Politik : Das Schönste, was es gibt

Als die zwanziger Jahre golden oder nur schaumgolden sind, machen sanfte Männerstimmen grandios Karriere. Harry Frommermann wird zum Erfinder der „Comedian Harmonists“

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Geschichten beginnen leise und tastend oder mit einem Paukenschlag. Die Geschichte der Comedian Harmonists beginnt, am 18. Dezember 1927, mit einer Anzeige in der Zeitung: „Achtung! Selten! Tenor, Bass (Berufssänger, nicht über 25), sehr musikalisch, schönklingende Stimmen, für einzig dastehendes Ensemble unter Angabe der täglich verfügbaren Zeit gesucht.“ Inseriert hat der 21-jährige Harry Frommermann. Das „einzig dastehende Ensemble“ gibt es freilich zu dem Zeitpunkt noch nicht, es ist seine Vision.

1927 sind die Zwanziger golden oder auch nur schaumgolden, je nach Lohntüte. Die Tiller-Girls tanzen. Der Mann mit dem Koks ist da. Im Kino laufen Metropolis und Berlin, die Sinfonie der Großstadt. Billie (eigentlich: Samuel) Wilder, der später als Billy Wilder Karriere macht, arbeitet als Eintänzer im Hotel Eden und schreibt darüber eine brillante Reportage.

Harry Frommermann hört die Platten der Revellers, einer amerikanischen Gesangsgruppe, bei denen es swingt und jazzt, ganz anders als im deutschen Männergesang. Harry ist verliebt in den Sound. Und in Jester, die Tochter der berühmten Schauspielerin Asta Nielsen. Zu einer Abendgesellschaft geladen, kommt er mit dem Künstler-Agenten Bruno Levy ins Gespräch. „Warum laden Sie nicht mal die Revellers nach Deutschland ein?“ – „Die verlangen tausend Mark pro Abend, das kann sich keiner leisten!“

Plötzlich stirbt Harrys Mutter. Der junge Mann verkauft alle Möbel, nur das Grammophon und die Revellers-Platten behält er. Er zieht in eine WG, in eine billige Mansarde. Schreibt Partituren. Tag und Nacht. Jester kommt, sie wollen ausgehen. Heimlich stopft sich Harry ein Handtuch unters Jackett, um zu verbergen, dass die eine Schulter höher ist als die andere. Dann erscheint die Anzeige. Das Treppenhaus steht voller Leute, junge Männer, die auf einen Job hoffen. Am Klavier in Harrys Mansarde sitzt Theo, einer von Harrys Wohngenossen. Das meiste, was die Bewerber vortragen, ist furchtbar. Dann erscheint ein kräftiger Mann, 25 Jahre alt, im Pelzmantel, er heißt Robert Biberti. Er singt eine Bass-Arie. Harry ist begeistert. Er erzählt ihm, dass er eine Gruppe gründen will, ganz gleich den Revellers. Spielt und singt aus seinen Partituren, Biberti singt vom Blatt mit. Es gefällt ihm. Er wittert das Neue. Und kennt ein paar Sänger im Chor des Großen Schauspielhauses an der Friedrichstraße, das zu Max Reinhardts Bühnen gehört und vom Revuekönig Erik Charell geleitet wird.

Der neue Pianist "mistet" aus

Januar 1928. Erste Probe. In der Mansarde ist es bitterkalt. Fünf junge Männer, eng um den Kanonenofen geschart, jeder singt so laut er kann, Theo am Klavier verspielt sich ständig, Harry ist unglücklich. „Ihr müsst nicht so donnern. Ihr müsst leise singen. Und überhaupt eher sprechen als singen.“ Er legt eine Revellers-Platte auf, alle lauschen. So muss das klingen! Nachts sitzt Theo am Klavier, übt und übt. Es geht nicht. Die Gruppe braucht einen anderen Pianisten. Sie finden ihn in einem Kabarett, er heißt Erwin Bootz. Übernimmt die musikalische Leitung, kritisiert Harrys überladene Partituren, „mistet“ sie aus. Sie probieren jetzt professioneller, einzelne Stimmen, zu zweit, zu dritt. Erwin begleitet leicht, hüpfend, witzig. Harry ist besonders begabt, Instrumente zu imitieren: Er quäkt als Klarinette, zupft einen Kontrabass. Ari Leschnikoff, ein Bulgare, hat unbeschreiblich hohe Tenor-Töne zur Verfügung. Zweiter Tenor ist zunächst Walter Nußbaum, nach einigen Monaten wird er von Erich Collin ersetzt. Roman Cycowski singt Bariton. Robert Biberti, immer im Pelzmantel, ist der Bass. Er und Harry sind Freunde geworden.

Dann endlich aus der Mansarde auf eine Bühne, zum Vorsingen. Aber alles fällt auseinander. Einer nach dem anderen wird nervös, fängt wieder an zu brüllen. Aus dem Saal kommt ein scharfes Danke. Das war’s. Doch sie geben nicht auf. Proben weiter. Die Kohlen sind alle. Zwei sind schon erkältet. Jester hat mit ihrer Mutter gesprochen, sie lädt die Jungs für den Abend zum Essen ein.

In der Villa Asta Nielsens singen sie vor. Acht Monate Arbeit liegen hinter ihnen. Der Agent Levy ist da. Hört zu. Schweigt. Schließlich geht er zum Telefon: „Charell bitte!“ Er habe eben eine Gesangstruppe gehört, die sei noch besser als die Revellers. Noch nie in Deutschland aufgetreten. „Sie nennen sich Melody Makers!“

Ein Traum wird wahr

Charell bietet ihnen einen Vertrag an. Sie sind außer sich vor Freude. Aber ihr Agent winkt ab. Er schleppt die Truppe in die Haller-Revue. Herman Haller residiert im Admiralspalast, nur 500 Meter vom Großen Schauspielhaus entfernt, und ist der schärfste Konkurrent von Charell. Die Jungs setzen sich in den Zuschauerraum, in die letzte Reihe im Parkett, während auf der Bühne ein Vorsingen stattfindet. Da kommt ein Fahrradkurier, er bringt einen Brief von Charell. Der engagiert sie für seine neue Revue – und verdoppelt das Angebot! 500 Mark im Monat verdient jeder. Ein Traum ist wahr geworden. Von Charell kommt dann auch der Vorschlag, einen anderen Namen zu wählen: Comedian Harmonists! Die berühmte Boygroup ist geboren.

Es folgt ihr kometenhafter Aufstieg. Sie singen in Revuen und im Kabarett. Ganz allein füllt das Sextett große Säle. „Chiquita! Singt noch mal Chiquita!“ Und sie singen das Lied. Am Ende gibt es einen sehr hohen Ton, den Ari hält und hält und hält, pianissimo. Im ganzen Theater ist es still, nur dieser leise Ton. Und dann bricht er los, der Orkan: Klatschen, Trampeln, Bravo. Es folgen Schallplattenaufnahmen, Auftritte im Film, Tourneen. Sie singen auf Deutsch, in Englisch, auf Französisch. Verdienen viel Geld. Haben Autos. Verlieben sich. Dann kommt Hitler. Drei der sechs sind Juden. Sie singen, im Hintergrund eine Naziflagge: Ein neuer Frühling wird in die Heimat kommen. Feuern ihren Agenten Levy. Bewerben sich um Aufnahme in die Reichskulturkammer. Unter Vorbehalt darf die Gruppe vorerst bis zum 1. Mai 1934 in alter Besetzung weitermachen.

Es gibt Streit. Die einstigen Freunde Biberti und Frommermann sind Kontrahenten geworden. Man trifft sich vorm Anwalt. Biberti meint, die Juden hätten die Ausfälle zu zahlen, die der Gruppe neuerdings entstehen. Harry kann nicht glauben, was er hört. „Wollt ihr uns in die zweite Reihe stellen, dass wir euch die Schuhe putzen sollen?“

Das letzte gemeinsame Konzert

Dann haben sie es schwarz auf weiß: Drei werden aufgenommen in die Reichskulturkammer – was die Voraussetzung für weitere Auftritte in Deutschland ist – drei nicht. „Lebe wohl, gute Reise, mein Schatz, ich denk’ an dich…“ Das letzte gemeinsame Konzert. Unter dem Label Meister-Sextett macht Biberti mit veränderter Besetzung weiter, bis 1941. Auch Harry Frohman, wie er sich in den USA nennt, versucht einen Neuanfang, aber er kommt dort nur schwer auf die Beine.

1957 – 30 Jahre nach der Annonce, mit der alles begann – sitzt Harry in New York in einem Coffee-Shop. An seiner rechten Hand fehlt der Zeigefinger, ein Arbeitsunfall. Der Kellner bringt ein Sandwich. „Here you are, Mr. Frohman.“ Harry hält ihn auf: „Do you know, how I was called in Germany, in the past?” Den Kellner interessiert es nicht, aber er hört höflich zu. „Frommermann! It’s pious man. Today – Frohman. It’s lucky man.“

Robert Biberti lebt zur gleichen Zeit am Westberliner Savignyplatz. Zwischen Biberti und Frohman kommt es zum Gezänk über die Urheberschaft der Comedian Harmonists. Im Dezember 1975 beginnt der Regisseur Eberhard Fechner, alle die noch leben, zu interviewen. Er montiert aus Rede und Gegenrede ein mehrstimmiges, fiktives Gespräch, einen beeindruckenden Dokumentarfilm. Josef Vilsmaiers Spielfilm von 1997 – gepflegte Langweile – wird ein Erfolg im Kino. Es bleiben die Aufnahmen der Comedian Harmonists, die witzigen und die sentimentalen. Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt… Und all die andern.

Karsten Laske hat hier zuletzt über Kinder in Berlin geschrieben, die in der Spree ertrunken sind, weil die Stadt durch eine Mauer geteilt war