„Wie kamen Sie damals nach Ostberlin?“ Ein Kollege aus England recherchiert gerade über die Kundgebung am 4. November 1989, die größte der Wende-Zeit. Meiner Erinnerung nach fuhr ich mit der S-Bahn, wechselte am Grenzübergang Friedrichstraße 25 DM zum Kurs 1:1 um und ging rüber. Ach so, sagt er nur und fragt: „Hatten Sie Angst?“ Mein Kopfschütteln reicht ihm, aber er fragt nachdrücklicher: „Hatten die Menschen auf der Demo Angst?“ Da kamen die Erinnerungen: „Nein, das war schon vorbei. Denn die Berliner Polizeigewalt vom 7. und 8. Oktober am 40. Jahrestag der DDR war ja öffentlich gemacht worden. Das würde sich nicht mehr wiederholen, diese Sicherheit war an dem Tag fühlbar.“
14 Tage wie 14 Jahre
Im Oktober 1989 war das Ausmaß der polizeilichen Aggression ein Schock. Über die Erregung finde ich jetzt einen eigenen, seit langem vergessenen Bericht (Deutsche Volkszeitung/DVZ vom 3.11.89) aus der überfüllten Erlöserkirche in Berlin wieder. Es war der 28. Oktober. Die wunderbare Namensliste fällt heute auf: Stefan Heym, Christa Wolf, Stephan Hermlin, Christoph Hein, Volker Braun, Ulrich Plenzdorf, Helga Königsdorf, Günter de Bruyn.
Daniela Dahn eröffnet: „In den letzten 14 Tagen hat sich mehr bewegt als in den 14 Jahren zuvor.“ Verhaftete erzählen ihre Erlebnisse, man rekonstruiert das Geschehen, es geht bis weit nach Mitternacht. Ich muss den Ort allerdings bis 24 Uhr verlassen und nach Westberlin zurückkehren. Am nächsten Tag wird das Hearing im Rundfunk der DDR ausgestrahlt. Es ist der Durchbruch für diese Wahrheit.
„Welcher Redner hat am 4. November am meisten beeindruckt?“ fragt der Engländer. Es waren vor allem Christa Wolfs Formulierungen, die trafen. In meinem Artikel von damals für die DVZ ist von ihr zu lesen:
„Was so schwer auszusprechen war, geht uns jetzt glatt über die Lippen und wir staunen, was wir offenbar schon lange gedacht haben.“ Der Hintersinn des Satzes ist in der DDR sofort allen klar. „Solche Wochen werden uns nur einmal gegeben, durch uns selbst“, sagt Christa Wolf auch, und dass sie jetzt alle im Zwiespalt seien, in „Angst, verwendet zu werden oder ein ehrlich gemeintes Angebot auszuschlagen“. Ein Angebot der SED ist gemeint. Honecker hat schon seinen Platz für Egon Krenz geräumt. Über ihn singen die Kabarettisten Wenzel und Mensching auf der Kundgebung, und zu jeder Zeile brandet Lachen auf, das wandert über die Menschenmenge, die den Alex füllt und die umliegenden Straßen bis zum Marx-Engels-Platz.
Was er will, weiß man noch nicht genau.
Leider ist er wieder keine Frau.
Aber er studierte in Moskau.
Lange waren er/ sein Hemd sehr blau*.
Ob er anders oder anders anders denkt
Oder nur ein andres Fähnchen schwenkt,
Ob er kränkelt oder kränkt,
Ob er sich den Hals verrenkt* –
Wer weiß.
Kein Recht auf Führung
Um neun Uhr morgens, eine Stunde bevor die Demo beginnen sollte, hat sich der Zug schon in Bewegung gesetzt, lavaartig, vom ständigen Zustrom gedrängt. Die Schauspieler – die Initiatoren – in breiter Reihe voran. Sie halten sich am Transparent fest, das schlicht die Einhaltung der Verfassungsparagraphen 27 und 28 verlangt, die Garantie der Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Vor ihnen die noch leere Straße, hinter ihnen quillt wie aus einem Füllhorn die Menschenmenge und nimmt die breite Straße ein. Das sind nicht mehr die nächtlichen, dunklen, eilenden Menschenzüge, wie am 7. und 8. Oktober in Berlin, sondern das strömt mit Tausenden Schildern, Tafeln, Transparenten dahin.
Alle Leute sind beschäftigt, die Sprüche zu lesen und zu kommentieren, von denen viele einfache Sätze sind, ohne Reim, ohne Ausrufungszeichen, wie ein leise hingesagter Gedanke. „Sozialismus – wer hat den Sinn zerstört?“ „Wer immer schluckt, stirbt von innen.“ Zitate: „Ich weiß, sie tranken heimlich Wein.“ – Die Gesichter sonntäglich. Neben mir stoßen alte Bekannte aufeinander: „Ach, dass man sich hier trifft. Ach! Was für ein Tag.“ Und die Frau sagt: „Mir rieselt es immerzu den Rücken herunter.“ Lange gehe ich hinter einem Blatt her, das vom Rücken einer schmalen Frau weht: „Bei lahmen Leuten lernt man hinken.“
Der englische Kollege fragt: „Waren unter den Rednern auch Stasileute? Gab es nicht Protest gegen sie?“ Ich überlege, meint er Markus Wolf? In meinem damaligen Text finde ich:
"Warum wird Markus Wolf ausgepfiffen? Er hat schließlich vor zweieinhalb Jahren seinen Posten als Chef des Geheimdienstes niedergelegt, hat ein Buch der Bereinigung geschrieben, das in der DDR sofort vergriffen war. War Wolf nicht ein Unterpfand für die Existenz einer Perestrojka-Strömung in der SED? Er versucht, die Pfiffe zu übertönen. Während die Umstehenden auf mich einreden - er ist zu schlau, das Buch ist gar nicht ehrlich, ihm ist nicht zu trauen - gibt er seiner Stimme Festigkeit, eine Durchsetzungskraft, die etwas von Herrschaftsbewusstsein auszudrücken scheint. Er steht heute vor einer der Macht abgerungenen Demonstration, er anerkennt es verbal, zieht den Hut vor der Besonnenheit der Straße, aber der Ton klingt nach Macht, und die lastenden Fragen nach den Ursachen der Deformationen berührt er nicht."
Unter der Oberfläche werden die Kräfte gemessen. Unzählige Male ist auf der Kundgebung die Forderung zu hören, aus der Verfassung die führende Rolle der SED zu streichen. Ihr wird nicht die Bedeutung für eine Erneuerung der Gesellschaft abgestritten, aber das verbriefte Recht auf Führung. Noch sind nicht Parteien oder Persönlichkeiten hervorgetreten, die ihren Anspruch gegen die SED anmelden. Doch aus diesem Demonstrationszug werden sie hervorgehen. Jens Reich vom Neuen Forum: „Wir haben früher gelernt, Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit. Ist nicht allzuviel Sklavengeist darin?“ Er fordert auf, dem anderen beizustehen, nicht zuzusehen, ob er sich den Hals bricht. Es wird deutlich still auf dem Alexanderplatz, für Momente steht jeder für sich allein. Dann zieht Stefan Heyms Appell durch die Lautsprecher: „Bauen wir einen Sozialismus – zu unserem Nutzen und zum Nutzen ganz Deutschlands!“
Wie viele denken so? Oder leitet alle, die sich in diesen Tagen politisch äußern, eine Übereinstimmung ohne Absprache: das Tabu-Thema Wiedervereinigung zu umgehen?
Trabis in langer Schlange
„Und fünf Tage später die Öffnung der Mauer: Wie haben Sie das erlebt?“, fragt der Kollege. „Es kam ein Anruf: Stell dir vor, die Mauer ist auf. Der nächste Grenzübergang war Invalidenstraße. Er war von TV-Scheinwerfern schon taghell angestrahlt. Trabis in langer Schlange auf der anderen Seite. Noch war der Schlagbaum unten, dann ging er hoch, die Autos fuhren durchs Spalier der Jubelnden nach Westberlin ein.“ „… eine Explosion“, ergänzt er.
Ich überlege: „Eher ein Strömen, auch ein Ausfließen. Unter Bürgerrechtlern ging ja der Satz um: Das war die letzte Übeltat der Greise an der Spitze, nach dem Motto, wenn ihr eine DDR ohne uns wollt, dann gar keine DDR.“
„Man kann also sagen, dass der 4. November die Demonstration derer war, die eine sozialistische DDR wollten“, fasst der englische Journalist zum Schluss zusammen und fragt noch: „War Ihnen klar, dass es zu Ende geht?“ Vielleicht wüsste ich es heute kaum mehr, wenn ich nicht gerade eine eigene Notiz aus dem November 89 gefunden hätte, einen fiktiven Dialog mit meinem Pseudonym Maria Meister, meinem alter Ego für einige Wochen, unter dessen Schutz ich unbefangen von den sich überschlagenden Ereignissen in der DDR hatte schreiben können. Maria Meister fragt mich: Wenn du weiter schreibst, denkst du, du wirst es tun als Zeugin eines Verfallsprozesses oder glaubst du, eine veränderte DDR hat noch Chancen? Ich antwortete in meinem Selbstgespräch: Auf jeden Fall wird die DDR nicht spurlos verschwinden, einfach, weil dort dieser Eigensinn, den man jetzt spürt, die „letzten entleerten 15 Jahre überstanden hat“. Weil dort seit dem Sommer und Herbst so viele sagen, sie wollen nicht genauso wie die BRD zu werden, sondern bei sich die Realität endlich dem Ideal annähern.
Die Auszüge sind aus: Maria Meister Was wir offenbar schon lange gedacht haben (DVZ/die tat Nr.46 vom 10.11.1989)
*blau: Egon Krenz war Vorsitzender der Freien Deutschen Jugend, die in blauen Hemden auftrat
*Hals verrenkt: Wendehals war sofort ein Schlagwort. Das Wort Wende hatte Krenz eingebracht.
Marina Achenbach hat 1990 die Wochenzeitung Freitag mitbegründet. Eine Auswahl ihrer Reportagen Echoraum. Umbrüche 1989-2009 ist in der Edition der Freitag erschienen.
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Das mit dem blau sein bei Krenz ist doppeldeutig.
Ansonsten war der 4. November 1989 auch einer jener Tage, an dem wie seit vielen tausenden Jahren vorher der Sommer in der Antarktis begann. Zur Freude vieler Lebewesen. |
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Liebe Marina Achenbach,
ein wunderbarer Text, vielen Dank dafür! Tatsächlich haben die wenigsten am 4. November sich ein (so schnelles) Ende der DDR vorstellen können. Den interessantesten Beitrag hat, aus heutiger Sicht, Heiner Müller vorgetragen, der den Aufruf einer kleinen unabhängigen, inzwischen längst vergessenen Gewerkschaft las. Er spürte wohl, was in Zukunft notwendig sein würde. Aber er wurde gnadenlos ausgepfiffen. Wir DDR-Bürger, die wir immer brav nach Feierabend unsere Revolution gemacht hatten, bestanden darauf, keine "arbeitsscheuen Polen" zu sein, die gleich streiken und eine Solidarnosc gründen. Wenn dagegen Steffi Spira mit Bühnenpathos ausrief: "Nie wieder (Kunstpause) Staaaatsbürgerkunde! Nie wieder (Kunstpause) Faaaahnenappelle!" Das gefiel uns! Da haben wir ganz dolle applaudiert... |
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Heiner Müller hatte übrigens vor, einen anderen Text zu verlesen. Der letztlich vorgetragene wurde ihm erst kurz vor seinem Auftritt in die Hand gedrückt, und er entschloss sich dann spontan, das Manuskript zu wechseln. Ja, Steffi Spira war leider etwas peinlich, hingegen Markus Wolf ganz und gar nicht. Die Vergeblichkeit dieser Demonstration besteht darin, dass sie heutzutage von Leuten, die Demonstrationen hassen wie die Pest, als Denkmal verklärt wird. Leider begreifen das viele der damaligen Akteure überhaupt nicht und wollen es nicht riskieren, das zu begreifen.
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es ist schon wahnsinn, wie schnell 20 jahre vergehen. das habe ich dazu heute im netz gefunden:
www.youtube.com/watch?v=Tmfi2epotgM |
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schrieb am
27.10.2009 um 09:56
Ist das ein CDU-Werbespot? die kriegen vor lauter glücklich strahlen noch ne Gesichtslähmung. mit sowas soll man nicht spaßen, das ist ganz bös. ungefährt so grauenvoll wie der Clip.
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Wie kann man nur einen solchen Text wie den von Marina Achenbach mit einem solchen Politik-Kitsch wie diesem Video behelligen. Wirklich eine Zumutung. Kann ich Flori nur zustimmen.
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schrieb am
29.10.2009 um 12:49
CDU-werbespot? totaler quatsch. du gehst wohl bei emotionalen ausbrüchen in ne dunkle kammer? ;-) Aber ich stimme euch zu - da sind wohl die emotionenen mit mir durchgegangen. aber das ist ja verboten in Deutschland. Immer Fassung wahren.
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