In dieser Woche wird die Tarifrunde 2010. Ver.di und Beamtenbund streiten für fünf Prozent mehr Lohn. 4,6 Milliarden Euro sollen in die Brieftaschen von Busfahrern, Krankenschwestern und Müllmännern fließen. Doch die Gehaltsrunde steht im Zeichen der Krise. Die Löscharbeiten an den brennenden Frankfurter und Münchner Glaspalästen haben die Staatsfinanzen ruiniert: ein 500 Milliarden schwerer Bankenrettungsschirm, ein 100-Milliarden-Wirtschaftsfonds und die 80 Milliarden teuren Konjunkturprogramme. „Geht nicht – gab es nicht“, solange die Geldhäuser noch in Flammen standen.
Die öffentlichen Ausgaben für Kurzarbeit, Arbeitslosengeld und Hartz-IV-Leistungen klettern immer weiter. Dieses Jahr droht ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um mehr als 600.000. Jeder neue Erwerbslose kostet den Sozialstaat fast 20.000 Euro. Hinzu kommen krisenbedingt sinkende Steuern und Beiträge. Bis 2013 drohen Steuerausfälle von rund 300 Milliarden Euro. Die Sozialkassen bluten aus. In der Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung fehlen 2010 etwa 32 Milliarden Euro. Sinkende Einnahmen und steigende Ausgaben reißen ein 130 Milliarden Euro großes Loch. Städten und Gemeinden steht das Wasser bis zum Hals. Immer mehr Kommunen finanzieren Sozialleistungen, Kitaplätze und Personal über Kassenkredite. Der öffentliche Schuldenberg hat sich auf 1,6 Billionen Euro aufgetürmt. Allein der Bund zahlt dieses Jahr 40 Milliarden Euro Zinsen.
Die roten Zahlen sprechen eine klare Sprache: Nichts geht mehr! Die öffentliche Armut lässt Bund und Kommunen keinen verteilungspolitischen Spielraum. Schließlich kann niemand einem nackten Mann in die Tasche greifen. Deswegen erschrak der oberste deutsche Kassenwart, als seine „Staatsdiener“ fünf Prozent mehr Geld forderten.
Finanzpolitische Geisterfahrt
So schwer kann der Schock aber nicht gewesen sein. Denn wer wie Wolfgang Schäuble die bisherige finanzpolitische Geisterfahrt von Schwarz-Gelb überlebt hat, den dürfte eigentlich nichts mehr erschüttern. Zudem ist der Finanzminister im wirklichen Leben ein richtig lausiger Sparkommissar. Gerade erst verteilte der „Herr der leeren Kassen“ ein neun Milliarden schweres Steuergeschenk an Erben, Unternehmer, Besserverdiener und Hoteliers. Weitere 24 Milliarden Steuerentlastung sollen 2011 folgen. Der inzwischen bekennende Keynesianer Schäuble finanziert die schwarz-gelben Entlastungen mit neuen Schulden. Tariflohnsteigerungen auf Pump hält der schwarze Finanzminister aber für Teufelszeug. Da staunt der Leihe und der Fachmann wundert sich.
Denn eigentlich folgen Tarif- und Steuersenkungspolitik auf Pump der gleichen Logik. Beide Maßnahmen setzen auf der Nachfrageseite an. Steigende Einkommen sollen den Konsum stärken. Wenn Nachfragemangel vorherrscht – dies trifft auf die aktuelle Krise zu – können so Wachstum und Beschäftigung entstehen. Im Idealfall entwickelt sich ein selbsttragender Aufschwung. Anschließend spült das höhere Wachstum mehr Steuern in die Staatskasse. Es ergibt sich ein beachtlicher Selbstfinanzierungseffekt.
In der Krise verhalten sich Gewerkschaften und oberster Kassenwart also nicht wie die sprichwörtliche „schwäbische Hausfrau“. Wolfgang Schäuble kann niedrigere Steuern nicht über weniger Ausgaben gegenfinanzieren. Ohne neue Schulden gibt es keinen Nachfrageschub. Auch steigende öffentliche Personalausgaben müssten zunächst kreditfinanziert werden. Höhere Gehälter dürften nicht durch sinkende Sozialtransfers und geringere Investitionen eingespart werden. Wer in der Krise spart, verschärft nur den Nachfragemangel. Die wirtschaftliche Talfahrt beschleunigt sich. Am Ende wächst nur der Schuldenberg. Dies haben inzwischen auch die Jünger Ludwig Erhards verstanden. Soweit so gut.
Schäubles Reichtumspflege
Schlecht ist, dass Schäuble die Reichtumspflege wichtiger ist als die ökonomische Wirksamkeit der Maßnahmen. Die Wachstums- und Selbstfinanzierungseffekte von steigenden Tariflöhnen respektive Staatsausgaben sind deutlich höher als bei Steuersenkungen. Mehr Geld für öffentlich Beschäftigte kommt überwiegend der Mittelschicht zugute. Diese hat eine hohe Konsumquote. Mindestens ein Drittel der Lohnsteigerung fließt über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge wieder direkt in die Staatskasse zurück.
Wenn hingegen Steuern gesenkt werden, ist unklar, was mit dem höheren Nettoverdienst passiert? Mehr Netto vom Brutto für Haushalte mit dickem Geldbeutel füllt lediglich die Sparbücher. Besserverdienende sparen mindestens jeden vierten Euro. Ihre niedrige Konsumquote kommt kaum den Kassen des Einzelhandels oder Handwerks zugute. Mehr Netto vom Brutto für kleine und mittlere Einkommen kann hingegen den Konsum ankurbeln. Jedoch profitieren Geringverdiener hierzulande kaum von sinkenden Steuern. Die Hälfte der gut 46 Millionen Privathaushalte zahlt keine Einkommenssteuer. Und 11,4 Millionen Haushalte verdienen zu wenig, um Steuern zu zahlen. Höhere Freibeträge und flachere Tarifverläufe entlasten nicht. Je größer die verteilungspolitische Schieflage von Steuersenkungen, desto geringer sind die Wachstumsimpulse. Ohne Wachstum bleiben aber nur steigende Schulden. Die öffentlichen Haushalte werden einnahmeseitig ruiniert.
Für den deutschen Michel ist dies keine unbekannte Erfahrung. So war die Steuerreform 2001 bereits ein Rohrkrepierer. Massive Einkommens- und Unternehmenssteuersenkungen gingen einher mit einem fünfjährigen wirtschaftlichen Stillstand. Die Staatsverschuldung kletterte auf Rekordhöhen. Jetzt scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Das kürzlich verabschiedete Wachstumsbeschleunigungsgesetz begünstigt fast ausschließlich Besser- und Spitzenverdiener. Alles deutet darauf hin, dass die schwarz-gelbe Politik nicht den Wachstumsmotor auf Hochtouren bringt, sondern nur höhere Schulden hinterlässt.
Dickes Ende programmiert
Das dicke Ende ist programmiert. Bund, Länder und Kommunen haben wegen der grundgesetzlichen Kreditbremse ab 2016 nur noch sehr enge Verschuldungsgrenzen. Allein bis 2016 ergibt sich ein Konsolidierungsbedarf von 70 Milliarden Euro. Mit den koalitionsvertraglich vereinbarten Steuersenkungen müssen 100 Milliarden Euro eingespart werden.
Dann kommt die Zeit liberaler Sparbücher, Diätpläne und Privatisierungsphantasien. Die Folge wäre ein Schrumpfstaat. Für die dringend gebotenen Investitionen in Bildung, Gesundheit, Umwelt und Infrastruktur würden dann aber die Mittel fehlen. Leidtragende wären die abhängig Beschäftigten, Rentner und Arbeitslose. Sie würden über Jahrzehnte den Scherbenhaufen zusammenkehren, den zockende Banker hinterlassen haben.
Soweit darf es nicht kommen. Die leeren Kassen sind nicht zufällig leer, sondern wurden geplündert. Der öffentlichen Armut muss der Spiegel privaten Reichtums vorgehalten werden. Die Schulden des Staates sind immer auch die Forderungen und Vermögenszuwächse der Banken, Versicherungen und reichen Privathaushalte.
Sparguthaben, Wertpapiere, Lebensversicherungen, Immobilien abzüglich der Bau- und Konsumschulden belaufen sich in der Summe auf fast acht Billionen Euro – das Fünffache der Staatsverschuldung. Dieses Nettovermögen ist hoch konzentriert. Die reichsten zehn Prozent der Privathaushalte verfügen über fast die Hälfte des Vermögens. Auch die Schere zwischen Lohn- und Gewinneinkommen geht immer weiter auseinander. Die preisbereinigten Lohneinkommen kommen seit Mitte der neunziger Jahre nicht vom Fleck. Die Lohnquote befindet sich auf einem historischem Tiefstand – darunter leiden auch die Finanzämter und Sozialkassen.
Lehren aus der Krise? Trendwende!
So ist die aktuelle Krise auch das Ergebnis steigender ökonomischen Ungleichheit. Einerseits dämpfte die Lohnschwäche den Konsum der unteren und mittleren Einkommen. Andererseits konnten die Besserverdienenden ihre Einsätze im globalen Kasino stetig erhöhen. Wer wirklich Lehren aus der Krise ziehen will, der muss die ökonomische Ungleichheit bekämpfen. Das erfordert eine Trendwende in der Lohnentwicklung. Diese muss flankiert werden – mit Mindestlöhnen, gleichem Lohn für gleiche Arbeit, Abschaffung verschärfter Zumutbarkeit, einer Qualifizierungsoffensive, usw. Die Steuerpolitik wiederum muss die staatliche Finanzierungsbasis verbreitern. Nur so kann der Staat wieder handlungsfähig werden und die Zukunft gestalten. Höhere Löhne und mehr öffentliche Investitionen könnten dann dazu beitragen den Binnenmarkt zu stärken und die globalen Ungleichgewichte schrittweise abzubauen.
Ein „Weiter so“ gefährdet die staatliche Handlungsfähigkeit. Es geht in der Tarifrunde 2010 folglich nicht nur um Löhne und Gehälter für zwei Millionen Beschäftigte von Bund und Kommunen. Die Zukunft des Staates wird mitverhandelt. Es wird eine gesellschaftliche Debatte über Steuern, Ausgaben, öffentliche Dienstleistungen und Schulden geben. Dabei geht es natürlich auch um die Deutungshoheit über die Krise, ihre Ursachen, Folgen und Lehren.
Konservativ-liberale Kreise rufen jetzt nach der nationalen Schicksalsgemeinschaft. Getreu dem Motto: Wir sitzen alle in einem Boot. Deutsche-Bank-Ackermann und HRE-Funke genauso wie die alleinerziehende Krankenschwester und der Hartz-IV-Empfänger. Man will die lästig gewordene Debatte über die Krisenursachen endlich beenden. Leere Staatskassen sollen als Naturgesetz akzeptiert und der Gürtel soll wieder enger geschnallt werden. Eine Verzichtsideologie, die den Boden für die zukünftige Sparpolitik bereitet. Hier gilt es, gegenzuhalten.
Dierk Hirschel, Jahrgang 1970, ist Chefökonom beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes
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Na, na, nur weil eine ahnungslose Kanzlerin ein Klischee okkupiert und naiverweise glaubt, sich mit diesem auch noch schmücken zu müssen, irrt nicht die schwäbische Hausfrau.
Sie hat sich zu diesem Thema "Finanz- und Wirtschaftskrise" überhaupt nicht geäußert. Ergo, hier irrt nur der "Headline-Schreiber". ;-) |
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Positiv: ...erfreulich zu sehen, dass sich Herr Hirschel bewusstseinsmäßig etwas weiter entwickelt hat, als man es durch seine Veröffentlichungen und öffentlichen Auftritte (z.B. TV-Talkrunden) bisher kannte. Deshalb RESPEKT an den Autor!!! Das ist zumindest der beste Text, den ich je von ihm gelesen habe, da er mit einem größeren Teil der Illusionen aufräumt, als das bisher der Fall war... Ihm dürfte inzwischen wohl endgültig klar geworden sein, dass der eingeschlagene Weg eine Sackgasse ist.
Negativ: ...leider versteht er nicht, warum diese offensichtliche Sackgasse dennoch eingeschlagen wurde, obwohl sie der Logik von Marktwirtschaft / Kapitalismus doch letztlich schadet (s. Staatsverschuldung, Stocken der Produktion, Sinken des BIP und all die anderen Gründe die der Autor nennt...). Es klingt bei ihm immer noch so durch, als sei die Krisenursache nur im Handeln der Banker zu finden (die so genannten Exzesse) und letztlich nur eine Art "Verteilungsproblem" innerhalb der Marktwirtschaft. Genau das ist falsch...da haben wir sie wieder, die Illusion. Sie hat vielleicht etwas ihre Position verschoben, ist aber immer noch da. Klar gäbe es durchaus noch ne Menge Luft in Sachen gerechterer Verteilung. Das ist aber nicht des Pudels Kern, sondern dass die Logik der immer ungerechteren Verteilung zum kapitalistischen System quasi dazu gehört, genau wie die Arbeitslosigkeit. Es wäre vielmehr wünschenswert das ganze System des abstrakten Kapitalverhältnisses anzugreifen und gesellschaftlich - gerade als Gewerkschaft - zur Disposition zu stellen, anstatt die existentiellen Lebensinteressen der Menschen dieser Maschinerie zu opfern und nur bestenfalls ein paar Prozente mehr Lohn zu "erkämpfen". Würde sich das ändern, dann wäre automatisch auch die ungerechtere Verteilung beseitigt. Die Gewerkschaften zeigen sich doch alle immer noch ungebrochen eins mit der Logik des Kapitals. Sie benutzen die gleichen Begriffe, argumentieren ideologisch ähnlich, halten das Dogma der Arbeit am Leben und konditionieren die Beschäftigten brav darauf, sich weiter als Verwertungsobjekte für das Kapital zur Verfügung zu stellen. Ja sie plädieren sogar für mehr Wachstum! Das sagt doch alles... Solange sich daran nicht GRUNDLEGEND etwas ändert, sind Gewerkschaften zahnlose Institutionen, die nicht wirklich etwas erreichen werden, weil sie es gar nicht anstreben...obwohl das Potential dazu zweifelsohne vorhanden wäre. Mal sehen, was alles noch an Zumutungen passieren muss, damit endlich das richtige bewusstseinsmäßige Erwachen passiert... Wahrscheinlich muss erst ganz Deutschland in ein großes Zwangsarbeitslager (Arbeitspflicht für Hartz IV) eingeführt werden, damit wir geschichtlich wieder da ankommen, wo der Reichsarbeitsdienst einst war, damit dann vielleicht endlich der Groschen fällt. Deshalb: Ressourcenwirtschaft anstatt Marktwirtschaft!!! Dann hätten wir alle endlich wieder eine Zukunft...! |
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Eine wirklich überzeugende Werbung für ein sinnvolles Konjunkturprogramm von Dierk Hirschel. Der selbst die wenigen schwäbischen Hausfrauen, die noch nicht durchblicken, überzeugen wird. Denn drastische Lohnerhöhungen rechnen sich unterm Strich. Ohne Massenkaufkraft läuft hier gar nichts.
Die allgemeine Lohnquote sinkt und die Gewinnquote steigt – das kann nicht gut gehen – der Trend muss sich umkehren – andernfalls befürchte ich eine flächendeckende Verelendung. ![]() Und das meinte auch Ludwig Erhard (CDU), der „Vater des Wirtschaftswunders“, den ich immer wieder gerne zitiere: Aus „Wohlstand für alle“ .......So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, daß ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden. Diese überkommene Hierarchie war auf der einen Seite durch eine dünne Oberschicht, welche sich jeden Konsum leisten konnte, wie andererseits durch eine quantitativ sehr breite Unterschicht mit unzureichender Kaufkraft gekennzeichnet. Die Neugestaltung unserer Wirtschaftsordnung mußte also die Voraussetzung dafür schaffen, daß dieser einer fortschrittlichen Entwicklung entgegenstehende Zustand und damit zugleich auch endlich das Ressentiment zwischen „arm“ und „reich“ überwunden werden konnten.“ Viel Glück Ver.di |
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schrieb am
18.01.2010 um 10:29
@ Fro
"Die allgemeine Lohnquote sinkt und die Gewinnquote steigt – das kann nicht gut gehen – der Trend muss sich umkehren – andernfalls befürchte ich eine flächendeckende Verelendung." Die Befürchtung ist begründet. Nur die Erklärung nicht. Weil - einfache Frage: wenn die Lohnquote (also Einkommen) sinkt, wie kann dann bei sinkender Kaufnachfrage gleichzeitig die Nachfrage so steigen, dass auch die Gewinnquote steigt? Deutlicher Widerspruch! Etwa durch den Exportüberschuss? Das ist nur teilweise richtig, denn die anderen Länder als Hauptabnehemr der Waren hatten in den 70ern/80ern schon die gleichen Probleme. Des Rätsels Antwort: die Erklärung stimmt nicht, sondern verdreht die geschichtliche Reihenfolge und damit auch die Krisenursache in ihr Gegenteil. Das zeigt auch die Grafik - wenn auch nicht sehr detailliert durch die große 10 Jahres Einteilung. Die ersten großen Krisen in der BRD der Nachkriegszeit gab es bereits 1966 (Ruhrgebietskrise) und 1968. Es folgte die Ölkrise 1973/74 usw. Gerade die 70er waren in USA, Japan und BRD als große Zentren der Welt durch sinkende Profitraten gekennzeichnet, was nur durch die Inflation oft optisch überdeckt wurde. Als REAKTION auf diese innere Krise des Kapitalismus kam der Neoliberalismus 1980 an die Macht und startete die Flucht auf die Weltmärkte (Globalisierung) und die Deregulierung der Finanzmärkte. Damit begann sozusagen das "Simulieren von kapitalistischer Mehrwertproduktion" (Robert Kurz). Nur so konnten die Unternehmensgewinne weiter steigen, obwohl das Nettoeinkommen weiter gesunken ist. Ich bezweifle also nicht die ungerechtere Verteilung durch den Neoliberalismus, sondern nur die dargestellte Reihenfolge. Das bedeutet nämlich, dass es sich primär nicht um ein Verteilungsproblem, sondern um eine Wertschöpfungskrise handelt, weil alle Formen des Kapitals schrittweise entsubstanzialisiert wurden (s. "Das Weltkapital" von R. Kurz). Das Verteilungsproblem ist ebenfalls eine Folgeerscheinung davon. Es ist demnach - wie schon oben von mir genannt - eine Illusion, das Problem mit einer gerechteren Verteilung allein lösen zu wollen. Was vielmehr zur Disposition stehen sollte ist die Wertschöpfungslogik an sich. |
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Das mag im Kern ja richtig sein, allerdings finde ich schon, dass man die Verteilungsproblematik nicht aus den Augen verlieren sollten, denn dass es auf diesem Gebiet Mißstände gibt, wird komischerweise vehementer bestritten als die grundlegenden Probleme der Geld- u. Wertschöpfung.
In der Tat ist es so, dass in den letzten Jahren hierzulande die Gewinnquote gestiegen und die Lohnquote gesunken ist. Dazu ein kleiner theoretischer Exkurs: Der leider kürzlich verstorbene Nobelpreistäger Paul Samuelson stellte dereist das Theorem des "Faktorpreisausgleichs" auf - was (verkürzt) folgendes besagt: Durch den Import von billigen Produkten aus Niedriglohnländern (z.B. China) wird hierzulande der Lohn unter Druck gesetzt (Arbeit wird billiger) während gleichzeitig der Bedarf nach Kapital in den Niedriglohnländern steigt (Kapital wird teurer). Jetzt kommt der Clou der Geschichte: Durch diese Arbeitsteilung WÄCHST das BIP aller beteiligten Handelspartner - anders gesagt: In Deutschland steigt die Gewinnquote und sinkt die Lohnquote (siehe oben). Wie man mit dieser Situation umgeht hat Samuelson auch vorgeschlagen: Durch Ausgleichszahlungen / staatliche Umverteilung - was in Deutschland allerdings nicht passiert. Dies hat aber nicht nur Reallohn- und Kaufkraftverluste zur Folge, sondern auch dass Deutschland zunehmend abhängig vom Export wird und die Binnenkonjunktur dahinsiecht (siehe chronische Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands). Ihr Punkt wird in dem Moment relevant, wenn man bedenkt, dass die Absatzländer für die deutschen Exporte (Euroraum und USA) sich permanent verschulden mussten, um sich ein hohes Quantum an Einfuhren leisten zu können. |
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Leider wird die öffentliche Diskussion zunehmend auf die Alternativen "Sparen vs. Steuersenkungen" ( also Neoklassik vs. Reaganomics) reduziert und somit der keynesianische Ansatz erneut marginalisiert.
John Maynard Keynes hätte in der jetzigen Situation geraten von einer "Deflationspolitik" (Pro-zyklisches Sparen und Lohnsenkungen) abzusehen und stattdessen die öffentlichen Ausgaben / staatlichen Haushalte hochzuhalten. Jedoch passiert hierzulande auf den Ebenen der Länder / Kommunen das genaue Gegenteil - sie werden durch das "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" unter finanziellen Druck gesetzt und reagieren darauf mit (pro-zyklischen) Sparhaushalten. Überdies gilt es festzuhalten, dass es in Deutschland wirtschaftspolitische Fragen gibt, die nicht rational beurteilt werden, sondern in denen tradierte Ängste und Verhaltensmuster eine erhebliche Rolle spielen - das äußert sich insbesondere in Verschuldungshysterie, Inflationsparanoia und Exportfixierung. |
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Ich brauche Nachhilfeunterricht zu folgender Aussage:
Zitat: "Die Hälfte der gut 46 Mio Privathaushalte zahlt keine Einkommenssteuer. Und 11,4 Mio Haushalte verdienen zu wenig, um Steuern zu zahlen." Worin besteht der Einkommensunterschied zwischen den erstgenannten 23 Mio und den 11,4 Mio? Wer zahlt keine Einkommenssteuer und hat dennoch offenbar mehr als die Letzteren? Wo liegt mein Trugschluss?? |
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zunächst mal gibt es lt. Statistischem Bundesamt nur rund 41 Mio Haushalte, möglicherweise unterscheidet der Autor zwischen Lohnsteuerzahlern und Einkommenssteuerzahlern und will sagen, daß die Hälfte der Steuerpflichtigen in den Topf der Lohnsteuerzahler gehört, von denen wiederum knapp die Hälfte zuwenig verdient um überhaupt Steuern zu zahlen.
So ganz sauber ist die Argumentation auch an anderer Stelle nicht. Es heißt: "Mehr Geld für öffentlich Beschäftigte kommt überwiegend der Mittelschicht zugute. Diese hat eine hohe Konsumquote" - also auch eine korrespondierende Sparquote, die hier aber unter den Tisch fällt. Dagegen aber: "Mehr Netto vom Brutto für Haushalte mit dickem Geldbeutel füllt lediglich die Sparbücher. Besserverdienende sparen mindestens jeden vierten Euro." Hier gibts dann plötzlich eine Sparquote von 25% (ist die eigentlich belegt?). Konsequent wäre es doch, auf jegliche Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst zu verzichten und dafür die Transferleistungen zu erhöhen, denn bei Hartz-4-Empfängern ist die Sparquote = Null. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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