Politik

Ölvorräte | 11.11.2009 12:47 | Terry Macalister, The Guardian

Angeschmiert und vorgeführt

Ein geheimer Informant aus der Welt-Energie-Behörde (IEA) spricht von geschönten Zahlen über die Ölvorräte. Engpässe seien ignoriert worden, um Panikkäufe zu vermeiden

Höhere Beamte der Internationalen Energie-Agentur (IEA) geben zu Protokoll, die USA hätten eine wichtige Rolle gespielt, ihre Behörde zu veranlassen, den Rückgang der Fördermengen auf den existierenden Ölfeldern herunterzuspielen und die Chancen auf das Finden neuer Felder höher zu bewerten, als sie sind. Diese Vorwürfe werfen ernsthafte Fragen über die Genauigkeit des jüngsten Welt-Energie-Berichtes der IEA auf, der in dieser Woche veröffentlicht wird und vielen Regierungen als Richtschnur für die ihre Energie- und Klimaschutzpolitik dient. Sie stellen jetzt nicht zuletzt die Vorhersage des Welt-Energie-Berichts 2008 in Frage, der davon ausging, die Ölproduktion könne von ihrem jetzigen Stand von 83 Millionen Barrel pro Tag auf 105 Millionen Barrel pro Tag erhöht werden. Es gäbe dafür keinen Beleg, die Welt habe die Spitze der Ölproduktion bereits überschritten, so die Meinung der Kritiker.

Schon immer Schwachsinn

Nun gewinnt die Theorie vom Ölfördermaximum sogar Anhänger im Establishment des internationalen Energiegeschäfts. „Die Internationale Energiebehörde sagte 2005 voraus, die Fördermenge könne bis auf 120 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2030 ansteigen, musste aber diese Prognose dann schrittweise auf 116 Millionen und 2008 schließlich auf 105 Millionen Barrel korrigieren“, so der Informant aus den Reihen der Behörde, der aus Angst vor Vergeltung aus der Branche anonym bleiben will. „Die 120-Millionen-Barrel-Prognose war schon immer Schwachsinn – die IEA wusste das. “
Viele innerhalb der Organisation glauben, selbst eine Förderrate von 90 bis 95 Millionen Barrel pro Tag sei unmöglich zu halten, aber sie haben Angst, auf den Finanzmärkten werde Panik ausbrechen, sollte die Zahlen noch weiter nach unten korrigiert werden. Ein zweiter Informant, der ebenfalls anonym bleiben will, meint dazu, ein Grundprinzip der Organisation bestehe darin, die Amerikaner nicht zu verärgern, es sei aber eine Tatsache, dass es nicht soviel Öl auf der Welt gäbe wie behauptet wurde. „Wir haben den Bereich des Ölfördermaximums bereits erreicht. Ich schätze die Situation sehr schlecht ein.“

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Unter Verdacht

Die IEA ist sich der Bedeutung ihrer Zahlen sehr wohl bewusst, auf ihrer Website prahlt sie: „Regierungen und Unternehmen auf der ganzen Welt verlassen sich darauf, dass der Welt-Energie-Bericht sie mit einer festen Grundlage ausstattet, auf die sie ihre Strategien und Geschäftspläne aufbauen können.“ Wie viele andere verweist auch die britische Regierung häufiger auf die IEA-Zahlen als auf ihre eigenen, um zu belegen, dass die langfristige Ölversorgung nicht gefährdet sei.

John Hemming, Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses zum Öl- und Gasfördermaximum, hat inzwischen mitgeteilt, die jetzigen Enthüllungen würden seinen Verdacht bestätigen, dass die IEA verschleiere, wie schnell die weltweiten Ölvorräte zur Neige gingen und welche gravierenden Folgen dies auf die Energiepolitik der britischen Regierung habe. Er sei auch von einigen IEA-Mitarbeitern angesprochen worden, die sich unglücklich darüber zeigten, wie unkritisch die Prognosen aufgenommen werden. „Die bisherige Verlässlichkeit der IAE wurde benutzt, um die These zu stützen, die Öl- und Gasvorräte würden nicht vor 2030 ihren Höhepunkt erreichen. Es steht jetzt fest, dass dies nicht zutrifft, und man sich nicht auf Zahlen des IAE verlassen kann, so Hemming. „All dies verleiht den Kopenhagener Klimaverhandlungen zusätzliche Bedeutung und macht die dringende Notwendigkeit deutlich, noch schneller auf eine durch erneuerbare Energien gestützte Wirtschaft zuzusteuern, um ernsthaften ökonomischen Schaden abzuwenden.“
Übersetzung Holger Hutt

 
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Artikelaktionen
Kommentare
gweberbv schrieb am 11.11.2009 um 13:23
In Fragen der Reichweite fossiler Ressourcen scheint mit ein Werner Zittel allemal vertrauenswürdiger als die IEA, zumal sich letztere meines Wissens blind auf die Angaben der Förderländer verläßt.

Zwei Voträge von Zittel:

www.eeg.tuwien.ac.at/events/egs/pdf/egs010123_zittel.pdf

www.gruene-fraktion-bayern.de/cms/dokumente/dokbin/46/46726.die_zukunft_der_oelversorgung.pdf
gweberbv schrieb am 11.11.2009 um 13:28
Noch eine Anmerkung: Da sich auch das IPCC in seinen Projektionen auf die Vorhersagen der IAE bezüglich des Treibhausgasausstoßes verläßt, könnte es da auch zu positiven Überraschungen kommen, wenn die fossilen Ressourcen früher als erwartet zur Neige gehen.
Graureiher schrieb am 11.11.2009 um 20:03
Hier geht es um die Ölvorräte. Die weltweiten Kohlevorräte reichen alle Male, um das Klima so zu verändern, dass die Evolution den Versuch intelligenten Lebens auf diesem Planeten, Version 1.0, als Fehlversuch abhaken wird. Die Version 2.0 wird sicher folgen. Schade, dass wir nie erfahren werden, wie sie aussieht!
gweberbv schrieb am 12.11.2009 um 14:45
Bei den Projektionen des IPCC geht es ja um die Veränderungen in den nächsten Jahrzehnten. Da wird sich ein Einbruch der Erdölproduktion schon bemerkbar machen, da die Kohlenutzung zum Ausgleich ja nicht beliebig schnell hochgefahren werden kann.
aaronthebaron schrieb am 13.11.2009 um 10:43
da würd ich mir mal keine "Sorgen" machen, dass die Kohleförderung allzu lang braucht um hochgefahren zu werden.. und Methanhydrat etc scharrt ja auch noch in den Startlöchern.

Ich will damit sagen, klammern wir uns nicht an diesen Strohhalm, dass das Ölfördermaximum uns wirklich eine Verschnaufpause im CO2 Wettrennen verschafft.. das Gegenteil könnte der Fall sein. Umso mehr als bisher ja vor allem das energetisch leicht förderbare gefördert wurde..

Anders ausgedrückt: Jede kWh fossile Energie wird in Zukunft einen niedrigeren Wirkungsgrad haben als heute, womit der Gesamt-CO2-output weiter ansteigt..
Onkel Wanja schrieb am 12.11.2009 um 21:52
ich schlage vor, wir nähern uns dem Ende der Raub und Verbrennungsökonomie von der literarischen Seite.
Thomas Pynchon schreibt in "Die Enden der Parabel": >>Der junge Ex-Architekt Kekule sah sich unter den Molekülen seiner Zeit nach verbrogenen Grundrissen um, von denen er wuste, daß sie existieren mußten, Gestalten, die er sich nicht als wirklich physische Strukturen, sondern ehrer als <> dachte, die die Beziehungen sichtbar machten.(...) Er hatte die Fähigkeit, in Bildern zu denken. Er sah die vier Bindungen des Kohlenstoffs in ihrem Tetraeder- er zeigte, wie sich die Kohlenstoffatome aneiander anlagern konnten zu langen Ketten....doch er war ratlos als er zum BENZOL kam.(...) Nicht bis zu dem Traum: bis er angeleitet wurde, ihn zu sehen(...), ihn als Bauplan, als Fundament für neue Verbindungen, neue Kombinationen erkennen konnte, so daß das Gebiet der aromatischen Chemie entsthen mußte, sich mit weltlicher Macht zu verbünden, neue Syntheseformen zu entwickeln zu einer deutschen Farbenindustie zu führen und endlich zu IG....
Kekule träumt die Große Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, die träumende Schlange, die die Welt umschlingt. Doch welche Niedrigkeit, welcher Zynismus wird sich diesen Taum zunutze machen. Die Schlange, die verkündet: <>, sie wird ausgeliefert an ein System, dessen einzige, erklärte Absicht darin besteht, diesen Kreislauf zu sprengen. Er nimmt und gibt nie zurück, es proklamiert ein ständiges Wachstum von << Produktivität>> und <> mit der Zeit, es entzieht dem Rest der Welt ungeheuerliche Mengen von Engerie, nur um seine winzige, zu allem entschlossene Fraktion in der Gewinnzohne zu halten: und nicht allein der größe Teil der Menschheit -der größte Teil der Welt, der Tiere, Pflanzen, Mineralien, wird dabei in Wüstenei verwandelt. Das System mag begreifen, vielleicht auch nicht, daß es sich nichts kauft als Zeit. Und daß Zeit zunächst nichts weiter ist als eine künstliche Ressource, für nichts und niemanden von Wer als nur für das System, das sich früher oder später selbst zu Tode stürzen muß, schuldloses Seelen aus allen Lebensstufen mit sich reißend, sobald seine Sucht nach Energie so groß geworden ist, daß der Rest der Welt sie nicht mehr befriedigen vermag. Innerhalb des Systems zu leben ist wie eine Überlandfahrt in einem Bus, der von einem Wahnsinnigen gesteuert wird, der seinen Selbstmord plant......(...)<<

Zitiert aus "Gravity's Rainbow" von Thomas Pynchon, S.644-646.

Mehr muss man nicht mehr zum Thema Schreiben. Man könnte allerdings dieses vergötterungswürdige Buch lesen.


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