Politik

1959 | 18.12.2011 10:00 | Andreas Mix

Alte Kameraden

Der Fall des Kriminaloberrates Heuser zeigt, wie NS-Verbrecher an die Spitze bundesdeutscher Sicherheitsbehörden kamen und nach 1945 ihre Karrieren fortsetzen konnten

Für die Sonderkommission des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg ist es am 23. Juli 1959 keine gewöhnliche Festnahme. Der Haftbefehl vom Amtsgericht Karlsruhe richtet sich gegen einen ranghohen Kollegen: Der Leiter des Landeskriminalamtes (LKA) Rheinland-Pfalz, Kriminaloberrat Georg Heuser, ist dringend verdächtig, als Gestapo-Chef von Minsk für den Mord an Zehntausenden Juden verantwortlich zu sein. Widerstandslos lässt sich der Kurgast Heuser im hessischen Bad Orb festnehmen. Er scheint wenig überrascht. Als Leiter des LKA weiß er vom plötzlichen Ermittlungseifer der bundesdeutschen Justiz, die sich jahrelang kaum für die Verfolgung von NS-Verbrechen interessiert hat.

Aber zu diesem Zeitpunkt hat ein Prozess vor dem Landgericht Ulm gegen Angehörige eines Einsatzkommandos wegen Mordes an Juden im deutsch-litauischen Grenzgebiet Öffentlichkeit und Politik aufgeschreckt. Es geht um Massenerschießungen nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Kurz nach dem Ulmer Verfahren wird in Ludwigsburg eine Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen gegründet, um nationalsozialistische Gewaltverbrechen aufzuklären und eine unbequeme Vergangenheit abschließend aufzuarbeiten. Dabei stoßen die Ermittler auf immer neue Tatkomplexe und Verdächtige wie Erich Ehrlinger, der als Führer eines Sonderkommandos der Sicherheitspolizei im Sommer 1941 die Exekution von mehr als 6.000 Juden in Litauen und Weißrussland befehligt hat. Der Leiter der VW-Vertretung in Karlsruhe beschuldigt in den Vernehmungen seinen ehemaligen Mitarbeiter Heuser schwer: „Wenn ich gefragt werde, wie sich Dr. Heuser zu dem Problem der Erschießungen verhielt, kann ich von ihm nicht behaupten, dass er besonders zurückhaltend war.“

Gute Englischkenntnisse

Der Kriminalist Heuser hat wie andere alte Kameraden, die im NS-Staat für Deportationen und Massenmord verantwortlich waren, nach 1945 in den Staatsdienst zurückkehren können. Nur für wenige bedeutet die plötzliche Aktivität der bundesdeutschen Justiz zugleich das Ende dieser zweiten Polizeikarriere. Glimpflicher als Heuser kommt sein Bremer Kollege Karl Schulz davon, von den Kameraden liebevoll Karlchen genannt. Schulz, der nach Abbruch des Jurastudiums 1932 zur Polizei geht, folgt 1941 Reichskriminaldirektor Arthur Nebe als Adjutant in den „Osteinsatz“. Die von Nebe geführte Einsatzgruppe B exekutiert bis Ende 1941 in Belarus mehr als 45.000 Menschen: Juden, Kommunisten, Kriegsgefangene, Sinti und Roma.

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Im Reichskriminalpolizeiamt steigt Schulz zum Gruppenleiter Wirtschaftskriminalität auf. Vor Kriegsende setzt er sich mit anderen Mitarbeitern des SS- und Polizeiapparats nach Norddeutschland ab und wird dank guter Englischkenntnisse bei der britischen Besatzungsmacht angestellt. In der Nachkriegszeit, als der Schwarzmarkt blüht, ist die Expertise eines Wirtschaftskriminalisten gefragt. So stellt die Polizei in Schleswig Holstein bereits 1947 den ehemaligen SS-Hauptsturmführer ein. Schließlich haben ihn die Briten „entnazifiziert“. Fünf Jahre später steht Schulz als Oberregierungsrat an der Spitze des Bremer LKA. Dann jedoch wird gegen ihn wegen des Einsatzes von Gaswagen ermittelt. Schulz muss zugeben, davon gewusst zu haben, leugnet aber, bei der ersten „Probevergasung“ von Geisteskranken in Mogilew dabei gewesen zu sein. Die Staatsanwaltschaft Bremen schließt 1960 die Akten – Schulz kann acht Jahre später unbehelligt in den Ruhestand gehen.

Auch der Leiter des LKA Niedersachsen, Dr. Walter Zirpins, muss sich wegen seiner NS-Vergangenheit niemals vor Gericht verantworten. Der promovierte Jurist aus Oberschlesien, ab 1927 im Polizeidienst, hat zu den profiliertesten Kriminalisten des NS-Staates gehört und unter anderem nach dem Reichstagsbrand vom Februar 1933 ermittelt. An der Führerschule der Sicherheitspolizei in Charlottenburg schult er Kader von Gestapo und Kripo, ab 1940 leitet er die Kriminalpolizeileitstelle in Lodz, wo die Deutschen das zweitgrößte Ghetto im besetzten Europa errichten. Diesen Ort des Grauens, in dem fast 200.000 Menschen gequält werden, beschreibt Zirpins in einer NS-Fachzeitschrift als „Zusammenpferchung von Kriminellen, Schiebern, Wucherern und Betrügern“.

Als „entlastet“ eingestuft, bewirbt sich Zirpins 1947 für die Leitung der Kriminalpolizei in Niedersachsen. Zwar zögert das Innenministerium, doch machen sich ehemalige Schüler für den „alten Sherlock-Holmes“ (Der Spiegel) stark, so dass Zirpins ab 1951 als Oberregierungs- und Kriminalrat die gewünschte Funktion übernehmen kann. Als die DDR Ende der fünfziger Jahre die westdeutschen Funktionseliten wegen ihrer braunen Vorgeschichte attackiert, gerät auch der als „Gestapochef von Niedersachsen“ bezeichnete Zirpins ins Visier. Die aufgrund von Anzeigen eingeleiteten Ermittlungen werden freilich bald eingestellt. Auch nach seiner Pensionierung 1960 bleibt Zirpins aktiv: Er berät Fritz Tobias, Spiegel-Autor und Mitarbeiter des niedersächsischen Verfassungsschutzes, bei dessen Serie über den Reichstagsbrand und schreibt Bücher zur Wirtschaftskriminalität.

Der einzige LKA-Chef, der einer Strafverfolgung nicht entgeht, ist tatsächlich Georg Heuser. Mit zehn Mitarbeitern seiner Minsker Dienststelle von einst muss er sich ab Herbst 1962 vor dem Schwurgericht Koblenz verantworten. „Bei fast allen Angeklagten steht die inkriminierte SS-Tätigkeit von gestern im grotesken Widerspruch zu ihrem reputierlichen Bürger-Beruf von heute“, stellte der Spiegel fest. Heuser hat sich nach dem Jurastudium 1939 bei der Kriminalpolizei beworben. Von der Führerschule der Sicherheitspolizei in Charlottenburg, die er als Lehrgangsbester beendet, geht es 1941 zunächst nach Berlin und dann zu Mordeinsätzen ins Baltikum und besetzte Weißrussland.

Vorzeitige Entlastung

Nach Kriegsende frisiert Heuser seinen Lebenslauf und schlägt sich mit Hilfsarbeiten durch. Erst 1954 gelingt ihm, ausgestattet mit falschen Zeugnissen, die Rückkehr in den Polizeidienst. Sogar der Doktortitel, den Heuser trägt, hat er niemals erworben, wie das Gericht feststellt. Die Empörung darüber, dass dieser Mann eine Spitzenposition in den Sicherheitsbehörden erschlichen hat, ist indes scheinheilig. Denn Legenden, Täuschungen und Persilscheine sind das Entree-Billett der NS-Täter in die bundesdeutsche Gesellschaft. Wer es wieder in den Polizeidienst geschafft hat, hilft bereitwillig alten Kameraden mit Leumundszeugnissen und Empfehlungsschreiben. So lobt Johannes Hoßbach, persönlicher Referent des BKA-Präsidenten Hans Jess, Heuser 1954 als „eine der wenigen Persönlichkeiten, die in Theorie und Praxis gleichermaßen begabt sind“. Heuser war Hoßbachs Vorgesetzter in jener Einsatzgruppe, die 1944 in der Slowakei Partisanen und Juden jagt. „Von dem, was Heuser heute an Verbrechen in den Jahren 1941 bis 1944 vorgeworfen wird, hat er mir nie etwas erzählt“, beteuert Hoßbach, als Heuser vor dem Schwurgericht Koblenz steht. Dessen Urteil lautet am 21. Mai 1963: Wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 11.000 Menschen wird der Angeklagte zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Dezember 1969 wird Heuser vorzeitig entlassen.

„Was sind das eigentlich für Beamte, die heute hinter den Schreibtischen unserer Kripoämter sitzen“, fragte Dietrich Strothmann, der damals für die Zeit den Prozess gegen Heuser beobachtet. So genau wissen will es eigentlich niemand. Heuser, Schulz und Zirpins gelten als erfahrende Kriminalisten und sind nun der Demokratie zu Diensten. Von den kriminalbiologischen Leitbildern des NS-Staates haben sie sich stillschweigend verabschiedet und ihre Vergangenheit mit Legenden vernebelt, die bereitwillig geglaubt werden. „Es ist an der Zeit, daß die Polizei mit sich selbst ins Gericht geht“, fordert Strothmann 1962. Es soll noch mehr als 30 Jahre dauern, bis sie dazu bereit ist.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
antares56 schrieb am 18.12.2011 um 14:04
Wir wissen doch inzwischen alle, dass damals niemand ein Interesse an der Verfolgung von Nazi's hatte! Die CDU hat sie gerne wieder aufgenommen - nach Verbrechen wurde da lieber nicht geschaut!
Aber auch heute hat sich diese Einstellung zu "Rechten" wohl kaum verändert - jedenfalls nicht in CDU-Regierten Ländern! Da werden Nazi's immer noch als kleines Übel wahrgenommen. Die Linken sind ja ach so viel schlimmer! Da hat man keine Zeit und Lust mehr rechte Banden zu verfolgen (die es ja auch nur in der linken Presse gibt!). Da werden lieber Programme gegen "Links" verfasst und in Umlauf gebracht. Wie krank ist das denn???
Die Hoffnung besteht darin, dass diese Regierung abgewirtschaftet hat, dass bei ihnen die Nazi's einen Bonus haben (der den linken natürlich verweigert wird), und das die Bevölkerung langsam erkennt, das Merkel kein Segen sondern ein Fluch ist! Der Kapitalismus wird natürlich etwas anderes behaupten.
pedrei56 schrieb am 18.12.2011 um 14:20
Diese Herren Heuser und Konsorten hatten in ihren hohen Ämtern "Schüler". Und diese hatten wieder "Schüler"... Daher erklärt sich in meinen Augen die "Rechtsblindheit" gewisser Verfassungsorgane...
Matto schrieb am 18.12.2011 um 15:45
Es gehr doch gar nicht um Heuser, sondern um den ganzen Naziapparat, der von der BRD übernommen wurde, samt der ganzen Blutjustiz. Keiner hat sich darüber empört, nur die RAF.
In der alten BRD wimmelte es nur so von belasteten Nazis, während die Opfer, die ja ihre Peiniger an gewissen einflußreichen Stellen wieder fanden, kein Recht bekamen.
Köhler wurde nur mit einer Stimme zum Bundespräsidenten gewählt, es war die Stimme des Nazis und Marinerichters Filbinger. Kurz nach dem Krieg, fällte er noch Todesurteile.
Lübke, ehemaliger Bundespräsident, hatte seine Hände beim Bau des KZ in Nordhausen im Spiel. Schleyer, Präsident der Arbeitgeber, war in der Waffen-SS. Kiesinger, ehemaliger Bundeskanzler, war in der NSDAP. Man könnte hier endlos weiter fortfahren, nicht zu vergessen die Nazis Globke und Oberländer. Sämtliche Kasernen der BRD waren nach belasteten Nazis benannt und selbst in der Bundeswehr waren Tausende von Nazis in führenden Positionen. Darum war für sie auch der Kalte Krieg so wichtig. Und wir wundern uns heute über die weitere Entwicklung des Nazismus in diesem Land. Selten so gelacht!!!!
fahrwax schrieb am 19.12.2011 um 15:21
Bei einem Staatswesen dem die Gerechtigkeit fehlt soll es sich um eine Räuberbande handeln.
Wie wollen wir mit dieser kriminellen Vereinigung verfahren?


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