Politik

Medien und Krise | 10.03.2010 12:30 | Tom Strohschneider

„Diener des Mainstreams“

Eine Studie stellt dem Wirtschaftsjournalismus ein schlechtes Zeugnis aus. Nun wehren sich ARD und dpa gegen die Kritik – der nötigen Debatte kann das nur helfen

„Bundesregierung, Bundesbank und Wirtschaftsverbände rechnen derzeit nicht mit negativen Einflüssen auf die deutsche Konjunktur“, meldete die Deutsche Presse-Agentur im August 2007. Es sollte anders kommen, und wer es wissen wollte, konnte es auch damals schon erfahren haben. Wenn denn die vorausblickenden Kritiker in den Medien so präsent gewesen wären, wie die Beschöniger und Verharmloser. Sind sie aber nicht, schreiben Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt in einer aktuellen Studie, die inzwischen für einigen Wirbel gesorgt hat.

Bisher ist es vor allem ein Streit um eine Expertise, um Methoden und Auswahlkriterien. Doch es könnte, ja sollte, mehr daraus werden: eine Debatte über Qualitätsjournalismus und seine Produktionsbedingungen einerseits sowie ökonomische „Wahrheiten“, Brancheninteressen und die gesellschaftspolitische Rolle von Medien andererseits daraus werden.

In ihrer gerade bei der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung erschienen Expertise haben Storz und Arlt der Wirtschaftsberichterstattung zur Krise ein dramatisch schlechtes Zeugnis ausgestellt. Im Zentrum steht der massenmediale Umgang mit der Finanzmarktpolitik. Zeitungen, Fernsehsender und Nachrichtenagenturen hätten „schlecht gearbeitet“, von „Desorientierung“, „Pfusch am Bau“ und „Trivialjournalismus“ ist die Rede. „Die weltweite Krise des Finanzmarktes, die globale Krise der Großen Spekulation, löste auch eine Krise des Wirtschaftsjournalismus aus“, schreiben Storz und Arlt, „das journalistische Versagen ist in einigen Fällen so eklatant, dass es uns ausgeschlossen erscheint, einfach zur Tagesordnung über zu gehen.“

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Versagendes Frühwarnsystem

Arlt und Storz haben „insgesamt 16 bedeutende Ereignisse“ aus dem Zeitraum vom Frühjahr 1999 bis Herbst 2009 ausgewählt, Fallstudien angefertigt und Interviews geführt. Die untersuchten Medien, so das Fazit, hätten „über Jahre hinweg die Entwicklung der Finanzmärkte und die Finanzmarktpolitik sowie das umfangreiche kompetente und prominente kritische Wissen darüber ignoriert“. Von einer „Rolle als Frühwarnsystem der Gesellschaft“ könne keine Rede sein - erst mit dem “offiziell“ ausgerufenen Beginn der Krise im September 2008 setzte „auch in den Massenmedien eine der Situation angemessenere Berichterstattung ein“. Die Autoren der Expertise kennen die Szene: Der eine war Redakteur bei den Nürnberger Nachrichten, hat als Pressesprecher gearbeitet und ist heute Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter; der andere war Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung metall sowie der Frankfurter Rundschau und ist heute als Publizist (unter anderem für den Freitag) und Lehrbeauftragter tätig.

Am deutlichsten formulieren Arlt und Storz ihre Kritik an der Deutschen Presse-Agentur und dem für Nachrichtenformate zuständigen ARD-Aktuell. Beide äußerst reichenweitenstarken Medien hätten im Gegensatz zu den Print-Leitmedien „handwerklich nicht nur in den Jahren zuvor, sondern auch vor den inhaltlichen Herausforderungen der Berichterstattung über die Krise selbst“ versagt. Die Reaktionen ließ nicht lange auf sich warten:

Qualitative Probebohrungen

Der Chefredakteur von ARD-Aktuell, Kai Gniffke, wies in der Frankfurter Allgemeinen die Kritik zurück. Die Nachrichtensendungen hätten „aus unserer Sicht hinreichend jeweils die tagesaktuelle Entwicklung der Finanzkrise in der Berichterstattung berücksichtigt“. Die dpa-Chefredaktion warf den Autoren der Studie sogar „zahlreiche falsche und irreführende Behauptungen“ vor, zudem sei die Auswahl der untersuchten Ereignisse „willkürlich“. Zu ihrem Ergebnis hätten Arlt und Storz gewissermaßen kommen müssen, „weil sie unverständlicher Weise jedwede einordnende und hintergründige Berichterstattung der dpa vollständig aus ihrer Studie ausgeschlossen haben“. Mehr noch: Die Autoren, so der Vorwurf, hätten ihre Untersuchung so angelegt, „um zu dem augenscheinlich gewünschten Ergebnis zu kommen“, es sei ihnen offenbar nicht „wirklich um eine fundierte Studie gegangen“.

Wolfgang Storz hat inzwischen darauf geantwortet. Zur ausführlichen Stellungnahme der dpa sagte er auf meedia.de, es sei nie behauptet worden, „dass eine Vollerhebung durchgeführt wurde. Unsere Studie beinhaltet qualitative Probebohrungen“. Einen Grund, von den Ergebnissen der Untersuchung abzurücken, sieht Storz nicht. Es sei ihm und Jürgen Arlt wichtig, „dass die Ergebnisse unserer Untersuchung nicht als Vorwürfe gewertet werden, sondern dass jetzt ein längst überfälliger Diskurs über die Produktionsbedingungen bei Qualitätsmedien stattfindet“. Die sieben Thesen, die dem Buch gewissermaßen als forderndes Resümee vorangestellt sind und die man auch hier auf carta.info finden kann, sind dafür ein guter Aufhänger.

Agentur als Tranquilizer

Apropos: Anfangs war von den kritischen Stimmen die Rede, die im medialen Einheitsrauschen kaum zu Wort gekommen seien. Storz und Arlt haben für den Zeitraum vom Mai bis August 2007, als der G8-Gipfel in Heiligendamm für Schlagzeilen sorgte und erstmals die Europäische Zentralbank massive Liquiditätshilfen für den Finanzmarkt zur Verfügung stellen musste, im untersuchten dpa-Material lediglich zwei Zitate wider den Mainstream gefunden. Gustav A. Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung sowie der frühere SPD-Finanzpolitiker und heutige Attac-Aktivist Detlev von Larcher kamen da zu Wort, wiesen auf das gefährliche „Lotteriespiel auf dem Finanzmarkt“ hin und warnten davor, dass „der Aufschwung durch das Treiben von Finanzjongleuren verspielt“ werden könnte.

Seinerzeit beruhigten und beschwichtigen Regierung, Banken, Finanzmarktakteure und Wirtschaftslobby ungerührt weiter. Nicht zuletzt mit Hilfe der dpa, wie Arlt und Storz meinen: „Die Agentur profiliert sich als Tranquilizer und komponiert ihre Meldungen durchgängig nach dem Motto: Keine schlechte Nachricht ohne Beruhigungsformel.“ Das böse Erwachen sollte kurz darauf kommen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mh schrieb am 10.03.2010 um 13:10
na und?

ich habe seinerzeit im dpa feed genug roundups u.ä. gefunden, in denen die situation ganz gut dargestellt wurde.

die aufgabe einer tagesaktuellen berichterstattung ist es, tagesaktuell zu berichten was passiert. das ist geschehen.

das alles zusammenzusetzen und in ein größeres bild zu rücken, ist nicht die aufgabe der tagesaktuellen berichterstattung. das nur "experten" zitiert werden und diese wiederum danach ausgesucht werden, wer zur zeit als führender experte gilt .. war schon immer so und wird auch immer so sein.

nicht zuletzt deswegen, weil die kritischen stimmen ihre kritik seit jahren äußerten und denen nach der zusammenbruch schon seit ebensovielen jahren hätte erfolgen müssen.

würde die studie hier etwas aufdecken wollen, dann müsste sie auch festhalten, dass die untergangspropheten ebenso wenig recht behielten wie die seinerzeit aktuellen experten, die alles ganz locker sahen.

eine untersuchung wert gewesen wäre. ob nicht die laxe mainstreamberichterstattung dafür gesorgt hat, dass nicht mehr passiert ist. z.b. ein paar bankruns. aus der historie heraus betrachtet, hätte merkel kaum etwas besseres tun können, als die presse zu bieten keine panik zu schüren und derweil die einlagen zu sichern.

dieses verhalten war tatsächlich insofern alternativlos, als dass die altrnative größere verwerfungen gewesen wären, die das volk direkt betroffen hätte.

ich halte nicht sonderlich viel vom spiegel, geschweige denn von spon, aber hier konnte man bereits 2006 lesen, wie das mit den kreditderivaten läuft und wie bescheuert und unreguliert der handel ist.

es ist nicht so, dass keiner was gewusst hat und es ist auch nicht so, dass man hätte dagegen steuern können. es ist nur einfach so, dass es gut ging und deswegen keiner was unternommen hat.

es gab selbst im mainstream genug warnungen vor den isländischen banken und den risiken, die mit den hohen zinssätzen für einlagen einhergingen. man konnte das alles wissen .. wer es dennoch tat, selbst schuld.

und haben wir die heuschrecken-debatte etwa nicht geführt? die medien waren voll davon, vor allem von negativer berichterstattung über die heuschrecken. ja, auch dpa hat da ausführlich drüber berichtet. jeder der auch nur ansatzweise die debatte verfolgte, konnte erfahren, wie private equity-gesellschaften kredite aufkaufen, wie hausbesitzer dadurch in die enge getrieben wurden, wie gesetzeslücken dem bürger schadeten und den heuschrecken die rendite bescherten.

und was ist passiert? nichts... und dabei wurde die diskussion von der regierungsecke her ausgelöst.

das ist der eigentliche skandal an alldem.

die kritischen stimmen, besonders aus der attac-ecke, waren übrigens nie sonderlich fundiert. sie waren immer aufrührerisch, gingen jedoch nie in die tiefe. es ist doch keine analyse, auf deren basis man etwas ändern kann und wird, wenn leute, die generell dagegen sind, behaupten das sei ein casino. begründung? die fehlte oftmals in aller ausführlichkeit.

diese leute haben nie die genauen probleme benannt, die dann über uns reinbrachen.

mfg
mh
misterl schrieb am 10.03.2010 um 15:48
@MH

Die Wahrheit liegt ungefähr dazwischen.

Also zwischen als Sinnbild jenem Professor Sinn als Leitfigur und seinem medialen Einfluss fürs Urnenvolk in ungezählten Wiederholungen, den Charts der Untergangspropheten, die (leider finde ich den Link nicht mehr) extrem gute Prognosen lieferten und dem Vertuschen der Verantwortlichkeiten der Akteure bis heute.

Der Skandal ist das Ganze und das z.B. immer noch keine Staatsanwaltschaft wegen z.B. Veruntreunung von Millionen oder Milliarden Euro aktiv wurde.
lebowski schrieb am 10.03.2010 um 13:29
Ich bin so unsicher geworden in den letzten Jahren.
Mir kam ja auch schon hin und wieder der Verdacht, dass unsere Medien nicht angemessen über die Finanzkrise berichten. Aber wer bin ich, dass ich mir da ohne Expertise oder einer Studie von Experten ein eigenes Urteil erlauben könnte?
Aber gottseidank ist es ja jetzt amtlich: zwei "Experten" haben festgestellt, dass der Wirtschaftsjournalismus in Presse und Fernsehen sch.. ist.
War es bislang nur eine vage Vermutung, so steht es jetzt fest.
DAFÜR DANKE!
Calvin schrieb am 10.03.2010 um 16:03
Ich muss da MH zustimmen.

Medien sind keine Orakel und wir erwarten ja nicht einmal, dass das Wetter am nächsten Tag dem vorhergesagten entspricht.

Die Gefahr, die von einer hysterischen Berichterstattung ausgegangen wäre, halte ich für ungleich höher.

Wer sich informieren wollte, konnte dies tun.
Interessanter wird sein, wie mit dem Gemauschel danach umgegangen wird. Die deutsche Hilfe sah ja nun einmal so aus, dass wenig Bargeld in die Hand genommen wurde (von der Abwrackprämie abgesehen, aber die ist auch nicht so wichtig), sondern der Staat und damit wir lustig Sicherheiten für die Vollpfeifen der Deutschen Bankenindustrie gestellt haben und stellen. Daher lässt sich das Schuldenvolumen nicht erfassen, da es von der Entwicklung der Finanzmärkte abhängig sein wird.

Was die deutsche Bankenaufsicht und die zahlreichen Beamten bei den Landesbanken betrifft: Die müssten natürlich bei einer adäquaten massenmedialen Berichterstattung aufpassen. Aufpassen, dass sich in der Bevölkerung nicht der Eindruck verfestigt, diese Totalversager wie den französischen Adel nur durch die Guillotine dauerhaft entsorgen zu können, da diese sonst als Wiedergänger an anderen Stellen wieder auftauchen und einem graue Haare wachsen lassen!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.03.2010 um 20:43
Die Autoren haben sogar nur die Spitze des Eisbergs beschrieben. Darum stimme ich keinem der anderen Kommentare hier zu. Wegen meiner langen Arbeit bei einer anderen, wirklich internationalen Agentur, habe ich mir oft die Klagen der DPA Mitarbeiter angehört. Aber wirklich schlimm trifft es die "Stringer", deren "Honorare" eher Almosen sind. Bei unzähligen Fotografen die so naiv waren dieser Tranquilizer-Agentur ihr Material anzubieten wurden bei der Copyright-Nutzung ausgetrickst. Gerichte entscheiden oftmals zu gunsten dieser Agentur. Wenn eine Agentur so handelt wird sie immer bleiben was sie ist: eine kleine provinzielle Agentur ohne internationale Bedeutung, gerade gut genug soviel Text zu liefern der noch durch weiteres "paste©" dann in den Zeitungen erscheint. Aber es sollte hier keiner der Täuschung erliegen das die DPA sonst genauso unwichtig ist: sie ist wegen ihrer Monopolstellung brandgefährlich. Das wissen die Typen bei der DPA selbst, deswegen ist Demmers Reaktion auf deren Presseportal auch so lustig.
sputnik-suedstern schrieb am 11.03.2010 um 07:52
Wer denn tatsächlich von der ARD eine fundierte (weil kritische) Berichterstattung erwartet, sollte am besten den Fernseher ausschalten. Das selbe gilt für das Ticker- und Nachrichtenversorgungsunternehmen dpa. - Sicherlich, wer bereits 2007 an Krise gedacht hat, konnte sich auf nachweisbare und begründete Artikel allüberall in fundierten (Print)-Medien bedienen und besorgt sein.
Andererseits: Seither, seit der offiziellen Krisen-Berichterstattung, ist es aufgrund der aufgerührten Komplexität und vielschichtigen Desinformation auf dem Gebiet seitens dieser Medien erstaunlich ruhig geworden.
Der ungezügelte Kapitalismus hat auf breiter Front Einzug gehalten und die hiesigen Vertreter haben die Tür sperrangelweit aufgehalten. Nachgefragt, wie man anders auf die offizielle Form der "Krise" hätte reagieren können und welche Alternativen es gäbe, das bleiben selbst Qualitätsblätter ihren Lesern schuldig. Die dort formulierte Kritik würde, wenn ehrlich formuliert, die Regierung zum direkten Rücktritt bewegen.
Grundgütiger schrieb am 11.03.2010 um 08:59
Also, ich glaube, das es eine Sprachregelung gibt.
Man kann Ereignisse ja aus verschiedenen Gesichtspunkten und Perspektiven sehen.
Wenn z. B. Milch teurer wird, freuen sich die Bauern, ärgern sich die Verbraucher.
Und so kann ich mir auf keinen Fall eine objektive Berichterstattung vorstellen.
Bei der DPA lese ich immer nur das Ereignis, kaum, wem es schadet, wem es nutzt, welche Wirkung eintritt.
Bei einer hochkomplexen Sache, wie z. B. Finanzderivaten, wurde die Tragweite bestimmter Entwicklungen dann auch nie beschrieben.
Ein bekanntes Opfer dieser Berichterstattung war ein gewisser Herr Steinbrück.
Wenn dann, nicht nur bei Springer, immer dieselben Adepten, Sinn heist einer von Ihnen, Raum in den Mainstreammedien bekommen, bekommt die Sache doch erstmal eine Richtung.
Ich kann mir eine enge Verflechtung bestimmter Kreise vorstellen, nein, ich meine keinen Verschwörungsclan,
die sich beraten, wie man eine Entwicklung beschreibt.
Ich kann mir bei DPA nicht einen Redakteur vorstellen,der schreiben würde, man hat den falschen Leuten Streichhölzer geschenkt,schaun mir mal, was die damit machen.
Das wäre Meinung, und Meinung ist nur erlaubt,wenn Sie nützlich ist, nur wem?


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