätsfern. Selbst wenn die optimistischen Steuerschätzungen der neuen Regierung einträfen, klafft im nächsten Bundeshaushalt immer noch ein strukturelles Defizit in Höhe von rund 60 Milliarden Euro. Um die Beiträge zur gesetzlichen Arbeitslosen- und Krankenversicherung stabil zu halten, werden 2010 zusätzlich rund 20 Milliarden Euro an Zuschüssen aus dem Steuersäckel in die geplünderten Sozialkassen fließen müssen. Hinzu kommen die schwarz-gelben Wohltaten für Unternehmen, Landwirte und Besserverdiener-Familien. Zusätzlich zu den bereits von der Großen Koalition beschlossenen Steuersenkungen summieren sie sich auf etwa 27 Milliarden Euro. Dass die neue Regierung diese Belastungen nicht ohne eine Rekordneuverschuldung wird schultern können, steht eigentlich außer Frage. Wer allerdings angesichts dieser desolaten Zahlen für das Jahr 2011 auch noch Steuersenkungen im biblischen Ausmaß verspricht, muss schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein.

Weder die fürs nächste Jahr versprochenen Wahlgeschenke der Hornissen-Koalition noch das strukturelle Defizit im Haushalt sind bislang in irgendeiner Form gegenfinanziert. Wer im Koalitionsvertrag konkrete Vorschläge sucht, an welchen Stellen gespart werden soll, der müht sich vergebens. Zwar haben sich die Koalitionäre darauf geeinigt, dass künftige Beitragserhöhungen für die Gesundheits- und Pflegeversicherung nur noch von den Arbeitnehmern getragen werden, aber auch diese höchst unsoziale Novelle entlastet den Staatshaushalt um keinen Cent.

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Wer die neuen Machthaber in Berlin fragt, woher die Gelder kommen sollen, erhält lediglich blumige Formulierungen, die an der eigentlichen Frage vorbeigehen. „Wir übernehmen die Kosten“, prahlte die neue alte Bundeskanzlerin mit stolzer Brust auf der ersten gemeinsamen Pressekonferenz der designierten Regierung. Da nicht anzunehmen ist, dass das neue Kabinett die zweistelligen Milliardenbeträge aus der eigenen Tasche bezahlt, geht der geistige Nährwert der Merkelschen Nebelkerze auch gegen Null. Natürlich muss der Staatshaushalt, gespeist aus „unseren“ Steuern und Abgaben, für die Großzügigkeit der Regierung haften. Aber wie soll man mit weniger Steuereinnahmen mehr Staatsausgaben finanzieren, ohne noch mehr neue Schulden aufzunehmen? Ganz einfach – Wachstum generieren, so lautet die simple Erklärung der neuen Regierung.

Dabei glaubt kein Experte, gleich welcher Couleur, an diese vage Selbstfinanzierungslösung. Selbst die Optimisten unter den Konjunkturprognostikern gehen für das Jahr 2010 „nur“ von einem Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent aus. Demgegenüber steht jedoch ein Rückgang der Bruttolohn- und Gehaltssumme von 0,7 Prozent – und vor allem letztere ist für die Steuereinnahmen von Bedeutung. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft geht daher auch davon aus, dass der Staat im nächsten Jahr trotz eines leichten Wachstums nicht etwa mehr, sondern 13 Milliarden Euro weniger an Steuern einnehmen wird.

Anders als die breit grienenden Parteichefs Merkel, Westerwelle und Seehofer scheint wenigstens der designierte Finanzminister Schäuble eine ungefähre Ahnung zu haben, in welch verfahrener Situation sich die Staatsfinanzen befinden. In der Welt am Sonntag antwortete Schäuble auf die Frage, wann denn mit der versprochenen Konsolidierung des Haushaltes zu rechnen sei, mit einem lakonischen „Wir fahren weiter auf Sicht“. Für Landratten sei erklärt, dass der Ausdruck „auf Sicht fahren“ aus der christlichen Seefahrt stammt und bedeutet, dass sämtliche Hilfsmittel zur Navigation außer Betrieb sind und man sich mit bloßem Auge einen Überblick verschaffen muss. Wer „auf Sicht fährt“, weiß weder, wo er sich genau befindet, noch wo die Fahrt eigentlich hingeht. Zumindest weiß der designierte Finanzminister, dass er nichts weiß – damit weiß er allerdings anscheinend mehr als die Parteichefs von Union und FDP.

 
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Kommentare
Lago schrieb am 26.10.2009 um 20:26
Hornissenkoalition? Et tu, Brute?

Ich hab viele Jahre in friedlicher Eintracht mit Hornissen verbracht und muss meine kleinen geflügelten Freunde gegen solche Vergleiche vehement verteidigen!

Darüber hinaus bin ich zuversichtlich, dass der Koalition innerhalb der nächsten Monate schon etwas einfallen wird. Schäuble dürfte wie kein zweiter geeignet sein, eine fiskalische Horroratmosphäre zu verbreiten, die die Konsensfähigkeit bei haushaltsstabilisierenden Maßnahmen deutlich erhöht ...
timeout71 schrieb am 27.10.2009 um 15:16
@ Lago,
ja das kotzt mich auch richtig an,
Hornissen sind nützlich und Tigerenten niedlich!

Wie wehre es mit TIGERUNTERHOSE (vorne gelb hinten schwarz) als Farbschema?
iPeter schrieb am 31.10.2009 um 18:46
Was ist eigentlich so schlimm an schuldenfinanzierten Wohltaten ? Jetzt mal ehrlich !
Zusätzlich zu den Wohltaten (da kann man natürlich diskutieren, ob Ausgaben für Bildung oder Steuererleichterungen sinnvoller sind...) wird doch eine Möglichkeit geschaffen, herumvagabundierende Millionen gewinnbringend anzulegen (in Schatzbriefle).
Nun kann man argumentieren, das bringe ja nur weitere Umverteilung zu den Anlegern.
Auf der anderen Seite kann doch keiner tatsächlich wollen, dass der Staat irgendwann alles zurückzahlt.
D'Leut müssten wieder vermehrt in Ramschpapiere anlegen, was bekanntermaßen teure Rettungsschirme nach sich zieht.
Viel einfacher ist es doch, einfach weitere Schulden zu machen, damit die Anleger auch Ihre verdienten Zinsen gleich wieder neu anlegen können.
Lieber den Staat kontrollieren lassen, was mit den Billionen geschieht, im Endeffekt also uns Wähler.
Einziger Schwachpunkt: es muss dafür gesorgt werden, dass nicht andere Anlageformen rentabler sind, bzw. dass das Vertrauen der Anleger in das Weiterlaufen der Spirale schwindet. Da z.Zt. aber alternative Anlageformen direkt abhängig sind von stattlichen Programmen (Konjunkturprogramm, Abwrackprämie,...), sehe ich keine Gefahr für die schuldenfinanzierte Wohltatenpolitik.
Eins wird klar: Schulden werden nie "zurückgezahlt", sondern nur mit neuen Schulden/Anlagemöglichkeiten ersetzt.

Freue mich auf Reaktionen, Antworten weitere Ideen.
Ludwig Hasselberg schrieb am 26.10.2009 um 22:45
elquixote schrieb am 27.10.2009 um 11:14
Schäuble und Merkel sind ja gerade deshalb das, was sie heute sind, weil sich Schäuble damals so verhalten hatte. Und daraus entstand dann ein wunderbares Vertrauensverhältnis!!!
Schackerbilly schrieb am 27.10.2009 um 08:13
Dass die FDP Meister im Schuldenmachen ist, weiß man doch nicht erst seit gestern. War es denn unter Kohl anders?

Man könnte die FDP auch die Partei der verbrannten Erde nennen: heute feiern, morgen die anderen die Scherben aufräumen lassen.
djdeutschland schrieb am 27.10.2009 um 12:15
Wo ist die weltweite Börsentransaktionssteuer,
die Milliarden wenn nicht Billionen einspielen könnte,
ohne daß dieses irgend jemanden jucken würde,
und unser aller Ressourcen gerechter verteilt?
djdeutschland.wordpress.com/2009/10/27/nehmen-wir-sie-beim-wort/
Mick schrieb am 27.10.2009 um 19:21
Tja, da stehen wir nun da...mit offnem Haar.
Deutschland hat die Regierung bekommen, die die Mehrheit gewählt hat.
Bei mir löst das eine Art panischer Abwehrhaltung aus. Man möchte am liebsten die heimischen 4 Wände zur Festung ausbauen und warten, bis sich der Staub wieder gelegt hat, der in den nächsten 4 Jahren aufsteigen wird.
Je länger ich nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass wir wieder eine Monarchie brauchen.
Warum ? Weil wir es dann nur noch mit einem Irren zu tun haben, der zumindest klare Anweisungen geben kann und der zumindest zum Teil berechenbar sein wird.
Jetzt haben wir 700 teils inkompetente, uneinige, dafür aber umso gierigere, die nicht müde werden zu beweisen, dass sie unser Land nicht effektiv und gerecht regieren können.
Nein ehrlich. Die Idee von einer neuen Monarchie wird mir immer sympatischer.
"Lang lebe der König" klingt doch wesentlich besser, als "lang lebe die schwarz gelbe Koalition"...
Mick schrieb am 27.10.2009 um 19:32
Muss mich bei meinem ersten Posting hier gleich entschuldigen, da ein Satz etwas unglücklich ausgedrückt war.
Es muss heissen:
"Jetzt haben wir 700 teils inkompetente, uneinige, dafür aber umso gierigere POLITIKER..."
Keinesfalls wollte ich alle Mitglieder des Bundestages als "Irre" bezeichnen, was aus dem Kontext heraus so hätte verstanden werden können.
Das war in keinster Weise meine Absicht und so nicht gemeint.
Wenn eine Korrektur möglich ist, so bitte ich darum.
Schackerbilly schrieb am 28.10.2009 um 08:46
Tja. Ich denke mir ja ehrlich gesagt auch mitunter: "Das deutsche Volk bekommt genau die Regierung, die es verdient hat. Mich tangiert es als besserverdienender Grüner doch eh nicht."

Aber will ich so leben? Nein. Weder möchte ich mich in meine vier Wände zurückziehen, noch möchte ich mich im scheinbaren Idyll der Oberstadt eines neuen 'Metropolis' bewegen.

Ich sehe auf Seiten des linken Spektrums jetzt vielmehr zwei Notwendigkeiten:

1. Eine genaue Analyse des Wahlausgangs und seiner Ursachen.
2. Daraaus zu ziehende Konsequenzen.
misterL schrieb am 27.10.2009 um 20:44
Moin.

Bei aller Zustimmung zwei Verfeinerungen. Gegenfinanzierte "Steuererleichertungen" sind nichts anderes als Haushaltsumschichtungen. Gespart wird also nichts, es kommt nur wo anders wieder rein.

Auch die Ostsee Wahlkreisinhaberin Merkel weiss, dass "man auf Sicht fährt". Sie formuliert es nur anders. Der Maßgabe, macht man nichts geht es schief und ob jenes - was man macht - nicht doch schief geht, weiß man nicht. Also, ob es das unglaubliche Wachstum geben wird, von dem man hofft reiche Ernte machen zu können.

Es ist quasi eine Wette auf Wachstum - also Zocken auf Bundesebene. Hat man wohl bei HRE gelernt. ;-)
Spiegelfechter schrieb am 28.10.2009 um 08:55
Na ja - es geht ja nicht nur um die "Steuererleichterungen", sondern auch um die anderen Wohltaten, die nicht gegenfinanziert sind. Streng genommen sind dies natürlich alles nur Umschichtungen, der Unterschied ist lediglich, dass diese Umschichtungen bei einer Neuverschuldung auch die Folgehaushalte betreffen.

Die Regierung scheint sehr viel von HRE und Co gelernt zu haben - nicht zuletzt der Plan Schulden als "Sondervermögen" in Schattenbilanzen zu parken, könnte auch von den Herren Funke und Nonnenmacher kommen.
archinaut schrieb am 30.10.2009 um 22:56
"Republik der Bankrotteure",
so heißt die neue Schmierenkomödie,
bin gespannt, wer sie aufschreibt....
Adam Ant schrieb am 01.11.2009 um 01:46
"Die Regierung scheint sehr viel von HRE und Co gelernt zu haben ..."

Die Regierung hatte schon "Schattenhaushalte" als es die HRE noch gar nicht gab.
pfackelmann schrieb am 29.10.2009 um 19:48
Wäre Herr Steinbrück nicht nur ein Maulheld gewesen, sähe der Haushalt besser aus. Ich weiß nicht mehr auswendig, welcher Schweizer Politiker süffisant erklärte, dass Steinbrück trotz Amtshilfe-Abkommen niemals eine konkrete Anfrage an die Schweiz gerichtet habe.
Ich habe - wie Frau Merkel - Vertrauen zu Finanzminister Schäuble.
Mit seiner fundierten Schnüffelerfahrung wird er die Schwarzgelder aufspüren und so den Haushalt schlagartig sanieren,-)
lebowski schrieb am 30.10.2009 um 15:52
Hätte nur ein Politiker in meinem Wahlkreis -so wie jetzt Schäuble als Finanzminister- vor der Wahl offen zu Protokoll gegeben, dass er keine Ahnung hat, wie es weitergeht, meine Stimme wäre ihm sicher gewesen.


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