Politik

Ägypten | 03.02.2012 12:25 | Martin Hoffmann

Vom Stadion auf die Straße

Blutige Zusammenstöße zwischen Polizei und Fussball-Fans fordern erneut Tote. Die Ultras sind in Ägypten extrem politisch. Sie standen in der ersten Reihe der Revolution

Nach den Ausschreitungen im Fussballstadion von Port Said richtet sich die Wut der Demonstranten gegen das ägyptische Militär. Landesweit kam es in der Nacht zu Freitag zu Protesten. Bei Zusammenstößen in Suez, rund 140 Kilometer östlich der Hauptstadt, starben zwei Demonstranten durch Polizeischüsse. Mindestens 30 Menschen wurden nach Angaben von Krankenhausmitarbeitern verletzt. In Kairo, wo sich tausende Demonstranten bis in die Nacht rund um den Tahrir-Platz Scharmützel mit der Polizei, lieferten, wurden bis zu 600 Menschen verletzt. Die Demonstranten, die neben der ägyptischen Flagge auch Fahnen der Fußballclubs Al-Ahly und Zamalek dabei hatten, machen Polizei und Militär für den Tod von 74 Menschen am Mittwochnachmittag im Stadion von PortSaid verantwortlich. Die Sicherheitslage sei bewusst vernachlässigt worden, lautet ihr Vorwurf. 

Die politischen Fans

Ausschreitungen und sogar Tote im Stadium sind, so zynisch das klingt, kein Novum in der Geschichte des ägyptischen Fussballs. Der „Ultras“ genannte harte Kern der Fussballfans ist alles andere als unpolitisch. Die Ultras der Kairoer Vereine Al-Ahly und Zamalek haben eine lange Geschichte der Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften. Ihre Gesänge trugen den Geist des Widerstandes schon vor dem Fall Mubaraks in Millionen von Wohnzimmern im fussballverrückten Ägypten. „Nieder, nieder, mit der Herrschaft des Militärs!“ ist ein Slogan, der bei jedem Spiel vielfach durch das Stadium hallt. Vor allem die Militärpolizei wird während der Fussballspiele routinemäßig beleidigt. Kein anderer Bestandteil der Protestbewegung verfügt zudem über eine ähnliche Erfahrung im Konflikt mit den Sicherheitskräften.

Während der Straßenschlachten im November und Dezember mit über 60 Toten waren es die Ultras, die in vorderster Reihe gegen die Sicherheitskräfte kämpften. Ihr organisatorisches Geschick ist in der Protesbewegung weithin bekannt. Während der Straßenkämpfe evakuierten sie die Verletzten auf Motorrädern aus der Kampfzone und sorgten für Nachschub mit „frischen Kräften“.

Inzwischen schwirren Anschuldigungen, dass die anwesenden Sicherheitskräfte bewusst nicht eingriffen haben, als mit Flaschen, Stöcken und Messern bewaffnete Fans des Gastgeberclubs Al Masry nach Abpfiff auf die Spieler von Al-Ahly losgingen. Notausgänge waren versperrt, dutzende Menschen wurden in engen Korridoren erdrückt.

"Rache für die Revolution"

Präsidentschaftskandidat Hamdeeb Sabbahi aus Port Said erklärte, dass die Toten Opfer von „systematischen Chaos“ sein. „Was gestern geschah war ein Racheakt gegen die Ultras wegen ihrer Rolle während der Revolution.“

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Das Engagieren von bezahlten Schlägern, „Baltageyas“ genannt, ist ein weithin bekanntes Muster des Regimes, Demonstrationen eskalieren zu lassen. Diese kamen während des Umsturzes vor einem Jahr zum Einsatz, als sich die uniformierten Kräfte des Regimes zurückzogen. Seitdem wurde immer wieder auf diese Taktik zurückgegriffen. Im Vorfeld des Jahrestages zum Beginn der Revolution am 25. Januar kam es nachts immer wieder zu Schlarmützeln zwischen ihnen und dem harten Kern der Protestierenden, die auf dem Tahrir-Platz campen. 

Essam al-Erian von der Partei der Muslimbrüder behauptet, Militär und Polizei wären indirekte Komplizen des gestrigen Angriffes gewesen. Er beschuldigt den Militärrat Chaos zu schüren, um die Bevölkerung von der Notwendigkeit zu überzeugen auch nach der geplanten Übergabe der Macht an eine zivile Regierung im Juni diesen Jahres seine weitreichenden Befugnisse aufrechtzuerhalten. Dazu zählt unter anderem das Aufrechterhalten des Ausnahmezustandes. Seit dem Umsturz wurden 12.000 Menschen von Militärgerichten ohne Verfahren verurteilt und inhaftiert, die meisten nach Demonstrationen und mit der Beschuldigung „Unruhestifer“ zu sein.

Das ungeliebte Militär

Feldmarschall Tantawi, der oberste Mann im gegenwärtigen Ägypten erklärte indes, die Verantwortlichen würden nicht ungestraft davonkommen. „Ägypten wird stabil bleiben. Wir haben die Absicht, die Macht an eine gewählte Regierung zu übergeben. Wer versucht Instabilität zu schüren, wird scheitern.“ Ob das Militär auch willens ist den Ausnahmezustand aufzuheben, wurde noch nicht eindeutig. Kürzlich erklärte Tantawi, dass Militär sei bereit dazu, ist jedoch verpflichtet das Land vor „Unruhestiftern“ zu schützen. Ebenso unklar ist, ob der Militärrat gewillt ist in Fragen des eigenen Budgets Transparenz an den Tag zu legen. Hohe Vertreter des Militärrats haben kürzlich verlauten lassen, das Budget des Militärs könne keiner zivilen Regierung unterstellt werden.

Viele Mitglieder der Protestbewegung gehen davon aus, dass das Militär die Chaos-Karte spielt, um seine Privilegien in die neue Ära einer zivilen Regierung zu retten. Laut verschiedenen Angaben kontrolliert das Militär zwischen 25 und 40 Prozent der ägyptischen Wirtschaft.

Die Protestbewegung und die Fussball-Ultras haben für diesen Freitag zu neuen Demonstrationen aufgerufen. Die Stimmung unter der Ultras ist extrem aufgeheizt. Auf ihrer Internet-Seite verkünden sie: „Wir wollen deinen Kopf, Tantawi, du Verräter! Du hattest eine Chance Geschichte zu schreiben, aber warst zu arrogant und glaubtest die Ägypter würden sich um ihre Revolution betrügen lassen.“

 
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Kommentare
antares56 schrieb am 03.02.2012 um 17:22
Sehr guter Artikel.
Ich frage mich die ganze Zeit, ob sich durch en sogenannten Militärrat überhaupt etwas geändert hat? Eher weniger. Ein paar Leute wurden ausgetauscht. Ansonsten die gleichen wie früher!
Und die Macht und vor allen Dingen die Kontrolle des Staates an eine Zivilregierung abgeben, dass werden sie wohl nicht machen. So bleibt denn doch alles beim alten, es sei denn, die Revolution wird fortgesetzt!


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