Politik : »Zeigen wir's Intel«

In den USA organisieren sich Beschäftigte per E-Mail

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Die Monopolstellung von Microsoft ist in aller Munde und in Gerichtsverfahren anhängig. Der enge Kooperationspartner des Gates-Imperiums, der Chipgigant Intel, steht dagegen im Schatten des öffentlichen Streits um High-Tech-Monopole. Und das durchaus zum Wohle des Profits, der in den letzten Jahren selten einmal unter 25 Prozent des Umsatzes lag.

Intel's Chipwerke und Entwicklungsabteilungen sind über die ganze Welt verteilt - in den USA vor allem im »Sun Belt« des Westens und Südwestens. Der Konzern versucht, die genormten Chipfabriken gewerkschaftsfrei zu halten, was bei einer heterogenen Mitarbeiterschaft mit vielen Immigranten bisher auch erfolgreich gelang. Auch gegenüber den »White-Collar«-Angestellten herrscht eine Ex-und-Hopp-Mentalität: »Die mittlere Halbwertzeit eines Ingenieurs beträgt wenige Jahre«, beschreibt Intel-Boß Craig Barret die systematische Ausbrennung der menschlichen Produktivkräfte in der High-Tech-Entwicklung.

Was können die Betroffenen dagegen tun im forcierten US-amerikanischen Postfordismus, wo es keine Betriebsräte gibt, wo Gewerkschaften ein Fremdwort sind? Am Intel-Standort Sacramento formierte sich 1995 die Gruppe FACE-Intel, was frei übersetzt heißt: Zeigen wir's Intel. Ziel der Gruppe um Ken Hamidi, einen von Intel entlassenen Ingenieur: die Organisierung von jetzigen und ehemaligen Intel-Arbeitern. E-mail und eine Internet-Homepage - www.faceintel.com - sind zunächst die einzigen Wege, die Beschäftigten zu erreichen und einen Informationsaustausch über die Arbeitsbedigungen zu beginnen. In Zusammenarbeit mit lokalen Kirchengruppen und Immigranteninitiativen hat FACE-Intel inzwischen auch Kundgebungen vor einzelnen Werken organisiert.

Die Web-Seite zeigt, wie die Gruppe inzwischen zum Kristallisationspunkt des Widerstandes gegen die Konzernpolitik geworden ist. Die Homepage beschreibt Hochschülern - die Intel üblicherweise von der Uni weg zu rekrutieren versucht - die Arbeitsbedingungen junger Ingenieure, begrüßt die Beschäftigten eines aufgekauften Werkes und dokumentiert die Arbeitsgerichtsverfahren, die vor US-Gerichten gegen Intel anhängig sind. FACE-Intel zeigt, wie Interessenvertretung in multinationalen Konzernen außerhalb der »klassischen« Industriebranchen möglich ist.

Thematisiert werden nicht nur Kündigungsschutz und Lohnvereinbarungen, sondern auch Diskriminierung wegen Geschlecht, Hautfarbe oder Alter. So wirft FACE-Intel dem Chip-Oligopolisten vor, ständig ältere Mitarbeiter auszusieben. Ken Hamidi selbst wurde 1995 im Alter von 47 Jahren gekündigt. Mehr als 400 Ex-Beschäftigte haben sich seitdem wegen ihrer Kündigungen an FACE-Intel gewandt - fast alle sind über 40. Intel weist zwar die Vorwürfe von Hamidi zurück, weigert sich aber gegenüber den Medien, eine Aufstellung von Einstellungen und Kündigungen - aufgeschlüsselt nach Lebensalter - zu liefern. Dazu kommt noch die Scheinselbständigkeit: Massen von Technikern sind auf Basis von Werkverträgen offiziell »Zulieferer« des Konzerns. Einige von ihnen schaffen es bis zur Festanstellung, doch niemals jemand über 40. Klagen gegen Altersdiskriminierung sind mittlerweile auch von Gerichten zugelassen worden. Bereits über ein Dutzend solcher Verfahren hat Intel verloren und drängt bei Vergleichen darauf, daß die Gerichtsakten geschlossen werden.

Die private Initiative FACE-Intel bekommt inzwischen Unterstützung von den US-Gewerkschaften, besonders von der CWA (Communication Workers of America) und den regionalen Niederlassungen des Dachverbandes AFL-CIO. Auch wenn eine gewerkschaftliche Kampagne zur Organisierung der einzelnen Fabriken noch aussteht, reagiert der Konzern bereits heftig und überzieht FACE-Intel mit teuren Prozessen. Die Klagen richten sich gegen die Nutzung des firmeneigenen E-Mail-Netzes, über das die Gruppe ihre Information zu verbreiten versucht. Intel beruft sich dabei auf Urteile, die sogenannte Spam-Mails - unerwünschte Werbung - untersagen. Sein firmeninternes Netz hat Intel wie die meisten Unternehmen gegen unerwünschte Post von außen und Surfen während der Arbeitszeit abgesichert - so daß den bei Intel arbeitenden Leuten von FACE nichts anderes übrig bleibt, als über das Firmennetz zu gehen.

Im vergangenen Herbst gelang es Ken Hamidi und seinen Leuten einmal, ihre Post über das gesamte, weltweite Intel-Intranet zu verbreiten, Rechner der Firma lahmzulegen und auf einen Schlag 20.000 Beschäftigte zu erreichen. Daraufhin klagte Intel wegen Spam-Mail-Schäden auf 500.000 Dollar Schadensersatz. Diese Schadensersatzforderung zog Intel zwar mittlerweile zurück, klagt jetzt aber wegen Verletzung von Firmeneigentum. Zwischenzeitlich untersagte das zuständige Gericht im kalifornischen San Jose weitere Massensendungen durch FACE.

Hamidi dagegen beruft sich auf den ersten Zusatz der US-Verfassung, der das Grundrecht auf Meinungsfreiheit garantiert. Denn wie sollen in weitverzweigten High-Tech-Unternehmen sonst kritische Informationen die Beschäftigten erreichen? Bliebe die Gerichtsentscheidung bestehen, wäre letztlich nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern auch das »Grundrecht« auf Versammlungs- und Organisationsfreiheit gefährdet.