Politik

Sozialsysteme | 03.01.2012 17:40 | Verena Schmitt-Roschmann

Wenn die Versicherung nicht sichert

Der Streit über die Rente mit 67 ist nachrangig: Für die Renten- und die Arbeitslosenversicherung stellt sich eine viel tiefer gehende die Sinnfrage

Es gibt Neues aus dem Reich der politischen Finte. CSU-Chef Horst Seehofer stänkert gegen die Rente mit 67, die er und seine Partei 2007 in der Großen Koalition 2007 mit beschlossen haben. Und das zum Start der Reform knapp fünf Jahre später, wo (leider, leider) nichts mehr zu ändern ist. Das ist billig. Nicht viel glaubwürdiger ist allerdings die Position der SPD, die sich damals von ihrem Sozialminister Franz Müntefering mit der Reform überrumpeln ließ und nun aus sicherer Opposition heraus die Aussetzung fordert.

All das ist ärgerlich, aber doch nur Geplänkel. Der politische Kern liegt woanders: Die sozialen Sicherungssysteme wurden – übrigens meist mit breiten politischen Mehrheiten - in einer Art und Weise therapiert, dass sie soziale Sicherung nicht länger systematisch leisten. Über das Dogma niedriger Lohnnebenkosten verlieren gerade die Renten- und die Arbeitslosenversicherung zunehmend ihre Funktion als Schutznetz für jene, die es am dringendsten brauchen.

Überlebensfrage für das System

Die gesetzliche Rente wird nach den Reformen des vergangenen Jahrzehnts nur noch für langjährig stabil beschäftigte Gutverdiener im Alter zum Leben ausreichen. Das Entscheidende ist dabei die 2004 beschlossene drastische Senkung des Rentenniveaus bis zum Jahr 2030. Für Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit oder in volatiler und prekärer Beschäftigung wird die gesetzliche Rente keine relevante Größe oberhalb der Sozialhilfe mehr erreichen. Die Rente mit 67 wirkt dagegen fast nachrangig. Sie verschärft höchstens den bereits absehbaren gefährlichen Trend - falls tatsächlich, wie befürchtet, auch in zehn oder 15 Jahren Jobs für Alte fehlen und Minirenten mit Abschlägen weiter beschnitten werden.

Für die Rentenversicherung stellt sich dieselbe Sinnfrage, die sich auch für die Arbeitslosenversicherung auftut, wenn diese jeden Vierten nach einem Jobverlust eben nicht mehr absichert, sondern in die staatliche Fürsorge fallen lässt. Betroffen ist wiederum die Gruppe von Beschäftigten, die mangels eigener Ressourcen auf Versicherungsschutz am meisten angewiesen wäre: Billigjobber und Zeitarbeiter. Die Frage ist doch, ob man auf Dauer Hunderttausende zu Beiträgen in Umlagesysteme verpflichten kann, die ihnen keine Leistung jenseits der staatlichen Grundsicherung bieten. Diese Frage wird früher oder später auch das Bundesverfassungsgericht erreichen. Für die austherapierten Sozialsysteme geht es dabei ums Überleben.

 
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Kommentare
Zasti schrieb am 03.01.2012 um 19:11
Meines Erachtens ist die eigentliche Frage, ob man die Verwaltung diese Sozialversicherungen nicht in die Hände der Lohnarbeiter übertragen sollte. Die bisherigen "Verwalter" scheinen massive Probleme damit zu haben.

Das wäre eine fortschrittliche Idee !
Dennis82 schrieb am 03.01.2012 um 19:42
Die Strategie hinter den Rentenkürzungen ist unter anderem ja auch die Privatisierung der Rente. Durch das Missverhältnis zwischen eingezahlten Beiträgen und erwartbarer Rente unterhalb der Grundsicherung für breite Bevölkerungsschichten erhofft man sich erstens den Zorn der Bevölkerung (die das Gefühl hat, für nichts einzuzahlen) und in der Folge damit die vollständige Zerschlagung des Systems der gesetzlichen Rentenversicherung.

Wobei ich mir durchaus auch vorstellen könnte, dass das BVerfG - wären denn Kläger (z. B. Sozialverbände, die DRV selbst, Rentner, Arbeitnehmer oder Gewerkschaften) vorhanden - auch die Renten"reformen" der vergangenen Jahre kassieren könnte. Stellen diese doch enorme Eingriffe in eine Vielzahl von Grundrechten dar. "Lohnnebenkosten" und "Nachhaltigkeitsfaktor" sind meiner Meinung nach keine tragfähigen Argumente, um gleich mehrere Grundrechte - u. a. Menschenwürde, Gleichheitsgrundsatz, Eigentum und das Sozialstaatsgebot - auszuhebeln!
Grundgütiger schrieb am 04.01.2012 um 09:31
Wenn von 41 Millionen Beschäftigten (auch Jobwunder genannt) nur 28,9 Millionen einzahlen, auf Grund prekärer Beschäftigungsverhältnisse, braucht man sich über ein Ende der umlagefinanzierten GRV nicht wundern.
Da dieses absehbar war, hat es "Reformen" gegeben.
Die dreistesten Taten hat wieder mal, leider, die Sozialdemokratie hingelegt. Riester ist zum Begriff für verbranntes Geld geworden. Oder glaubt jemand ernsthaft, in 30 oder 40 Jahren von seinem Geld noch etwas zu sehen.
Da sei die Börse vor.
Wenn wir es nicht langsam schaffen, alle in die GRV zu bekommen, mit Beiträgen, die dem Einkommen entsprechen, sehe ich schwarz für meine Kinder.
Ich persönlich habe nach 48 Jahren Beitragszahlung eine Rente von 1352,00 Euro zu erwarten. Und das bei einem"mittleren" Einkommen.
Wie mag es denen ergehen, die mit 700- 900 Euro auskommen müssen, der Durchschnittsrente?
Die Rente mit 67 ist nur ein Verschiebebahnhof mit weiterem Kürzungscharakter.
Der "demographische Faktor" ist eigentlich nur ein Vorwand, um nach Verständnis für die getroffenen Maßnahmen zu heischen.
Jopie Heesters war gar nicht gesetzlich rentenversichert.
Es ist wissenschaftlich erwiesen, wenn du arm bist, musst du eher sterben.
Und so wird wohl ein stetig wachsender Anteil der Bevölkerung
nur einzahlen.
Achtermann schrieb am 04.01.2012 um 11:49
Bei der Bildzeitung löst Franz-Josef Wagner das Rentenproblem so:

Ein 70-jähriger Tischler macht einen Tisch. Ein 80-jähriger Klempner mit Glatze reinigt die Toilette. Ein 90-jähriger Gärtner schneidet die Hecken. Ein 100-jähriger Koch wirft die Bratkartoffeln in der Pfanne hoch. Was ist daran so schlecht, wenn die Alten arbeiten? Arbeiten ist Glück.

Anders formuliert: Der Staat hat den Riester-Vertragspartnern bisher insgesamt 10 Mrd. Euro zugeschossen. Es gibt Berechnungen, die sagen, dass die Versicherungen und Banken, die Riester-Verträge verkauft haben, einen exakt so großen Gewinn eingefahren haben sollen. Das Öffnen einer Goldgrube ist Riester und seinen Parteigenossen also gelungen. Die Profite, die indirekt aus der Staats- in die Spekulationskassen der Verbriefungsexperten fließen, ziehen weitere Subventionierungen (Bankenrettungen) nach sich. Riester kann sich vor Vortragseinladungen, die er sich sehr gut bezahlen lässt, kaum retten. Die SPD gibt wie immer die Rolle der Sozialtante.
Frank Linnhoff schrieb am 04.01.2012 um 17:43
Die jetzige Renten- und Arbeitslosenversicherung hat in der Tat keine Zukunft mehr. Ich sehe schon mittelfristig keine andere Lösung, als ein Grundeinkommen und eine Grundrente für alle Bürger, welche aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden.

Das schweizer Rentensystem könnte hier eine gewisse Vorbildfunktion haben.


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