Politik

Bangladesch | 22.02.2011 14:00 | Gerhard Klas

Mikrokredit in Misskredit

Das Hilfsmodell von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gerät durch Wucherzinsen, Vetternwirtschaft und Selbstmorde nicht nur in Bangladesch zusehends in Verruf

Ein Termin stand fest, die Karten waren verkauft: Anfang Februar sollte Muhammad Yunus in Mönchengladbach auftreten. Doch der Nobelpreisträger, der als Erfinder des Mikrokredits gilt, musste absagen – ein Verleumdungsprozess in Bangladesh verhinderte die Ausreise des 70-Jährigen.

Die juristische Kontroverse ist nicht der einzige Konflikt, mit dem die Symbolfigur der Mikrokredit-Bewegung derzeit konfrontiert ist. Yunus und seine Grameen Bank geraten immer stärker in die Kritik: Ein norwegischer Dokumentarfilmer wirft ihm vor, westliche Steuergelder veruntreut zu haben. Zeitungen in Bangladesch behaupten, er habe Vetternwirtschaft betrieben. Am schwersten dürfte ein Vorwurf von Premierministerin Sheik Hasina wiegen: Sie bezeichnete die Mikrofinanzinstitutionen (MFI) als „Blutsauger der Armen“.

Es geht um viel, Mikrokredite gelten seit Jahren als das Mittel, um Armut zu bekämpfen, und sind so ins Zentrum von Entwicklungspolitik gerückt. Mit Krediten und Zuschüssen der Weltbank, der US-Entwicklungsagentur und der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist Bangladesch zu einem Experimentierfeld für Mikrokredite geworden: Ein Fünftel der Bewohner – 30 Millionen Menschen – sind heute Kunden eines Mikrofinanzierers, mehr Klienten als irgendwo sonst auf der Welt.

Nicht die Ärmsten der Armen

An Erfolgsbotschaften fehlt es nicht. „Laut einer internen Erhebung der Grameen Bank“, bilanziert Muhammad Yunus die eigene Arbeit, hätten „64 Prozent der Kreditnehmer, die fünf oder mehr Jahre von uns betreut wurden, die Armutsgrenze hinter sich gelassen“. Doch längst machen Meldungen über Zinswucher, Überschuldung und Selbstmorde in Indien (und nicht nur dort) die Runde. Auch in Bangladesch sinkt der Stern des Mikrokredits nicht erst seit gestern.

„Ganipur, Noakhali Distrikt. Geschäftsmann nimmt sich das Leben, weil er Kreditraten der Grameen-Bank nicht bezahlen konnte“, titelte jüngst die Tageszeitung Amader Shomoy. Abdus Shoban hatte mit Grameen-Geld einen Teeausschank eröffnet. Dann erkrankte er an Krebs, die Familie geriet in Zahlungsverzug, nahm einen neuen Kredit auf. „Mein älterer Bruder hat sich umgebracht, weil er nicht mehr das Geld verdienen konnte, das seine Frau zurückzahlen musste“, sagt Rob Shoban, „dieser Druck hat ihn einfach fertig gemacht.“

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Abdus Shoban und seine Frau sind keine Ausnahme. „Unsere Studien und die anderer Wissenschaftler haben ergeben, dass nur fünf bis zehn Prozent der Kreditnehmer von den Darlehen profitiert haben“, so der Wirtschaftswissenschaftler Anu Muhammad von der Jahangirnagar Universität. Es seien vorrangig jene, denen noch andere Einkommensquellen zur Verfügung stehen – nicht die Ärmsten der Armen. „Die“ – meint Anu Muhammad – „landen in der Schuldenfalle“.

In einem Wolkenkratzer im Herzen von Dhaka residiert die Aufsichtsbehörde, die MFI-Lizenzen für die Kreditgeber erteilt. Lila Rashid – nach Ökonomie-Studium in den Vereinigten Staaten in Bangladeschs Zentralbank angestellt– hat diese Instanz mit aufgebaut und ist davon überzeugt, dass Mikrokredite grundsätzlich etwas Gutes seien und den Armen helfen könnten, auf einem lokalen Markt Fuß zu fassen. Doch auch sie sieht Probleme – nicht nur wegen der 20 bis 40 Prozent Zinsen, die Kreditnehmer zahlen müssen.

„Viele Nichtregierungsorganisationen haben ihre Programme umgestellt – von anderen sozialen Aktivitäten auf Mikrokredite“, beschreibt Rashid den Trend vergangener Jahre. Unter den Mikrofinanzinstitutionen und Banken herrsche viel Rivalität – das Geld dürfe nicht ruhen, müsse immer in Umlauf bleiben. „Vor einigen Jahren waren es noch 40 Prozent der Kreditnehmer, die bei mehr als einer MFI verschuldet waren“, schildert Rashid die Folgen. „Heute sind es schon 70 Prozent.“ Die Menschen würden sich Geld bei einer MFI leihen, um ihre Schulden bei einer anderen abzubezahlen.

Ein großes Geschäft

Umgerechnet etwa 2,4 Milliarden Euro sind derzeit in Bangladesch als Mikrokredite in Umlauf. Und die Geldmenge wächst beharrlich, seit auch internationale Investoren das Geschäft (geschätztes Volumen weltweit: 250 Milliarden Dollar) mit dem Kleinstkredit entdeckt haben. „Die Grameen Bank hat bewiesen, dass die Armen ein großer Markt für das Geschäft mit den Mikrokrediten sind – ein wichtiges Signal für das Finanzkapital in aller Welt“, erklärt der bereits erwähnte Anu Muhammad und benennt das grundsätzliche Dilemma von Mikrokrediten, ob sie nun kommerzieller Natur sind oder auf Non-Profit-Basis vergeben werden: „Man setzt voraus, dass alle Bedingungen – die Natur, die Familie, die Gesundheit, das ganze Umfeld und natürlich der Markt immer konstant und vorteilhaft bleiben“. Ein völlig unrealistisches Szenario in einem Land wie Bangladesch, das regelmäßig von Überschwemmungen und Zyklonen heimgesucht wird.

2,7 Milliarden Euro hat die deutsche Bundesregierung vorzugsweise über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bisher in den Mikrofinanzsektor investiert. Dabei gelten seit Jahren strenge Prinzipien – darunter die Client Protection Principles –, um Kunden vor Überschuldung und harschen Geschäftspraktiken zu schützen. Auch einige MFI aus Indien (etwa die SKS Microfinance), denen genau das vorgeworfen wird, haben die rechtlich nicht bindenden Prinzipien der CGAP – einem internationalen Zusammenschluss von Entwicklungsorganisationen und Privatstiftungen bei der Weltbank – unterzeichnet. MFI-Vertreter müssten „wegen dieser Unterschrift“, zitiert die CGAP in einem internen Papier einen KfW-Mitarbeiter, „keine schlaflosen Nächte haben“.

 
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