Nicht das Blühen des Sommers liegt vor uns, sondern zunächst eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte“. So Max Weber im Jahr 1919. Angesichts der heutigen Bankenkräche, angesichts von Untreue und Betrug in Chefetagen, wird allenthalben von Vertrauensverlust gesprochen. Wie denn auch nicht in einem System, das sich erklärtermaßen als repräsentatives versteht, dessen Zusammenhalt demnach vornehmlich durch das Vertrauen gestiftet wird, das die Repräsentierten in ihre Repräsentanten, Experten und Treuhänder setzen?
Es kann als Widerspruch der Epoche festgehalten werden, dass noch keine vor ihr so viel Raffinement für die Beschreibung und das Training von Führungseigenschaften aufbrachte, aber noch keine so viele offensichtliche Pfeifen hat davonjagen müssen. Eine ganze Generation von Bankmanagern, nämlich die der 50- bis 60-jährigen, versenkt sich selbst in dem größten je produzierten Milliardenloch der Nachkriegsgeschichte. Das sind die, vor denen uns unsere Eltern nicht gewarnt hatten.
Wie dürfen sich diejenigen fühlen, die mit ihnen ihr Sektfrühstück einnahmen? Und jene anderen, die Lobreden auf sie hielten? Wie erleben das große bürgerliche Zeitungen, die sich eher die Feder abgebissen hätten, als aufs Kapital etwas kommen zu lassen? Nun geifern sie im Stil der taz von vor 20 Jahren.
Alle haben mitgespielt
Die Politik hat sich vorläufig mit einem durchschaubaren „Haltet den Dieb!“ aus der Schusslinie gebracht. Alle, die vor Monaten noch andere Töne spuckten, singen nun das Lied des starken Staates und glauben, sich für die größte Subvention des Jahrhunderts feiern zu dürfen. Als wüsste das Publikum nicht, dass sie alle das Spiel mitgespielt haben und dass fast alle Parteien ihre Führungspersonal-Krise gerade erst hinter sich gebracht hatten, als die erste Nachkriegsgeneration abtreten musste. Oft ohne dass Ersatz bereit stand, und in einem Alter, in dem Adenauer erst so richtig losgelegt hatte.
Zu konstatieren ist eine durchgehende Krise des gesellschaftlichen Führungspersonals, entstanden aus einer mangelnden Fähigkeit zur klaren Voraussicht auf drohende Gefahren; aus mangelndem Willen, Konsequenzen aus einmal gewonnenen Einsichten zu ziehen, auch wenn sie kurzfristigen Interessen widersprechen. Zu konstatieren ist ein gravierender Mangel an Verantwortungsbewusstsein, zumal an Schuldbewusstsein, wenn die Karre schon selbstverschuldet im Dreck steckt; eine in Wirtschaft und Politik vorherrschende Neigung, Konflikte nicht offen auszusprechen, sondern unter den Teppich zu kehren; überhaupt eine Unfähigkeit, die Problemlagen jenseits vom Talk-Show-Smalltalk verständlich und mit Bezug auf gesellschaftliche Ursachen zu benennen, und zum eigenen Handeln in Beziehung zu setzen.
Kurzum, die Führungsklasse zeigt sich als Generation von Karrieristen und Dünnbrettbohrern, deren charakterliche Ausstattung in keinem Verhältnis steht zum Gewicht der Aufgaben und der Verantwortung, die ihnen von Gutgläubigen übertragen oder von Mitläufern überlassen wurden. Wann hat das eigentlich angefangen? Mehr als einmal wurde gesagt und geschrieben, dass die langen Jahre der Ära Kohl an der Republik nicht ohne tiefe Spuren vorübergehen würden. Man muss nur einmal die Lorbeerkränze der Deutschen sowie der Europäischen Einheit beiseite räumen und den Blick auf die politische Kultur richten.
Was ist davon zu halten, wenn ein Politiker von sich sagen kann, dass er alle Skandale durchgestanden hat, ohne dass etwas hängen blieb? Davon ist zu halten, dass damit die Charakterfigur eines Politikers geschaffen wurde, die alle Skandale durchsteht, ohne dass davon etwas hängen bleibt. Was ist von einer politischen Führungsschicht zu halten, die die Ära eines Politikers dahingehend analysiert, dass dieser die großen Versprechen einer Wende aus Feigheit vor den Widerständen nicht eingelöst habe, so dass die um 20 Jahre verschleppte „Drecksarbeit“ schließlich zur Unzeit von seinen Nachfolgern und von seiner damaligen Opposition nachgeholt werden musste?
Von diesen Führern ist zu sagen, dass sie die von ihnen diagnostizierte Feigheit, so es eine war, allesamt teilen und Kohl diesbezüglich nichts, aber auch gar nichts vorzuwerfen haben.
Wer sind die Bürger der vielbeschworenen Bürgergesellschaft, die jene Führungsschicht hervorbringt und pflegt? Die Logik der Rekrutierung von Führungspersonal hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert völlig verändert. Es gab eine Zeit, da war die erste Frage, wofür eine oder einer steht. Jemand trat nach vorn, weil er etwas mitbrachte, sein oder ihr Projekt, das an der Spitze von niemand Anderem verkörpert und vertreten werden konnte. Die Einführung eines fortschrittlichen Produkts zur Erleichterung des Lebens, ein politisches Programm, das ein ungelöstes Problem der Lösung näher bringt. Das ist lange her.
Der Typus des Unternehmers ist in der gesellschaftlichen Hierarchie längst vom Manager abgelöst worden, dieser wird danach bewertet, wie viele seinesgleichen er schon weggebissen hat und für welche geglückten riskanten Manöver er bekannt ist. Der Politikergeneration, welche von der „Gnade der späten Geburt“ profitiert, fehlt allein schon die Sprache, in der ein Projekt mit seinen scharfen Ecken und Kanten in die Landschaft gesetzt und als für alle notwendig propagiert werden könnte. Vor einem Vierteljahrhundert konnte man sich noch an Franz-Josef Strauß abarbeiten, eine Formel wie „Mehr Demokratie wagen“ ging in die Geschichtsbücher ein. Kann jemand auswendig sagen, mit welchem Regierungsprogramm ein Schröder, eine Merkel antraten?
Gut, es wäre unanständig einem Zeitgenossen vorzuwerfen, dass ihm die Erfahrung von Weltkrieg, Verfolgung, Emigration und Neubeginn fehlt. Aber die Wahrheit bleibt, dass die Umstände ihre Charaktere erzeugen. Was müssen das für Unternehmensstrukturen sein, was für politische Parteien, was für Lebens- und Berufswege, die Sprach- und Mutlosigkeit, Stromlinie und Tageserfolg zum Prinzip erheben? Es wird ja schon gar nicht mehr bemerkt, wie sich die Maßstäbe verschoben haben.
Wer bei der ersten Ära Müntefering noch dachte, ob bei all dem scheinproletarischen, in Wahrheit bürokratisch reduzierten Code und dem hörbaren Peitschenknallen die Schuhe nicht ein bisschen groß seien, sieht sich bei der zweiten schon genötigt, mit Begriffen wie „sozialdemokratisches Urgestein“ oder gar „Jahrhundertfigur“ zu jonglieren.
Auf der anderen Seite nicht anders: Wusste man von Edmund Stoiber vor zwanzig Jahren wenig mehr, als dass er dem bayerischen Löwen immer brav die Aktentasche hinterhertrug, so erschien er, Redeglück hin oder her, angesichts seiner Nachfolger schon als schier unersetzbar.
Oder, ebenso instruktiv, erinnert sich noch jemand daran, dass Oskar Lafontaine im Feld der Ökophilosophen neben einem Ebermann, einem Fischer, einem Bahro immer ein wenig hölzern und farblos erschien. Heute wird er als der Chefdemagoge der Republik angefeindet und scheint in die Nachfolge eines Robespierre zu geraten.
Die Schere zwischen Größe der Probleme und Mittelmäßigkeit des Führungspersonals ist noch nie so weit aufgegangen wie heute. Man muss sich nur einmal erinnern, was Max Weber, einer der wahren Größen bürgerlichen Gesellschaftsdenkens, einem Politiker abzuverlangen können meinte. Nach Weltkrieg und Revolution sollten sich die Politiker das Koordinatensystem unvermeidlicher und gedanklich ausgearbeiteter Gegensätze stets vergegenwärtigen, um ihren Beruf ausüben zu können. Weber führte für die Gegensätze von Emotion und Ratio die Begriffe der Gesinnungs- und der Verantwortungsethik ein. Wer Führungsqualität beweisen wollte, musste zwischen beiden die Waage halten, die antagonistischen Logiken in seinen Handlungen balancieren und dabei nicht untergehen.
Theoretische Reflexion? Fehlt
Welche Führer in Wirtschaft und Politik ließen sich, jenseits von pflichtgemäßen Human-Engineering-Kursen und Teambildungstraining, von der Lektüre der Bilanzen oder der aktuellen Novellierungsvorlage abhalten zugunsten einer theoretischen Reflexion der Bedingungen ihres Handelns? Theorie und Wirtschaft, Theorie und Politik – verkrachte Verhältnisse. Die Herrschaften meinen, es genüge, das Wort Neoliberalismus, dessen, ernsthafte Analyse mehr als zwanzig Jahre zurückliegt, beiläufig in ein Statement einzustreuen.
Die Klage über die Schwäche der Verantwortlichen hat scheinbar einen Unterton von Sehnsucht nach dem starken Mann. Weit gefehlt. Die mangelnde Denk- und Charakterbildung der Führenden ist in der Verflachung der bürgerlichen Bildung tragisch besiegelt. Welcher junge Assistent, welche Referentin werden ihre Vorgesetzten auf der Basis von pragmatisch orientiertem Praxiswissen, erworben in einem sechssemestrigen Studium, das mittlerweile mehr verschult ist als die Schule, auf Mängel und Widersprüche aufmerksam machen können, gar die entscheidenden Impulse zur Erneuerung geben?
Welches Bürgertum dürfte von denen, die es nach vorn schiebt, Prinzipienfestigkeit und Streitkultur erwarten, wenn es doch selbst nur gelangweilt, desinteressiert und dumpf zuschaut? Von wem denn soll die nächste notwendige Revolte ausgehen, wenn die Jungen an der kurzen Leine von Karrieremustern und Softthinking gehalten werden? Wer soll der Bürger sein, dem in der Krise mehr einfällt, als die Restmillionen in die nächste Steueroase zu bringen oder zynisch abzuwarten, bis die Diadochen sich verschlissen haben?
Wieland Elfferding, Kulturphilosoph und Publizist, lebt in Berlin.
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"Was müssen das für Unternehmensstrukturen sein, was für politische Parteien, was für Lebens- und Berufswege, die Sprach- und Mutlosigkeit, Stromlinie und Tageserfolg zum Prinzip erheben?"
Gute Frage. Interessant wäre ein Hinweis auf eine Antwort. Oder zumindest den Versuch einer Antwort. "Es wird ja schon gar nicht mehr bemerkt, wie sich die Maßstäbe verschoben haben." Das glaube ich wiederum nicht. Ich vermute, dass den meisten die (passenden) Worte und - vor allem - der Ort für einen entsprechenden Diskurs fehlen. "Von wem denn soll die nächste notwendige Revolte ausgehen ..." Das impliziert, dass eine Revolution - oder auch nur eine Veränderung - erwünscht ist. Aber: ist dem wirklich so? Sind die Bessergestellten nicht mit der derzeitigen Situation zufrieden? |
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Diese Elitenkritik trifft zwar zu, trifft aber trotzdem nicht den Kern der Sache.
Meine Anmerkungen: (1) Jede Demokratie hat das demokratische Führungspersonal, das sie verdient (2) Alle mündigen Bürger sind mitschuld, daß sie diese Eliten solange unkontrolliert machen ließen (3) Die erbärmliche Rolle unserer "bürgerlichen" Presse wurde im Artikel dankenswerterweise angesprochen. (4) Alle schreien nach "investigativem Journalismus" aber keiner will dafür zwei Euro mehr bezahlen. (5) Welcher junge Mensch will schon Politiker werden, es sei denn aus Karrieregründen. (6) In der Herde fühlen wir uns sowieso alle am wohlsten. (7) Wo war eigentlich die "Linke"? Wo war die vielbeschworene "grüne Basis", als Schröder und Fischer in den Krieg zogen? Am Ende ist die Linke genauso feige,angepaßt und opportunistisch wie der durchschnittliche Bankangestellte. |
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schrieb am
06.03.2009 um 17:56
Hmm... Wo ist denn nun der Kern der Sache? Sie paraphrasieren doch nur, was der Autor viel ausführlicher beschrieben hat.
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Ich meine wer hat sie denn nicht kennengelernt, alle diese jungen AbitiurientInnen, die in den letzten 20 Jahren ihr Studium begannen, um später mal "irgendwas mit Medien" zu machen. Nach ihrem Selbstverständnis waren die zu 80 Prozent linksalternativ.
Dabei ist es ja ganz natürlich, daß die meisten später ihre persönliche Überzeugung abgemildert haben. Das ist okay. Aber daß so viele gut ausgebildete und demokratisch aufgeklärte junge Menschen der Erosion unserer demokratischen Kultur kaum irgendwas entgegenzusetzen hatten, sollte schon nachdenklich machen. Ich rede nicht über heutige Studenten, sondern über die von vor 20 Jahren; die Altersgenossen von Jakob Augstein, die heute verantwortliche Posten bekleiden. Darum ist auch Elfferdings Bildungsargument nur begrenzt stichhaltig. Um 1990 konnte man noch so lang studieren wie man wollte. Hat aber auch nix geholfen. Prägende Persönlichkeiten der frühen Bundesrepublik hatten übrigens gar kein Abitur. |
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Zwei weitere Fragen, leider auch ohne Lösung:
Wer nicht gelangweilt, desinteressiert, dumpf zuschaute – wo würde ihm denn eine Plattform zuteil, sich (breiten)wirksam zu artikulieren? Die großen Medien sind längst eng verbandelt mit der Politik. Einträchtiges Mit- und Nebeneinander wie jenes ihrer Büros im Berliner Regierungsviertel. Man lässt das Volk, die Bürger, genau das wissen, was man sie wissen lassen möchte. Über die Auswahl der Themen und wie sie publiziert werden, kommentiert, diskutiert, besteht in diesen Gesellschaftskreisen zweifellos ein Konsens. Der die eigenen Interessen schützt, die sich grundsätzlich nicht voneinander unterscheiden: Erhalt von Einfluss, Macht, Status. Und woher sollten Streitbarkeit und Mut zur Kritik rühren? Gepaart vielleicht sogar mit leisem Optimismus, man könne Veränderungen bewirken? Erwartet, gefördert, belohnt werden in Schule und mehr noch Beruf Unterordnung und Stromlinienförmigkeit. „Rebellen“ sind unerwünscht und die Mittel, sie zur Raison zu bringen, vielfältig, bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes. Insgesamt macht sich bei vielen Menschen ein umfassender Stoizismus im Umgang mit den täglichen Negativnachrichten breit, für den es Gründe gibt: Wer hat schon Lust, tagtäglich über das Kasperltheater der Politiker und Wirtschaftsbosse nachzudenken, wenn Veränderung im Reich der Utopie liegt, da sich alle handelnden Personen gegenseitig stützen und unterstützen? Mitbestimmung und Demokratie sind lobenswerte Vorsätze für die Gestaltung einer Gesellschaft. Aber ist heute noch „drin“, was drauf steht? |
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schrieb am
06.03.2009 um 16:06
EINSPRUCH
(1) Wer ein Anliegen hat und es ernst meint, der findet auch eine Plattform. Zumal im Zeitalter des Internet. Wenn die etablierten Parteien und Medien das nicht hergeben, kann man neue ins Leben rufen. Ja, es gab die Gruenen, die taz und die Linkspartei. Aber was machen die nun aus ihren Moeglichkeiten? (2) "Erwartet, gefördert, belohnt werden in Schule und mehr noch Beruf Unterordnung und Stromlinienförmigkeit. „Rebellen“ sind unerwünscht und die Mittel, sie zur Raison zu bringen, vielfältig, bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes." ---Entschuldigung: Was sollen das für streitbare Kritiker sein, die ihren Mund nur dann aufmachen, wenn sie dafür von oben gefördert und belohnt werden?? Vielleicht sehen wir jetzt die Langzeitfolgen einer Gymnasialpädagogik, bei der SPD-Lehrer ihre Kinder (oft die eigenen) dazu angehalten haben, sich einen "aufmüpfigen" Habitus zu eigen zu machen? Wo es dafür Pluspunkte gab? Die Rebellion aus Willen zur Anpassung, das war doch die Lebenslüge derjenigen, die heute 35-45 sind... |
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HansMeier555 schrieb am 06.03.2009 um 16:06:
"Was sollen das für streitbare Kritiker sein, die ihren Mund nur dann aufmachen, wenn sie dafür von oben gefördert und belohnt werden??" Darin erkenne ich ein Missverständnis. Toshka schrieb am 06.03.2009 um 15:46 zwei Sätze vorher: "Und woher sollten Streitbarkeit und Mut zur Kritik rühren?" Um dann zwei Sätze später auszuführen: "Erwartet, gefördert, belohnt werden in Schule und mehr noch Beruf Unterordnung und Stromlinienförmigkeit." Toshka weist also darauf hin, dass die Menschen zur Anpassung erzogen werden. Von Förderung oder gar Belohnung von Kritikern kann ich nichts erkennen. "Die Rebellion aus Willen zur Anpassung, das war doch die Lebenslüge derjenigen, die heute 35-45 sind..." Ich gehöre zwar zur genannten Generation, kann diese Lebenslüge aber nicht bestätigen. Einige wenige mögen rebelliert haben, um sich dann später brav anzupassen - aber das waren die wenigsten. Einige - wie in so gut wie allen Generationen - wollten etwas zum Besseren hin verändern und haben sich später in die bestehenden Verhältnisse eingefügt. Nun ja - Kritiker sind nun mal wenig geschätzt. Vor allem dann, wenn sie Recht (aber keine Möglichkeit zur Verbesserung des Bestehenden) haben. |
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schrieb am
07.03.2009 um 09:20
"Erwartet, gefördert, belohnt werden in Schule und mehr noch Beruf Unterordnung und Stromlinienförmigkeit." Toshka weist also darauf hin, dass die Menschen zur Anpassung erzogen werden.
Dem stimme ich ja zu. Mein Einwand ist: Na und? Wie soll es denn sonst sein? Das liegt m.E. in der Natur der Schule und kann gar nicht anders sein. Mich wundert sehr, daß die offenkundigen Defizite in unserer "demokratischen Zivilgesellschaft" immer so schnell mit dem Bildungswesen in Verbindung gebracht werden. Konformismus waere demnach eine Folge falscher Erziehung, falscher Lehrpläne und eines falschen Studienfinanzierungsmodells. Und genau diese Grundeinstellung ist m.E. Teil des Problems. So diese Haltung: Ich wäre ja auch gern ein Rebell, aber der Schuldirektor /Chef hat es uns verboten und drum muß ich mich anpassen! Klingt erbärmlich und lächerlich, ist aber leider kein Witz. Mir selber sind übrigens sehr wohl zahlreiche Fälle aus den 1980er Jahren bekannt, wo ganze Schulklassen während der Unterrichtszeit von ihren SPD-Lehrern zu Demonstrationen abkommandiert wurden. Wenn Sie sich nun klar machen, daß a) sowohl der Lehrkörper westdeutscher Gymnasien und b) die Aufsichtsräte der korrupten Landesbanken zu einem sehr großen Prozentsatz über ein karrierebeschleunigendes Parteibuch verfügen, dann verstehen Sie womöglich, worauf ich hinaus will. |
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schrieb am
07.03.2009 um 11:50
"Wie soll es denn sonst sein?"
Anders. Z. B. so: etwas Gutes schaffen, das Geist und Haltung zeigt. Also das Gegenteil von nachsehen, ob im Darm noch Platz ist. Zugegeben: die Ideen habe ich von anderen Stellen übernommen, kenne die Quellen aber nicht mehr. "Das liegt m.E. in der Natur der Schule und kann gar nicht anders sein." Das sehe ich völlig anders. Es liegt zwar schon ein bisschen zurück, aber der alte Immanuel aus Königsberg forderte schon: sapere aude! Heute ist das Ziel der Erziehung bzw. Weiterbildung die Marktgängigkeit. "... dann verstehen Sie womöglich, worauf ich hinaus will." So langsam wird klarer welche Position Sie hier vertreten. P.S. das mit dem kommentieren, d. h. mit dem platzieren der Kommentare ist aus meiner Sicht noch suboptimal. Na ja - is ja noch ne' Beta-Version ... |
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schrieb am
07.03.2009 um 16:04
Schon wieder haben Sie mich missverstanden.
"Gutes Schaffen, Geist und Haltung zeigen" ist sicher das was jeder tun sollte. Aber was hat das, verdammt noch mal, mit der Schule zu tun? "Sapere aude!" - Aber natürlich. Aber was hat das mit der Schule und der Bildungspolitik zu tun? Okay: Gute Lehrer regen ihre Schüler zum Denken an. Aber auch dazu, zu rebellieren? Ist Denken und Protestieren das Gleiche? Und war Kant selber etwa ein politischer Rebell? Der größeren Klarheit halber noch einmal wiederholt: Jaja, es stimmt schon, daß Menschen selbstbestimmt leben sollten, daß sie eine politische Posiiton entwickeln und diese auch vertreten sollten, udn daß sie den Charakter haben sollten, sich nicht immer nur anzupassen. Aber die (im Artikel und manchen Kommentaren) präsente Idee, man müsse und könne die braven Schüler eben "zum Protest erziehen" halte ich für eine Illusion. Die Generation der zwischen 1960 und 1985 geborenen erhielt, aufs Ganze gesehen eine bessere Schulbildung als jede andere zuvor und wurde auch in viel höherem Maße ueber Sinn und Zweck der Demokratie aufgeklärt. Das war sicher nicht falsch, aber die Resultate sind trotzdem ernüchternd. |
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schrieb am
07.03.2009 um 17:56
"Aber was hat das, verdammt noch mal, mit der Schule zu tun?"
Die Menschen verbringen in diesem Lebensabschnitt nun mal sehr viel Zeit in der Schule. In vielen anderen europäischen Staaten übrigens noch mehr als hier. Daher hängt in Hinsicht auf Erziehung viel von der Schule und den Lehrern ab. "Okay: Gute Lehrer regen ihre Schüler zum Denken an." d'accord. Ich überspringe mal die Fragen und komme direkt zum Kern: "... man müsse und könne die braven Schüler eben "zum Protest erziehen" halte ich für eine Illusion." Ich denke, dass Erziehung viel mit Vorbildlichkeit zu tun hat: der Erziehende - in diesem Fall Lehrer - hat immer eine Vorbildfunktion. Aus meiner Sicht heisst das: Erzieher sollten eine (demokratische) Haltung zeigen und öffentlich Widerspruch einlegen, wo Widerspruch notwendig ist. So wie alle anderen Demokraten auch. Eine Erziehung zum Protest kann ich darin nicht erkennen. "... die Resultate sind trotzdem ernüchternd." Ja. Aber: woran liegt das? Ich denke nicht, dass das - in erster Linie - an den Lehrern liegt. Dem russischen Bären sagt man eine gewisse Behäbigkeit nach. Der deutsche Michel trägt eine Schlafmütze. Und darunter immer noch den Untertanengeist? |
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schrieb am
07.03.2009 um 18:21
Stimme Ihnen zu, daß nicht die Lehrer schuld sind.
Die Lehrer - auch die 68er Generation - waren alles in allem schon okay. Aber wer ist nun schuld an unserem Demokratiedefizit? Ich behaupte: (1) Es sind nicht nur die Eliten (2) Es ist nicht die fehlende Bildung. (3) Es sind nicht irgendwelche äußeren Zwangslagen. (4) Es ist die Linke. Sie hätte das kritische Potenzial gehabt, wußte es aber nicht zu nutzen. |
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schrieb am
07.03.2009 um 19:14
"Der Linken" das hiesige Demokratiedefizit anzulasten geht fehl. Denn: wer ist denn das "die Linke"? Und: gibt es Demokratennur im linken politischen Spektrum?
Im linken politischen Spektrum gab es sicherlich ein Potenzial, dass die Demokratisierung hierzulande hätte voranbringen können. Nur: welche Möglichkeiten hatten sie wirklich? Ich meine: welchen Rückhalt hatte sie in der Bevölkerung? Bemerkenswert ist auch die Troika an der Spitze der SPD vor allem in den 1970ern: dem linken Brandt wurden zwei rechte Aufpasser - Schmidt und Wehner - an die Seite gestellt. Gab es da die Befürchtung, dass er die Aussage "mehr Demokratie wagen" wirklich umsetzen würde? Nun ja - auf jeden Fall ist die SPD inzwischen über den rechten Flügel ziemlich abgeschmiert. Gleichzeitig wird "Die Linke" verteufelt. Das sind ziemlich düstere Aussichten für die Demokratie. |
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Ein ernüchternder Artikel. In der Tat ist es unvorstellbar, dass es im heutige Dtl. 68er-Zustände geben könnte, dass gar eine RAF ihr Unwesen treiben könnte. Wo gäbe es aktive (!), unberechenbare Opposition? Zu seltenen Anlässen kann sie sich entzünden, erinnert sei an Heiligendamm. Doch da das Problem: Monate später stellt sich klar heraus, dass viele Maßnahmen der Vollzugsorgane Übertretungen waren, der ganze Einsatz unverhältnismäßig war - und nichts passiert, es hat keine Konsequenzen für die Handelnden. Der "Innenminister" schäublert munter weiter... Welche echten Konsequenzen wird die Finanzkrise haben? Welche der Niedergang der Landesbanken? Welche das zu erwartende Desaster in Afghanistan? In dem Fall wird ein wie auch immer gearteter Widerstand, vielleicht auch nur ein deutlicher Einspruch, doch am ehesten von der Bundeswehr selbst erfolgen. Traurig...
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schrieb am
07.03.2009 um 19:39
Meine These:
Die LINKE der letzten 30 Jahre ist schuld am Demokratiedefizit. Sie hat ihr Potenzial nicht genutzt! Einer der Gründe dafür: Die deutsche Linke blieb viel zu lange von Marx hypnotisiert und darum unfähig "Demokratie" zu denken. Stattdessen frönte sie immer der Fata Morgana von "Revolution": |
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alles schön und gut mit der elitenkritik a la elfferding. grund genug zur klage gibt es ja. man braucht nur die zeitung aufschlagen. die häufigkeit von politischer, ökonomischer und moralischer schwäche in den diversen führungsetagen ist unübersehbar. aber läuft man mit der kritik nicht gefahr, dem klischee des politikers, des wirtschaftsbosses als ausnahmeerscheinung des wort zu reden? die vorstellung zu nähren, dass es sich bei den menschen, die da oben tun und machen, um außerwöhnliche führungspersönlichkeiten handeln muss? lassen wir einmal außen vor, dass die biografische prägung und erfahrung, die elfferding an persönlichkeiten wie willy brandt oder adeneuer schätzt, nicht zwangsweise zu besseren entscheidungen führt: siehe adenauers ostpolitik. steckt in diesem aufsatz nicht auch die problematische sehnsucht nach dem charismatischen, weisen, kompetenten führer?
wer sich die kumulation der aktuellen krisen anschaut, würde sich so einen menschenschlag instinktiv vielleicht sogar wünschen. aber ist das mittelmäßige, das elfferding beklagt, nicht auch ein ausweis demokratischer normalität? die masse der bevöl kerung, menschen mithin wie du und ich, sind durchschnittlich begabte zeitgenossen. meinte nicht lenin genau das, als der sagte, dass der staat von einer köchin geführt werden können muss? muss demokratie, so wie sie notwendig unästhetisch sein muss, wenn sie nicht totalitär werden will, nicht auch mittelmäßig sein, bzw. von mittelmäßigen gemacht werden? mit allen gefahren, die damit verbunden sind? oder rettet uns nur der große zampano vor dem selbstverschuldeten untergang? |
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Der Rufer in der Wüste - ja, wo sind ....
"Was müssen das für Unternehmensstrukturen sein, was für politische Parteien, was für Lebens- und Berufswege, die Sprach- und Mutlosigkeit, Stromlinie und Tageserfolg zum Prinzip erheben? Es wird ja schon gar nicht mehr bemerkt, wie sich die Maßstäbe verschoben haben."(Elfferding) "Die mangelnde Denk- und Charakterbildung der Führenden ist in der Verflachung der bürgerlichen Bildung tragisch besiegelt." Elfferding) Bildungsverfall, Sittenverfall, Charakterlosigkeit und Verlust der gültigen Maßstäbe waren fast immer schon Vorwürfe der älteren Generation gegen die jüngere. Ja, wo ist denn der Mut, die Tatkraft, die theoretische Reflexion der Gegeneliten? Wo der gesunde Menschenverstand an der Straßenecke, der einfach mal NEIN sagt und erst unter bestimmten veränderten Bedingungen JA und dazwischen mal ein SOWOHL-ALS-AUCH? Was wir brauchen sind weniger Meinungen und bloße Vermutungen als kenntnisreiche Berichte und anschauliche Bilder aus dem Innenleben der Machtzentren. @ingo Arend "... steckt in diesem aufsatz nicht auch die problematische sehnsucht nach dem charismatischen, weisen, kompetenten führer?" Da ist was dran, die Kollektivpsyche ist für solche "Lösungen" immer anfällig.Vgl. "Masse und Macht" (Canetti). Nur sollten wir das nicht dem Autor anhängen wollen, |
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Lieber Herr Elfferding,
ihre rhetorisch aufgebaute Position zur Kritik des politischen und wirtschaftlichen Führungspersonals seit 1919 verheißt Brüche bei der Rekrutierung und Qualitätskontrolle von Personal in Politik, Wirtschaft, Parteien, Gewerkschaften, Verbänden, Kirchen, Stiftungen, die n. m. E. gar nicht stattgefunden haben. Warum?, weil es seit 1914 kontinuierlich um Strukturen von Kommandowirtschaft in Politik, Wirtschaft, Parteien, Gewerkschaften, Verbänden, Kirchen, Stiftungen, Banken, Versicherungen, mit dem Militär als Vorbild, geht. Dafür hat die Militarisierung des Alltags- und Parlamestlebens im Wege des Ersten Weltkrieges über alle Fronten, bei Gegenern wie Verbündeten, unabdinglich gesorgt. Aus Partei- Mitgliedern wurden bis heute Partei- Soldaten/innen, auch wenn sie sich gegenseitig hier und da Genossen/inen rufen. Krisen, Kriege, Katastrophen kamen und gingen seit 1914, die Kommandowirtschaft mit ihren Polit- Soldaten/innen verschiedener Fahnen & Farben Prägung, hüben & drüben, aber blieb bis zum Mauerfall von Berlin am 09. November 1989. Übergangslos schien für das politische Führungspersonal, hüben & drüben, jede Gefolgschaft gegenüber Staat & Gesellschaft, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen , Verbänden, Stiftungen, Banken, Versicherungen aufgehoben, auch wenn diese, tonlos, verblaßt in freiwilligen Lippenbekenntnissen der Loyalität, fortlebten. Bis heute scheint klar, der realexistierende Sozialismus und seine Körperschaften hat 1989 einen vollständigen Konkurs hingelegt und bekennt sich zu diesem, nicht, nur in dem lauthals von Sieger- Justiz die Rede geführt wird. Dabei ist bei historischem Lichte betrachtet nicht alles so sicher, wie es dem Anschein der Wahl von Führungspersonal heute nach scheint. Hat der rea- lexistierende Staatskapitalismus sich womöglich gar nicht durch seinen Bankrott offenbart, sondern in einer historischen Metamorphose, Partei- Soldaten/innen in Geld- und Finanzsoldaten/innen gewendet?, um das hochgebildete Staatskapital nicht nur vom Volke zu befreien, wie der Vatikan die katholische Kirche von seinen Gläubigen, sondern auch vom Staat? Das wäre doch einmal eine gelungegene Personalentwicklungsnummer im Namen sozialistischer Kümmerer an der unsichtbaren Front? Hat der real- existierend Sozialismus mit seinem kommunikativ geschulten Personal samt Bürgerbewegten 1989- 91 die Freiheit des Bankrotts wahrgenommen, um die sich der gewöhnliche Kapitalismus heute drücken will, in dem er unter die Röcke des Staates kriecht, als wolle der gewöhnliche Kapitalismus weder hören noch sehen, geschweige denn Lesen oder Schreiben? Erweist sich so manches Führungspersonal, das scheinbar verantwortungslos von der Leine, in der Karrirere selber gar so gut im kapitalen Saft dicht vernetzt, dass es das kapitale Grass wachsen hört? tschüss Joachim Petrick |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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