„Diener des Mainstreams“

Medien und Krise Eine Studie stellt dem Wirtschaftsjournalismus ein schlechtes Zeugnis aus. Nun wehren sich ARD und dpa gegen die Kritik – der nötigen Debatte kann das nur helfen

„Bundesregierung, Bundesbank und Wirtschaftsverbände rechnen derzeit nicht mit negativen Einflüssen auf die deutsche Konjunktur“, meldete die Deutsche Presse-Agentur im August 2007. Es sollte anders kommen, und wer es wissen wollte, konnte es auch damals schon erfahren haben. Wenn denn die vorausblickenden Kritiker in den Medien so präsent gewesen wären, wie die Beschöniger und Verharmloser. Sind sie aber nicht, schreiben Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt in einer aktuellen Studie, die inzwischen für einigen Wirbel gesorgt hat.

Bisher ist es vor allem ein Streit um eine Expertise, um Methoden und Auswahlkriterien. Doch es könnte, ja sollte, mehr daraus werden: eine Debatte über Qualitätsjournalismus und seine Produktionsbedingungen einerseits sowie ökonomische „Wahrheiten“, Brancheninteressen und die gesellschaftspolitische Rolle von Medien andererseits daraus werden.

In ihrer gerade bei der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung erschienen Expertise haben Storz und Arlt der Wirtschaftsberichterstattung zur Krise ein dramatisch schlechtes Zeugnis ausgestellt. Im Zentrum steht der massenmediale Umgang mit der Finanzmarktpolitik. Zeitungen, Fernsehsender und Nachrichtenagenturen hätten „schlecht gearbeitet“, von „Desorientierung“, „Pfusch am Bau“ und „Trivialjournalismus“ ist die Rede. „Die weltweite Krise des Finanzmarktes, die globale Krise der Großen Spekulation, löste auch eine Krise des Wirtschaftsjournalismus aus“, schreiben Storz und Arlt, „das journalistische Versagen ist in einigen Fällen so eklatant, dass es uns ausgeschlossen erscheint, einfach zur Tagesordnung über zu gehen.“

Versagendes Frühwarnsystem

Arlt und Storz haben „insgesamt 16 bedeutende Ereignisse“ aus dem Zeitraum vom Frühjahr 1999 bis Herbst 2009 ausgewählt, Fallstudien angefertigt und Interviews geführt. Die untersuchten Medien, so das Fazit, hätten „über Jahre hinweg die Entwicklung der Finanzmärkte und die Finanzmarktpolitik sowie das umfangreiche kompetente und prominente kritische Wissen darüber ignoriert“. Von einer „Rolle als Frühwarnsystem der Gesellschaft“ könne keine Rede sein - erst mit dem “offiziell“ ausgerufenen Beginn der Krise im September 2008 setzte „auch in den Massenmedien eine der Situation angemessenere Berichterstattung ein“. Die Autoren der Expertise kennen die Szene: Der eine war Redakteur bei den Nürnberger Nachrichten, hat als Pressesprecher gearbeitet und ist heute Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter; der andere war Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung metall sowie der Frankfurter Rundschau und ist heute als Publizist (unter anderem für den Freitag) und Lehrbeauftragter tätig.

Am deutlichsten formulieren Arlt und Storz ihre Kritik an der Deutschen Presse-Agentur und dem für Nachrichtenformate zuständigen ARD-Aktuell. Beide äußerst reichenweitenstarken Medien hätten im Gegensatz zu den Print-Leitmedien „handwerklich nicht nur in den Jahren zuvor, sondern auch vor den inhaltlichen Herausforderungen der Berichterstattung über die Krise selbst“ versagt. Die Reaktionen ließ nicht lange auf sich warten:

Qualitative Probebohrungen

Der Chefredakteur von ARD-Aktuell, Kai Gniffke, wies in der Frankfurter Allgemeinen die Kritik zurück. Die Nachrichtensendungen hätten „aus unserer Sicht hinreichend jeweils die tagesaktuelle Entwicklung der Finanzkrise in der Berichterstattung berücksichtigt“. Die dpa-Chefredaktion warf den Autoren der Studie sogar „zahlreiche falsche und irreführende Behauptungen“ vor, zudem sei die Auswahl der untersuchten Ereignisse „willkürlich“. Zu ihrem Ergebnis hätten Arlt und Storz gewissermaßen kommen müssen, „weil sie unverständlicher Weise jedwede einordnende und hintergründige Berichterstattung der dpa vollständig aus ihrer Studie ausgeschlossen haben“. Mehr noch: Die Autoren, so der Vorwurf, hätten ihre Untersuchung so angelegt, „um zu dem augenscheinlich gewünschten Ergebnis zu kommen“, es sei ihnen offenbar nicht „wirklich um eine fundierte Studie gegangen“.

Wolfgang Storz hat inzwischen darauf geantwortet. Zur ausführlichen Stellungnahme der dpa sagte er auf meedia.de, es sei nie behauptet worden, „dass eine Vollerhebung durchgeführt wurde. Unsere Studie beinhaltet qualitative Probebohrungen“. Einen Grund, von den Ergebnissen der Untersuchung abzurücken, sieht Storz nicht. Es sei ihm und Jürgen Arlt wichtig, „dass die Ergebnisse unserer Untersuchung nicht als Vorwürfe gewertet werden, sondern dass jetzt ein längst überfälliger Diskurs über die Produktionsbedingungen bei Qualitätsmedien stattfindet“. Die sieben Thesen, die dem Buch gewissermaßen als forderndes Resümee vorangestellt sind und die man auch hier auf carta.info finden kann, sind dafür ein guter Aufhänger.

Agentur als Tranquilizer

Apropos: Anfangs war von den kritischen Stimmen die Rede, die im medialen Einheitsrauschen kaum zu Wort gekommen seien. Storz und Arlt haben für den Zeitraum vom Mai bis August 2007, als der G8-Gipfel in Heiligendamm für Schlagzeilen sorgte und erstmals die Europäische Zentralbank massive Liquiditätshilfen für den Finanzmarkt zur Verfügung stellen musste, im untersuchten dpa-Material lediglich zwei Zitate wider den Mainstream gefunden. Gustav A. Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung sowie der frühere SPD-Finanzpolitiker und heutige Attac-Aktivist Detlev von Larcher kamen da zu Wort, wiesen auf das gefährliche „Lotteriespiel auf dem Finanzmarkt“ hin und warnten davor, dass „der Aufschwung durch das Treiben von Finanzjongleuren verspielt“ werden könnte.

Seinerzeit beruhigten und beschwichtigen Regierung, Banken, Finanzmarktakteure und Wirtschaftslobby ungerührt weiter. Nicht zuletzt mit Hilfe der dpa, wie Arlt und Storz meinen: „Die Agentur profiliert sich als Tranquilizer und komponiert ihre Meldungen durchgängig nach dem Motto: Keine schlechte Nachricht ohne Beruhigungsformel.“ Das böse Erwachen sollte kurz darauf kommen.

12:30 10.03.2010
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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