Viel wurde und wird über ein bedingungsloses Grundeinkommen debattiert, aber dass es sich um eine ganz neue Idee handelt, ist noch kaum verstanden worden. Neu für den Kapitalismus. Aber auch neu für das Denksystem, das sich bisher Sozialismus nannte. Vielleicht kann uns die Einsicht ins Neue ermutigen, die Debatte gerade jetzt in der schweren Wirtschaftskrise zu forcieren. Denn das ist eine Grundsatzkrise, die grundsätzliche Antworten erfordert.
Wir hören schon das Totschlagargument, bereits Milton Friedmann, der Vater des Neoliberalismus, sei ein Parteigänger der Idee gewesen. Was hat Friedman geschrieben? Dass man alle Kosten der Bürokratie, die ein Sozialstaat verursacht, und diesen selbst einsparen könnte, wenn alle Bedürftigen ein Grundeinkommen erhielten und mit ihm die Leistungen selbst bezahlten. Auf dieser Basis hat der CDU-Politiker Dieter Althaus ausgerechnet, dass der Staat bei Auszahlung eines solchen Grundeinkommens sogar Kosten einsparen könnte. Hartz IV unterbieten – dieser Denkansatz ist gewiss ein alter Hut.
Worin bestünde das Neue? Wir hätten eine Gesellschaft, in der die minimale Einkommenshöhe nicht als Folge ökonomischer Bedingungen und Prozesse zustande käme – sei es der eigenen Arbeit oder der Geschäftslage der Unternehmen, der momentanen Haltung der Parteien zur Sozialstaatlichkeit oder, wie im Althaus-Modell, der Rationalisierung sozialstaatlicher Kosten – sondern in der sie selbst die Ausgangsgröße wäre. Alle anderen Größen hätten sich ihr kompatibel zu machen. Zuerst haben nämlich alle ein Recht auf die volle Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse. Das ist es, wonach sich die Höhe des Einkommens zu richten hätte, das man ohne jede Gegenleistung erhalten würde. Einfach weil sie Mitglieder der Gesellschaft sind. Diese Höhe wäre eine Konstante. Ihre Festlegung wäre sozusagen der Gründungsakt der Ökonomie.
Die Nutzenmaximierung der Käufer - Dichtung oder Wahrheit?
Heute scheint es ja, als bestünde das ökonomische Gefüge nur aus voneinander abhängigen Variablen. Das lehrt die Wissenschaft, und es wirkt ebenso modern wie rational. Das Warenangebot hängt von der Nachfrage ab, die Nachfrage von der Einkommenshöhe, die Einkommenshöhe vom Umfang der Produktion, also wieder vom Warenangebot. Alles greift ineinander! Bei näherem Hinsehen gibt es aber auch hier eine Konstante. Das ist die scheinbar naturgegebene Tatsache der Profitmaximierung. Man erkennt es an der absurden Unterstellung, die in die Postulierung des ökonomischen „Gleichgewichts“ eingeht, also des Schnittpunkts von Angebots- und Nachfragekurven: dass nicht nur die Warenverkäufer, sondern auch die Konsumenten bestrebt seien, ihren „Nutzen zu maximieren“. Und nicht nur ihren Nutzen, sondern sogar ihren „Grenznutzen“. Worunter verstanden wird, dass alle, die Kuchen mögen und sich ökonomisch rational verhalten, ihn so lange kaufen werden, bis sie entweder kein Geld mehr haben oder der Kuchen ihnen zum Hals heraushängt. An diesem Punkt, so belehrt man uns, trete „Marktsättigung“ ein.
Es ist klar, hier ist nicht von rationalen und freien Käufern die Rede, sondern von einer Nachfrage, die im Kalkül der Anbieter funktioniert. Die würden ihre Süßigkeiten natürlich gern bis zum Letzten loswerden, selbst wenn sich die Käufer dann erbrechen müssen. Deshalb dichten sie den Käufern den sogenannten „Grenznutzen“ an, der ein quantitatives Maximum wäre – aber wovon? Von Kuchenbedürfniseinheiten? So etwas gibt es nicht. Stattdessen gibt es den maximalen Geldbetrag, den die Anbieter den Käufern aus der Tasche zu ziehen versuchen. Darauf, und nicht auf den Nutzen der Käufer, ist die Rechnung zugeschnitten.
Aber wäre es nicht sinnvoller, tatsächlich mit diesem Nutzen anzufangen?
Konzerte bis zum Erbrechen?
Die Grundbedürfnisse der Menschen lassen sich ermitteln. Und es handelt sich da gewiss nicht um quantitative Optimierungsbedürfnisse. Die Menschen wollen nicht „Konzerte bis zum Erbrechen“ und „Autokilometer bis zur Schrottprämie“. Es gibt vielmehr Konsumziele, die wegen ihres Inhalts gewollt werden, und einige von ihnen sind grundlegend. Als vernünftige Existenzgrundlage und hinreichende Teilhabe am kulturellen Leben würden sie von der ganzen Gesellschaft anerkannt. Die Gesellschaft würde dann jedem so viel Geld zuweisen, wie er braucht, um all das zu kaufen. Das wäre in ihr die Definition des Grundeinkommens als der ökonomischen Konstante.
Das Grundeinkommen ist keine „Umverteilung“, wie man behauptet hat. Es ist gerade umgekehrt: Die Existenz der Unternehmen beruht auf einer Umverteilung – gegen die nichts einzuwenden wäre, wenn sie nicht missbraucht würde. In vorkapitalistischen Zeiten verfügten alle arbeitenden Gesellschaftsmitglieder über ihre eigenen Produktionsmittel. Heute sind diese bei den Unternehmen konzentriert. Das ist eine Spezialisierung, die der ganzen Gesellschaft nützt, weil sie zu Wachstum führt. Aber die Unternehmer werden gleichzeitig zu den reichsten Menschen der Gesellschaft. Wenn sie dafür, dass sie diese Rolle übernehmen dürfen, einen Preis zahlten – etwas geringere Gewinne, damit niemand von Sozialhilfe leben muss –, dann wäre das nur gerecht.
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Lieber Herr Jäger,
ich sehe zwischen Ihrer Logik und der von Herrn Althaus keinen Unterschied. Sie möchten wahrscheinlich mehr verteilen als Althaus. Und über Althaus wundere ich mich in diesem Zusammenhang weniger. Auch Sie möchten scheinbar die sozialstaatliche Rationalisierung, den autoritären Sozialstaat, denn "die Grundbedürfnisse des Menschen lassen sich ermitteln". Wer hier ermittelt, bleibt bei Ihnen nebulös "die Gesellschaft", Sie proklamieren sogar "Konsumziele", um ja eine vernünftige und hinreichende Beteiligung jedes Menschen zu ermöglichen. Dahinter steckt nichts Ähnlicheres als die in den 1970er Jahren im Westen von den K-Freaks breitgetretene Worthülse der "Scheinfreiheiten" (TV, Urlaub; Eigenheim usw.), denen sie ihre tatsächliche Freiheit (Internationalismus, Solidarität, Aufbau des Sozialismus, Klassenbewusstsein) entgegenstellten. Schon damals eine Anmaßung und Verlängerung der religiösen Unterteilung der Welt in Gut und Böse, kann man heute über Ihren Vorschlag nur noch den Kopf schütteln. In Ihrer Logik müssten Sie sich auf die Seite der Guten schlagen. Und von der Dialektik der Aufklärung haben Sie ja wohl gehört. Trauen Sie sich tatsächlich zu, den Leuten zu erklären, was vernünftige und teilhabegarantierende Konsumziele sind? - Heavy. |
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Lieber Herr Goldkorn,
ich will den Leuten nichts erklären, sondern wünsche mir, daß die Leute selber entscheiden können, was ihre Konsumziele sind, und daß die ganze Gesellschaft entscheidet, welche davon grundlegend sind. Wie eine Gesellschaft entscheidet, ist das nebulös? Sie pflegt durch Wahlen zu entscheiden. Gewiß gehen in meine Argumenation Vermutungen ein, von denen Sie vielleicht sagen würden, sie seien zu kühn. Aber ist die Vermutung wirklich kühn, daß die überwältigene Mehrheit der Leute z.B. am Kulturlebem teilhaben und also etwa Konzerte besuchen will? Dazu braucth sie das nötige Geld, dazu würden heute viele ein hinreichendes Grundeinkommen benötigen, Hartz IV reicht nicht. |
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Das sogar der Grenznutzen maximiert werden soll ist einfach Unsinn.
Der Grenznutzen ist nichts anderes als die Ableitung der Nutzenfunktion und ein Hilfsmittel um den maximalen Nutzen zu bestimmen. |
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Das, was die Leute angeblich maximieren, soll ein Nutzen bis hin zum Grenznutzen sein, d.h. ihnen wird ein Grenznutzen angedichtet, der ein quantitatives Maximum wäre.
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schrieb am
21.02.2009 um 13:03
Sorry Herr Jäger, den Begriff des Grenznutzens verwenden sie falsch.
Wie Christopher schreibt wird damit der zusätzliche Nutzen (formal: die Ableitung der Nutzenfunktion) beschrieben der bei Konsum einer zusätzlichen Einheit eines Gutes entsteht. Wenn ich nun bemüht bin meinen Nutzen zu maximieren werde ich keinesfalls Kuchen kaufen bis ich kein Geld mehr habe, sondern nach dem ersten Stück feststellen, dass der Grenznutzen eines weiteren Stückes geringer ist als, sagen wir, einer Tasse Kaffe oder einer guten Zeitung und mein Geld entsprechend lieber hierfür aufwenden. |
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schrieb am
21.02.2009 um 13:10
Sicherlich kann und sollte man diese Modellannahmen auch kritisieren.
Besonders empörend ist da bspw. die Annahme, wonach auf dem Arbeitsmarkt Arbeit"nehmer" ihren Nutzen maximieren indem sie den Grenznutzen aus "Freizeit" dem Grenznutzen der mit dem zusätzlichen Geld erwerbbaren Güter gegenüberstellen und danach entscheiden wieviel sie arbeiten. Nach dieser Theorie gibt es also nur freiwillige Arfbeitslosigkeit und jeder entscheidet selbst ob er lieber arm und relaxt oder reich und gestresst ist. |
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Ich glaube nicht, daß ich den Begriff des Grenznutzens falsch verwende. Es wird doch angenommen, daß jeder Haushalt dasjenige Konsumbündel auswählt, das ein Maximum an Nützlichkeit erreicht, ein Bündel, in dem Kuchen, Kaffee und die gute Zeitung schon enthalten sind, und dieses Maximum soll eben ein quantitatives und sogar ein Grenzwert sein. Für die Frage, ob der Haushalt auf den Kaffee verzichtet, um die gute Zeitung zu haben, oder umgekehrt, interessiert sich die Volkswirtschaftslehre meines Wissens nicht. In meinem Artikel habe ich das alles auf den Kuchen reduziert, es läuft aufs Gleiche hinaus, Kuchen oder Kaffe, in der Nacht des quantitativen Konsumbündels werden alle Güter gleichmäßig grau. Ich will ja nur sagen, daß das nicht der Standpunkt des Konsumenten ist, sondern es ist der Konsument im Lichte eines rein quantitativen Interesses, und wessen Interesse ist das wohl? Inhaltliche Wahlfreiheit ist in diesem Zugriff überhaupt nicht modellierbar, sie wird als eine Frage der "Psychologie" aufgefaßt. Wie mir scheint, genießt dieser Zugriff deshalb so viel Reputation, weil man denkt, das ist ja Mathematik und da gelten eherne Gesetze. Aber der "Nutzen" ist nun mal kein mathematischer Begriff und der "Grenznutzen" deshalb auch nicht, es ist angewandte Mathematik, über den Sinn dieser Anwendung lohnt es sich nachzudenken.
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Das, was die Leute angeblich maximieren, soll ein Nutzen bis hin zum Grenznutzen sein, d.h. ihnen wird ein Grenznutzen angedichtet, der ein quantitatives Maximum wäre.
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Lieber Herr Jäger,
jetzt verstehen wir uns schon besser, selbstverständlich reicht Hartz IV nicht füt eine Teilhabe am kulturellen Leben. Und das ein hinreichendes Grundeinkommen inkl. Sozialversicherungen, in die alle einzahlen, den Freiraum ermöglicht, um sich Gedanken zu machen und eigene Konsumziele zu bestimmen, halte ich auch für eine schöne Utopie. Und verstehen Sie bitte meine scharfe Reaktion auf Ihren Artikel, wir haben ja derzeit mit den Tabellen für die Leistungsbereiche der Sozialhilfe oder des Alg II bereits die bestehende Auslegung des Gedankens, das sich Bedürfnisse staatlich ermitteln lassen. Und wir sind damit eben nicht zufrieden. Ich bleibe außerdem skeptisch bei Ihrer Aussage, Gesellschaften treffen Entscheidungen über Wahlen, das möchte ich auch so, aber dem stehen eine Menge Schwierigkeiten entgegen. Ich erwähne erstens mal die ganze Verwaltungsarbeit, die einen Hauptteil des Regierens ausmacht und über die in Wahlen nicht entschieden wird, also wir haben zwei Bereiche: in einem werden Entscheidungen demokratisch legitimiert, im anderen ausgeführt, und es ist strittig, wie viel Demokratie überhaupt in eine Verwaltung gehört, damit sie laufen kann. Zweitens entscheiden wir über Parteiprogramme und Wahlslogans, oft vor tagespolitischem Hintergrund und nicht auf eine langfristige Perspektive hin. Die Abgeordneten haben Fraktionszwang und sind oft Karrieristen und Lobbyisten, und darüber können wir bei Wahlen nicht abstimmen. Dritter und wichtigster Einwand sind für mich die Voraussetzungen zum Umgang mit der Freiheit, die diskutiert werden müssen: Ohne Bildung und ohne Arbeit fällt den Grundeinkommensbeziehern tatsächlich nicht viel sinnvolles ein, wie soll man sich eigentlich selbst verwirklichen können? Ein Großteil des Stresses für Bezieher staatlicher Transferleistungen entsteht doch aus dem Zwiespalt, eigenverantwortlich handeln zu sollen und gleichzeitig mit einem staatlichen und wirtschaftlichen Paternalismus konfrontiert zu sein. Die Maßnahmen der Arbeitsagentur sind verpflichtend und werden durchgeführt von beauftragten Unternehmen. Die Arbeitsagentur gibt zu wenig Geld heraus, damit diese Unternehmen tatsächlich etwas besseres organisieren können als Freizeitraub, Verwahrung und Fortbildungsillusion. Dies sind die Ansätze eines autoritären Sozialstaats, und ich denke, in Ihrem Blog zu "einer anderen Gesellschaft" könnte darüber diskutiert werden. |
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Wünsche und Visionen sind notwendig ...
"Die globale Krise erfordert ein neues Denken: Nicht Profitmaximierung, sondern eine vernünftige Existenzgrundlage für alle ..." Heißt das : Soll der Wolf sich selbst ziehn die Zähne? Mit neuem Denken? Den eigenen existenziellen System-Konstruktionsfehler selbst beseitigen? Alle Systeme neigen zur Selbsterhaltung und Wachstum, dagegen sind Wünsche, auch noch so vernünftige, machtlos. Dein wohlmeinender Artikel sollte also einen zweiten Teil "Zur Frage der Macht und Handlungpolitiken" haben. Wünschenswert wäre sicher auch ein Hinweis auf Götz Werner, den unternehmerischen Vorkämpfer des bedingungslosen Grundeinkommens: "Seit dem Jahr 2005 setzt sich Werner öffentlich für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland nach einem von ihm ab 1982 entwickelten Konzept ein. Die Finanzierung des Grundeinkommens beruht demnach auf der allmählichen Abschaffung der Einkommensteuer und der gleichzeitigen Erhöhung der Mehrwertsteuer als „Konsumsteuer“ auf über 50 %. Im November 2005 gründete er dazu die Initiative Unternimm die Zukunft.(Kurzfassung für den ersten Blick aus Wikipedia 2009). Der DM-Gründer hat aber selbstverständlich vielmehr zu bieten, sollte nicht unerwähnt bleiben. Freundliche Grüße vom Bildungswirt |
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"Die Existenz der Unternehmen beruht auf einer Umverteilung – gegen die nichts einzuwenden wäre, wenn sie nicht missbraucht würde" - Gegen die Konzentration der Produktionsmittel beim Kapital ist also nichts einzuwenden? Der Kapitalismus ist toll, nur die Kapitalisten sind schlechte Menschen, die den Kapitalismus missbrauchen? (Kurze Antwort auf die rhetorischen Fragen: Es gibt bestimmt auch ganz nette und soziale Kapitalisten, nur haben die im Kapitalismus keine Chance.)
Sie kommen auch nicht über das Niveau der Wirtschaftsesoterik eines Götz Werner hinaus... |
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Insgesamt gibt der Artikel von Ihnen, Herr Jäger, ein wichtigen Weg auf.
Sind die Sog. Wirtschaftswissenschaften eigentliche Sozialwissenschaften. Ist die Frage nach der "Wer soll das befahlen" eigentlich nicht der Totschläger jeder versuchten Veränderung? Sind die theoretischen Konstruktionen Grundlage jeder "Reformdiskussion" die jedoch der empirischen Realität versagt bleiben? Jeoch ist diese Theorie Grundlage diverser Begründungen auch für die eigene Existenz dieser Wissenschaft. Anregung an die Wirtschaftswissenschaften : "Wer versucht Gesellschaft mit Mathematik zu beschreiben, wird schnell an den Grenzen der Logik scheitern." |
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Lieber Herr Jäger,
dass Sie angesichts unserer Grundsatzkrise eine Grundsatzdebatte über Ökonomie am Beispiel des Bedingungslosen Grundeinkommens (BE) lostreten, findet meinen Beitritt, wie damals, als die DDR der Bundesrepublik Deutschland am 03.Oktober 1990 beitrat, um sich als integraler Bestandteil Deutschlands in Grundsatzdebatten in einem ungeteilten Europa und der Welt einzubringen. Wenn sich Milton Friedmann für ein Grundeinkommen ausgesprochen hat, geschah das eher alttruistisch als Tribut an den Zeitgeist denn fundiert aus ökonomischer Überzeugung!? Was mich an Ihrer Theorie- Steilvorlage in Unruhe versetzt, ist mein Eindruck, dass der Ball, den Sie da getreten, noch nicht rund ist, und deshalb so wie einst die Erde durch den Raum im Zick Zack Kurs torkelte, als der Erde noch kein eigener Mond durch seine Schwerkraft eine gleichförmige Bahn verlieh. Wie wäre es, wenn die Weltökonomie wie einst die Erde einen Mond aus ihrem eigenen „Fleisch“ gebärt, um ihren ökonomischen Zyklen Gleichförmigkeit zu verleihen? Könnte nicht dieses „Fleisch“ aus der Weltökonomie zur Bildung einer „Ökonomischen Schwerkraft Masse“ durch die Geburt eines Kompensationseinkommens (KE) zur Welt- Ökonomie gebracht werden?, das gegenüber dem (BE) den Gewinn hätte, seine Kalkulation bei der Verteilung des Kuchens nicht aus dem „Blauen Wagen“ der Weltökonomie abzuleiten, sondern historisch wie ökonomisch kommunikativ den Gesellschaften Anreize zu schaffen, eine Bilanz zu erstellen, was ihre Bürger/innen unentgeltlich nachhaltig an gesellschaftlicher Mitwirkung leisten, egal, ob sie Arbeitnehmer, Arbeitslose, Kinder, Alte, Junge, Frauen, Männer, Mütter, Väter, Azubis, Studenten, Helfende, Hilfeabhängige, Gesunde, Kranke sind? Zeigt nicht die gegenwärtige Weltfinanz- und Wirtschaftskrise, dass die Mutwilligen, dabei sind, die Welt vom Gelde zu befreien? Ausgerechnet jetzt, wo wir krisenhaft kurz vor dem Ziel sind, die Welt vom Gelde zu befreien, verläßt die Mutwilligen ihr Elan, mit dem Ergebnis, dass sie sich als Mutmacher für den letzten Schritt zum Erfolg der Befreiung der Welt vom Gelde, verweigern. Nun sollen nationale Rettungsschirme für Banken und Versicherungen , Rettungspakete für Branchen, Investitions- und Konjunkturprgramme her, die nach altem Muster eine protektionistische Wirkung entfalten. Nun soll plötzlich alles nicht so gemeint sein, mit der Befreiung der Welt vom Geld. Käme da nicht die Einführung eines Kompensationseinkommen(KE) wie ein Geschenk des Himmels? Privathaushalte und Unternehmen wären rechtlich wie gesellschaftlich gleichgestellt. tschüss Joachim Petrick |
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Vielleicht sollte man die technischen Mißverständnisse mal aufklären. Die Vorstellung, daß "Nutzen" irgendeine Maßeinheit hätte und demzufolge eine beschreibbare Größe wäre, es also "Kucheneinheiten" oder ähnliches gäbe, wird in der Ökonomie eigentlich nicht verwendet, u.a. weil es keine Möglichkeit diese zu beobachten oder zu messen. Der Begriff des sog. "kardinalen Nutzens" wird als mehr oder weniger spekulativ und nutzlos angesehen.
Da man aber die Präferenzen eines Individuums durchaus beobachten kann, hat man den Begriff des "ordinalen Nutzens" eingeführt. Das funktioniert so: alle möglichen Konsumbündel (also 1 Kafee+1 Zeitung, 2 Kaffee+1 Zeitung,1 Kaffee+2 Zeitung etc.) kommen in eine Menge von alternativen Konsumbündel A1,A2,A3. Jetzt fragt man jedes Paar von Alternativen ab und bestimmt die jeweils präferierte Alternative. Wenn[1] sich daraus eine totale Ordnung ergibt, dann kann man daraus eine Funktion U machen, sodaß für A1<=A2 immer U(A1)>=U(A2) gilt und umgekehrt. Was für konkrete Werte U hat ist irrelevant, man nimmt einfach an, daß man U erhalten kann und wenn man die Güterbündel in der Präferenzordnung nacheinander durch U jagt, der Wert absinkt. U ist daher streng subjektiv, im Gegensatz zum kardinalen Nutzen. Nutzenmaximierung bedeutet jetzt Konsumentscheidungen zu treffen die einen möglichst hohen Wert von U ergeben. Erreicht man irgendwann eine Stelle, an der jede Entscheidung U verringern würde, dann hat man ein (lokales) Maximum erreicht. An dieser Stelle ist der Grenznutzen jeder Konsumentscheidung 0. Man erinnere sich an die Kurvendiskussion aus der Schule: wenn f(x) ein Maximum hat, dann ist die erste Ableitung f'(x)=0. Eine einfache Strategie irgendein lokales Maximum zu erreichen ist der sogenannte "greedy" Algorithmus. Man stelle sich einen Spaziergänger im Nebel vor, der auf einen Berggipfel steigen will. Er beginnt jetzt irgendwo und schaut sich bei jedem Schritt um, wo der Anstieg am steilsten ist, d.h. der Grenznutzen maximal ist. Wenn der Berg nicht unendlich hoch ist, dann muß er irgendwann an eine Stelle kommen wo der Grenznutzen 0 ist. Das mag dann nicht unbedingt der Gipfel sein, aber da er im Nebel ja eh nichts sieht kann es ihm eigentlich auch egal sein :)[2] Also: Der Konsument versucht den Grenznutzen auf 0 zu bringen, indem er in jedem Schritt den maximalen Grenznutzen wählt. [1] Wenn ich aber z.B. Äpfel besser also Orangen, Orangen besser als Bananen und Bananen besser als Äpfel finde, habe ich mangels Transitivität keine Totalordnung mehr und das Modell kracht zusammen. [2] Wenn man das auf einem Trampolin versucht, dann läuft man nur im Kreis. Der Algorthmus funktioniert nur, wenn die Schritte U nicht verändern, bzw. der Konsum die Präferenzen nicht verändert. |
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"Und nicht nur ihren Nutzen, sondern sogar ihren „Grenznutzen“. Worunter verstanden wird, dass alle, die Kuchen mögen und sich ökonomisch rational verhalten, ihn so lange kaufen werden, bis sie entweder kein Geld mehr haben oder der Kuchen ihnen zum Hals heraushängt."
Es ist schon putzig, wie ungetrübt dieser Artikel von ökonomischen Fachwissen ist. Vor allem die Behauptung, dass Wirtschaftssubjekte ihren Grenznutzen maximieren, ließ mich lauthals lachen. Kleiner Tipp: Wer seinen Grenznutzen des Konsums maximiert, verhungert und/oder verdurstet. Und Grenznutzen muss man nicht andichten, sondern sie sind einfach so da. Und um es klarzustellen: Ich kaufe solange Kuchen, wie der nächste Euro, den ich für Kuchen ausgebe, mehr Wert ist als der Euro selbst (bzw. mehr Wert als der Nutzen, den ich durch anderweitiges Ausgeben des Euros erzielen kann). Wer Profitmaximierung und vernünftige Existenzgrundlage für alle gegenüberstellt, der kommt in eine Apfel/Birnen-Problematik. Die Frage ist doch, wie man auf Basis der individuellen Nutzenmaximierung eine vernünftige Existenzgrundlage für alle gewährleisten kann. Das heißt: individuelle Nutzenmaximierung ist die Voraussetzung, vernünftige Existenzgrundlage für alle das Ziel. |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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