Politik

Sündenfall | 14.12.2009 12:50 | Lutz Herden

Von Varvarin nach Kunduz

Die Vorgeschichte des Kunduz-Massakers beginnt 1999 mit der Aggression gegen Jugoslawien, die zum Gründungscode der Berliner Republik gehörte

Gezieltes Töten zählte bislang zu den Spezialitäten anderer Armeen, etwa der der israelischen, wenn es galt, palästinensische Führer auszuschalten. Nun weist auch das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr nach, auch sie beherrscht das Auslöschen von Gegnern. Wie der 4. September in Kunduz bezeugt, gilt dabei Rücksicht gegenüber Zivilisten als überflüssig.

Narkotisiert

Was ist daran erschreckender? Die Kaltblütigkeit von Militärs, die derart handeln, oder der Zustand einer Gesellschaft, aus deren politischer Mitte heraus ein solches Handeln toleriert und geduldet wird? Wer Krieg führt, ist in der Regel nicht zimperlich, schätzt Tarnung und Täuschung, hat eigene Opfer zu beklagen und sorgt für Kollateralschäden, verübt Kriegsverbrechen und bricht Menschenrecht – der Setzkasten des Grauens ist bekannt. Nur redet man nicht gern darüber. Wenn es irgendwann unausweichlich wird wie jetzt beim Kunduz-Massaker, gerät eine demokratisch genormte Gesellschaft, die sich gern zum vorletzten Wort der Geschichte erklärt, in einen unauflösbaren Zwiespalt: Weil der Krieg für zivilisatorischen Standards nur Hohn und Spott übrig hat, wird sie auf Herz und Nieren geprüft.

Acht Jahre Afghanistan-Besatzung und -krieg unter deutsche Beteiligung sind insofern auch ein demokratischer Reifetest, der bisher weder angenommen noch bestanden wurde. Die Mehrheit des Bundestages, ausgenommen die PDS beziehungsweise Linkspartei, hat seit 2001 nichts dagegen, durch gefilterte Informationen über die Lage in Afghanistan narkotisiert zu werden, weil es so leichter fällt, bei jeder Mandatsverlängerung die Hand zu heben. Diese Mehrheit wäre Jung, zu Guttenberg und deren ministeriellen Handlangern auch heute noch dankbar, weiter geschont zu werden, hätte es in Kunduz am 4. September nicht ein schockierendes Kapitalverbrechen gegeben, das letzte Zweifel ausräumt, wie sehr Deutschland sich mit Schuld belastet, um kriegstauglich zu sein.

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Unter der Haut

Die vielbeschworene Rückkehr zur außenpolitischen Normalität nach 1990 ist für die Berliner Republik eben auch eine Rückmeldung zum Krieg gewesen. Zu dieser Normalität gehören der militärische Overkill von Kunduz ebenso wie der Umgang damit, der skandalöser kaum sein kein, aber wiederum nicht skandalöser ist, als es der Jugoslawiens-Krieg von 1999 war. Es rächt sich, dass die Berliner Republik Wert darauf legte, den Jugoslawien-Krieg von 1999 als Grundstein in ihrem Fundament zu vermauern. Erstmals seit 1945 führten die Deutschen ab dem 20. März 1999 wieder Krieg und taten es, indem sie Recht brachen. Ein Verfassungsorgan wie die Bundesregierung, zu diesem Zeitpunkt rekrutiert aus sozialdemokratischen und grünen Ministern, legte das Völkerrecht und der Grundgesetz einfach beiseite und wurde dafür von einer sich demokratisch nennenden Gesellschaft, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht zur Verantwortung gezogen. Weder das Verfassungsgericht noch das Parlament geschweige denn die Öffentlichkeit oder Zivilgesellschaft nahmen Anstoß daran, dass ein souveräner Staat wie die damalige Bundesrepublik Jugoslawien ohne Kriegserklärung und ohne UN-Mandat angegriffen wurde.

Auch damals grassierten Kriegslügen en masse. NATO-Regierungen gaben vor, im Namen der Moral zu handeln und im Recht zu sein, wenn sie gegen Recht verstießen. Es führt ein schnurgerader Weg von den NATO-Bomben auf die Brücke von Varvarin am 30. Mai 1999, die zehn Zivilisten töteten, zu den auf deutschen Befehl abgeworfenen Bomben auf Menschen in Kunduz gut zehn Jahre später und den 142 Toten dort. Der Sündenfall von 1999, der als praktizierte Geschichtsmächtigkeit daher kam, als sich Außenminister Joschka Fischer dazu verstieg, die Bomben auf Belgrad einen Beweis für die Lehren von Auschwitz zu nennen, wirkt nach. Ein Werteverfall, der unter die Haut ging und seither darunter festsitzt. Heiligt der Zweck des Afghanistan-Krieges seine Mittel? Kunduz lehrt, wie das Mittel den Zweck auslöschen kann. Das von Kriegsapologeten gern und häufig strapazierte Argument, man ermögliche Kindern, wieder in die Schule zu gehen, hat sich für die Kindern erledigt, die im Feuerball von Kunduz verglühten. 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mcmac schrieb am 14.12.2009 um 23:30
Lieber Lutz Herden,
Vielen Dank für Ihren Beitrag.
Ich bin gespannt, wie die Phalanx der heimischen Kriegsbefürworter, die ja z.Z. ein wenig durcheinander geraten zu sein scheint (denn z.B. auch uns' Frankensteinmeier dürfte wohl -oder eher übel- Dreck am Stecken haben bzgl. Kundus), es anstellen wird, dass Thema medial zu beerdigen. Weil ja eine Krähe immer die andere reinwäscht, es muss. Wo kämen wir sonst hin? Am Ende wird man wohl einstimmig feststellen, klar, dass alles wieder mal an der Linkspartei und ihrem unerträglichen Populismus gelegen hat.
-Ein ganz übles, miserables, gefährliches Stück im Staats-Theater wird gegeben werden, da bin ich mir fast sicher. Sollte es, statt Budenzauber, demnächst mal hierzulande real knallen, eine echte Tragödie über die Bühne gehen, würde mich das nicht wundern. Ich hoffe, ich irre mich.
Schackerbilly schrieb am 15.12.2009 um 06:47
Lieber Herr Herden,

Ihr Artikel deutet in Bezug auf den Krieg gegen die BR Jugoslawien einiges an, ohne konkret zu werden. Richtig, der Krieg fand ohne UN-Mandat statt. Und ja, die Existenz des zur Begründung angeführten "Hufeisenplans" ist zweifelhaft. Dass es sich bei der UCK keineswegs um den Inbegriff von Anstand und Moral gehandelt hat, steht ebenfalls außer Frage.

Ich würde dennoch gerne erfahren, was aus Ihrer Sicht eigentlich damals im Kosovo, in Serbien & in Montenegro im Vorfeld passiert ist und welche alternativen Lösungsmöglichkeiten es gegeben hätte.
Lutz Herden schrieb am 15.12.2009 um 15:19
Vielen Dank für Ihre Reaktion, das alles im Einzelnen darzustellen, würde jetzt zu weit führen. aber es gab damals seit Herbst 1998 Verhandlungen in Rambouillet bei Paris über den Status des Kosovo, die jedoch vor allem von Seiten der USA mit derart diskriminierenden Bedingungen für die BR Jugoslawien verbunden waren, dass ein Ergebnis ausblieb und die militärische Option immer wahrscheinlicher und von westlicher Seite auch immer mehr gewollt wurde.

Es hätte einen einfachen Weg gegeben, einen Krieg zu vermeiden – den albanischen Nationalisten hätte von den USA, der NATO und UNO nur mitgeteilt werden müssen, dass man ihnen eine weitgehende Autonomie verschafft, aber zwei Dinge nicht passieren werden:
Der Ausstieg aus dem serbisch-jugoslawischen Staat und ein Militärschlag gegen Serbien, um genau das zu bewirken.
Schackerbilly schrieb am 16.12.2009 um 07:49
Sie spielen auf den umstrittenen Anhang B des Vertrags von Rambouillet an. Egal ob wir uns nun auf den Standpunkt stellen, dass dieser versehentlich in das Vertragswerk kopiert wurde oder nicht, deutet er doch nur das an, was schon der zweifelhafte Hufeisenplan zeigt: Natürlich gab es auf westlicher Seite den Willen zum Krieg. Das ist mehr als offenkundig. Und wir sind vermutlich auch vollkommen einer Meinung, wenn ich sage, dass der Westen keineswegs uneigennützig handelte.

Was leider aber von Ihnen immer noch nicht beantwortet wurde, ist meine Frage nach der damaligen innenpolitischen Situation in der BR Jugoslawien - und zwar insbesondere in Serbien. Sie sprechen von westlicher Aggression gegen Jugoslawien einerseits, von albanischen Nationalisten andererseits. Unbewusst entwickeln Sie hier ein Schwarzweiß-Schema, das der damaligen serbische Regierung - und der keineswegs geringe Zahl bereitwilliger Diener in der Bevölkerung - die Opferrolle zubilligt.

Aggressiver serbischer Ultranationalismus, in Teilen versteckt hinter einem sozialistischen Anstrich, kann beim Kosovokonflikt aber nun wahrlich nicht außer Acht gelassen werden. Das wäre ebenso unredlich wie die Verklärung der UCK zu heroischen Freiheitskämpfern.

Gar keine Frage: Natürlich wäre ein multiethnisches Jugoslawien zwischen Österreich und Griechenland die deutlich wünschenswertere Alternative zum jetzt entstandenen Flickenteppich gewesen. Aber welche Chancen hatte so ein Staat 1999 noch? Ich habe große Zweifel.
Reinard schrieb am 17.12.2009 um 15:40
Werter Schackerbilly,

ich denke wir sollten unterscheiden zwischen moralischen Wunschvorstellungen und rechtlicher Lage, wenn wir derartige »Fälle« betrachten. Zunächst sollte man die rechtliche Lage berücksichtigen, denn sonst ist das Chaos endgültig vorprogrammiert. Aus moralisch-ethischer Sicht würde mir nämlich so manche Gegend auf dieser Erde einfallen, wo ich gerne mal »aufräumen« würde...
Schackerbilly schrieb am 18.12.2009 um 08:26
Wir kommen hier tatsächlich an den neuralgischen Punkt der Diskussion. Mit dem Kosovokrieg wurde ohne Zweifel ein nicht ungefährlicher Präzedenzfall geschaffen.

Natürlich ist die Doppelmoral nicht zu übersehen: Weshalb wird vom Westen die Unabhängigkeit des Kosovos akzeptiert, nicht aber die Südossetiens, Berg-Karabachs, Transnistriens oder Tschetscheniens? Und wieso akzeptierte man nicht die Unabhängigkeit einer Srpska Republika Bosna i Hercegovina und einer Republika Srpska Krajina - zumindest in den Gebieten mit tatsächlicher serbischer Bevölkerungsmehrheit vor dem Krieg? Kein Zweifel, diese Frage ist berechtigt.

Natürlich ist auch der Kriegseintritt Deutschlands ein gefährlicher Präzedenzfall gewesen. Herr Herden macht sich hier ja durchaus nicht von der Hand zu weisende Gedanken.

Dementsprechend bin ich auch keinesfalls der Ansicht, dass die letztlich gefundene "Lösung" für das Kosovo uneingeschränkt begrüßenswert ist. Sie ist höchst problematisch, sicher.

Ich warne dennoch vor dem in der Linken weitverbreiteten Schwarzweiß-Denken, das im Milosevic-Regime ausschließlich das Opfer westlicher Aggression sieht. Davon kann beim besten Willen keine Rede sein.

Genauso wenig sollten die Augen davor verschlossen werden, was möglicherweise passiert wäre, wenn der Westen anders gehandelt hätte. Eine Fortsetzung des Guerilla-Krieges zwischen UCK, jugoslawischer Bundesarmee, serbischer Sonderpolizei und serbischen Freischärlerverbänden wäre die offenkundigste Folge gewesen. Aber auch die Gefahr einer Ausweitung des Krieges auf das innenpolitisch seinerzeit ausgesprochen instabile Albanien war vom Westen keinesfalls künstlich aufgebauscht worden. Ebenso hätten die kriegerischen Auseinandersetzungen in Mazedonien unter anderen Vorzeichen noch erheblich schlimmer ausfallen können.

Ich behaupte nicht, dass ich eine Lösung für das damalige Dilemma kenne.
Wolfram Heinrich schrieb am 20.12.2009 um 08:21
"Vielen Dank für Ihre Reaktion, das alles im Einzelnen darzustellen, würde jetzt zu weit führen. aber es gab damals seit Herbst 1998 Verhandlungen in Rambouillet bei Paris über den Status des Kosovo, die jedoch vor allem von Seiten der USA mit derart diskriminierenden Bedingungen für die BR Jugoslawien verbunden waren, dass ein Ergebnis ausblieb und die militärische Option immer wahrscheinlicher und von westlicher Seite auch immer mehr gewollt wurde."

Ich zitiere der Einfachheit halber aus einem Aufsatz, den ich seinerzeit geschrieben habe:
"Kurz vor Beginn des Krieges hatte man in Rambouillet einen Durch­bruch ge­schafft. Es lag ein Vertrag vor, in welchem Jugoslawien sich zu Zuge­ständnissen bereit erklärte; Zugeständnissen, die so weitge­hend waren, daß auch die Seite der Kosovo-Albaner damit glaubte, le­ben zu können. Dieser unterschriftsreife Vertrag sah vor, daß aus­ländische Truppen im Kosovo stationiert würden, um die korrekte Er­füllung des Vertrages zu überwachen. Auch damit - und das ist ein sehr weitgehendes Zugeständnis - war Jugoslawien einverstanden. Wo­mit es nicht einverstanden war, war die Forderung der NATO, es müß­ten diese Truppen unter dem direkten Kommando der NATO stehen.

Nach Einschätzung des SPIEGEL vom 19.4.99 ist dies ein "Punkt, der nicht nur für Milosevic, sondern auch für jede andere ju­goslawische Regierung kaum annehmbar wäre...". Richtig. Das Akzep­tieren dieser Rege­lung hätte für jede denkbare jugoslawische Regie­rung den politischen Selbstmord bedeutet.

Um das zu erkennen, muß ich kein hochkarätiger Profi sein. Ich brau­che dazu weder einen Politologen, noch einen Friedensforscher oder Sozialpsy­chologen. Ein Wirtshausschläger tut's auch.

Jeder, der eine drohende Kneipenprügelei gerade noch abbiegen will, weiß, daß er seinem Kontrahenten die Möglichkeit lassen muß, sich so aus der Affäre zu ziehen, daß er dabei das Gesicht nicht verliert. Jedes "Friedensangebot", das den Gegner demütigt und entwürdigt, treibt ihn di­rekt in die Schlägerei hinein, selbst dann, wenn er weiß, daß er die Schlägerei ver­lieren wird.

Die NATO hat der jugoslawischen Regierung eine nicht demütigende Al­terna­tive versperrt. Milosevic konnte "wählen" zwischen Krieg und einem Aus­weg, den er nicht gehen konnte - und von dem die NATO genau wußte, daß er ihn nicht würde gehen können. Kein einziger der NATO-Regierungs­chefs, niemand von den beteiligten Spitzenmilitärs würde sich in ver­gleichbarer Situation so entscheiden, wie man es von Mi­losevic verlangt hatte. Er wäre am Tag nach der Unterzeichnung eines solchen Abkommens von einer innenpolitischen Explosion hinweg­gefegt.

Woraus folgt: Jugoslawien ist von der NATO in diesen Krieg getrieben wor­den.

Und: die NATO will sich diesen so raffiniert eingefädelten und in­szenier­ten Krieg nicht so schnell wieder vermasseln lassen. Nicht von einem "Wichtigtuer" wie Primakov.

Kurz nach Beginn des Krieges ist der russische Premier nach Belgrad ge­flogen, hat mit Milosevic gesprochen und - kam mit einem konkreten Vor­schlag zurück. Nach nur wenigen Tagen des Bombardements sendet der "Kriegstreiber" Milosevic ein eindeutiges Signal, daß er bereit sei, ein­zulenken. Die Bombardierung hat ihn und sein Land getroffen, er will die­sen Krieg beenden.

Die NATO weist das von Primakov übermittelte Angebot zurück, ohne es auch nur näher geprüft zu haben. "Herr Milosevic weiß, was er zu tun hat, um die Bombardierungen zu beenden. Ein Anruf von ihm bei uns genügt", gibt man kaltlächelnd bekannt.

Einige Wochen später macht sich Herr Tschernomyrdin auf den Weg nach Bel­grad, um erneut seinen, bzw. Rußlands Teil zum Ende der Feindse­ligkeiten beizutragen. Auch er kommt mit einem konkreten Angebot. Und auch dieses Angebot wird von den Politikern der NATO nicht ernsthaft erwogen.

Und damit sind wir wieder bei den Gesetzen der ganz ordinären Wirts­haus­schlägerei.

Der Seppe hat den Franze niedergeschlagen und stiefelt ihn jetzt mit Ei­fer und Genuß. Der Franze schreit ums Aufhören, aber der Seppe meint nur: "Erst mußt sagen: Ich bin ein Arsch." Und so­lange der Franze die gefor­derten Worte - und in der geforderten Form! - nicht spricht, stiefelt der Seppe den Franze munter weiter.

So handelt nicht einer, der - eher widerwillig zur Gewalt greifend - ei­nen aus dem Ruder gelaufenen Rabauken zur Räson bringen will. So handelt einer, der seine Lust darin findet, einen anderen zu schlagen und zu stiefeln."
Schackerbilly schrieb am 20.12.2009 um 08:48
Trotz partieller Zustimmung möchte ich doch zu bedenken geben, dass eine Wirtshausschlägerei wohl kaum ein angemessenes Erklärungsmodell ist. Was von UCK, jugoslawischer Bundesarmee, serbischer Sonderpolizei, serbischen Freischärlerverbänden und zuletzt auch NATO durchgeführt wurde, war ein mörderischer Krieg. Und zwar ein gut vorbereiteter, durchdachter Krieg auf allen Seiten.

Die federführenden Kriegsherren waren keineswegs ein paar Trunkenbolde irgendwo in einer Spelunke, die sich in einer abgelegenen Balkanschlucht, in einer Brüsseler Nebenstraße oder in einem Vorort von Moskau befindet.
Fro schrieb am 15.12.2009 um 12:43
Da haben Sie wirklich recht:
„Acht Jahre Afghanistan-Besatzung und -krieg unter deutsche Beteiligung sind insofern auch ein demokratischer Reifetest, der bisher weder angenommen noch bestanden wurde.“

Mehr als 2/3 der Bevölkerung ist gegen den Krieg – eigentlich Grund genug einen geordneten Rückzug anzutreten.
Aber Obamas Großoffensive - zu der auch ein Vernichtungsschlag gegen die Taliban und Al-Qaida gehört – soll anscheinend willig unterstützt werden. Können uns unsere Volksvertreter erklären, warum?
Es gibt keine zustimmungswürdige Begründung – der Krieg ist nicht zu gewinnen – kostet vielen Zivilisten und Soldaten das Leben und bringt nur wenig Vorteile für die Bevölkerung und kostet viel Geld.

Da versucht man es einmal anders:
Wenn wir schon mal Soldaten in Afghanistan haben, dann sollen sie auch töten dürfen.
Momentan versucht anscheinend ein Netzwerk zwischen Guttenberg, seinen Beratern, Geheimdienst und Bildzeitung (und nun auch unterstützt von den Militärs und allen Freunden Guttenbergs), das Kunduz-Massaker als Kampfeinsatz erscheinen zu lassen – die Verantwortlichen - für die Tötung von bis zu 100 Zivilisten - reinzuwaschen und für ein offensiveres Vorgehen der Truppen zu werben – sie sollen endlich enthemmt töten dürfen:

Hier der heutige Bildartikel.
Mit einem praktischen Kriegszustimmungszähler bzw Kampagnenerfolgsmesser. Bisher sind 62% für einen Abzug der Truppen.
Würde mich nicht wundern, wenn zum geeigneten Zeitpunkt die Meldung die Runde macht: „Die Zustimmung wächst“.

Darf ein Minister etwas inszenieren und die Bürger mit gesteuerten Informationen, derartig hinters Licht führen um ihre Meinung zu manipulieren?

Bisher ist nichts bewiesen aber die Faktenlage lässt solche Vermutungen einfach aufkommen.
Fro schrieb am 15.12.2009 um 13:15
Ich will das mit der Faktenlage etwas einschränken – wer kennt sie schon genau.
Es ist einfach ein Eindruck der sich aufdrängt.
Lutz Herden schrieb am 15.12.2009 um 15:22
Ich glaube nicht, dass die Zustimmung für einen wachsenden deutschen Truppeneinsatz am Hindukusch wächst - diese Gesellschaft hat bisher gut damit gelebt, diesen Krieg zu verdrängen und in ihn humnitären Pseudo-Argumenten rechtfertigen zu lassen.
Aber er rückt näher, je mehr Soldaten dorthin geschickt werden.
Fro schrieb am 15.12.2009 um 16:00
Ich hoffe Sie haben recht.
SchmidtH. schrieb am 15.12.2009 um 13:23
In der Tat werter Lutz Herden diese Frage:

"Was ist daran erschreckender? Die Kaltblütigkeit von Militärs, die derart handeln, oder der Zustand einer Gesellschaft, aus deren politischer Mitte heraus ein solches Handeln toleriert und geduldet wird?"

bringt es auf den Punkt. Ja - auch wenn die Umfragen was anderes besagen - der Krieg wird wieder gesellschaftsfähig, er kehrt in die Gesellschaft zurück. Selbst von der "Heimatfront" darf wieder schwadroniert werden, ja selbst die gute alte "Dolchstoßlegende" wird unterschwellig in Stellung - um im Militärischen zu bleiben - gebracht und schon einmal vorsorglich als Begründung für das Scheitern unserer Truppen in Afghanistan angedacht.

Ganz besonders dreist finde ich die Einlassung des deutschen Generals Lather, der das "Ereignis von Kundus" zum Anlass nimmt, mehr deutsche Soldaten zu fordern. Richtig, wir dürfen doch unsere "Jungs an der Front" nicht im Stich lassen.

Hier wird eine neue Sicht der Dinge vorbereitet, das Wort "Krieg" soll seinen Schrecken verlieren und es wird nicht lange dauern bis auch die Umfragen sich ändern werden. Im Krieg versammelt sich eben eine Volksgemeinschaft immer um die eigenen Krieger!

20 Jahre Mauerfall erinnert schmerzlich daran, was gewonnen wurde, aber vor allem was auch verloren, unwiederbringlich verloren ging.

Vor kurzem hörte ich, wie jemand aus Voltaires "Candide" zitierte:

"Erzähl uns vom Krieg, der Frieden ist so entsetzlich langweilig."

Es passt so vortrefflich in die heutige Zeit. Irgendwie muss diese, unsere Spassgesellschaft bei Stimmung gehalten und um ein "Event" angereichert werden.

KRIEG!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.12.2009 um 13:35
Wie wärs mit "Krieg und Frieden"?

Trifft den Zeitgeist ihr Artikel, Herr Herden, thankx.

Gruß
U.
Lutz Herden schrieb am 15.12.2009 um 15:27
Das mag sein, aber die Spaß- und Diskursgesellschaft wird mit ihrem Hang zur virtuellen Hybris darüber nichts hören wollen, weil es ihr den Spaß verderben würde. Auch den Gedanken mit der "Volksgemeinschaft", den Sie ins Gespräch bringen, kann ich zwar begrenzt nachvollziehen, glaube aber, dass er einer Vergangenheit gilt, die niemals - durch welche Umstände auch immer - reaktivierbar ist.
MisterZ schrieb am 15.12.2009 um 17:38
@Lutz Herden
"genormte Demokratie", "sich demokratisch nennende Gesellschaft" - von welchem Staat ist hier die Rede? Russland?

@SchmidtH.
"KRIEG!" - Vor ein paar Wochen standen hier im Freitag sehr gute Kommentare, die Sache endlich beim Namen zu nennen, dass die "Spaß- und Dikursgesellschaft" endlich mal anfängt, ihre demokratische Macht zu gebrauchen. Jetzt passiert das, aber es ist auch wieder nicht recht. Weil das ist ja alles nur Gehirnwäsche.

Ich kapier das alles nicht. Bin aber ganz froh, dass zur außenpolitischen Normalität auch gehörte, bei Bushs Irakkrieg nicht mitzumachen. Ach, ich vermute, da werden die versammelten Herrschaften hier wahrscheinlich auch ganz anderer Meinung sein. Klar.
SchmidtH. schrieb am 15.12.2009 um 18:46
@ Mister Z

Als wir hier oder auch in anderen Foren forderten, endlich von dem zu reden, was dort in der Wirklichkeit stattfindet, nämlich KRIEG, und es auch so zu benennen, waren wir doch nicht der Ansicht, den Zustand, der sich hinter diesem Begriff verbirgt, als normal anzusehen. Wir wollten doch nur Klarheit im Ausdruck.

Ziel war es, durch das BENENNEN das Bewusstsein zu schärfen. Also die Ablehnung einer Politik der Gewalt zu unterstützen.

Nun geschieht, langsam aber sicher, genau das, was immer geschieht, wenn sich die Angegriffenen, die Entlarvten dieses bis dahin verpönten Begriffes bemächtigen und für ihre Zwecke nutzen. Ab jetzt darf der „Krieg“ dort also auch so bezeichnet werden.

Transporteur dieser Botschaft ist ein gegelter, flotter adliger Jungdynamiker, kein Politgreis, niemand, dem man schon überdrüssig seiner ständigen Statements und Fernsehauftritten ist, also einer aus einer Generation, die nichts anderes kennt als immer nur vorwärts, vorwärts, selbstsicher und –überzeugt, und zwei Dinge beherrscht, die heute mehr zählen als je zuvor. Quasseln, quasseln, grinsen, grinsen und immer so tun, als wären sie gut drauf, wüssten alles und wären gerade dabei, das Rad neu zu erfinden.

Ergo:
„Und wenn der so spricht, so denkt, dann kann es doch nicht falsch sein. Der ist doch völlig unbelastet, einer von uns und bringt frischen Wind in die verstaubte, verlogene Politkaste.“

Auch wenn Lutz Herden anderer Ansicht ist, hoffe ich, dass er recht behalten wird, nur glaube ich, den Deutschen in dieser Beziehung treffender einschätzen zu können.
Ach ja, eines darf nun wirklich nicht vergessen werden. Die, die sich heute als Opposition gerieren, waren und sind Täter. Täter im Kostüm des Heuchlers auftretend.
Die, die schon immer dagegen waren, werden totgeschwiegen, weil die Wahrheit, die Wahrheit „ex ante“ eben nicht mit der neuen Wahrheit „ex post“ verglichen werden soll und darf.
Lutz Herden schrieb am 16.12.2009 um 07:13
Mit den Tätern haben Sie sehr recht, wie sich derzeit besonders die SPD mit Eifer ausstaffiert, um aufzuklären, ist schwer erträglich. Aber bei den Grünen ist es auch kaum anders
Lutz Herden schrieb am 16.12.2009 um 10:22
Warum muss eigentlich Russland immer dazu herhalten, die demokratischen Defizite in Deutschland kleinzureden? Ich möchte nur daran erinnern, dass Gerhard Schröder das deutsche Afghanistan-Mandat im Dez. 2001 über eine politische Erpressung durchsetzte, indem er den ISAF-und Enduring-Freedom-Einstieg mit der Vertrauensfrage verknüpfte.
SchmidtH. schrieb am 16.12.2009 um 10:35
Ja, ja die Grünen.
Einmal abgesehen vom Chefankläger Trittin drängt sich eine andere, ach so gefragte Person der Grünen in den Vordergrund, nämlich Tom Koenigs.

Seine Rolle, sein Wirken als UN-Beauftragter hat Willy Wimmer in dieser Zeitung sehr gut herausgearbeitet. Daran sei hier noch einmal erinnert.

www.freitag.de/2006/40/06400202.php

Ein kurzer Ausschnitt aus dem Beitrag sei gestattet:

[...]Der fordert - ohne auf den Widerspruch des Bundesaußenministers zu stoßen - seit Wochen Mantra-artig den Einsatz der Bundeswehr auf den Gefechtsfeldern im Süden des Landes. Seine Begründung dafür zeigt, wozu man heute fähig sein kann. Dort - so Koenigs - finde ein "Volksaufstand" statt, dort müsse die NATO zeigen, was eine Harke ist. Devise: Geschlossenes Handeln am Hindukusch und Soldaten, wo man sie braucht. Wenn einer derart die Flucht nach vorn antritt, dann nicht wegen al-Qaida, dessen Präsenz in Afghanistan längst kein Thema mehr ist, wie man Erklärungen offizieller Vertreter der Regierung Karzai entnehmen darf."

Ein Beitrag aus berufenem Munde, dennoch eines "einsamen" Rufers, Oktober 2006
Lutz Herden schrieb am 16.12.2009 um 13:52
Vielen Dank für diesen Hinweis, es lohnt sich auch, all das noch einmal nachzulesen, was Willy Wimmer zum Problem der paschtunischen Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze in Afghanistan und Pakistan geschrieben hat. Dem lässt sich entnehmen, dass "Befriedung" ohne eine einvernehmliche Lösung der Grenzfrage völlig abwegig sein wird - egal, ob Obama 35.000 oder 135.000 Soldaten mehr schickt.
Schackerbilly schrieb am 20.12.2009 um 08:19
Ein ganz so einsamer Rufer ist Herr Wimmer ja nun auch wieder nicht. Immerhin pflegt er beste Beziehungen zu Peter Gauweiler.

Wer sich für die gemeinsamen Projekte dieser beiden Herren interessiert, sollte einmal den Suchbefehl "Willy Wimmer site:.peter-gauweiler.de" bei Google eingeben.

Ist eigentlich schon die Gedenktafel für Johannes Paul II. am Brandenburger Tor angebracht worden, die die beiden im April 2005 angefordert haben?
zelotti schrieb am 18.12.2009 um 23:48
Nachdem die NATO eingriff, war auf dem Balkan Ruhe. Was für eine Realitätsverzerrung: "mit der Aggression gegen Jugoslawien, die zum Gründungscode der Berliner Republik gehörte".

Es geht aus meiner Sicht nur "um uns" und unsere Prinzipien. Nicht um die Rechtfertigung des Militäreinsatzes auf dem Balkan. Damit hatten sich die Europäer zu viel Zeit gelassen.

Der Tod von 10 Zivilisten ist Peanutskrieg. Das muss man sich vergegenwärtigen. Heutzutage wird gar kein richtiger Krieg mehr geführt. Richtiger Krieg ist unmöglich geworden. Und das ist auch gut so.
Schackerbilly schrieb am 20.12.2009 um 07:54
"Es geht aus meiner Sicht nur 'um uns' und unsere Prinzipien. Nicht um die Rechtfertigung des Militäreinsatzes auf dem Balkan. Damit hatten sich die Europäer zu viel Zeit gelassen."

Der Westen hat sich zumindest in Bosnien weniger Zeit gelassen als man denken sollte. Vor dem Eingreifen hat man zuerst in aller Seelenruhe dafür gesorgt, dass Kroatien und Herceg-Bosna hochgerüstet wurden. Amerikanische Militärberater im Dienste Tudjmans taten ihr übriges. Wenn es überhaupt irgendeinen Sieger dieses Krieges gibt, dann ist es Kroatien. Und genau diesen Sieger wollte der Westen.

Bei einem Eingreifen stellt sich halt immer auch die Frage, welche Nachkriegsordnung das Ziel sein soll. Für ein multiethnisches Jugoslawien war der Westen zu keinem Zeitpunkt. Man denke nur an den vollkommen schizophrenen Vance-Owen-Plan, der genau wie die voreilige Anerkennung Kroatiens unter Genscher zu einer massiven Verschlimmerung der Situation geführt hat.
Hermanitou schrieb am 20.12.2009 um 09:03
Kriegsgewinnler in Jugoslawien sind bis heute die Rauschgiftringe und Menschenhändler im Kosovo und in Albanien. Das multiethnische Jugoslawien als Wortführer der blockfreien Staaten und eines demokratischen Sozialismus (Arbeiterselbstverwaltung etc)war den Herren im Westen und Osten verhasst. Und so hat man religiöse und nationale Fanatiker in allen Teilen Jugoslawiens losgelassen und aufeinander gehetzt. Den rest erledigten dann die Nato-Bomber. Ist es Zufall, daß auch in Afghanistan der Rauschgiftanbau ein blühender Wirtschaftszweig ist?
Schackerbilly schrieb am 20.12.2009 um 09:26
Organisiertes Verbrechen gibt es nicht nur im Kosovo und in Albanien. Es blüht in (fast) allen Ländern des Balkans. Und es gab und gibt fließende Übergänge zur Politik - gleichgültig, ob es sich um kosovarische Politiker, serbische Politiker oder montenegrinische Politiker handelt. Und auf allen Seiten hat das organisierte Verbrechen vom Krieg profitiert.

Die Feststellung, dass ein multiethnisches, demokratisch-sozialistisches, blockfreies Jugoslawien weder im Osten noch im Westen gewollt waren, ist zutreffend. Allerdings ist es eine grobe Vereinfachung, so zu tun, als ob es in Jugoslawien vor Titos Tod keine Probleme gegeben hätte und alles Nachfolgende die Tat des Auslands gewesen wäre.

Multikausale Denkmodelle greifen für die Kriege im ehemaligen Jugoslawien schlicht und ergreifend zu kurz.
Schackerbilly schrieb am 20.12.2009 um 09:27
"Multikausale Denkmodelle": Gemeint waren natürlich monokausale Denkmodelle.

@Freitag-Redaktion: Wann kommt endlich eine Edit-Funktion für Kommentare?
Lutz Herden schrieb am 20.12.2009 um 18:42
Die Frage einer afghanischen Nachkriegsordnung hat bisher kaum jemand auf die Tagesordnung zu setzen gewagt, weil die Nachkriegsordnung nach dem Abzug der Sowjets im Februar 1989 nichts als eine Vorkriegsordnung war. Feststeht jetzt schon, dass es völlig sinnlos ist, über ein politisches Nachkriegsregime in Kabul nachzudenken, ohne die Verhältnisse in Pakistan zu berücksichtigen.
Hermanitou schrieb am 21.12.2009 um 08:22
Welcher Staat hat auch keine Probleme? Natürlich war schon zu Titos Zeiten nicht alles paletti, und die einzelnen Volksgruppen konnten sich noch nie sonderlich leiden. Es ist überall ein Problem, wenn eine "Lichtgestalt" (oder ein Diktator u.ä.) alles übertüncht, besser wäre eine durchdachte Ordnung des Zusammenwirkens lange vor Titos Tod gewesen.


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