Politik

Staatsoberhaupt | 22.01.2012 16:15 | Verena Schmitt-Roschmann

"Man kann ja mal ins Straucheln kommen"

Das herbeigesehnte Ende einer Affäre: In einer Matinee mit Bundespräsident Christian Wulff ist der Skandal nur ein lästiger Programmpunkt. Rücktritt? Ach iwo

Als Josef Joffe um 11.53 Uhr das Thema Präsidentenhatz für beendet erklärt, ist der Junge in Reihe fünf bereits tief und fest eingeschlafen. Staatsbürgerliche Solidarität, eine erhoffte Zukunft in der Jungen Union oder in der Grünen Jugend, ein ehrgeiziger Papa – was immer den vielleicht Zehnjährigen zur Matinee des Zeit-Herausgebers mit Bundespräsident Christian Wulff ins Berliner Ensemble getrieben haben mag, ist vorerst erloschen nach dieser quälend langen ersten Halbzeit.

Es ist eine Art grotesker Tanz, den die beiden Gesprächspartner da auf der Bühne aufgeführt haben. Joffe, der Journalist, mokiert sich über das „Mediengericht“ und die „Medienkampagne“ gegen das Staatsoberhaupt und versichert, dass er alle enttäuschen werde, „die hier ein nochmaliges Verhör erwarten“. Wulff, der sehr blasse Präsident, murmelt selbstvergessen, neinnein, Medienschelte liege im fern, ach du meine Güte, das ist ja Ihr Job. Dann geht es noch ein bisschen um den alten Fritz, und wer wohl das schwerere Los gehabt habe, der Preußen-König oder der von der Kredit-Reise-Upgrade-Buchsponsor-Oktoberfest-Affäre gebeutelte Wulff, was letzterem Anlass zu dem großherzigen Satz gibt: „So schwierig wie Friedrich der Große habe ich es auch in den vergangene Wochen nicht gehabt.“

"Keine Vorwürfe gegen mich"

Noch einmal ist von Fehlern die Rede und von Entschuldigungen – Wulff nennt abermals den peinlichen Anruf auf der Mailbox von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. „Ich glaube schon, dass es gilt, ein bisschen Vertrauen zurückzugewinnen“, weiß Wulff. Zumal just am selben Morgen die „Bild am Sonntag“ mit neuen Umfrage-Zahlen auf den Markt kommt, dass inzwischen 53 Prozent der Bundesbürger einen Rücktritt des Präsidenten besser fänden als sein Bleiben. Die Bürger seien schon bewegt von dem, was sie hörten und läsen, meint der Präsident. Doch „muss man sagen, dass es keine Vorwürfe gegen mich gibt“. Das löst ein bisschen Ratlosigkeit aus, aber er meint wohl strafrechtliche Anklagepunkte. Zum Glück, fügt Wulff jedenfalls an, lebe er ja nicht im Mittelalter, wo er vielleicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre.

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Die Berichte der vergangenen Tage über von der Marmeladenindustrie gesponserte Ballbesuche erklärt er zur Privatsache, die Ermittlungen gegen seinen langjährigen Intimus Olaf Glaeseker zu einem Schweigen gebietenden schwebenden Verfahren. Im übrigen gewähre der Rechtsstaat auch Glaeseker vorerst die Unschuldsvermutung. Die jüngste Volte der Affäre, dass das Land Niedersachsen zu Wulffs Zeit als Ministerpräsident entgegen eigenen Angaben für die obskure Veranstaltung Nord-Süd-Dialog doch Steuergeld aufgewandt haben könnte, wolle auch er geklärt wissen, versichert Wulff. Das von der SPD angekündigte Verfahren vor dem Staatsgerichtshof sehe er allerdings mit großer Gelassenheit: „Mir sind die Dinge seit den letzten Tagen bekannt.“

Ein Hauch von Läuterung

Rücktritt jedenfalls, nein, auf keinen Fall. „Man kann ja mal ins Straucheln kommen, man muss nur wieder aufstehen“, meint Wulff. Er deutet einen Hauch von Läuterung an, als er verspricht, künftig weniger selbst zu telefonieren und zu simsen und beim Kontakt zu Journalisten vielleicht eher mal auf Mitarbeiter zu vertrauen. Mit 52 Jahren könne man zudem auch mal zurückschauen und „Schlüsse ziehen“ aus der Phase seines Aufstiegs zum Ministerpräsidenten und aus der Zeit als Landesregierungschef, sagt der Präsident kryptisch. „An bestimmten Stellen neu zu justieren, das sollte man in seinem ganzen Leben immer wieder machen, und das ist auch nichts Schlimmes.“ Fast klingt das wie eine verkappte Distanzierung von diesen undurchsichtigen Zweckfreundschaften mit den Maschmeyers und Geerkens' der Republik. Aber vielleicht wünscht man sich das auch nur.

Bis zu dieser leidigen Geschichte, findet Christian Wulff, habe er seine Sache eigentlich sehr gut gemacht und sei auch sehr beliebt gewesen. „Das sah toll aus.“ Er versichert auch, dass er das Amt sehr gerne ausübe, dass er eine wichtige Aufgabe habe, dass es ihm gelinge, überparteilich zu sein. Am 5. Mai werde er als erster Bundespräsident zum Tag der Befreiung in den Niederlanden sprechen dürfen. „Dieses zu machen, finde ich sehr wichtig“, sagt Wulff. Will sagen: Vorher gehe ich auf keinen Fall. Und danach auch nicht.

Auf Joffes Vorschlag, ob er nicht nach einer sehr staatstragenden Rede demnächst als Knalleffekt zum Ende sagen wolle „Ihr könnt mich alle mal“, gibt sich Wulff jedenfalls spontan empört: „Ich finde das total banal.“ Die Akustik im Theater ist schlecht, es könnte auch heißen: „Ich finde das total Banane.“ Die Botschaft jedenfalls ist klar: Kommt nicht in Frage. Wulff verweist noch einmal auf seine harte Kindheit, in der er seine kranke Mutter betreuen musste. Habe man so etwas erlebt, dann gebe es kein Wegducken oder Ausbüxen, „dann weiß man um die Verantwortung und nimmt sie auch wahr.“ Das ist so eine Art vorläufiges Schlusswort.

"Das war so erbaulich"

Den Rest der Zeit plaudern die beiden Herren, nun sichtlich erleichtert, dass sie den schmuddeligen Programmpunkt „Affären“ endlich abgearbeitet haben, über die „Originalfrage“ der schon vor Monaten geplanten Veranstaltung. Die lautet: „Typisch deutsch?“ Es geht nochmal ein bisschen um den armen alten Fritz, um die Fußball WM 2006, um Vielfalt und Nationalstolz, um die versöhnende Rolle Deutschlands in der Welt und den Eingang des Worts „Kurzarbeitergeld“ in die japanische Sprache. „Ich glaube, wir können auf unsere Bewältigung der Krise 2008 richtig, richtig stolz sein“, sagt Wulff.

Stolz sind die beiden Herren auch auf ihre eigene Krisenbewältigung an diesem Vormittag. Sie freuen sich sichtlich, dass sie das alles gemeinsam so prima gemacht haben und zuletzt wieder richtig nett zu einander sein durften. „Ich kann nur sagen, das war besser heute als Kirche, das war so erbaulich heute“, seufzt Joffe zum Abschied und blickt selbstzufrieden ins Publikum. Der kleine Junge im Parkett schlummert selig. Aber der blasse Präsident darf jetzt sogar ein bisschen lächeln.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Gold Star For Robot Boy schrieb am 22.01.2012 um 16:34
Nur noch ein Drittel der Deutschen hält den Bundespräsidenten für glaubwürdig, eine Mehrheit wünscht seinen Rücktritt. Realitätsverweigerer Wulff ignoriert diese Mehrheitsmeinung in wenn er beim Transatlantikerkumpel Joffe behauptet :"Ich habe sehr, sehr viel Zuspruch". Von wem ? Egon und Edith Geerkens ? Günther Oettinger ? Jürgen Großmann ? Der Bunte Redaktion ? Der Grad der Realitätsverweigerung beim Bundespräsidenten erinnert an KT zu Guttenberg vor seinem Rücktritt. Ein Politiker, für dessen Neigung zur Verquickung von Amt und Vorteilsnahmen heute Abend bei G.Jauch ein neues Wort vorgestellt wird (In aller Freundschaft – Wie viel "Wulffen" ist in Ordnung?), der das Niedersächsische Parlament und die deutsche Öffentlichkeit belogen hat und in einem peinlichen Fernsehinterview Ausreden präsentierte und in Selbstmitleid zerfloss, dieser Mensch ist als oberster Repräsentant unseres Staates untragbar und beschämend.
Magda schrieb am 22.01.2012 um 17:21
Ich habe mir die Sendung angesehen. Sicherlich ein brav-erbauliches und - von Joffe - auch wohlwollendes Spiel. Aber ich fands trotzdem interessant, zu sehen, wie der Wulff sich tapfer schlug. Und ich will auch nicht - anhand der wirklich starken Blässe - erkunden, ob er nicht endlich zu Boden geht.

Mir ist das Anti-Wulff-Theater nach wie vor widerlich und ich will nicht, dass die Bundesrepublik von einem so typischen Präsidenten befreit wird. e
Gold Star For Robot Boy schrieb am 22.01.2012 um 17:28
Tapfer ? Einem ehemaligen Weggefährten die Unschuldsvermutung zugestehen wollen, den er selber gefeuert hat. Das muss wohl eher als schizophren eingestuft werden.
lyrith schrieb am 22.01.2012 um 22:38
"Mir ist das Anti-Wulff-Theater nach wie vor widerlich und ich will nicht, dass die Bundesrepublik von einem so typischen Präsidenten befreit wird. "

@Maga Ist das ironisch gemeint? Man kann die Rolle der Medien in der ganzen Angelegenheit zu Recht kritisieren und ich gehöre zu den Kritikern von Jakob Augstein, der m.E. die Rolle von Bild nun wirklich zu rosa sieht.
Aber seit Mitte der Woche haben wir eine neue Situation. Denn offenbar wurde das Parlament in Niedersachsen bewusst belogen. Der Gewinn eines privaten Veranstalters wurde durch Einsatz öffentlicher Mittel gesteigert.
Da ist nun schon wieder mal ein Rubikon überschritten. Jetzt gehts nicht mehr um persönliche Vorteile, um ein Privathaus, um private Urlaube. Wir sind jetzt in der öffentlichen Sphäre und das macht einen Unterschied.
Magda schrieb am 23.01.2012 um 22:23
"Wir sind jetzt in der öffentlichen Sphäre und das macht einen Unterschied."

In der öffentlichen Sphäre wird allüberall dermaßen...naja, ich fühle mich nachhaltig missverstanden.
SiebzehnterJuni schrieb am 22.01.2012 um 17:32
Joffe: „Ich kann nur sagen, das war besser heute als Kirche, das war so erbaulich heute“, seufzt Joffe zum Abschied und blickt selbstzufrieden ins Publikum. ..."

Für Joffe zur Erinnerung:

Das dritte Gebot
Du sollst den Feiertag heiligen.

Das achte Gebot
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Ja, denn Joffe der Christ hat den Feiertag nicht geheiligt. Und er hat seinen gast nicht auf das achte Gebot hingewiesen!

Wie lange wurde das Gespräch wohl eingeübt?
@dllxllb schrieb am 22.01.2012 um 18:14
Von dem Gespräch habe ich nur das kurze Video auf zeit.de gesehen. Wulff spricht von Vertrauen zurückgewinnen. Dazu kann ich nur sagen, dass ich keineswegs Vertrauen in ihn, oder irgend einen Politiker, hatte. Von daher gibt's auch nichts zurückzugewinnen.
Aber bei einigen wenigen Vertretern der berufspolitischen Zunft habe ich dann doch so ab und an das Gefühl dass sie Überzeugungen haben, die sich über den eigenen Interessenhorizont, und den der Partei hinaus, auf die Bevölkerung erstrecken.
Dieses Gefühl habe ich hier nicht.

In Anbetracht des Gutachens von Arnims hätte eine Aufnahme von Ermittlungen (und eine Einstellung dieser) den Hauskredit usw. betreffend, mein Vertrauen in den Rechtsstaat gestärkt.
@dllxllb schrieb am 22.01.2012 um 19:58
Was die Überzeugungen angeht, die sich auf die Bevölkerung erstrecken... Ich fürchte ich sehe hier doch welche. Und überhaupt scheint es immense Realitätsunterschiede zwischen dem ein oder anderen Politiker und dem doch nicht so verblödeten Volk zu geben.
lebowski schrieb am 22.01.2012 um 18:19
"„Ich glaube, wir können auf unsere Bewältigung der Krise 2008 richtig, richtig stolz sein“, sagt Wulff."

Das sollte er unbedingt mal den mittlerweile in die Millionen gehenden Arbeitslosen, Paupern und working poor sagen. Die wissen das noch gar nicht.
@dllxllb schrieb am 22.01.2012 um 20:05
Nun, das sind so die einschlägigen Phrasen. Wer die Mär von der Aufgabenbewältigung auch des öfteren nutzt, ist Frau von der Leyen. Zumindest hängt mir das so im Ohr fest.

Ich wusste auch noch gar nicht, dass die Finanzkrise bewältigt ist. Good news! Time for a drink. Or the whole f*ckin bottle.
claudia schrieb am 22.01.2012 um 20:05
>>Das sollte er unbedingt mal den mittlerweile in die Millionen gehenden Arbeitslosen, Paupern und working poor sagen.<<
Das ist nicht sein Job.
antares56 schrieb am 22.01.2012 um 18:40
Wie lange will der Kerl noch an seinem Stuhl kleben? Das ist nur noch widerwärtig und peinlich! Der Mann hat ja überhaupt kein Gefühl für "Anstand"!
Und wie lange wollen wir Bürger uns das noch gefallen lassen? Wir haben einen besseren Präsidenten als "Abkassierer-Wulff" verdient.
turnmeister schrieb am 22.01.2012 um 19:34
Jo. "Anstand". So weit der Begriff auch zu deuten sein mag, und so oft sich Wulff noch durch Interviews wursteln und herausreden mag.... dieses Wort verkörpert perfekt, was ihm zu fehlen scheint und gleichzeitig so immense Reaktionen in Medien und Bevölkerung hervorruft. Und genau das scheint er, sich selbst als Opfer der Medien betrachtend und nur auf Druck reagierend, nicht zu verstehen.
Wie Hesse schon sagte: "Nach meiner Erfahrung lassen immer nur jene Gewissen sich anrufen und schärfen, die ohnehin schon wach sind."
... bei Herrn Wulff scheinen einige Gewissen sehr tief zu schlummern.
niclas quinten schrieb am 23.01.2012 um 13:01
Es geht nicht vordergründig um eine strafrechtlich zu verfolgende Tat oder Taten. Es geht um Gewissen, Anstand, Moral, Ethik. Alles das sucht man vergebens in der Causa Wulff. Der Bundespräsident scheint erheblich unter einer Wahrnehmungsstörung zu leiden. Er tut so, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun. Hier irrt der Bundespräsident und man mag ihm zurufen: Aufwachen!
Charly.W schrieb am 24.01.2012 um 03:03
Es geht nicht vordergründig um eine strafrechtlich zu verfolgende Tat oder Taten. Es geht um Gewissen, Anstand, Moral, Ethik. Alles das sucht man vergebens in der Causa Wulff. Der Bundespräsident scheint erheblich unter einer Wahrnehmungsstörung zu leiden. Er tut so, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun. Hier irrt der Bundespräsident und man mag ihm zurufen: Aufwachen!”

Genau, mir kommt es auch so vor, als würde unser Präsident aus einer Gesellschaft mit anderen Wertvorstellungen, Regeln etc. kommen. Einer Gesellschaft in der nur er und seine Freunde bestimmen was gemacht wird, was richtig und was falsch ist. Dazu passen wohl auch die Infos von Menschen, die Herrn Wulff schon lange kennen und die von 2 verschiedenen Persönlichkeiten berichten. Einmal dem bodenständigen, sozialpolitisch orientierten Christian aus Osnabrück und von dem EgoPräsidenten Wulff aus der Hauptstadt.

Man könnt grad meinen der Mann hat in einem der zahlreichen angebotenen Seminaren “ Wenn Du wirklich was willst, dann kriegste das auch oder so” den Blick für die demokratische Gesellschaft in der er lebt und von der er zum BP gewählt wurde verloren. Würde mich nicht wundern, wenn er den gleichen Kursus besucht hat, wie Guttenberg & Co.
Columbus schrieb am 22.01.2012 um 19:41
Weiß denn jemand, wie die Redeanteile verteilt waren?

Für gewöhnlich muss man bei Josef Joffe 3xGast nehmen und eine Menge seiner Kolportage-Histörchen anhören, bevor eine Frage kommt, auf die die erwünschte Antwort meist vorher schon aus der Joffeschen Heilsgeschichte abzuleiten ist. Kluge Gäste betreiben dann "Echoing".

Was wusste denn Wulff vom alten Fritzen?

Christoph Leusch
niclas quinten schrieb am 22.01.2012 um 20:15
Joffe hat Wulff in Watte gepackt. Es ist erstaunlich unter welch verzerrter Wahrnehmung der Bundespräsident leidet. Hat er doch gesagt: Nicht alles was Rechtens ist, ist auch richtig. Insofern gibt es ganz erhebliche Vorwürfe gegen ihn. Es ist schon eine schwache Position, wenn man sich in diesem Amt auf die Position: ... Strafrechtlich wird nichts vorgeworfen... zurückziehen muss. Der Bundespräsident sollte umgehend zurücktreten. Er ist nur ein Spielball in diesem Theater.

...so nebenbei: Es gibt ja kein gesetzlich geregeltes Abwahlverfahren während der Amtszeit für den Bundespräsidenten. Eine solchen Fall konnten sich die Gesetzgeber damals nicht vorstellen. Jetzt sollte dringend darüber nachgedacht werden.
@dllxllb schrieb am 22.01.2012 um 20:32
Ist es nicht unglaublich, dass man (Sie, andere, ich auch) im Zuge dieser Affäre überlegt inwieweit und ob der BP in Zukunft abgewählt werden können soll.

Würde des Amtes. Und wenn ich noch einen Politiker höre der schwadroniert man solle doch nicht über die Affäre reden um die Würde des Amtes zu schützen... Mir fällt spontan kein anderer Fall ein in dem ich das Henne-Ei-Problem ja mal sowas von lösen könnte...
Aristipp schrieb am 23.01.2012 um 08:19
JoJo - ein Journalist? Ach doch wohl kaum, auch nie gewesen. Früher mal ein eher ahnungsloser Provokateur, der Max Weber falsch zitierte und die USA heilig sprach, egal was da dann auch immer gerade geschah. Heute dann nur noch ein selbstverliebter Egomane - was er mit Wulff gemeinsam haben mag -, der schon aus Prinzip anderer Meinung ist als die anderen, weil er nur so zu einer Meinung kommt. Aber Journalist - nie nicht.
Und über Wulff müssen wir sowieso nicht mehr reden, der wird sogar noch beleidigt sein, wenn er bei einer erneuten Kandidatur dann nicht gewählt werden wird, weil er auch dann immer noch glauben wird, dass ihm das aufgrund seiner schweren Kindheit zustehen würde.
lisi stein schrieb am 23.01.2012 um 09:32
Die ZEIT übernimmt wohl im Fall Wulff, vertreten durch Josef Joffe die Rolle des Beschützers vor den anderen bösen Medien. Di Lorenzo hat es mit seiner Guttenberg-Hilfsplattform vorgemacht. Und wenn am Ende der Wulff zur Bewältigung seiner schweren Kindheit die Präsidententheraphie durchmachen muss, dann kann die ZEIT für sich in Anspruch nehmen, dass sie ihm dabei gegen alle Widerstände geholfen hat! Abzuhaken unter "fairem Umgang" mit der Wahrheit und im Dienste der Aufklärungspficht der Medien.
Tobi-Eiki schrieb am 23.01.2012 um 11:42
Es ist erstaunlich, wie lange bereits über die Causa Wulff berichtet wird. Täglich gibt es neue Beiträge, Kommentare, Artikel und Storys, die die Glaubwürdigkeit des Bundespräsidenten weiter in Frage stellen. Genauso erstaunlich ist jedoch, dass der "blasse" Präsident es so lange im Amt aushält. Was treibt ihn an? Was motiviert er? Ist er vielleicht so sehr von sich selbst überzeugt, dass er erhaben über all seinen Kritikern steht? Wäre es für ihn, das Amt und seine Familie nicht besser, wenn er endlich das Handtuch wirft und zurücktritt? Für mich ist ein Politiker wie Wulff nicht länger tragbar. Michael Spreng, Politikberater und Journalist, hatte in einer Talkshow vor einer Woche gesagt, dass ein Bundespräsident grundsätzlich zwei Aufgaben hat. Zunächst ist er der oberste Notar der Bundesrepublik. Er setzt somit seine Unterschrift unter jedes Gesetz, damit es im Bundesgesetzblatt veröffentlicht werden kann. Zweitens dient er als Repräsentant der Bundesrepublik. Er repräsentiert das Volk und trägt somit auch zur Integration bei. Er ist eine moralische Instanz, die Vorbild sein soll. Genau diese zweite Funktion kann laut Spreng Wulff jedoch nicht mehr wahrnehmen! Deshalb, so Spreng, solle Wulff zurücktreten, um auch dem Amt keinen weiteren Schaden zuzufügen.
susi sorglos schrieb am 23.01.2012 um 15:23
Dort oben in Niedersachsen scheint sich ein politisch-
marmeladiger Komplex etabliert zu haben, der ganz unabhängig von Parteizugehörigkeit ist (siehe Schröder
und Maschmeyer etc.), sondern dessen Gemeinsamkeit
sich als Grossmannssucht beschreiben liesse und der
auch die bekannte demokratietheoretische Diagnose
rechtfertigt, dass sich die Parteien Staat und Gesellschaft
zur Beute gemacht haben.
Im Hintergrund dann das Schneewittchen Veronika Ferres,
das sanft lächelnd mitkassiert. Bettina Wulff scheint ja
auch eine dieser "neuen" Frauen zu sein?
Was das Geschwurbel des Herrn Wulff angeht, ich kann es
nicht mehr hören, die Peinlichkeit ist unerträglich. Man
kann ja mal straucheln...banaler geht es gar nicht mehr.
Korruption und die Strukturen, die Korruption fördern,
sind damit ein wenig unzureichend beschrieben.
Und das von einem Mann des Wortes, jedenfalls ist das
theoretisch seine Qualifikation.
Statt dessen Selbstmitleid und Ausflüchte, das mag nicht
rechtswidrig sein, aber es ist abstossend.
RAJmue schrieb am 23.01.2012 um 18:59
Die ganze Erregung geht von prä-postdemokratischen Prämissen aus. W. repräsentiert das Volk auf das Beste, und die in ihm zu Tage tretende Mentalität ist weit verbreitet. Amalgame von Demut & Selbstgerechtigkeit, Ducken & Sichselbstaufdieschulterklopfen. Herr W. chargiert auch ausgezeichnet in der Rolle der flockenwortig einherdefilierenden Hochbildung und politischen Schmalzauslasskunst. Der oft zu Unrecht geschmähte Heinrich Lübke kann bei weitem überboten werden. Yes We Can.

W. musste kurzfristig als Ersatz in die Schlacht um das Lustschlösschen geworfen werden, und er ist in der Tat ein dialektisch vollwertiger Königsersatz. Allerdings doch halt wie in Notzeiten. Er hat es nicht so schwer wie Friedrich der Große oder Pippin der Kleine. Mit Johanna der Wahnsinnigen hat er nichts gemein, auch nicht mit Iwan dem Schrecklichen. Eher mit den netten Sammelbildchen von Kaiser Franz Josef I. (nach Anti-Ageing-Behandlung, versteht sich), Sissi sekundierend.

Unglücklicherweise scheint Friedrich II. es ihm immer wieder angetan zu haben. Doch wie steht es um die Ehe, die nicht kinderlos ist? Wo bleibt der seinerzeit annoncierte Voltaire? Für einen Überalldenkatholizismusvorzeiger eine gewagte, ja kühne Ankündigung. Wer käme dafür in Frage? Immerhin war Voltaire ja auch geschäftstüchtig und darin skrupellos, da ließe sich im Freundeskreis ein Anknüpfungspunkt finden. So sind „Finanzprodukte“ ja auch oft Erdichtungen, und das Publikum war und ist eingeladen, beim Schauspiel um private „Sicherheit“ die Rolle des Toren einzunehmen. Wer aber macht den Johann Joachim Quantz und den Carl Philipp Emanuel Bach? Eurovisionspartizipanten?

Entfallen die Schlesischen Kriege nur, weil sie zu schwer wären? Oder sind das jetzt sozusagen die Kriege, denn es steht ja nicht so gut beim hinhaltenden Widerstand. Soll „Kolberg“ wiederaufgeführt werden? Soll man jetzt ein anderes Weltereignis erwarten, das wie seinerzeit Entspannung schafft? Und nach glücklichem Ausgang: Dürfen wir auf Wulffsouci hoffen? Das Stadtschloss? Würde diese blockhafte Selbstgewissheit nicht herrlich passen? Inklusive Hummboltd-Forum. Oder so ähnlich. Der Welteinläufigkeit und konservetiven Bildung wegen. Ferner: Wann wird die Pressefreiheit endlich einmal ähnlich energisch wie seinerzeit gegenüber einigen Gazetten gehandhabt? Usw.

Kurzum: Könnte jemand die Zukunft als gartenschlauchhafte, bonusgratifizierte Prolongation der Vergangenheit, als aristohaptische, neosynkretistische Bürgerlichkeit besser repräsentieren? Er soll bleiben. Ad multas bananas.
zeitlooser schrieb am 24.01.2012 um 10:04
Zeit für gescheiterte Existenzen? Einer zuständig für Ex-Doktoren und der andere für Noch-Präsidenten....


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