Politik

Afghanistan-Dossier | 26.07.2010 15:15 | Nick Davies

Scoop des Jahrhunderts

Die Afghanistan-Protokolle: Wie es zu der größten Enthüllung in der Geschichte der Geheimdienste kam – die Spur führt zu einem US-Soldaten im Irak

Die US-Behörden wussten schon seit Wochen, dass es in ihren Reihen eine undichte Stelle gab, über die geheime Dokumente in einem Umfang abgezogen wurden, der selbst das Bekanntwerden der Pentagon Papiere während des Vietnam-Krieges in den Schatten stellt. Die Afghanistan-Kriegsprotokolle, von denen der Guardian am Montag berichtet, setzten sich aus 92.201 internen Einsatzberichten des US-Militärs in Afghanistan zwischen Januar 2004 und Dezember 2009 zusammen: Berichte von Geheimdienstbehörden zur Einschätzung der Gefahrenlage, Pläne und Berichte von Operationen der Koalitionstruppen, Beschreibungen feindlicher Angriffe und Straßenbomben, Berichte von Treffen mit örtlichen Politikern, von denen die meisten als geheim klassifiziert sind.

Der Guardian hat sie von Wikileaks erhalten, der Website, die sich auf die Veröffentlichung von Material aus anonymen Quellen spezialisiert hat und die zeitgleich Rohmaterial aus den Protokollen online gestellt hat. Washington befürchtet, es könnte sogar noch mehr hochsensibles Material nach außen gedrungen sein, zu dem auch ein Archiv mit zehntausenden von Telegrammen gehören könnte, die die US-Botschaften rund um den Globus versendet haben, und in denen Waffengeschäfte, Handelsgespräche, geheime Treffen und unzensierte Meinungen über andere Regierungen enthalten sind.

Wikileaks-Gründer Julian Assange sagt, sie hätten in den vergangenen zwei Monaten bereits einen weiteren großen Stapel „hochwertigen Materials“ aus Militärquellen erhalten. Beamte des Criminal Investigation Departement des Verteidigungsministeriums hätten ihn gebeten, sich mit ihm an einem neutralen Ort zu treffen und ihnen dabei zu helfen, die undichte Stelle zu schließen. Assange erklärte sich hierzu nicht bereit.

Der heutigen Veröffentlichung liegen zwei Geschichten zugrunde: Erstens, die Geschichte der Versuche des Pentagon, die undichte Stelle ausfindig zu machen, was für einen Soldaten schmerzhafte Konsequenzen nach sich zog. Und zweitens die einzigartige Zusammenarbeit zwischen dem Guardian, der New York Times und dem Spiegel bei der Sichtung des gesamten Materials, um es in Hinblick auf das öffentliche Interesse aufzuarbeiten und diese geheimen Protokolle des Krieges auf der ganzen Welt zu verbreiten, den die mächtigste Nation des Erdballs in Afghanistan führt.

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Es dauerte lange, bis das Pentagon tätig wurde. Die Beweise, die nun zusammengetragen wurden, legen nahe, dass im November vergangenen Jahres jemand, der in der Hochsicherheitsabteilung eines US-Militärlagers im Irak arbeitete, damit begann, geheime Unterlagen zu kopieren. Am 18. Februar veröffentlichte Wikileaks ein einzelnes Dokument im Netz, in dem ein Telegramm der amerikanischen Botschaft in Reykjavík nach Washington festgehalten war. Einige Wikileaks-Mitarbeiter in Reykjavík wollten daraufhin Anzeichen dafür gesehen haben, dass sie verfolgt wurden.

Aber die Amerikaner waren von einer Aufdeckung der Quelle offenbar noch weit entfernt, als Assange am 5. April in Washington eine Pressekonferenz abhielt, um ein Video der amerikanischen Armee zu veröffentlichen, auf dem zu sehen ist, wie in Bagdad eine Gruppe von Zivilisten, unter ihnen zwei Reuters-Mitarbeiter, erschossen wird.

Erst Ende Mai war das Pentagon offenbar einem Verdächtigen auf den Fersen, nachdem sich recht seltsame Dinge zugetragen hatten: Am 21. Mai wurde ein kalifornischer Computer-Hacker, der Adrian Lamo genannt wird, von einem gewissen Bradass87 kontaktiert, der sofort ganz außergewöhnlich offen war: „hi ... wie geht’s? ... ich bin nachrichtenanalyst bei der army, stationiert in ost-bagdad ... was würdest du tun, wenn du 14 stunden am tag und sieben tage die woche einen noch nie dagewesenen zugang zu geheimen netzwerken hättest?“

Fünf Tage lange schüttete Bradass87 Lamo sein Herz aus. Er schilderte, wie sein Job ihm den Zugang zu zwei geheimen Netzwerken ermöglichte: dem Secret Internet Protocol Router Network, SIPRNET, über das die als geheim eingestuften Mails von US-Diplomaten und militärischen Nachrichtendiensten laufen, und dem Joint Worldwilde Intelligence Communications System, das unter Verwendung eines anderen Sicherheitssystems ähnliches Material, bis hin zu „streng vertraulich“ klassifiziertem Material befördert. Dies habe es ihm ermöglicht, „unglaubliche Dinge, schreckliche Dinge zu sehen ... die an die Öffentlichkeit gehören und nicht auf irgendeinen Server, der in Washington DC irgendwo in der Ecke steht ... fast schon kriminelle Geschäfte ... die nicht durch PR-Abteilungen gefilterte Version der weltweiten Ereignisse und Krisen.“

Bradass87 deutete an, „jemand, den ich sehr gut kenne“ habe alle diese Dokumente heruntergeladen, komprimiert, verschlüsselt und an jemanden geschickt, den er als Julian Assange ausgemacht habe. Manchmal behauptete er auch, er selbst habe das Material weitergeleitet, indem er mit Lady Gaga beschriftete CD-Rohlinge in seinen Hochsicherheitslaptop steckte und so tat, als würde er mitsingen, um das Herunterladen zu verschleiern: „ich will, dass die leute die wahrheit erfahren“, schrieb er.

Er erging sich in Ausführungen über die Bedeutung der Veröffentlichung: „das ist offene diplomatie ... climategate von globaler tragweite und atemberaubender tiefe ... schön und beängstingend ... es sind öffentliche unterlagen, sie gehören der öffentlichkeit.“ An einem Punkt fing Bradass87 sich und schrieb: „ich kann nicht glauben, was ich dir gestehe.“ Es war zu spät. Ohne es ihm zu sagen, hatte Lamo am 23. Mai, zwei Tage nach Beginn des E-Mail-Verkehrs, das US-Militär eingeschaltet. Am 25. Mai traf er Beamte des criminal investigations departement des Pentagon in einem Starbucks und überreichte ihnen einen Ausdruck von Bradass87s Online-Chat.

Am 26. Mai wurde in der Forward Operation Base Hammer, 25 Meilen außerhalb von Bagdad, ein 22 Jahre alter Nachrichtenanalyst namens Bradley Manning verhaftet, über die Grenze nach Kuwait gebracht und in ein Militärgefängnis gesteckt. Die Nachricht von der Verhaftung drang langsam durch, in erster Linie über Wired News, dessen Chefredakteur Kevin Poulsen mit Lamo befreundet ist und die bearbeiteten Auszüge von Bradass87s Chat-Protokollen veröffentlicht hat. Der Druck auf Assange nahm zu: Das Pentagon sagte formell, man würde ihn gerne finden; Daniel Ellsberg, der die Pentagon Papiere an die Öffentlichkeit gebracht hatte, sagte, er glaube, Assange könnte in Gefahr sein; er und zwei andere ehemalige Whistleblower warnten davor, „US-Behörden könnten alles Mögliche machen, um [an dem Wikileaks-Gründer, Anm. der Red.] ein Exempel zu statuieren“. Assange stornierte eine Reise nach Las Vegas und tauchte unter.

Nach einigen Tagen, in denen er versucht hatte, über Mittelsmänner einen Kontakt herzustellen, traf sich der Guardian schließlich in einem Brüsseler Café mit Assange, der wieder aufgetaucht war, um vor dem Europaparlament zu sprechen. Er sagte, Wikileaks befinde sich im Besitz mehrerer Millionen Dokumente, die zusammen eine unbekannte Geschichte der Aktivitäten der US-Regierung rund um den Globus erzählen und zahlreiche wichtige und kontroverse Aktivitäten offenbaren würden. Sie würden noch letzte Hand an die Version legen, die so schnell wie möglich über das Internet zugänglich gemacht werden solle, um jedem Zensur-Versuch zuvorzukommen.

Er hatte jedoch die Befürchtung, die Bedeutung der Aufzeichnungen und einige der wichtigen Geschichten, die in ihnen enthalten sind, könnten der Aufmerksamkeit entgehen, wenn man sie einfach so unbearbeitet ins Netz kippen würde. Deshalb stimmte er zu, dass eine kleine Gruppe von Guardian-Reportern, die sich mit dem Thema auskennen, für einige Wochen Zugang zu den Protokollen erhielt, um sie zu entschlüsseln und festzustellen, was sie über die Kriegsführung verraten. Um das Risiko zu verringern, von den Behörden einen Maulkorb verpasst zu bekommen, stellte man den Datenbestand auch der New York Times und dem Spiegel zur Verfügung, die ihre Berichte gleichzeitig in drei verschiedenen juristischen Zuständigkeitsbereichen, i.e. Ländern veröffentlichen sollten, wie heute geschehen. Es wurde vereinbart, dass Assange keinen Einfluss auf die Geschichten haben würde, die wir schreiben, aber ein Mitspracherecht in Bezug auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung bekäme.

Er sollte die erste Tranche der Unterlagen in verschlüsselter Form auf einer geheimen Internetseite deponieren, wo der Guardian mittels eines Usernames und eines Passwortes auf sie zugreifen konnte, das sich von dem Logo auf der Serviette des Brüsseler Cafés ableitete.

Die heute veröffentlichten Geschichten basieren auf diesem Stapel von Protokollen. Wikileaks hat gleichzeitig einen Großteil des Rohmaterials veröffentlicht. Dort sei man, nach eigenen Angaben, vorsichtig gewesen, Material auszusieben, das menschliche Quellen gefährden könnte.

Seit der Veröffentlichung des Videos mit dem Apache-Hubschrauber gab es Hinweise auf Versuche, Wikileaks anzuschwärzen. Geschichten im Internet beschuldigen Assange, Wikileaks-Gelder für teure Hotels ausgegeben zu haben (bei einem unserer darauffolgenden Treffen in Stockholm schlief er auf dem Fußboden eines Büros), Unterlagen an Massenmedien verkauft zu haben (das Thema Geld kam nie zur Sprache) oder Geld für Interviews angenommen zu haben (davon war ebenfalls nie die Rede).
Zu Beginn dieses Jahres veröffentlichte Wikileaks ein Dokument der US-Army, das einen Plan enthielt, „das Gravitationszentrum“ von Wikileaks zu zerstören, indem man seine Glaubwürdigkeit angreift.

Inzwischen wurde Manning irgendwo in Kuwait nach dem amerikanischen Militärgesetz wegen des Herunterladens und der illegalen Weitergabe von Information verurteilt, zu denen auch die Nachricht aus Island und das Apache-Video mit den Schüssen auf Zivilisten in Bagdad gehören. Die Verhandlung vor dem Kriegsgericht droht ihm eine schwere Gefängnisstrafe einzubringen.

Ellsberg hat Manning als „meinen neuen Helden“ beschrieben. In seinem Online-Chat blickte Bradass87 in die Zukunft: „gott weiß, was jetzt passiert ...hoffentlich weltweite diskussion, debatten und reformen. wenn nicht, sind wir verloren“

Übersetzung: Holger Hutt
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mcmac schrieb am 27.07.2010 um 11:20
Wie anders liest sich dieser Bericht des "Guardian" über Assange und wikileaks im Gegensatz zu dem in leicht arrogantem und diffamierenden Ton gehaltenen "Spiegel"-Beitrag zu diesem Vorgang...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.07.2010 um 13:35
Ja, guter Text und auch schön, dass der Freitag jetzt nicht mehr die Rolle spielt, irgendwie und mit allen Mitteln rauszubekommen, wo Wikileaks moralisch anrüchig ist... Aber skurril ist es schon, wie wir Gutmenschen alle wollen, dass auch Robin Hood auf dem gleichen Waldboden schläft... was um alles in der Welt wäre schlimm, wenn jemand, der die Woche von Pressekonferenz zum nächsten Date eilt, auch in einem guten Bett schläft, und in einem Flieger reist ? Gauck hatte ein 15 köpfiges PR Team, um seine Wirkung zu entfalten. Fanden alle ok.

Kurz: all diejenigen, die mit Freude, Häme, Interesse oder aufrichtigen friedenspol. Engagement verfolgen, wie eine klitzekleine verteilte Intelligenz Agentur wie Wikileaks dem Milliardenschweren Welt-Apparat der Kriegsprofiteure ( von denen alle hochbezahlt sind ) eins auswischt, sollten sich klarmachen, dass das eine enorme logistische Leistung ist, technisch unglaublich bewundernswert und vor allem: welche persönliche Vertrauensverhältnisse da herrschen müssen, dass man überhaupt ruhig schläft !
mcmac schrieb am 28.07.2010 um 21:08
"wie eine klitzekleine verteilte Intelligenz Agentur wie Wikileaks dem Milliardenschweren Welt-Apparat der Kriegsprofiteure ( von denen alle hochbezahlt sind ) eins auswischt, sollten sich klarmachen, dass das eine enorme logistische Leistung ist, technisch unglaublich bewundernswert und vor allem: welche persönliche Vertrauensverhältnisse da herrschen müssen, dass man überhaupt ruhig schläft !"

Genau dort ist die Gerade-Noch-Arroganz z.B. des "Spiegel" verortet. Genau das deklassiert ihn, denn genau das macht aus ihm -bei nächster Gelegenheit- ein Instrument der Hexenjagd.
Dass das so ist, wie Sie beschreiben, ist, nein muss saturierten/arrivierten Zeitgenossen (wie weiland eben Journalisten und Politikern u.a., die sich ihre Meriten als zuverlässige Steigbügelhalter der 'Welt-Apparate' verdient haben) eine Bedrohung sein; es stellt all ihr teures, geheimnisvolles Expertentum komplett in Frage. Und zwar so fundiert, dass sie überflüssige (Quassel)Kröpfe erscheinen.
-Mal abgesehen davon, dass jemand, der seine Seele derart billig verkauft hat (oder auf Atheistisch: sich das Rückgrat bei lebendigem Leibe gegen Geld hat herausoperieren lassen) damit leben muss, die von Ihnen oben beschriebene Kultur des vertrauensvollen Umgangs miteinander nie mehr verstehen können wird...
bernd55 schrieb am 29.07.2010 um 01:07
Guardian NewYorkTimes Spiegel WashingtonPost........ich denke zurück bei welcher Gelegenheit ich diese Namen auch so gebündelt wahrgenommen habe-es fällt mir ein , sie sahen ja förmlich die Chemieraketen und Atomraketen von SaddamHuss. aus dem Wüstenboden ragen.Aber-nachgeplappert habens alle !Gestorben sind aber andere.Der Spiegel kommt eben auf die Vergangenheit seines Mitbegründers zurück, immer an vorderster Front beim Einmarschieren erst...dannn ...und dann die ganze Welt !
Fritz Teich schrieb am 29.07.2010 um 13:10
Jurisdiction heisst Herrschaft


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