Positionen

Rezession | 23.04.2009 13:00 | Robert Kurz

Im Belauerungszustand

Die Krise galoppiert - doch die Politik ist vor den Wahlen zu einer angemessenen Reaktion nicht mehr in der Lage. Die nächste Regierung wird ein Himmelsfahrtskommando

Der Konjunkturgipfel im Kanzleramt ausgegangen wie das Hornberger Schießen. Das war zu erwarten. Während der Internationale Währungsfonds und die Wirtschaftsinstitute Horrorzahlen eines konjunkturellen Absturzes verkünden, konnten sich die Vertreter von Regierung, Wirtschaft und Gewerkschaften auf nichts Grundsätzliches einigen. Die gewerkschaftliche Forderung nach einem dritten Konjunkturpaket wurde abgeschmettert. Kein Wunder, denn die Parteien der großen Koalition belauern sich im Zeichen der kommenden Bundestagswahl nur noch gegenseitig. Sie sind nicht mehr in der Lage, gemeinsame Konzepte in größerem Umfang zu beschließen. Dass die Krise nicht ausgesessen werden kann, ist offensichtlich. Aber zusätzliche Programme spart man sich für den Wahlkampf auf. Sie werden auf die nächste Legislaturperiode verschoben, wer immer dann die Regierung stellt. In der Zwischenzeit heißt die Parole auf der Titanic: Abwarten, Tee trinken und berufsoptimistische Sprüche klopfen.

Schon das zweite Konjunkturpaket ist nicht nur zu klein, es kommt auch zu spät. Soweit die Maßnahmen (unter anderem Straßenbau und  Schulsanierung) überhaupt greifen, laufen sie erst im nächsten Jahr an. Bis dahin wird der wirtschaftliche Absturz seine Eigendynamik entfaltet haben. Das Auslaufen der Abwrackprämie, die schon jetzt den Exporteinbruch nicht auffangen kann, reißt genau dann ein zusätzliches Loch in die Absatzzahlen der Autoindustrie. Nach dem Konjunkturgipfel können sich allein die Unternehmerverbände Hoffnung machen, dass ihre Klientel im Rahmen der explodierenden Kurzarbeit von den Sozialabgaben befreit wird. Diese Zeche wird nicht nur teuer. Diese Maßnahme trägt auch nicht weit. Nach den vorsichtigen Prognosen der Wirtschaftsinstitute wird die Arbeitslosenzahl in der BRD bis Anfang 2010 um ein bis zwei Millionen steigen. Viele kleinere Firmen können sich die Kurzarbeit ohnehin nicht leisten.

ANZEIGE

Die Wirkung eines dritten Konjunkturprogramms ist zweifelhaft angesichts der globalen Krisendynamik. Aber der Staatshaushalt wird damit einer Zerreißprobe ausgesetzt. Schon die bisherigen Staatsgarantien, Hilfsgelder und Investitionsprogramme sprengen alle selbst gesetzten Verschuldungsgrenzen. Auch das ist ein Grund, warum sich die auseinanderbrechende große Koalition die Finger nicht mehr schmutzig machen will mit neuen kostenträchtigen Eingriffen. Die nächste Regierung wird vermutlich ein Himmelfahrtskommando sein. Die Konjunkturgipfel nach der Bundestagswahl lassen desperate Notstandsprogramme erwarten. Bis dahin tut man so, als ob. Die politische Klasse glaubt eigentlich nicht mehr an sich selbst, obwohl alle jetzt den deutschen Obama mimen wollen. Der hat im übrigen auch kein Bewältigungskonzept; der Glamour der Obamania bröckelt schon nach wenigen Monaten. Vielleicht werden die Wahlverlierer die bequemere Position einnehmen. Einstweilen lässt man sich in den üblichen medialen Kampagnen treiben. Der Tee des Abwartens dürfte ein wenig schal schmecken.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
fhu schrieb am 23.04.2009 um 15:54
"Die nächste Regierung wird ein Himmelsfahrtskommando" - seit mehreren Jahren ist jede Regierung, sei sie Bund- oder Land-, Himmelfahrtskommandos, da die Politik den Entwicklungen nichts mehr entgegenzusetzen haben. Überkommene Rettungswege gelten nicht mehr, die einst sichere globalisierte Welt bricht wieder in Nationalstaatlichkeit auf, nationale Gesetze überleben kaum mehr die Überprüfung durch das BVG, es gibt keine Sicherheiten mehr. Wir leben in spannenden Zeiten :-(
Streifzug schrieb am 23.04.2009 um 16:07
Ich sehe die Ratlosigkeit recht kritisch, da sie auf die Demokratie als solches zurückfallen kann. Die Fixierung auf eine Grinsekatze als Kanzlerin die stets irgendwo Licht am Ende irgendeines Tunnels erblickt stabilisiert die Demokratie nicht gerade. Ich finde den Gedanken nicht beruhigend, dass es Personenkreise gibt, welche genau auf eine solche ratlose Periode warten, um dann mit dem Universalöffner aus der Ecke zu springen.
ebertus schrieb am 23.04.2009 um 21:05
Die "Grinsekatze" lag schon einmal, 2002/2003 vollkommen daneben. Nur damals durfte Sie bei Tische, eben "drüben" am Katzentisch des großen Zampano mithampeln, konnte uns "hierzulande" jedoch mangels "Amt und Würde" nicht in die ach so erfolgreiche "Koalition der Willigen" (der m.E. und/auch Waterboarder) einreihen. Heute ist sie im Amt und der Mantel der Geschichte schwebt - medial übergreifend, informell abgestimmt - über ihrer damaligen Standortbestimmung.

Heute geht von ihr wirklich eine gewisse Gefahr aus...

knorpeli schrieb am 24.04.2009 um 08:25
Lieber Robert Kurz, was ist aber die Alternative zu einem dritten Konjunkturprogramm?
Und: ein Konjukturprogramm III, würde es nicht die Chance eröffnen, die Öffentliche Daseinsvorsorge zu stärken - also ein sozial wirksames Paket auf den Weg zu bringen?
Der überzogene Staatshaushalt ohne Gegenwert, erzeugt durch die Direkthilfen für die "Systemrelevanten" und die später wirkende Bürgschaften, im Zusammenspiel mit der "Schuldenbremse", wird der Politik später die Argumentation für die Einschränkung jeglicher Gestaltungsspielräume bringen, wenn sich jetzt bald keine politischen Alternativen durchsetzen!
Also: lieber jetzt machen, was zu machen ist? Den Druck in diese Richtung weiter erhöhen?
Beste Grüße
romano schrieb am 24.04.2009 um 16:01
Der Artikel macht auf mich einen etwas platten Eindruck.
Die vorgegaukelte Ratlosigkeit ist nur der Unwille etwas zu tun. Gleich wie es hieß, dass die Finanzkrise von niemandem geahnt werden konnte. Wo denn? Man kann das ja belegen, wie unterschiedlichste Zeitgenossen immer wieder Kritik geübt hatten, wie simple Sozialdemokraten die Schrödersche Finananzmarktisierung kritisiert haben. Usw.
Der Autor stimmt hier in den angestimmten Chor ein: man weiß nichts, es geschieht alles einfach, man hat alles, aber auch alles menschen Mögliche getan, man muss halt schauen, wie man weiterkommt, es ist nunmal wie es ist, alle wollten das technisch und moralisch Beste, das Schicksal hat dazwischen gefunkt.
Das ist Ideologie. Wie erleben einen Wissensmangel, weil wir durch Macht publik gehaltene Meinungen mit Wissen verwechseln und stumpfsinnig geworden sind ebenso wie wir das Gespür für politisches Handeln verloren haben und tunlichst verborgen gehalten wird.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Aktuelle Ausgabe bestellen
Gierig währt am längsten

Ausgabe 10/10
11.03.2010

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 2.90 €

>> bestellen

probeabo260x120.jpg

Buch der Woche

09bdw.png

Freitag unterstuetzt

portlet_polit_camp01.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG