Politik

EU-Gipfel | 24.10.2011 11:15 | Lutz Herden

Kein Arbeitersamariterbund

Die Euro-Retter tagen quasi in Permanenz und kämen nur weiter, würde die Eurozone als knallharte Konkurrenzgesellschaft begriffen mit allen sich daraus ergebenden Folgen

Ob man es nun Hängepartie nennt oder Gipfel der gestundeten Entscheidung, tut wenig zur Sache. Das inzwischen 15. Krisentreffen seit Ausbruch der Eurokrise kann den großen Befreiungsschlag nicht landen, weil es ihn nicht gibt. Wenn die deutsche Kanzlerin eingesteht, die Höhe eines Schuldenschnitts bei Griechenland sei erst mit den dort engagierten Gläubigerbanken auszuhandeln, sagt das genug. Es gibt keinen Ausweg der sicheren Aussichten. Ihn im Augenblick oder in absehbarer Zeit finden zu wollen, ist aussichtslos.

Woran soll man sich halten? Vielleicht an eine historisch verbürgte Erfahrung? Staatenallianzen können über sich hinauswachsen, wenn existenzielle Not dazu zwingt. Wann wird die EU soweit sein? Wird sie je soweit sein? Auf die Europa-Müdigkeit in den achtziger Jahren wurde mit der Süderweiterung (der Aufnahme Griechenlands, Spaniens und Portugals) reagiert. Auf anfängliche Orientierungslosigkeit in einem um seine Blöcke gebrachten Europa gab es nach 1990 die Osterweiterung, Maastricht und die Gemeinschaftswährung. Womit wird die jetzige Depression aufgefangen?

Oder ist längst der Nachruf auf das vergemeinschaftete Europa fällig wie schon einmal im Frühsommer 2005, als sich Franzosen und Niederländer mehrheitlich einer Europäischen Verfassung verweigerten? Damals jedoch hatte man nicht ökonomisch, sondern „nur“ politisch über seine Verhältnisse gelebt, was sich nach einer Zeit der Desillusionierung und Ernüchterung überwinden oder verdrängen ließ.

Freilich wäre auch mit einer Magna Charta im Rücken der Zustand des europäischen Gebildes im Oktober 2011 kaum weniger desolat. Bestenfalls wäre das Klagen lauter wegen des verspielten schönen Scheins. Doch was können europäische Grundwerte, wie sie seinerzeit der EU-Verfassungsvertrag zur Genüge bereithielt, ausrichten gegen Verschuldungsquoten und Zinsschübe, abstürzende Staatsratings, Bankrottgerüchte und Staatspleiten, Banken-Hybris und Spekulations-Fieber? Gegen Merkels Rhetorik der Ratlosigkeit und Sarkozys verbissene Hinhalte-Taktik?

Die Zeit hochgemuter europäischer Zukunftsgewissheiten, denen zu misstrauen lange Zeit wie feuilletonistische Spiegelfechterei oder kleinkarierter Skeptizismus anmutete, ist vorbei. Hochstapelei fliegt irgendwann auf. Mit einem Hang zur systematischen Anmaßung hatte sich das Europa der Integrierten bis zur Währungsunion erstaunlich weit voran gerobbt und viel Staub aufgewirbelt, um den Blick zu trüben und sich über einen Tatbestand hinweg zu mogeln – besser: hinweg zu lügen. Dieser Staatenbund war nicht nur Freude schöner Götterfunken – er blieb stets eine Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaft. Es gab ihn nicht unter anderem, sondern vor allem deshalb, weil er genau das war.

ANZEIGE

Erst recht, als die Gemeinschaftswährung kam. Der Euro war kein Weichzeichner, sondern geeignet, die Konturen zu schärfen und ins Bewusstsein zu rücken: Die Euro-Ökonomien bleiben bei aller Integration und allem Regelwerk nationale Schöpfwerke von Prosperität und Wohlstand – oder des Gegenteils. Versagen sie ihren Dienst wie derzeit in Griechenland, ist die Eurozone kein Arbeitersamariterbund, sondern bestenfalls Desinfektionsanstalt, die Ansteckungsgefahren zu mindern und Epidemien zu verhindern sucht. Der Euro hat Europa bis zur Kenntlichkeit verstümmelt, weil er erkennbar und begreiflich macht: Ein Währungsverbund verlangt Souveränitätsverzicht. Und Souveränitätsverzicht bedeutet unter Umständen auch Prosperitätsverzicht. Für die einen mehr, für die anderen weniger. Aber keinesfalls für Griechen, Iren, Portugiesen, Spanier und Italiener allein. Auch für Deutschland, das wie kein anderes EU-Mitglied und kein anderer Euro-Staat Wohlstand und Sicherheit dem europäischen Markt verdankt. 

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Herbert A. Eberth schrieb am 24.10.2011 um 15:05
Unterschiedliche nationale Prosperität gab es schon lange vor der Euro-Einführung, da genügt ein Blick auf die Historie der bundesdeutschen Exportstatistik. Der europäische Handelsmarkt ist durch den Euro nur noch ein wenig mehr entbürokratisiert worden, und das vor allem für raffgierige Banken.
xtnberlin schrieb am 25.10.2011 um 10:59
Wir müssen uns endlich mal fragen, was wir wollen: Weiterhin um Profit und Wachstum gegeneinander wirtschaften oder solidarisch miteinander wirtschaften. Wollen wir weiterhin ein Wirtschaftsmodell mit Gewinnern und Verlierern oder sind wir bereit zu teilen und zu kooperieren. Wollen wir weiterhin Ökonomie-Profisport um, mit und für Geld, oder soll Ökonomie wieder das werden was Sie ursprünglich mal war: Das Tauschen von Waren und Dienstleistungen zur gegenseitigen Versorgung mit Lebensnotwendigem. Solange wir diese Fragen nicht beantworten können unsere Politiker nicht handeln.
Lutz Herden schrieb am 25.10.2011 um 11:17
Das klingt alles sehr richtig, aber die Dinge sind zu weit fortgeschritten, als dass man sich auf diese elementaren Austauschformen besinnen sollte, so sehr das auch angebracht erscheint.
wbieber schrieb am 25.10.2011 um 13:10
Warum reden wir ängstlich von einer Krise der EU, wenn wir gleichzeitig die Umsetzung des alten europäischen Traumes beobachten können? Europa müsse politisch werden, hieß es immer; Europa müsse näher an die Menschen heran; Europa müsse mehr sein als Brüssel. Das tut manchmal weh. Aber Demokratie war noch nie etwas für schwache Nerven:
bit.ly/uivmE2


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

 portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG