Positionen

Winnenden | 19.03.2009 05:00 | Götz Eisenberg

Industrialisierung des Mitleids

Was sagt es über den Zustand einer Gesellschaft, wenn sie bezahlte Experten benötigt, um Kinder zu trösten? Über die "fürsorgliche Belagerung" durch Trauma-Psychologen

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In Winnenden wurden nach dem Amoklauf des Tim K. rund 100 Psychologen aus ganz Deutschland zusammengezogen, um Menschen Beistand zu leisten, die im Jargon des psychosozialen Helfersystems „Betroffene“ heißen.

Die ARD präsentierte uns in einer Nachrichtensendung ein vielleicht 12-jähriges Mädchen, dessen Freundin sich unter den Opfern befand. Ob ihr denn jemand schon geholfen habe, wurde sie von der Reporterin gefragt. Das Kind berichtete unter Tränen, dass es gerade einer Psychologin begegnet sei, die ihr geraten habe, sich mit einer Freundin zu treffen und sich ein „bisschen abzulenken“. Andere Jugendliche erhielten die Expertenempfehlung, jetzt „ganz fest zusammenzuhalten“.

Als vor einiger Zeit an den ersten Amoklauf in einer Schule in Köln-Volkhoven 1964 erinnert wurde, wo der 42-jährige Frührentner Walter Seifert mit einer zum Flammenwerfer umgebauten Unkrautspritze auf das Gelände seiner ehemaligen Volksschule eindrang und acht Kinder und zwei Lehrerinnen tötete und zahlreiche andere schwer verletzte, fragte man überlebende Opfer und Zeugen, wie sie denn damals betreut worden seien.

Die Individualisierung zerstört das "soziale Immunsystem"

„Gar nicht“, war die verblüffend kurze und erstaunte Antwort. Man habe das Erlebte entweder selbst oder gewissermaßen beiläufig im Rahmen der Familien, der Nachbarschaft und der Kirchengemeinde so weit bewältigt, dass ein wie immer reduziertes Weiterleben möglich wurde. Natürlich habe das Ereignis teilweise bis heute fortwirkende Spuren in den Lebensläufen hinterlassen.

Offensichtlich existierte damals noch etwas, was man als „soziales Immunsystem“ bezeichnen kann. Die Einzelnen waren in soziale Gemeinschaften auf eine Weise eingebettet, dass auch im Falle größter zwischenmenschlicher Katastrophen niemand aus der Welt zu fallen drohte. Die Menschen interessierten sich noch füreinander und kümmerten sich umeinander, wenn jemand in eine Notlage geriet. Hier müssen im Laufe der seither vergangenen Jahrzehnte gravierende Veränderungen vor sich gegangen sein.

Die Tendenz zur Individualisierung hat die letzten Reste von Gemeinschaftlichkeit offensichtlich geschleift und das „soziale Immunsystem“ zerstört. Mitgefühl und gegenseitige Nothilfe nehmen Warenform an und werden mehr und mehr in bezahlte Dienstleistungen verwandelt.

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Was sagt es uns über den Zustand einer Gesellschaft, wenn sie bezahlte Experten benötigt, um Kinder zu trösten? Wie wir unserem geschwächten körperlichen Immunsystem mit allerlei Nahrungsergänzungsmitteln auf die Sprünge helfen, so versuchen wir das vom Kollaps bedrohte „soziale Immunsystem“ mit Hilfe von synthetisch nachproduziertem Mitgefühl und käuflicher Nothilfe aufzupäppeln.

Ein Haus stürzt ein, ein Tunnel brennt, ein Zug verunglückt, eine Lawine geht nieder, ein Flugzeug stürzt ab und prompt werden wir am Ende der Nachricht mit dem Hinweis darauf beruhigt, dass Psychologen bereits vor Ort seien und die Betroffenen betreuten. „Ja, dann ist ja alles in Ordnung“, sagen wir uns und lehnen uns im Sessel bequem zurück.

Ordnungsgemäße Traumabewältigung

Wer nach einem erlittenen Schock den Weg zurück in die Normalität so ohne Weiteres nicht findet und über die durchschnittliche Halbwertszeit der Betroffenheit hinaus Anzeichen leib-seelischer Erschütterung zeigt, gerät seit den frühen achtziger Jahren unter die Deutungshoheit von Psychologie und Psychiatrie.

Das nachhaltige Leiden an schockartigen Erfahrungen wird seither in den psychiatrischen Diagnosemanualen als „posttraumatische Belastungsstörung“ geführt, die sich in bestimmten Symptomen manifestiert, die man an Opfern von Flugzeugabstürzen, Eisenbahn- und Grubenunglücken und Verbrechen gleichermaßen beobachtet hat. Seit man um die möglichen Spätfolgen traumatischer Erfahrungen weiß, wartet man nicht mehr ab, bis sie sich artikulieren, sondern fliegt an den jeweiligen Ort des Unglücks oder der Kata­strophe sofort jede Menge Psychologen und Trauma-Experten ein, die die „Betroffenen“ vorsorglich in ihre Obhut nehmen und ihnen zeigen, wie man ein Trauma ordnungsgemäß bewältigt.

In den Wochen nach dem Schulmassaker befanden sich ungefähr 50 Psychologen in Erfurt, um Schüler, Lehrer und Angehörige zu betreuen. Nach der Wiederaufnahme des Unterrichts standen wöchentlich zwei Stunden „Traumabewältigung“ auf dem Lehrplan. Eine Schülerin berichtet, ihre Psychologin habe die Stunde mit der Aufforderung begonnen, dass alle ihre Gefühle in einen mitgebrachten Karton hineintun sollten. Die Schüler wurden gedrängt, Fragebögen ausfüllen, damit die Psychologen herausfinden konnten, wer als „hochtraumatisiert“ einzustufen war und infolgedessen eine weitergehende Einzeltherapie benötigte. Die Psychologen standen phasenweise Schlange, um endlich Kontakt zu einem „Betroffenen“ zu bekommen.

Angesichts einer derart massiven Präsenz von Experten, die vorgeben zu wissen, wie man ein solches Ereignis verarbeitet, und im Falle von Verhaltensauffälligkeiten psychotherapeutische Zuwendung anordnen, nimmt es nicht wunder, dass es auch kritische Stimmen und fast so etwas wie antikolonialen Widerstand gegen die Invasion der Psychologen gab und gibt. „Wir sind doch nicht psychisch kaputt, wir sind einfach nur traurig“, wehrte sich ein 16jähriger Schüler.

Aufdringliche Psychologen

Eine Schülerin äußerte gar, das Schrecklich­ste neben der Journalisten-Plage seien eigentlich die Psychologen gewesen, die einem überall aufgelauert und mit raffinierten Tricks zu verhindern versucht hätten, dass jemand mit Freunden und Angehörigen oder gar mit sich selbst allein war. Wer sich beratungs- und therapieresistent verhalte, riskiere schlimme und schlimmste Spätfolgen, so sei zu hören gewesen, nur fachliche Anleitung garantiere, dass man einigermaßen glimpflich davonkomme.

Aufdringliche Psychoattacken dieser Art verhindern, dass die Opfer von Gewalterfahrungen zunächst einmal auf ihre eigenen Bewältigungsmechanismen und die ihrer näheren Umgebung zurückgreifen, und zielen darauf ab, mäandernde psychische Prozesse unter Kontrolle zu bringen und zu begradigen. Manche Kritiker behaupten, dass Psychologen durch ihren voreiligen Zugriff und imperialen Gestus häufig die Störung erst schaffen, die zu behandeln sie vorgeben.

Experten, ursprünglich auf den Plan gerufen, um gesellschaftliche Mangelkrankheiten zu kompensieren, tragen, wenn sie sich als Berufszweig einmal etabliert haben, dazu bei, das „soziale Immunsystem“ durch Enteignung und Ausdünnung von Kompetenzen weiter zu schwächen. Irgendwann sagen sich die Leute: „Bevor ich beim Helfen und Trost spenden irgendetwas falsch mache, überlasse ich es lieber den Fachleuten und halte mich raus.“

Wir sollen uns daran gewöhnen, unsere unwägbaren Gefühlszustände mittels Einnahme von psychoaktiven Substanzen oder Inanspruchnahme von Beratung zu regulieren. An die Stelle autonomer Ich-Leistungen tritt der Gang zu Arzt und Apotheker oder zur nächsten psychosozialen Beratungsstelle. Das als Kleinstunternehmen konzipierte Subjekt soll ein „Selbstmanagement“ erlernen, dem sein Selbst mehr und mehr abhanden kommt.

Amok-Frühwarnsysteme

In den letzten Tagen ist noch eine andere Variante psychologischen „Trittbrettfahrertums“ medial groß in Erscheinung getreten. „Kriminalpsychologen“ haben die Prävention als lukrativen Forschungs- und Geschäftszweig entdeckt und warten mit Amok-Frühwarnsystemen auf. Sie suggerieren, durch Einführung eines „Bedrohungsmanagements“ und von durch sie ausgebildeten „Krisenteams“ an Schulen ließe sich die Zahl der Schulschießereien zukünftig drastisch reduzieren und das „Problem in den Griff“ bekommen.

Wir haben es hier mit einem nach innen gewendeten psychotechnischen Machbarkeitswahn zu tun, der die innere menschliche Natur nach dem Muster der äußeren unter Kontrolle bringen zu können glaubt. Die aufgelisteten „Warnsignale“ geben sich immer erst als solche zu erkennen, wenn die Kata­strophe bereits eingetreten ist.

A posteriori scheint alles einer Logik zu folgen, die schon die ganze Zeit über auf eine aggressive Eruption zusteuerte. Vorher sind die so genannten Warnsignale meist nur verquere jugendliche Lebensäußerungen und Tagträume, die sich irgendwann auswachsen und von selbst erledigen.

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Kommentare
ba2pk3 schrieb am 20.03.2009 um 17:05
Ich finde die Ausführungen von Götz Eisenberg ausgesprochen erfrischend. In einem Klima, welches allen möglichen Experten immer mehr Zuständigkeiten zuspricht und spiegelbildlich dazu selbstverständlichste zwischenmenschliche Leistungen entwertet und zur Ware gemacht werden, ist es nötig dagegen zu halten. Allerdings wird dieser Anspruch der ExpertInnen auch deshalb so widerspruchslos hingenommen, weil er sich - wie Ivan Illich vor vielen Jahren konstatiert hat - mit der maßlosen Gier und blinden Machbarkeitserwartung von KonsumentInnen verbünden kann.
ba2pk3, Bamberg
wwalkie schrieb am 22.03.2009 um 12:16
Das "soziale Immunsystem" ist genau die "Common Decency", die der Philosoph Jean-Claude Michéa im Rückgriff auf George Orwell meint. In Extremsituationen zeigt sich die soziale Deformation in brutaler Klarheit. Wir sind da angekommen, wo die Herrschenden uns haben wollen: wir wollen "betreut" werden (ich erinnere daran, dass "betreuen" zum "Wörterbuch des Unmenschen" gehörte) - und, wenn nicht - ja, dann sind wir "krank", mindestens "beratungsresistent".

Alle Nachrichten aus Winningen zeigen die Menschen als "passive", hilflose Wesen.
Sie suchen "Trost" im ökonomischen "Gottesdienst" (metaphysische Betreuung), sie bedürfen der psychologischen Hilfe (Betreuung durch Heiler), sie zünden Kerzen an (symbolische Kontakte zum Jenseits) - nie werden sie als autonome Menschen vorgestellt, die auch nach ihrer Verantwortung innerhalb nicht immer humaner Verhältnisse fragen. Das ist ja auch nicht gefragt.
ChristianBerlin schrieb am 22.03.2009 um 14:11
[Zitat wwalkie]Sie suchen "Trost" im ökonomischen "Gottesdienst" [/Zitatende]

Da geht die Ökonomisierung von allem und jedem aber nun doch ein bisschen zu weit. Nicht dass es keine extremistischen Pfingstler gäbe, die in Afrika oder den USA das sog. Wohlstandsevangelium predigen und entsprechende Scheinwerfer-Gottesdienste veranstalten. Aber mit Winnenden hat das nichts zu tun.

Meine Gegenfrage ist: Waren die Menschen je anders? Nach meinem Eindruck war es immer und zu allen Zeiten eine kleine Minderheit, die nicht Verantwortung delegieren und Führung wollte.

Nur so viel zu [Zitat]Wir sind da angekommen...[/Zitatende]
Georgius schrieb am 21.03.2009 um 08:04
Das ist die eine Seite der Medaille.
Die zweite Seite ist im vorstehenden Artikel gerade mal in zwei Saetzen dazwischen gehaucht. [quote] Wir sollen uns daran gewöhnen, unsere unwägbaren Gefühlszustände mittels Einnahme von psychoaktiven Substanzen oder Inanspruchnahme von Beratung zu regulieren. An die Stelle autonomer Ich-Leistungen tritt der Gang zu Arzt und Apotheker oder zur nächsten psychosozialen Beratungsstelle.[/unqoute]
Dieser Aspekt droht in der Versenkung zu verschwinden.
Die psychiatrische Behandlung des Taeters, egal ob nun stationaer oder ambulant.
Das wurde in den Medien kurz hochgespuelt und verschwand ebenso ploetzlich wieder.
Der Hauptpfeiler einer solchen Behandlung ist die Verordnung von Psychopharmaka und damit machen die multinationalen Pharmakonzerne Milliardengewinne, da koennte der "Hund" begraben liegen.
In USA werden Tranquilizers gefressen wie anderswo Bonbons und die USA liegen bei den Amok-Ereignissen auf Platz 1 gefolgt von Deutschland, wo die Einnahme von Antidepressiva wohl auch schon auf dem Speisezettel angekommen sein duerfte.
Hier sollten zwei Moeglichkeiten in Erwaegung gezogen werden.
Zum einen : die direkte Einnahme mit spontanem Effekt sowie einem Langzeit-Effekt nach Absetzen.
Zum anderen : der moegliche Einfluss einer prenatalen Disposition / Vererbbarkeit.
Zugespitzt, wenn beide Eltern Antidepressiva-Abusus betrieben haben sollten, wie wirkt sich das u.U. auf die nachfolgenden Generationen aus.
Auch hier wieder zwei Moeglichkeiten :
Zum einen : vererbbarer Einfluss von reduzierter koerperliche Resistenz. (i.e. Allergien, etc.)
Zum anderen : vererbbarer Einfluss auf das geistige Verhalten. (i.e. Auffaelligkeiten, Schwaechen, ADHS, etc.)
Zum Schluss : die partielle oder totale Addition dieser Moeglichkeiten, natuerlich im richtigen Zusammenhang gesehen.
Das sind Basisparameter, auf die letzlich das Symptom Spektrum fusst.
All das ist ungeklaert oder wird in Konzern-Tresoren aufbewahrt. !!
Anna Dorothea schrieb am 21.03.2009 um 12:37
Natürlich ist die Ansammlung von Expertenmeinungen und Mutmassungen nach einem solchen Ereignis unerträglich. Dies war im "Freitag" ja schon wiederholt Thema.

Die Schlüsse, die Sie allerdings aus Ihren Beobachtungen ziehen, haben mich sehr erschreckt.
Mir ist ein Überangebot an Psychologen und Traumaexperten sehr viel lieber als das bloße Verlassen auf "autonome Ich-Leistungen". Dieser ganze Aktionismus diente ohnehin, so sehe ich es, dazu, das Trauern zu vermeiden, weil ein ganzes Volk darin keine Übung hat. Hätte das ohne "Experten" besser geklappt? Ich glaube nicht.

Es gibt immer noch genügend Menschen hier, die glauben, jegliche Inanspruchnahme von psychologischer Beratung sei überflüssig, weil alles mit "gesundem Menschenverstand" zu bewältigen sei - mit oft fatalen Folgen für sie oder für die, von denen sie das erwarten.

"Man habe das Erlebte entweder selbst oder gewissermaßen beiläufig im Rahmen der Familien, der Nachbarschaft und der Kirchengemeinde so weit bewältigt, dass ein wie immer reduziertes Weiterleben möglich wurde."

Der Vergleich ist vielleicht schief, aber mir kommt der Gedanke an die Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs: Wurden die Traumata da so bewältigt, wie Sie es oben beschreiben? Wie wir heute wissen, war das nicht so. Anstatt dessen wurde komplett verdrängt. Mit Folgen, die auch die nachfolgende Generation schmerzhaft trafen.

Und, last but not least: Ein guter Psychologe/ Psychotherapeut gibt dem Betroffenen ohnehin nur die Werkzeuge an die Hand; also die Anleitung. Heilen kann derjenige sich letztlich nur selbst.
Titta schrieb am 25.03.2009 um 00:04
Vielen Dank für diesen Kommentar, Sie sprechen mir sozusagen aus der Seele.
Im übrigen: "Autonome Ich-Leistungen" - ist doch auch nur ein Terminus, der der kapitalistischen Leistungsgesellschaft entsprungen sein kann, trotz aller durchaus berechtigten Kritik von Götz Eisenberg.
Walkus schrieb am 21.03.2009 um 19:20
Ja, es ist wirklich ein sonderbares Phänomen, kaum geschieht irgendwo ein Unglück, dann wird nach den Ursachen gefragt, wird nach Maßnahmen gefragt, aufgrund derer ein solches Unglück für die Zukunft verhindert werden kann. Die gesamte Gesellschaft ist elektrisiert und unter Spannung. Jeder will hinsichtlich der Wirksamkeit der Vorsorge Gewissheit haben, damit ihm so etwas nicht zustoßen möge. Und jeder will sich auch versorgt sehen, falls ihm so etwas zustoßen sollte. Wir sind zu Sklaven unseres Wissens geworden. Und unser Wissen sagt uns, wenn einem so etwas zustößt, dann ist das ein traumatisches Erlebnis, unter dem man sein ganzes weiteres Leben lang leiden wird. Also verlangen wir, wenn schon die gesellschaftlichen Präventivmaßnahmen nicht gegriffen bzw. noch nicht ausreichend entwickelt sind, dass wir wenigstens dann, wenn wir betroffen sind, in unserer Betroffenheit erleichtert werden. Und wir fordern das als gesellschftliche Aufgabe ein.
ChristianBerlin schrieb am 22.03.2009 um 08:12
Teil I

In der Weihnachtszeit 2003 führten die Kurse Darstellendes Spiel des Gutenberggymnasiums in einer Kulturkneipe in der Erfurter Innenstadt eine Krippenspiel-Parodie auf. Die Stimmung war ausgelassen, und in dem Stück jagte ein derber Spaß den anderen. Während der Pause ein Störer, der plötzlich gewalttätig wird. Als wieder Ruhe ist, passiert etwas Ungewöhnliches: Mehrere Mädchen brechen spontan in Tränen aus. Völlig irrational, denn der Störer war gerade rausgeschafft worden. Sie selbst erklärten sich diese Reaktion damit, dass eineinhalb Jahre danach die Erinnerungen noch so dicht unter der Oberfläche saßen, dass die ausgelassene Stimmung von einer Minute auf die andere ins Gegenteil umschlagen konnte.

Die Begebenheit aus Erfurt zeigt, wie Traumata nachwirken können, selbst wenn die latent Traumatisieren (um das Wort "Betroffene" zu vermeiden) sie unter normalen Umständen ganz "normal" zu sein scheinen. Kann sogar sein, dass sie sich - wie der zitierte anonyme 16jährige - vielleicht sogar "wehren" würden, wenn jemand an das Trauma rühren will, indem er ihnen anbietet, sich das mal gemeinsam anzusehen. Auch das ist normal - und beweist nichts.

Ich frage mich - wie schon Anna Dorothea - ob es die heile Welt der Traumenbewältigung bei Kindern und Jugendlichen durch ein "soziales Immunsystem" vor den 70/80er Jahren je gegeben hat. Den Nachweis bleibt der Autor schuldig (so wie viele Nachweise sonst auch).

Nach meiner Kenntnis wurden traumatisierte Kinder früher vielmehr durch häusliche und institutionelle Prügelerziehung in Schulen und Heimen eher noch mehr traumatisiert. "Gehe in Dein Kämmerlein, trage Deinen Schmerz allein" - "Der Indianer kennt keinen Schmerz" - "Jungen weinen nicht" usw. lauteten die Rezepte dieser vermeintlich stärkenden Erziehung zur Abhärtung. Wenn der Autor Jahrgang 51 ist, müsste er diese Phase eigentlich noch erlebt haben. Das hörte erst nach 68 auf, und plötzlich fanden sich die Prügellehrer vor Gericht und in der Bildzeitung wieder.

Das Zurückdrängen von rigider Moral und Gewalt in Erziehung und Gesellschaft hatte neben der individuellen Freiheit als Kehrseite die Beliebigkeit und Vereinzelung zur Folge. Mit der sozialen Kontrolle fiel auch der soziale Zusammenhalt weg. Heute bewundern wir in migrationsgeprägten Subkulturen das eine und verabscheuen das andere. Scheint aber immer nur zusammen aufzutreten. Die Gesellschaft, die Vorteile ohne Nachteile vereinen kann, muss noch erfunden werden.

Also müssen wir uns darauf einstellen, dass es jetzt viel Freiheit gibt und wenig Verbindliches/Verlässliches und das Beste daraus machen. Der fachliche Streit kann höchstens darum gehen, welche Art Hilfe ggf. institutionell für Krisen vorgehalten werden muss, nicht aber darum, dass sie deren Bereitstellung institutionell orgonisiert werden muss, nachdem weggefallene Sozialsysteme entsprechende Zuhörkompetenzen nicht mehr vorhalten können - wenn sie es denn je konnten.
Walkus schrieb am 22.03.2009 um 16:02
Teil 1:

Unabhängig von dem gesellschaftlichen Szenario, das sich an solch einem schrecklichen Ereignis wie dem Amoklauf von Winnenden entfaltete, sollten wir uns meiner Ansicht nach grundsätzlich mit der Form befassen, in der wir Ereignisse interpretieren und wie diese Form wiederum in der Entfaltung eines gesellschaftlichen Zusammenhangs von Individuum und Gesellschaft wirksam wird.

In der Wahrnehmung eines Ereignisses haben wir die Beziehung zwischen einem Erlebenden und einem Erlebnis. Der Erlebende ist der, der sein Erlebnis auf irgendeine Weise verarbeitet und aufarbeitet. Traumatische Erlebnisse sind für ihn zu bewältigen. Er verarbeitet, arbeitet auf und bewältigt weil er in seinem weiteren Leben von dem, was er aus dem Erlebnis als Erinnerung mitnimmt, beeinflusst wird. Die Wahrnehmung des unmittelbaren Erlebens steht in Beziehung zu den Erinnerungen aus Ereignissen der Vergangenheit. Und damit ist die Gestaltung des zukünftigen Erlebens an die Verarbeitung und Aufarbeitung der Vergangenheit gebunden. Das ist der abstrakte Zusammenhang indem wir uns psychologisch verhalten. Dieser abstrakte Zusammenhang zeigt sich in unserem empirischen Verhalten und wird in den verschiedenen Ausdrucksformen der Psychologie reflektiert. Die Ausdrucksformen der Psychologie stellen nun wiederum für die Subjekte Haltepunkte dar, an denen sie sich in ihrem Verhalten orientieren. Die Psychologie stellt fest, dass wir uns danach verhalten, wie wir Ereignisse verarbeiten und wir finden uns in der Form der Wahrnehmung als Beziehung von Erlebendem zum Erlebnis bestätigt.

In dieser Form der Wahrnehmung ist das Erlebnis etwas Vergangenes. Als Vergangenes hat es etwas hinterlassen, die Erinnerung. Zukünftiges Erleben ist nicht mehr frei von dieser Erinnerung. Die Erinnerung interpretiert jedes weitere Ereignis. Wie wir dieses nun erleben, freudig oder ängstlich, hängt nun von der Hinterlassenschaft der Vergangenheit ab. Daher gibt es in Bezug auf die Hinterlassenschaft etwas zu tun, als Ausgleich hinsichtlich des zukünftigen Lebens. Die Form der Wahrnehmung des Erlebens vollzieht sich in einem Bezug von Vergangenheit und Zukunft.
In Beziehung zur Vergangenheit gibt es etwas zu tun, in Beziehung zur Zukunft besteht Abhängigkeit zu dem, was zuvor getan wurde. Die Form der Wahrnehmung bewegt sich in einem inneren Konflikt. Psychologisch zeigt er sich in den ausgleichenden Aktivitäten eins 'autonomen Ich', das was war mit dem was sein soll abzustimmen. In dieser ausgleichenden Aktivität ist das 'autonome Ich' Täter und Opfer zugleich - Täter in der Verarbeitung der Hinterlassenschaft der Vergangenheit, Opfer im Tragen der Bürde, die aus dieser Verarbeitung resultiert.
Walkus schrieb am 22.03.2009 um 16:06
Teil 2:

Dieser innere Konflikt in der Form der Wahrnehmung zeigt sich im Außen in einem Konflikt von Täter und Opfer als getrennte Subjekte. Der Täter ist stets in Beziehung zur Vergangenheit in einem Täterprofil definiert. Hier fragt man, was hat er erlebt, wie ist er dazu gekommen? Was ist in der Verarbeitung seiner Erlebnisse falsch gelaufen? Bei einer Tat, wie dem Amoklauf, da hat er physisch keine Zukunft mehr. Er endet mit dem physischen Tod. Weiter lebt er nur psychologisch als Symbol für menschenmögliche schreckliche Handlungen. Nur insofern hat er eine Zukunft. In den meisten anderen Fällen, da muss er hinter Gitter oder es wird auf irgendeine andere Weise dafür gesorgt, dass er keinen weiteren Schaden anrichten kann (jedenfalls wird es versucht). Das Opfer steht wesentlich als solches in Beziehung zur Zukunft. Es hatte ein glückliche Vergangenheit, jetzt droht ihm eine unglückliche Zukunft. Als Opfer existiert es als solches in Bezug auf diese drohende unglückliche Zukunft. Worin aber Täter und Opfer ihr Gemeinsamkeit haben ist der vermittelnde Bezug zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der Bankräuber ist als Bankräuber Täter, weil er sich mit seiner Tat etwas beschaffen will, was ihm in der Vergangenheit verwehrt wurde. Und er hat nur solange etwas von seiner Tat, als er als Täter nicht erkannt wird. Die Geisel ist als Geisel Opfer, weil sie durch die Tat etwas zugefügt bekommt, was sie in der Zukunft weiter verfolgen wird. Und sie hört auf, sich als Opfer der Tat erkennen zu geben, wenn sie nicht mehr von den Folgen der Tat verfolgt wird.
Walkus schrieb am 22.03.2009 um 16:07
Teil 3:

Innere psychologische Verarbeitung und gesellschaftliche Form der Verarbeitung von Ereignissen lassen sich nicht trennen. Der Zwang, Ereignisse verarbeiten zu müssen, ergibt sich aus der Form der Wahrnehmung, die zwischen Vergangenheit und Zukunft vermittelt. Innere Verarbeitung und gesellschaftliche Form der Verarbeitung stehen in direkter Beziehung zueinander. In der Auseinandersetzung mit den äußerlichen gesellschaftlichen Formen der Verarbeitung und Bewältigung findet die innere Form der Verarbeitung und Bewältigung ihrer Bestätigung. In der Abscheu vor der Schrecklichkeit der Tat sowie im Mitleid mit dem Opfer findet das 'autonome Ich'
einen äußerlichen affirmativen Bezug dazu, wie es mit seinem inneren Konflikt umgeht. Und es scheint mir so zu sein, dass sich das ganze Szenario der 'Industrialisierung des Mitleids' und die gesellschaftlichen Diskussion um Vorbeugemaßnahmen und Frühwarnsysteme auf diesem affirmativen Bezug entfaltet. Wenn die Form der Wahrnehmung als Vermittlungsstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft naturgegebenes Moment unserer Psyche ist, dann wird es auch immer diesen affirmativen Bezug zwischen individueller und gesellschaftlicher Verarbeitung geben, wie er geschichtlich auch durch die vielen religiösen Mythen und Sagen vermittelt ist. Diese 'Industrialisierung des Mitleids' ist eine neue Form von Religion, die durch Wissenschaft gesellschaftlich vermittelt ist, einer Religion, die ihre Wahrheit aus der Abstraktion vom empirisch Vorgegebenen bezieht. In dieser neuen Form der Religion sind es nicht mehr die alten mystischen Gestalten von denen erzählt wird, sondern die wirklichen Gestalten, die über die Medien vermittelt werden, die bildhafte Orientierung im inneren Konflikt zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsgestaltung liefern.
Katrin Montano schrieb am 22.03.2009 um 17:07
"Offensichtlich existierte damals noch etwas, was man als „soziales Immunsystem“ bezeichnen kann. Die Einzelnen waren in soziale Gemeinschaften auf eine Weise eingebettet, dass auch im Falle größter zwischenmenschlicher Katastrophen niemand aus der Welt zu fallen drohte. Die Menschen interessierten sich noch füreinander und kümmerten sich umeinander, wenn jemand in eine Notlage geriet. Hier müssen im Laufe der seither vergangenen Jahrzehnte gravierende Veränderungen vor sich gegangen sein."
Sehr geehrter Herr Eisenberg,
Ihrer Annahme, dass damals noch so etwas wie ein "soziales Immunsystem" funktionierte, muß ich leider widersprechen. Für meine Biografie jedenfalls. Es war NIEMAND da für mich, der hätte helfen können, die Familie schon gar nicht. Keine Nachbarn, kein Jugendamt... Kurz eine Erklärung. Bin 1965 in der DDR geboren, die Eltern waren Kinder von Nazis, haben also auch eine bewegte Biografie. Ohne Aufarbeitung versteht sich. So handelten diese auch, das ganz große Orchester, wie Verwahrlosung in jeder Hinsicht, extreme Gewalt, unzählige Vergewaltigungen, Hunger, eingesperrt über Tage im Keller.... Im Alter von 16 Jahren wurde ich "gerettet", Eltern inhaftiert, ich kam in ein Heim. Erst Jahre später, verheiratet - 2 gesunde Söhne brach mein Trauma aus. Ich nahm Hilfe an und kann nun ein einigermaßen normales Leben führen. Diagnose: Dissoziative Persönlichkeitsstörung, Borderlinerin.

DAS macht ein KRIEG. Meine Söhne mußten mit einer kranken Mutter leben, was auch nicht spurlos war, wir aber stets realisierten worum es geht.

Es beschäftigen mich Ihre Positionen so sehr, dass ich mich heute hier registriert habe.
Es gibt, denke ich kein Patentrezept für die augenblickliche gesellschaftliche Ausnahmesituation, diese Begann mit Kriegen. Dass nun Psychologen sofort losrennen müssen, ist ein Zeichen des schlechten Gewissens, auch der Tatsache geschuldet, dass es ja auch Kinder der Eltern sind, deren Eltern widerum den Krieg erlebten oder mitmachten.Wie es mit den Medien gehandhabt wird ist nur ein Spiegel dessen. Auch ich habe das Bedürfnis zu helfen, tue das aber ehrenamtlilch und achte auf mein Umfeld.
Magda schrieb am 22.03.2009 um 22:48
Dieser Blick auf alarmierende Zeiterscheinungen hat mich gleich selbst in Düsternis gestürzt .Allerdings würde ich als Industrialisierung des Mitleids eher Filme bezeichnen, die auf die Tränendrüse drücken oder irgendwelche Wohltätigkeitsbasare.

Dass die Tendenz zur Individualisierung die letzten Reste von Gemeinschaftlichkeit offensichtlich geschleift hat, verstärkt in mir den bereits erzeugten Trübsinn, was gleich noch einmal nach professioneller Hilfe schreit.
So absolute Postulate wie dieses sind schädlich für sensible Gemüter wie das meine zum Beispiel.

Wenn Experten statt sofort mit handhabbaren Reparaturanweisungen herauszurücken, erst einmal raten, jetzt „ganz fest zusammenhalten“, dann ist das sicherlich eine moderne Form von „Heile, heile Gänschen“ oder auch „wird schon wieder werden“. Dagegen ist doch gar nichts einzuwenden. Man hört den Mädchen zu.
So funktioniert Trost. Und wenn niemand da ist, der zuhört, dann ist es ja gut, wenn wenigstens ein Psychologe zuhört. Besser Psychologen hören erst einmal zu, statt die Industrialisierung des Mitleids zu beklagen. Am Ende müssen die Betroffenen noch Trost spenden – wäre das gut? Nein.

Und die Unterstellung, dass wir uns sagen „ja, dann ist ja alles in Ordnung und uns bequem im Sessel zurücklehnen, macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich fühle mich gleich schuldig und finde, dass diese Kritiken von Psychologen an uns Normalbürgern doch sehr herabstimmt.
Überhaupt – Wer ist denn „Wir“?, Sie okkupieren ja in ihrem Text –etwas predigerhaft gleich auch noch Ihre Leserinnen und Leser. Ich finde so eine Wendung ist von erheblicher Aussagekraft allerdings mehr über die Weltsicht des Autors aus als über die Welt selbst.

Auch die Klage, dass Traumata mit „den frühen achtziger Jahren unter die Deutungshoheit von Psychologie und Psychiatrie“ gerieten stimmt mich ratlos. Wie konnte das geschehen? Eine solche Okkupation.

Mir sind allerdings eher Klagen darüber bekannt, dass es schwer ist, sich professionelle Hilfe zu holen. Es gibt lange Warteliste.

Wenn es einen „antikolonialen Widerstand gegen die Invasion der Psychologen gab und Anmerkungen wie:. „Wir sind doch nicht psychisch kaputt, wir sind einfach nur traurig“, dann frage ich mich, ob das nicht die probaten allgemeinen Abwehrfloskeln gegenüber psychologischer Intervention generell sind.

Und zu guter Letzt noch ausgestattet mit dem Hinweis, dass Sie selbst Psychologe sind, verstehe ich Ihre Einlassung ein bisschen dahingehend, dass Sie Ihr eigenes Tun für nützlich, die Bestrebungen massenhaft auftretender Experten aber auf diesem Gebiet eher für verderblich halten.
Nichts ist im Rudel gut, nicht einmal Psychologen. Immerhin – das ist doch auch ein erheblicher Erkenntnisgewinn.
Titta schrieb am 25.03.2009 um 00:29
"Nichts ist im Rudel gut"
Ich gebe zu bedenken: ohne Arbeitsteilung keine Entwicklung von Zivilisation und Kultur, die beruht nämlich auf dieser Arbeitsteilung. Also daß nicht jeder alles, was er zum Lebenserhalt braucht, auch selber erstellt. Kultur funktioniert also im Grunde darauf, daß wir uns aufeinander verlassen, daß wir im Rudel sind.
Magda schrieb am 25.03.2009 um 09:35
Ich würde menschliche Arbeitsteilung und Rudelverhalten nicht so ganz in eins setzen. Ansonsten, bitteschön, das stimmt sicher.

Mir fällt bei der Gelegenheit noch ein: Was meint der Autor des obigen Beitrages eigentlich dazu , dass Millionen Kinder von professionellen Kinderbetreuerinnen und -betreuern in Kinderkrippen -gärten, -läden betreut werden. Die "Industrialisierung der Kinderaufzucht?". Immerhin hat ein Bischof Mixa ja schon beklagt, dass Frauen mit dem Angebot von Betreuung zu Gebärmaschinen degradiert würden.
Wenn man diese Gedanken also weiterspinnt, ist der ganze Beitrag ziemlich konservativ .
ChristianBerlin schrieb am 23.03.2009 um 12:01
Teil 2

Nach Magdas Kritik am geringen Informationsgehalt und der Unschlüssigkeit der Argumentation kann ich Teil 2 (wo es nicht um die Sachfrage, sondern die Textsorte gehen sollte) erheblich abkürzen.

Ich ergänze das um eine kleine Untersuchung der vielen anonymen Zitaten in diesem Text. Grundsätzlich verletzen anonyme Zitate, wenn es nicht um Informantenschutz geht, den journalisten Anstand gegenüber den Kollegen deren Recherchen ggf. ohne Nennung der benutzt werden. Und sie vereitelt oder erschwert jede Nachprüfung oder abweichende Interpretation durch die Leser oder publizistische Meinungsgegner.

Das lässt sich an diesem Text sehr schön zeigen (die Beispiele sind Zitate daraus):

1) "fragte man überlebende Opfer und Zeugen..."

- Für die längere Passage zu Köln-Volkhofen gibt es offenbar eine aktuelle Quelle, aber sie wird nicht genannt. Man kann kaum erkennen, was anderweitig belegt und was Mutmaßung des Autors ist (hier besonders wichtig, weil darauf die Schlussfolgerung auf ein 1964 noch existierendes "sozialen Immunsystem" aufbaut).

2) "Eine Schülerin berichtet,..." / "wehrte sich ein 16jähriger Schüler." / "Eine Schülerin äußerte gar,"

- wahrscheinlich muss man sein Buch von 2002 kaufen, um die Quelle bzw. Recherchemethode nachvollziehen zu können. Aber ebenso wahrscheinlich bleibt dort genauso unnachvollziehbar, was in den zitierten Meiungsäußerungen der Schüler/innen deren Beobachtung und was deren eigene Mutmaßung oder Deutung ist. Ohne Gegenrecherche bei den Kritisierten ergibt das keine gesicherten Fakten. Davon ist nichts zu lesen.

3) "Manche Kritiker behaupten, dass..."

- die hier eingeleitete These, dass Psychologen die Störungen "erst schaffen, die sie zu behandlen vorgeben" ist uralt und im Volke weit verbreitet. In einem klärenden Beitrag müsste nach diesem einleitenden Satz wenigstens ein Name eines solchen Kritikers folgen, dann ein begründendes Zitat und/oder ein Hinweis auf eine Studie oder Publikation. Nichts von alledem.

4) "'Kriminalpsychologen' haben ... " / "Sie suggerieren, ..."

- In der Sache ist völlig klar, dass ein solches "Amok-Frühwarnsystem", wie es der Autor anonym zitiert, eine Psycho-Inquisition wäre, die uns alle die Freiheit kosten würde. Auch hier hätte ich gerne die W-Frage beantwortet gehabt, aus wessen Mund oder Feder wen sich die sinngemäß zitierten Suggestionen stammen.

[...]
ChristianBerlin schrieb am 23.03.2009 um 12:01
[...]

Nicht auszuschließen, dass sich der Freitag zu 3 oder vor allem zu 4 eine Gegendarstellung, Unterlassungsklage oder Rüge durch den Presserat einhandeln könnte, wenn hier Namen genannt worden wären. Aber nur dann haben wir es mit belastbaren Informationen zu tun, die entweder beweisbar sind oder nicht.

Wenn das alles im Vagen und Unüberprüfbaren bleibt, bin ich hinterher so klug wie vorher. Ob ich dem Autor zustimme oder nicht, hängt nicht von seinem Beitrag ab, sondern davon, was ich schon vorher glaubte.

Sicherlich kann man an einen sogenannten Namensbeitrag eines Fachmannes nicht dieselben Maßstäbe anlegen wie an die Arbeit professioneller Journalisten. Doch für wissenschaftliche Beiträge gelten eher strengere Maßstäbe, was die Überprüfbarmachung durch handfeste Belege betrifft. Es gibt Redaktionen, die deshalb auch an Namensbeiträge von Experten eine entsprechende Messlatte anlegen.

Als ich einst Chef war, hätte ich solche Beiträge dem Autor ohne Ansehen der Person zurückgegeben. Als Leserbrief hätte er das aber schreiben dürfen - nichts gegen die Meinungsfreiheit.
Matthias Dell schrieb am 25.03.2009 um 07:59
Lieber ChristianBerlin, man kann diesen Text sicherlich kritisch sehen, weil er das, was ich für seine These halten würde, mit einer Vehemenz vorträgt, die schnell einen falschen Eindruck erweckt. Eisenberg geht es, so habe ich ihn jedenfalls verstanden, um das Institut des "Experten" - und da ist es fast egal, ob es sich um einen Amoklauf oder einen Börsencrash handelt. Der "Experte", der in Form der, wenn hier das Zitat Steinbrücks erlaubt ist, gleich der "Kavallerie" überall dahin geschickt wird, wo es klemmt. Der Text kritisiert in einem weiteren Sinne die Outsourcing-Mentalität einer Gesellschaft, die derart verinnerlicht ist, das naheliegende Lösungen zumeist gar nicht mehr gesucht, geschweige denn als solche begriffen werden. Ich verstehe Eisenbergs Text nicht so, dass er sich gegen psychologische Hilfe im Allgemeinen wendet – er wendet sich nur dagegen, dass es für jedes Problem in unserer Gesellschaft das passende Werkzeug in Form eines "Experten" gibt.
ChristianBerlin schrieb am 25.03.2009 um 11:14
Lieber mdell, liebe Kulturredaktion,

das "Experten"-Thema ist mir ein Begriff, und wenn ich meine Blog-Serie über Präventivjustiz irgendwann fortsetze, wird das sehr deutlich werden. An dieser Kritik ist nichts auszusetzen. Aber um das zu meinen, muss ich mir nicht den Freitag kaufen oder den Text von Eisenberg lesen.

An den Stellen, wo Eisenberg mehr als diese Gemeinplätze bieten will, ist es einfach nur schlecht gemacht. Ich kann seinem Text an den entscheidenden Stellen keine belegbaren Informationen entnehmen, die mir für meine Gespräche über die Sache nützen können. Das macht ihn gleichzeitig fast unwiderlegbar.

Andere Kommentatoren haben allerdings darauf hingewiesen, dass selbst seine Beispiele insofern unschlüssig sind, als dass z.B. mit einem Ratschlag wie "fest zusammenzustehen" der zitierte anonyme Experte sich ggf. ja gerade zurücknimmt und Selbsthilferessourcen mobiliesieren hilft.

Grundsätzlich halte ich das logistische Bereitstellen von Notfallseelsorge zur Prävention von Dauertraumatisierungen bei Betroffenen und Helfern für einen wesentlichen gesellschaftlichen Fortschritt. Meine sog. Amtsgeschwister z.B. stehen in einen Bereitschaftssystem unter Vernetzung mit lokalen Wehren rund um die Uhr zur Verfügung, ehrenamtlich und unentgeltlich. Ist das Industrie?

Mein späterer biologischer Erzeuger musste als 16jähriger Rotkreuzhelfer bei der Operation Gomorrha ohne solche Logistik im Hintergrund verkohlte Leichen wegtragen, was ihm nach eigener Einschätzung einen bleibenden seelischen Schaden zugefügt hat. Ich fürchte, er hat Recht. Was Erfurt betrifft, habe ich ebenfalls familiäre Informationsquellen. Meine Tochter war in der Betreuungsphase Gutenbergschülerin.

Der posttraumatische Vorfall bei der Erfurter Theateraufführung zeigt: Eisenbergs These vom sozialen Immunsystem muss nicht ganz falsch sein. In bestimmten Extremsitutationen ist es aber einfach überfordert und benötigt Hilfe zur Selbshilfe (wie bei unserem Körper auch). Das war früher nicht anders als heute. Wo der Autor etwas anderes behauptet, bleibt er den Nachweis schuldig.

Resumee:

Immerhin verteidigt die Redaktion jetzt den Autor gegen meine Rüge der Schlechtleistung. Die Argumentation, mit welcher sein Artikel verteidigt wird, belegt aber nur ein weiteres Mal, dass es im "Meinungsmedium" um bloße Meinung im Sinne sokratischer "Doxa" geht - und das in all ihrer Vielfalt.

Statt der dogmatischen Linken nun die doxatische?

Wer nicht nur Behauptungen, sondern auch Begründungen lesen will, muss - jedenfalls bei einigen Themen - anderweitig reinschaun. Meckern zwecklos. Auch wenn Störenfrieden nicht gleich der Schierlingsbecher gereicht wird, kann ein wenig Distanz da nur heilsam sein. Bis nach der Pause! :)
ChristianBerlin schrieb am 25.03.2009 um 12:14
Nachtrag:

Vier Minuten, nachdem ich meine Replik gepostet hatte, antwortete mir Steffen Kraft in meinem Blog:

[Zitat Steffen Kraft]aufwändiger recherchierte Stücke sollen bei uns größeres Gewicht bekommen. Eine Haltung zu vertreten, heißt ja nicht, auf Fakten zu verzichten - im Gegenteil.[/Zitatende]

Damit ist klargestellt, dass nun doch nicht die "doxatische" Linke kommt und der Begriff "Meinungsmedium" so nicht gedeutet werden darf.

*Erleichterung*
Matthias Dell schrieb am 25.03.2009 um 12:24
Lieber ChristianBerlin, mir erschien es nicht sehr hilfreich, den Text zu "verteidigen", insofern ich behaupte, alles sei ganz anders. Ich wollte eine Lesart nahelegen, die meines Erachtens in ihm steckt. Und zum Undogmatischen und zum Undoxatischen: Die Möglichkeit des Fehlgehens ist immer eingeschlossen, was kein Freibrief für die Laxheit sein soll.
Titta schrieb am 26.03.2009 um 21:51
Lieber ChristianBerlin, Sie halten die Notfallseelsorge zur Prävention von Dauertraumatisierungen bei Betroffenen und Helfern für einen wesentlichen gesellschaftlichen Fortschritt.
Meines Wissens ist es so, daß es bisher noch keine einzige brauchbare wissenschaftliche Studie zum Nutzen bzw. zur Wirkung von Notfallseelsorge als Präventionsmaßnahme gibt. Bisher ist das, was sie schätzen, noch nicht wissenschaftlich belegt worden.
Aber: es hat ja auch noch keiner z.B. einen Minderwertigkeitskomplex wirklich wissenschaftlich im Feldversuch oder anhand von Studien oder Analysen nachweisbar machen können. Trotzdem hat doch jeder eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was das ist, ein Minderwertigkeitskomplex.
In diesem Sinne, wir bewegen uns halt auch auf einem ziemlich schwammigen Feld.
Liebe Grüße ansonsten.
Titta schrieb am 26.03.2009 um 21:51
Lieber ChristianBerlin, Sie halten die Notfallseelsorge zur Prävention von Dauertraumatisierungen bei Betroffenen und Helfern für einen wesentlichen gesellschaftlichen Fortschritt.
Meines Wissens ist es so, daß es bisher noch keine einzige brauchbare wissenschaftliche Studie zum Nutzen bzw. zur Wirkung von Notfallseelsorge als Präventionsmaßnahme gibt. Bisher ist das, was sie schätzen, noch nicht wissenschaftlich belegt worden.
Aber: es hat ja auch noch keiner z.B. einen Minderwertigkeitskomplex wirklich wissenschaftlich im Feldversuch oder anhand von Studien oder Analysen nachweisbar machen können. Trotzdem hat doch jeder eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was das ist, ein Minderwertigkeitskomplex.
In diesem Sinne, wir bewegen uns halt auch auf einem ziemlich schwammigen Feld.
Liebe Grüße ansonsten.
ChristianBerlin schrieb am 27.03.2009 um 00:17
@Titta

Ein trifftiger Einwand. Ich werde das mal prüfen. Das (ethische) Problem könnte sein, eine Kontrollgruppe einfach unversorgt zu lassen.

Soweit ich das von denen höre, die dabei sind, wird gerade von Helfern das Angebot zumindest subjekt dankend angenommen. Aber das beweist natürlich nicht, dass es auch objektiv wirkt. Auf jeden Fall wird dieses flankierende Angebot aber von Helfern als Zeichen der Wertschätzung ihrer Arbeit angesehen.
Walkus schrieb am 23.03.2009 um 12:30
In Spiegel-Online vom 17.3.2009 wie auch in anderen Zeitungen war zu lesen unter der Übeschrift:
"Hunderudel fällt deutsche Touristin an":

Spiegel-Text:
In Süditalien ist eine deutsche Touristin von einem Rudel streunender Hunde angefallen und schwer verletzt worden. Die 24-Jährige wurde am Dienstagmorgen bei einem Spaziergang am Strand bei Scicli im Süden Siziliens von etwa zehn Hunden angegriffen, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Nach Angaben von Augenzeugen erlitt sie schwere Bisswunden an Kopf, Gesicht, Armen und Beinen. "Sie spazierte am Strand entlang, als das Rudel sie überfiel. Die Hunde haben sie überall gebissen. Es war furchtbar", berichtete ein Augenzeuge. Ohne das schnelle Eingreifen einer Gruppe von Beamten des Ortes, inklusive des Bürgermeisters, sei sie "sicher getötet worden". Die deutsche Touristin wurde wegen ihrer schweren Verletzungen per Helikopter in das Krankenhaus Canizzaro in der Stadt Catania im Osten der Insel gebracht. Sie schwebe "in Lebensgefahr", sagten die Ärzte laut italienischen Medien.Die Helfer seien dabei gewesen, den Strand wegen eines anderen Hundeangriffs am vergangenen Sonntag zu kontrollieren, hieß es. Dabei war ein neunjähriger Junge von rund 50 streunenden Hunden zu Tode gebissen worden. Die italienische Gesundheitspolizei hatte am Montag rund 35 der aus einem verwahrlosten Zwinger in Strandnähe ausgebrochenen Vierbeiner wieder eingefangen.

Heute brachte die Post eine Postkarte an mit folgendem Text:
Lieber W., Mein Aufenthalt in Italien zieht sich dem Ende zu. Es ist aber ein sehr süßes und angenehmes Ende, denn gerade bereise ich mit dem Rucksack die wunderschöne Insel Sizilien. Neben ausgezeichnetem Essen und herrlicher Landschaft sind viele der Leute hier sehr aufgeschlossen und gastfreundlich. Ich hoffe ihr beiden seid wohlauf. Viele Grüße ...

Jetzt liegt sie im Koma. Ihr Gesicht ist zerfleischt. Ein Arm ist abgebissen. Die Ärzte und ihre Eltern bangen um ihr Leben. Sie soll für kurze Zeit aus dem Koma erwacht sein. Dabei hat sie ihre Eltern wiedererkannt. Die Ärzte mussten sie jedoch wegen der ungeheuren Schmerzen wieder in das Koma überführen.
ChristianBerlin schrieb am 23.03.2009 um 13:38
Die dpa-Meldung, die Du aus Spiegel-Online hierhergekupfert hast, endet bei "eingefangen".

Bedeuten die letzten beiden Absätze, dass Du das Opfer der Hundeattacke kennst?

Ich kann nur sagen, wie leid mir das tut, was dieser jungen Frau passiert ist, auch wenn ich nicht gleich verstanden hatte, dass dieses tragische Ereignis durchaus in den Kontext des Themas "Mitleidindustrie?" gehört. Hoffentlich überlebt sie und wird wieder ganz - auch seelisch.
Walkus schrieb am 24.03.2009 um 09:30
Ja, Christian, ich kenne die junge Frau. Aber ich sehe sie nicht als 'Opfer', genauso wenig wie ich Menschen als 'Opfer' erkenne und ich anerkenne auch nicht den gesellschaftlichen Bewusstseinszusammenhang, in dem menschliche Wesen zu 'Opfer' werden. Götter brauchen Opfer. Priester brauchen Opfer. Sie leben davon. Als Opfer erscheint der Mensch in einem Zusammenhang in dem das gesellschaftliche Leben pervertiert ist, durch die Brille der Pervertierungen. Mir war wesentliche Seite des vorstehenden Artikels, dass er reflektierend eine Beziehung zu diesem gesellschaftlichen Bewusstseinszusammenhang herzustellen versucht. Was mich jedoch wunder nimmt, und was ich eigentlich nicht verstehen kann, ist, dass der Artikel nach dieser Seite anscheinend gar nicht wahrgenommen wird. Der Artikel wird eher von der Seite her reflektiert, welche Rolle man in einem großangelegten gesellschaftlichen Erziehungsprojekt einnimmt, innerhalb dessen man sich sowohl als Subjekt als auch als Objekt begreift.
ChristianBerlin schrieb am 24.03.2009 um 15:30
Ich muss ehrlich sein: Ich verstehe manchmal nicht, was Du meinst. Aber danke für die Antwort.

Nur zur Erklärung: Ich meinte das im Sinne von victim (im profanen Sinne der alltagssprache von Polizei und Justiz), nicht als sacrifice (im religiösen oder heldenmythischen Sinne).
Walkus schrieb am 25.03.2009 um 12:22
Christian, eben der profane Sinn der Alltagssprache ist das Problem, weil sich der Sinn schon aus Rollen ergibt, die im gesellschaftlichen Zusammenhang erfüllt werden. Das was geschieht wird in Beziehung zu diesen Rollen interpretiert. Damit werden die Subjekte praktisch zu Handlangern eines äußerlichen gesellschaftlichen Zusammenhangs degradiert, bzw. wenn die Subjekte ihr Leben und die Herausforderungen des Lebens in Beziehung zu diesen Rollen begreifen, dann machen sie sich zu diesen Handlangern. Leider fehlt mir momentan die Zeit, diese näher auszuführen. Falls Dein Danke nicht in dem Sinne zu interpretieren ist, dass die Frage für Dich abgeschlossen ist, dann werde ich versuchen, im Laufe der nächsten Tage noch einmal darauf zurückzukommen.

Noch etwas, was die Verständlichkeit angeht. Verständlich ist es für uns immer dann, wenn wir uns im Bereich des Bekannten aufhalten, wegen in der Argumentation Bekanntes zu Bekanntem in Beziehung gesetzt wird, Bekanntes gegen Bekanntes gewendet wird. Diese Borniertheit, in der wir uns geistig in unserer verstandesmäßigen Tätigkeit bewegen, ist mir seit Jahrzehnten eine Frage von ungeheuerlicher Bedeutung. Die Frage, die ich mir stelle ist: Wenn der Verstand sich immer nur im Bereich des Bekannten hin und her bewegt, wie kann etwas erkennt werden, das nicht bekannt, von dem man nicht weiß? Auf welche Weise zeigt das Unbekannte? Wie muss der Zustand der Wahrnehmung sein, damit das, was nicht bekannt ist, gesehen werden kann?

Die erste Frage, die sich dabei stellt ist, wie der profane Sinn der Umgangssprache die Sicht auf das Unbekannte verstellt. Wenn wir also als Menschen frei handeln wollen, und nicht in einer illusorischen Freiheit als Handlanger eines scheinbar äußerlichen gesellschaftlichen Zusammenhangs, dann muss man mit der Kritik dieses profanen Sinns der Umgangssprache beginnen. Denn es ist dieser profane Sinn, in dem sich die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft vollzieht, in dem die Individuen durch den inneren Konflikt, in dem ihre Handlungen stehen, genau das hervorbringen, was sie hinterher bedauern und zu dem sie sich dann wieder als etwas äußerlichem verhalten.

(vgl. auch Huiskens Artikel zum Anerkennungswahn).
ChristianBerlin schrieb am 25.03.2009 um 12:46
Mir hat Philophie immer Spaß gemacht - ob mit oder ohne Texte großer Autoren. Wir können unseren gemeinsamen Anlauf, die Welt zu verstehen, aber erst nach meiner Pause beginnen, vorher kann ich jedenfalls nicht antworten.

Was mich aber uneingeschränkt interessiert, wäre, wie es Deiner Bekannten geht, die im Koma liegt. Wenn Du möchtest, darfst Du mir gerne, auch in der Pause, dazu eine msg schicken. Ich muss sowieso ab und zu an sie denken und wüsste deshalb gerne, ob sie es schafft.

Aller Gute erst mal!
task schrieb am 23.03.2009 um 14:04
Wohl wahr, dass die sozialen Bindungen in früheren Zeiten enger waren. Im besten Fall gab dies Menschen in einer Krise Halt und Geborgenheit; die Kehrseite war aber auch ein repressives System sozialer Kontrolle, dass jedem, der den Normen seines Umfelds nicht entsprach, das Leben zur Hölle machen konnte. Man lebte eben nicht freiwillig so eng beieinander, sondern weil es etwa die Wohnverhältnisse gar nicht anders zuliessen. Dass die Menschen sich damals rührend für einander interessierten und umeinander kümmerten, ist eine nostalgische Mär. Romane des 19. Jahrhunderts, etwa von Dickens oder Dostojewski, wissen von solchen familiären und sozialen Zwangsgemeinschaften ganz anderes zu berichten.

Ich kann nichts Schlechtes daran finden, dass schwer traumatisierte Menschen heute professionelle psychologische Hilfe finden können. Diese als 'gekauftes Mitleid' zu denunzieren ist einfach böswillig. Manchmal reicht eben das ehrliche Mitleid des näheren Umfelds eines psychisch kranken Menschen nicht aus, um wirklich helfen zu können, allzu oft sind Angehörige damit schlicht überfordert.
Joachim Petrick schrieb am 23.03.2009 um 18:28
Lieber Herr Eisenberg,
von der depressiven Ostalgie zur Hyper- Wessi- JVA- Manie ist es nur ein kleiner Abzweig in die manisch- depressive Wostalgie öffentlicher Kritikassen Onanie!? Was für einen Individualverkehr- Begriff legen Sie als Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach kommunikativ zu Grunde?
Fürchten Sie den Einbruch von Hundertschaften psychologisch ausgebildeter Experten in die prekäre Parallelwelt der JVAs unserer Republik Deutschland als Berliner Mauerfall Remake 2009?

Seit wann trösten professionelle Berater/innen? Sind diese nicht bei Gefahr und höchster Not im günstigen Fall „Ab durch die Mitte“ durchaus imstande, Opfer und ihre Angehörigen, Überlebende, Übriggebliebene „Fall zu Fall“ von traumatisierenden Ereignissen wie in Winnenden weg, wieder für Trost durch andere in Familie, Schule, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Hochschule, Sportverein, Nachbarschaft, Freundeskreis, Arbeitsplatz, Lehrstellen, JVAs empfänglich zu machen?
Was soll Ihr Gewetze um allgemeine Hetze in der Hitze unverarbeiteter Ereignisse?

Martin Walser schlug der deutschen Öffentlichkeit in seiner Paulskirchen Rede von 1998 den Begriff von der „Betroffenheits- Industrie im Lande“ auf klugste Weise um die Ohren, sich schadlos zu halten an seinen stummen Unterlassungen in der Wahrnehmung deutsch- deutscher Wirklichkeit von 1945- 1997, den gesamtdeutsch vorenthaltenen, symbolisch verschleppten Entschädigungen für Opfer, Übriggebliebene von Staats- und Industrie- Verbrechen der Art von Zwangsarbeit im deutschen Namen, des Wahnsinns krass einkesselnde Todeswippe aus dem Tollhaus pervertierten Fortschrittsglaubens im eingebildet gefühlten Modern Art Beritte?
Was Martin Walser feht, wissen wir inzwischen. Was Ihnen in dem ganzen Komplex „Amok Winnenden“ fehlt und wirklcih aufstößt als Autor im Freitag und als Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach wissen wir nicht.
Ihre Unterlassung als Psychologe, professionell einen bedenkenswerten Hinweis darauf zu geben, dass der Amok in Winnenden vor allem jungen Frauen galt, geht in Ihrem donnernden Abgesang psychlogisch beratender, begleitender Profession, in einer Welt dunkel dumpf gestimmter Boygroups im „Waffen“ Fetisch Wahn vom Islam über den Vatikan „Wort als eilig heilige Missions Waffe“, protestantischer Evangelisten fundamentaler Prägung im nordamerikanischen Bibel- Ring bis hin zu dem erschreckend männlichen Überhang in unseren JVAs völlig unter.
Warum?
Joachim Petrick


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