Politik

Hausprojekt | 29.01.2010 04:55 | Sebastian Thalheim

Leben im Ungewissen

Das Wohnprojekt „Liebig 14“ steht kurz vor der Räumung. Auch ein runder Tisch konnte kein Ergebnis bringen

Tatjana guckt mit sorgenvoller Miene aus ihrem Fenster. „Wir haben Angst“, erklärt sie und zieht nervös an ihrer Zigarette. „Jeden Tag könnte der Räumungsbeschluss in unserem Briefkasten liegen“. Seit drei Jahren wohnt sie in dem bunten Mietshaus in der Liebigstraße 14, eines der wenigen alternativen Häuserprojekte, das dem Druck der Berliner Sanierungswelle standhält. Wie lange ist ungewiss. Ein runder Tisch vom 28. Januar, an dem Hausbewohner, Politikern und kirchliche Organisationen teilgenommen hatten, blieb ohne Ergebnisse. Der Eigentümer, der über das Schicksal der „Liebig14“ entscheiden könnte, war nicht erschienen.

Eigentlich müsste die Stimmung in dem Haus positiv sein. Die Besetzung fand 1990 statt, 2010 wäre also ein runder Geburtstag der „Liebig 14“. Doch nachdem 1992 das Projekt legalisiert wurde und Mietverträge abgeschlossen wurden, verkaufte die Wohnungsbaugenossenschaft Friedrichshain im Jahr 2000 das Anwesen an Suitbert Beulker. Das neue Konzept des Ingenieurs von einem sanierten Eigenheim für die Mittelschicht stand im Widerspruch zum multikulturellen Zusammenleben. „Wir sind basisdemokratisch organisiert“, beschreibt Tatjana dieses. Die vier Küchen und neun Wohnungen stehen jedem offen. Einmal die Woche treffen die 25 Mieter in einem Plenum gemeinsam Entscheidungen. Zusammen wollten die Liebigbewohner auch zu einer Lösung des Mietkonflikts kommen. Eine Stiftung fand sich, die das Gebäude kaufen und weitervermieten wollte. Stattdessen kündigte Beukler die Einzelmietverträge, mit der Begründung dass ihm eine Zwischentür im Treppenhaus den Zutritt zu seinem Eigentum verwehrt. Am 13. November verloren Tatjana und ihre Mitbewohner den neunten Berufungsprozess. Die Kündigung wurde rechtskräftig und das Amtsgericht Lichtenberg stellte Beukler den Räumungstitel aus.

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In Berlin ist das kein Einzelfall. Nach dem Mauerfall wurden mehr als 120 Gebäude besetzt, zwei Drittel im Anschluss legalisiert und an neue Eigentümer verkauft. Die verfolgten oft ihre eigenen Interessen und es kam zu richterlichen Auseinandersetzungen. So wurde am 24. November 2009 die Brunnenstraße 183 nach jahrelanger Ungewissheit durch ein Großaufgebot von 600 Polizeibeamten evakuiert. Dieses Schicksal steht auch der Friedrichshainer „Rigaer 94“ bevor. Das ebenfalls zu Beukler gehörende Hausprojekt, muss jeden Tag mit einem Brief vom Gerichtsvollzieher rechnen. Im laufenden Jahr soll das Berliner Kunsthaus Tacheles versteigert werden. Um das Gebäude für Investoren attraktiv zu machen, will der Eigentümer HSH Nordbank die Kaufhausruine räumen lassen. Einem Bürohaus der Baufirma Hochtief soll die schwul-lesbische Wagenburg „Schwarzer Kanal“ am Spreeufer weichen.

„Ein weiterer bunter Fleck ginge verloren“, beschreibt Knut Beyer das mögliche Szenario nach der Räumung. Die „Liebig 14“ sei eine Oase, eine Anlaufstation für kulturell und politisch interessierte Menschen, erklärt der Mitarbeiter der kommunalen Forschungsagentur ASUM auf Anfrage des Freitag. Von kultureller Vielfalt sprechen auch einige Politiker. Mit einem offenen Brief an den Eigentümer unterstützten Bezirksbürgermeister Dr. Franz Schulz und die Bundestagsabgeordneten Halina Wawzyniak (Die Linke) und Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Die Grünen) das Hausprojekt. Dieses mache den Bezirk Friedrichshain attraktiv, und eine Vertreibung würde einen zivilgesellschaftlichen Verlust bedeuten, so die Politiker.

Linkes Terrornest

Für Tatjana kommt diese Hilfe zu spät. „Wir sehen die Politiker in der Verantwortung“, erklärt sie. Als alternative Wohnprojekte in den 90er Jahren an Privatfirmen verkauft wurden, habe die Politik die Probleme verursacht, mit denen die Mietgemeinschaft der „Liebig14“ heute zu kämpfen haben. Einerseits würden Politiker für Berlin als „alternative Kulturstadt“ werben und andererseits die letzten Refugien origineller Wohnkultur nicht schützen, so Tatjana. Die Presse sieht dagegen in dieser Lebensform einen Störfaktor. Das Springerblatt Bild-Zeitung bezeichnete die „Liebig14“ als „linkes Terrornest“. Der Berliner Kurier forderte indirekt mit der Überschrift „Wann werden sie geräumt?“ zur Beseitigung der „Hausbesetzerbastion“ auf. „Eine bewusste Fehlinformation“ meint Tatjana dazu. Jeden Monat würden sie brav ihre Miete zahlen und in der Öffentlichkeit als Besetzer dargestellt.

Daher wollen Tatjana und ihre Nachbarn mit einem „Antiräumungsfestival“ die „Liebig14“ positiv in die Öffentlichkeit tragen. Bis zum 6. Februar werden Konzerte, Theaterstücke, Kinofilme, Kindertage und Workshops angeboten. Damit soll aber auch Druck auf den Senat ausgeübt werden. Nach dem ergebnislosen runden Tisch, kann nur noch der Innensenator die Räumung verhindern. Ob sich allerdings Ehrhart Körting davon beeinflussen lassen wird, bleibt ungewiss.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Querdenker schrieb am 01.02.2010 um 21:38
Wenn ich eines seit der Wende gelernt habe: Es bringt absolut nichts, mit liebevollen "Konzerten, Theaterstücken, Kinofilmen, Kindertagen und Workshops" eine "positive Öffentlichkeit" oder "Druck" für "alternative Projekte" zu erzeugen, egal ob es um Haus- oder Kulturprojekte geht. Das perlt an konservativen Politikern, Investoren und leider auch der Bürgerschaft ab wie Berliner Regenwasser auf einer Nanopartikel-beschichteten Bonzenschleuder. Gründet Unternehmen, kauft die Immobilien, geht selber in die Politik. Und widersteht dort allen Versuchungen.
zelotti schrieb am 01.02.2010 um 23:24
Ich denke der Beitrag dieser Lebensformen ist schon da, sie muss nur weichen fort. Vielleicht also demnächst in Pankow oder auf dem Lande.
Alien59 schrieb am 02.02.2010 um 07:45
Sehr traurig. Erträgt diese Republik nur noch gleichförmiges grau in grau?
Keiko-Scherth schrieb am 02.02.2010 um 11:56
Querdenker hat einen guten Vorschlag: selber ins Innere der Macht zu gelangen, um die Spielregeln mitzubestimmen. Das ist ein guter Weg, der aber immens steinig und hart ist - und bei dem viele Idealisten am Wegesrand zurück bleiben. Mehr Stiftungsmodelle, mehr "antikapitalistische" Unternehmen und eine kreativere Politik würden D-Land in vielen Bereichen gut tun. Und auch das Leben in den Städten lebenswerter machen. Ich habe die Gentrifizierung in Berlin-Mitte erlebt: Die Brunnenstraße war vor 15 Jahren eine "pissige" Gegend mit Ramschläden statt Galerien, Imbissbuden an Stelle von Coffee Shops. Und Beate Uhse (Rosenthaler Platz war ja in der Weimarer Republik und zu DDR-Zeiten Straßenstrich) statt hipper Klamottenläden. Man kann allen derzeit angesagten Stadtteilen nur wünschen, dass sie so werden wie die Oranienstraße: seelenlose Touri-Meilen mit dem Flair westdeutscher Kurstädte. Irgendwann ist dann alles voller H&M, Schuh-Goertz und Starbucks - und die Karawane zieht weiter!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 03.02.2010 um 10:30
Es geht eben um Rendite und die ist heilig. Aber der Weg ist immer gleich:

Ausgangspunkt: Unattraktiver Stadtteil
Dann: Weil es billig ist, ziehen viele Studenten, Kreative, Selbermacher etc. dort hin.
Weiter: Durch die Bewohner gewinnt der Stadtteil an Attraktivität. Kleine Läden entstehen, Bars, Clubs und so weiter.
Noch weiter: Die Eigentümer und Investoren denken sich, das es nun doch lohnenswert wäre, etwas zu machen.
Dann: Es wird oberflächlich saniert und die Mieten werden angezogen, weil mit den Bewohnern geworben werden kann.
Das Ende vom Lied: Die Eigner, die sehr lange nichts beigetragen haben, partizipieren an der Arbeit derer, die dort hin gezogen sind und die dann die Zeche zu bezahlen haben.

Ist doch toll. Das passiert übrigens in jeder größeren Stadt so oder so ähnlich. Interessant wäre eine Möglichkeit, den Prozess umzukehren.
Keiko-Scherth schrieb am 03.02.2010 um 13:05
Danke für die dezidierte Schilderung der Gentri-Phasen! Du hast Recht, das passiert überall und passierte auch schon oft: so war in FFM das Westend/Bockenheim ja auch mal eine abgerockte Studi-Gegend (wie HH-Eppendorf) - und dann blieben die Leute nach dem Examen dort, machten Karriere, gründeten Familien und plötzlich nervten die vielen Hunde im Park, war der hohe Ausländeranteil nicht mehr genehm etc. pp. - ein bisschen müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen.

Den Gedanken des "Umkehr-Prozesses" finde ich sehr interessant, weil so was wie in USA gibt es wohl kaum: da ziehen Menschen anderer Hautfarbe in eine "gutbürgerliche" Gegend, die dann kippt. In D-Land sind Aufsteiger (s.o.) angepasst bzw. die besseren (Klein-)Bürger. Obwohl es schon was hätte, wenn wir alle ganz subversiv nach Dahlem, Zehlendorf, Frohnau oder an die Elbchaussee ziehen und dort mal die Gegend mit unserer Kreativität aufmischen würden.


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