Politik

Occupy | 07.02.2012 16:31 | Ryan Deveraux

Der Staatsgewalt die Luft ablassen

In New York ist man bei der Gretchenfrage angekommen: Wie hältst du's mit der Gewalt? Symptomatisch ist die Kontroverse um den Journalisten und Aktivisten Tim Pool

Tim Pool ist gezeichnet. Klar wurde ihm dies am vergangenen Sonntagabend am New Yorker Washington Square, als hunderte Occupy-Demonstranten sich nach einem lauten Marsch durch Lower Manhattan in Richtung eines leerstehenden Gemeindezentrums aufmachten. Pool war dabei und übertrug die Ereignisse per Livestream ins Internet, als ein maskierter Mann versuchte, ihn zu stoppen. Pool erhielt einen Hieb gegen den Arm, es folgte ein Handgemenge. Schließlich griff die Polizei ein und der Angreifer floh.

Der Vorfall hat die Diskussion um ein Thema angestoßen, das die Occupy-Bewegung zunehmend spaltet: Den Umgang der Aktivisten mit Geheimhaltung und Gewaltlosigkeit. Die Verhaftung von vierhundert Occupy-Demonstranten in Oakland am vorletzten Samstag zeigt, dass es mit der Bewegung, die in den vergangenen Wochen scheinbar eingeschlafen war, längst nicht vorbei ist.

Die kalifornische Polizei schoss Tränengas, Schallgranaten und so genannte "weniger tödliche" Patronen in die Menge der Demonstranten, die sichtlich auf eine Konfrontation vorbereitet waren. Sie trugen selbstgebaute Schutzschilde und mobile Barrikaden, bewarfen die Polizisten mit Steinen und anderen Wurfgeschossen. An einer Stelle rissen sie einen Zaun nieder, und ermöglichten so einer Gruppe zu entkommen, die ansonsten vielleicht mit Tränengas eingedeckt worden wäre.

"…NYPD go away"

Als Reaktion auf die Verhaftungen in Oakland gingen auch in New York City Menschen auf die Straße. Auch hier kam es zu Sachbeschädigungen und Flaschenwürfen auf die Polizei durch eine kleine Gruppe von Demonstranten. Eine wesentlich größere Gruppe jedoch bedachte die Polizei mit Sprechchören wie "Fuck the police" und "Racist, sexist, anti-gay/NYPD go away." Die kämpferische Haltung und aggressive Taktik, die von einigen mit Verweis auf die Polizeigewalt gerechtfertigt wurde, hat bei anderen zu Unmut geführt.

Dass Occupy nicht verschwinden wird, ist klar. Es wird sich allerdings zeigen, welche Form die Bewegung in den kommenden Monaten annimmt.

ANZEIGE

Tim Pool ist bei den Occupy-Wall-Street-Protesten so allgegenwärtig wie umstritten. Er selbst beschreibt sich als Aktivist und Journalist. Wenn es in New York eine Occupy-Aktion gibt, ist er mit großer Wahrscheinlichkeit zugegen und berichtet mithilfe seines Iphones von den Ereignissen. Seine Berichterstattung der Proteste hat ihm die Aufmerksamkeit des Time Magazine eingebracht. Über 11.000 Leute haben seinen Twitter-Feed abonniert und er erhielt 15.000 Dollar an privaten Spenden, um seine Arbeit fortsetzen zu können. Einen Großteil seines Ruhms hat Pool seiner 21-stündigen, ununterbrochenen Berichterstattung von der Räumung des Zuccotti Parks Mitte November zu verdanken. In dieser Nacht begann auch die Kontroverse um ihn.

Ungefähr gegen zwei Uhr in der Frühe sei er auf eine Gruppe maskierter Demonstranten gestoßen, die einem Auto der Polizei die Luft aus den Reifen gelassen habe, sagt Pool und behauptet, er habe zunächst überhaupt nicht vorgehabt, etwas zu filmen, sei aber sofort darauf angesprochen worden. Die Aktivisten hätten verlangt, er solle aufhören zu filmen. Da habe er mit der Begründung abgelehnt, er habe ein Recht darauf zu übermitteln, was sich vor seinen Augen abspiele, unabhängig davon, um was es sich handle. Von dieser Position ist er seitdem nicht mehr abgerückt.

"Ob er bezahlt wird oder nicht, spielt keine Rolle"

„Wenn Anarchisten, die die Luft aus den Reifen von Polizeiautos lassen, mir sagen, ich solle sie nicht filmen, weil sie etwas Illegales täten, dann werde ich sie filmen“, erklärte er. Dass auch die Polizei sehen kann, was er da filmt, ist ihm egal. Seiner Meinung nach bringen die Sabotage von Polizeifahrzeugen und das Werfen von Flaschen auf Polizisten Demonstranten, die weniger konfrontativ sind, in Gefahr. „Sie geben der Polizei eine Vorlage dafür, Unschuldige zu schlagen und zu verhaften.“

Der Aktivist Jason Ahmadi sagt, er habe Pool auf seine Arbeit angesprochen und ihn gefragt, ob ihm klar sei, dass er die Polizei permanent darüber auf dem Laufenden halte, was gerade passiert. Pool habe das bejaht und sein Recht verteidigt, damit fortzufahren.

„Für mich kommt das einer Weitergabe von Informationen an die Polizei gleich. Und wer die Polizei über eine illegale Aktivität informiert, ist der Definition nach ein Spitzel. Ob er dafür bezahlt wird oder nicht, spielt keine Rolle. Viele Leute befinden sich noch nicht lange in dieser Situation, für sie ist das alles neu. Irgendwie glauben diese Leute immer noch, die Polizei sei da, um uns zu beschützen, damit wir unseren Protest friedlich fortsetzen können. Sie verstehen nicht, dass die Polizei der repressive Arm des Staates ist, der die Redefreiheit unterdrückt, friedliche Demonstranten verprügelt und ins Gefängnis sperrt, Obdachlose und Menschen mit dunklerer Haut kriminalisiert. Ich glaube nicht, dass er sich bewusst darüber ist, was er da macht.“

Der Demonstrant Ted Hall weist darauf hin, dass es bei der Kontroverse um Pool um mehr geht. „Bei den direkten Aktionen herrscht eine gewisse militante Feindseligkeit, die hier insgeheim kultiviert wird“, so Hall gegenüber dem Guardian. Er denkt, dass Pool Occupy hilft, den Tatsachen ins Auge zu sehen: „Wir haben Leute in unseren Reihen, die Dinge tun, mit denen die überwiegende Mehrheit in dieser Bewegung nicht übereinstimmt. Die überwiegende Mehrheit von uns glaubt nicht, dass man irgendetwas anderes erreicht, als die Cops zu provozieren, wenn man ihnen die Luft aus den Reifen lässt. Und die sind bewaffnet. Occupy sollte seine Energien auf spielerische, kreative Aktionen konzentrieren, die transparent durchgeführt werden“, so Hall weiter. „Wir werden das hier nicht gewinnen, indem wir die Zähne zeigen. In diesem verrückten Ökosystem der Unterdrückung sind wir nur ein winziges Wesen. Wir müssen uns sehr, sehr clever anstellen. Unsere Stärke besteht nicht in der Geheimhaltung, sondern in der Offenheit. Alles Geheime zieht Aufwiegler und Spitzel an wie das Licht die Motten.“

Nicht gewaltfrei im strengen Sinne

Die zunehmende Militanz, von der Hall spricht, hat damit zu tun, dass Occupy eine „diversity of tactics“ propagiert. Anders als viele glauben, ist der New Yorker Ableger der Bewegung nicht gewaltfrei im strengen Sinne. Vertreter der Philosophie der taktischen Vielfalt argumentieren, diese Haltung ermögliche es einer Bewegung, mit der jeweils wirkungsvollsten Strategie auf Repression zu reagieren.

„Wir sind für gewaltfreie Aktionen“, sagt der Occupy-Wall-Street-Organisator Patrick Bruner. „Indem sie eine Vielzahl von Vorgehensweisen zulässt, ermöglicht sich die Bewegung ein beträchtliches Maß an Flexibilität bezüglich der Frage, was sie verurteilt und was sie dulden will. Während die überwiegende Mehrheit der Bewegung selbst angesichts brutaler Übergriffe durch die Polizei friedlich geblieben ist, lässt die taktische Vielfalt in der Tat auch andere Möglichkeiten offen.“
Während die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei auf der Straße weitergehen, kommt es zu neuen Strategien der Konfrontation. „Es war klar, dass neue Widerstandsformen angewendet werden würden“, erklärt Bruner. Da diese Strategien meistens illegal sind und für die Beteiligten rechtliche Konsequenzen drohen, muss nach Ansicht Bruners und anderer die Anonymität gewahrt bleiben.

Bruner gehört zu Pools lautstärksten Kritikern. Der Vorfall am Sonntagabend sei als willkürlicher Angriff missverstanden worden. Augenblicke vor der Auseinandersetzung habe er mit einer Lampe in Pools Kamera geleuchtet und ein paar Worte mit ihm gewechselt, dann sei der maskierte Demonstrant ins Spiel gekommen. „Es war kein Einzelner, der Tim Pool willkürlich angegriffen hat. Es war eine Einzelperson, die sicherstellen wollte, dass er nicht weiter Leute filmt, die das nicht wollen“, so Bruner.

Lisa Fithian, die seit Jahren Demonstrationen organisiert und für Occupy Leute in zivilem Ungehorsam und gewaltfreiem Wiederstand schult, hält es für wichtig, „dass die Leute verstehen, dass die Debatte um Gewalt und Gewaltfreiheit eine lange Geschichte hat und jede Bewegung, die ihre Kräfte entfaltet, sich mit ihr konfrontiert sieht. Die neue Generation muss lernen, mit Menschen umzugehen, die anders sind als sie selbst.“

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
antares56 schrieb am 07.02.2012 um 18:17
Leute wie Pool und Hall schaden der Bewegung nur und nehmen ihr ihre Kraft! Aber das schnallen die nicht.
Und Gewaltfreiheit gibt es heutzutage eh nicht mehr - meistenes geht die Gewalt vom Staate aus (schon in der Verfassung steht, alle Gewalt geht vom Staat aus!). Und so ist es tatsächlich in vielen sogenannten Demokratien.
Simon Pschorr schrieb am 07.02.2012 um 19:49
Gewalt erzeugt Gegengewalt, das ist richtig.
Heißt das jedoch, dass es richtig ist, gewalttätig zu sein? Bist du dann ein gutes Vorbild für den Staat, dem du Gewaltfreiheit vorschreibst?
Nebenbei: Kriegst du nicht deftig auf die Fresse, wenn du dich mit dem anlegst, vom dem alle Gewalt ausgeht?
Mit Gewalt kann man kein System verändern, nur mit Revolution...
geraeuscharbeiter schrieb am 08.02.2012 um 11:09
Simon Pschorr schrieb: "Mit Gewalt kann man kein System verändern, nur mit Revolution..."

Aber warum sollte der Begriff der Revolution die Anwendung von Gewalt ausschließen? Diese Behauptung ist zwar im Prinzip nachvollziehbar, insofern die hier beschriebenen "Gewaltakte" vollkommen partikulär und damit insgesamt kontraproduktiv wirken. Dieser Partikularismus gehört jedoch auch zum "Abstecken des Schlachtfeldes": solche Handlungen bewahren die Bewegungen vor ihrer inneren und äußeren Erschlaffung. Die symbolische Funktion von Gewalt sollte nicht unberücksichtigt bleiben.

Occupy gerät in dem geschilderten Fall anscheinend zu sich selbst in Widerspruch: einerseits die Forderung nach unbedingter Aufdeckung der Handlungen des Gegners (vulgo: Transparenz) nach außen, andererseits die Forderung nach unbedingter Verdeckung einzelner Handlungen der eigenen Bewegung nach innen. Das ist begreiflich - wenn auch dieser Artikel zeigt, dass die Bewegung mit sich selbst darüber uneins ist. So ein Widerspruch bleibt selbstverständlich keiner "irgendwie revolutionären" Bewegung erspart - und dann rollen eben Köpfe.

Es zeigt auch zumal, dass (entgegen vieler Behauptungen) in der Tat eine Freund-Feind-Linie gezogen wurde und ein Schwungverlust der Bewegung in naher Zukunft nicht zu erwarten ist, wenn auch womöglich Spaltungen und Splitterungen folgen werden.
schattenwirtschaft schrieb am 07.02.2012 um 22:53
Aha, occupy steckt im Wachstumsprozess. :) Schön zu sehen. Finde die "Philosophie der taktischen Vielfalt" klug. Wozu gehören sollte, einerseits die, die gewaltfrei agieren wollen, nicht als Deckung zu missbrauchen und damit bewusst staatlicher Gewalt auszusetzen. Und andererseits natürlich, jene, die sich für ein militanteres Vorgehen entscheiden, zu schützen und nicht zu denunzieren (und sei es aus egoistischer Ignoranz).
antares56 schrieb am 08.02.2012 um 09:47
Gut formuliert! Danke.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG