Positionen

Hartz-IV | 23.02.2010 21:55 | Friedrich Schorlemmer

Viele sind Verlierer auf Lebenszeit

Was der FDP-Chef Guido Westerwelle und andere mit ihrer Polemik gegen Hartz-IV-Empfänger aus populistischem Motiv vor sich hertreiben, sind reine Pappkameraden

Der schneidige Rechtsanwalt Westerwelle sollte einmal fünf Jahre lang unter Hartz-IV-Bedingungen leben müssen und dann reden. Geradezu unsäglich, was da zu hören ist. Wo ist denn der, der dem Volk „anstrengungslosen Wohlstand verspricht“, und wie wirklichkeitsgetrübt ist Westerwelles Folgerung, dass Menschen, die von Arbeitslosengeld II leben müssen, regelrecht „zu spätrömischer Dekadenz“ eingeladen sind. Und wer fordert diejenigen, die arbeiten, denn auf, sich dafür zu entschuldigen, dass sie von dem, was sie für ihre Arbeit bekommen auch etwas behalten wollten? Was Westerwelle und andere meinen, vor sich hertreiben zu müssen, sind rhetorische Pappkameraden.

Die Beschimpfung von Hartz-IV-Empfängern, für deren Unterhalt von den Leistungsträgern per Steuern mutmaßlich soviel transferiert werde, dass Arbeiten sich nicht mehr lohnt, geht einher mit der Ablehnung eines Mindestlohns. Dies kann sich messen lassen mit den einst gebräuchlichen sozialistisch-dialektischen Winkelzügen zur Verschleierung eigener Widersprüche. Und „spätrömische Dekadenz“ spielt allabendlich in den Schickimicki-Lokalen auf, in denen die – wohl hart arbeitende! – politische Klasse sich tummelt, um ihr Leistungsentgelt in den wirtschaftlichen Kreislauf zu schaufeln.

Ausgemustert – weggeworfen

Spätkapitalistische Dekadenz scheint mir eher zu walten, wenn ein heutiger deutscher Außenminister noch vor nicht allzu langer Zeit per Guido-Mobil und Schuhsohlen mit goldenem 18-Prozent-Aufdruck, den er gern in die Kamera hielt, beim Big-Brother-Container vorbeischaute. Da ist es schon erfreulich, dass er bei seinem Türkei-Besuch bekennt, nicht mit kurzen Hosen angekommen zu sein.

Welch ein Ausdruck von Verachtung für die Verlierer unseres Monetär-Ideologie-Systems! Als ob die Solidarität der Starken mit den Schwachen nicht Grundbedingung unseres sozialen Friedens wäre, zumal die heute Starken morgen schon unversehens zu den Schwachen gehören können. Ausgenommen jene Leistungsträger, die durch satte Abfindungen bei gröbsten Fehlleistungen vor sozialem Abstieg bewahrt werden.

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Es ist wohl wahr: Wenige der Hartz-IV-Empfänger nehmen inzwischen nicht ungern die Freiheit an, nicht mehr arbeiten zu müssen und richten sich auf wenig Geld, aber auf viel Gestaltungsfreiheit und ein „ruhiges Leben“ ein. Und sie nehmen natürlich, was sie als Hartz-IV-Empfänger bekommen können. Sie haben schließlich viel Zeit, ihre Rechte einzuklagen. Aber wer behält das lange Warten auf Ämtern im Blick? Die fortgesetzten Absagen bei Bewerbungen? Die zuweilen entwürdigende Behandlung in Jobcentern mit dem kalten Verweis auf die Zumutbarkeit angebotener Arbeit? Unwillkürlich entsteht eine Verweigerungskultur, weil sich „Hartz IV“ im Vergleich zu extrem schlecht entlohnten Arbeiten „lohnen“ kann. Wen wundert es da, dass die Betroffenen alles über sich ergehen lassen, bis sie gar alles daran setzen, möglichst keinen Job mehr zu kriegen, weil die Anstrengung sich nicht lohnt? Weil es als Leiharbeiter oder Postzusteller kaum etwas zu verdienen gibt? Viele haben sich auf der Verlierer-Seite auf Dauer eingerichtet. Wer wollte mit ihnen tauschen?

Die große Mehrheit der Hartz-IV-Empfänger hat ohnehin nicht mehr die Freiheit zu arbeiten und ist oft lang anhaltend ausgemustert, sie leidet unter dem Gefühl des nicht mehr Gebrauchtseins. Sie wird zu allem Überfluss mit dem Vorwurf überhäuft, von anderer Hände Arbeit zu leben, und fühlt sich trotz Kompetenz und ausdrücklichem Arbeitswillen ausgespuckt und weggeworfen.

Mir begegnen zu viele Menschen, die mit Tränen in den Augen und mit Bitternis auf ihren Lippen davon erzählen, wie sie plötzlich – selbst auch bei guter Auftragslage in ihren Betrieben und Unternehmen – freigesetzt wurden und das in einem Alter, in dem sie kaum noch Chancen für eine neue Vermittlung sehen. Dabei sind die Anstrengungen von Arbeitsagenturen und Job-Centern nicht zu leugnen, in vielen Fällen sogar hoch zu achten.

Alle Langzeitarbeitslosen haben mit dem Phänomen eigentümlicher Selbstveränderungen zu tun: Sie lassen sich gehen, verlieren die Zeitstruktur und werden oft antriebslos. Es stellt sich das Phänomen ein, leicht erschöpfbar zu sein, wenn man nach längerer Zeit plötzlich wieder Arbeit bekommt und von heute auf morgen „richtig ran muss“. Da fühlen sich viele schnell überanstrengt und sind vorhandenen Leistungsnormen nicht gewachsen. Mancher ist nach Jahren der Erwerbslosigkeit kaum noch in der Lage, dem heute üblichen Leistungsdruck in beschleunigten Arbeitsabläufen standzuhalten.

Ist jeder, der sich für die prekäre innere und äußere Lage anderer einsetzt und von der unabdingbaren Solidarität der Stärkeren mit den Schwächeren spricht, von einem „geistigen Sozialismus“ angesteckt? Freilich bleibt es richtig, dass Fordern auch Fördern ist und Fördern nicht ohne Fordern geht. Nur müssen Orte in der Gesellschaft denkbar sein, in denen das Millionenheer der Freigesetzten wieder die Freiheit gewinnt, um zu arbeiten.

Und dazu muss es Mindestlöhne geben. Neoliberale nennen Mindestlohn-Forderer einfach Arbeitsplatzvernichter. Muss nicht einer, der den ganzen Tag durch Arbeit gefordert ist, dafür auch soviel bekommen, dass er ein menschenwürdiges Leben führen kann, ohne um Geld vom Staat „betteln“ zu müssen? Und sollte man nicht Ausbeutung nennen, was Ausbeutung ist, und dabei das System eines weltweit ungezügelten Kapitalismus kritisch in den Blick nehmen, anstatt „geistigen Sozialismus“ zu wittern? Die Gefahr ist nicht neo-sozialistisch, sondern neo-kapitalistisch.

Wo bleibt bei den Parteigängern einer unverhohlenen Klientel-Politik im Interesse gehobener Gehaltsklassen wenigstens ein Hauch von Empörung über die zum System gewordene Gier der Großverdiener, die ihre Einkünfte findig am Fiskus vorbei in Steueroasen lotsen – oder gar nach gigantischen Fehlleistungen beim Management von Finanzinstituten nicht etwa „Hartz IV“ anheim fallen und all ihr Erspartes bei einer Arbeitsagentur offenlegen müssen, sondern auf Millionenabfindungen gebettet werden?

Tatwamasi* – das bist du! Nichts Menschliches ist dir fremd; die uns allen tief innewohnende Gier, die im christlichen Kulturkreis zu den Erzsünden zählt, nimmt geradezu epidemische Züge an in einem Gesellschaftssystem, in dem alles vom (Mehr-)Gewinn aus gedacht wird. Nur was sich rechnet, zählt. Karl Marx hat prophetisch beschrieben, was bereits 1848 um sich zu greifen begann und nun globalisiert und radikalisiert um so mehr gilt.

Die überkommenen ethischen Bande sind unbarmherzig zerrissen, und es wurde „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘“. Alles wurde nun „in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie (die Bourgeoisie – F.S.) hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt.“ (zitiert nach Karl Marx, Das Manifest der Kommunistischen Partei)

Visionäres – Pragmatisches

Inzwischen ist unser Grundgesetz zu einer der wohlerworbenen Freiheiten geworden, das gewissenlose Nutznießer globaler Handelsfreiheit wohl zu gern außer Kraft setzen würden.

Guido Westerwelle zündelt am Sozialstaat durch weitere Begünstigung der Bestverdiener, verbunden mit der Beschimpfung von unverschuldet zu Empfängern von Transferleistungen Gewordenen. Artikel 14, 2 GG hat er offenbar aus seinem Grundgesetzexemplar gestrichen. Er hetzt gesellschaftliche Gruppen aufeinander, indem er richtige Beobachtungen – etwa die hohe Steuerlast der mittleren Einkommen und die Wut derer, die als mühevoll Schuftende kaum mehr in der Tasche behalten als Hartz-IV-Empfänger – aufgreift, um daraus im Interesse seiner Nadelstreifenklientel falsche Schlüsse zu ziehen. Es wird Zeit, diese FDP bei den nächsten Wahlen auszukicken. Es wird Zeit für die demokratische Linke, Klartext zu reden, Visionäres und Pragmatisches zu versöhnen, sich auf Wesentliches zu einigen: Um den Erhalt des freiheitlichen Sozialstaates entschlossen kämpfen – ohne sozialistische Flausen, ohne Unterwerfung allen Lebens unter die Kapitalprinzipien!

* Bezogen auf eine indische Philosophie, deren Credo lautet: Tat twam asi – das bist du!

 
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Kommentare
zelotti schrieb am 24.02.2010 um 15:44
Danke, das spricht mir aus der Seele. Es ist gut, dass jemand wagt so Klartext zu sprechen, der näher an den Menschen ist. Das soziale Deutschland zurück zu erobern, das ist viel wichtiger als Diskussionen über Stellvertretergefahren, seien es HartIV-Bezieher, Muslime, Israelis, Neofaschisten, Banker, Politiker-Verschwendung usw. Dafür brauchen wir eine starke Linke und eine SPD, die sich wieder auf ihre Wurzeln und Werte besinnt.

Aber der verbale Motzton ist auch Schwäche: " Als ob die Solidarität der Starken mit den Schwachen nicht Grundbedingung unseres sozialen Friedens wäre, zumal die heute Starken morgen schon unversehens zu den Schwachen gehören können." Natürlich, muss das Grundlage sein, aber so spricht jemand, welcher der Macht entsagen muss. Wer hat es eigentlich zugelassen, dass sich Westerwelle solche Bemerkungen politisch leisten darf? Ich bin gespannt wie der Wähler in NRW entscheiden wird.
Phineas Freek schrieb am 24.02.2010 um 20:35
Zitat:
„ Als ob die Solidarität der Starken mit den Schwachen nicht Grundbedingung unseres sozialen Friedens wäre, zumal die heute Starken morgen schon unversehens zu den Schwachen gehören können.“

Wie kam denn diese schöne „Grundbedingung“ in die Welt, die aus wenigen EIGENTÜMLICHEN „Starken“ und so vielen Lohnarbeitenden (oder für diesen Zweck nicht mehr gebrauchten) „Schwachen“ besteht? Wobei JEDE mögliche Lebensregung der „Schwachen“ per staatlicher Einrichtung vom (Kapital)Erfolg der „Starken“ abhängig und für jedermann rechtsverbindlich gemacht wird. Also das die Erfüllung der Interessen der „Starken“ (grundgesetzliche) Voraussetzung allen Treibens in dieser Gesellschaft ist – damit ist auch das Gemeinwohl und die Erfüllung der Interessen der „Starken“ ein und dasselbe (dagegen spricht auch nicht die oft zitierte Sozialverpflichtung des Eigentums, denn die ist nichts als die „Verpflichtung“ aus Geld mehr Geld zu machen und wer da heute noch der irrigen und saudummen Auffassung ist „wenn’s meinen Betrieb gut geht, geht’s auch mir gut“ darf sich dann auch schon mal unter tatkräftiger Beteiligung unserer Gewerkschaften zu Tausenden auf das Leben unter dem H4-Regime vorbereiten.)
Falls DIESE „Starken morgen schon unversehens(?) zu den Schwachen gehören“ sollten? – scheißt der Hund drauf.

Zitat:
„Es ist wohl wahr: Wenige der Hartz-IV-Empfänger nehmen inzwischen nicht ungern die Freiheit an, nicht mehr arbeiten zu müssen und richten sich auf wenig Geld, aber auf viel Gestaltungsfreiheit und ein „ruhiges Leben“ ein. Und sie nehmen natürlich, was sie als Hartz-IV-Empfänger bekommen können. Sie haben schließlich viel Zeit, ihre Rechte einzuklagen.“

Zwischen den Zeilen lassen sich aus dieser Aussage auch mal ein paar Wahrheiten ableiten.
Wenn selbst das elendige H4 (Über)Leben von vielen Menschen mit Freiheit, nicht arbeiten MÜSSEN, ruhigen Leben und Gestaltungsfreiheit verwechselt wird (eigentlich ganz redliche und gesunde Zielsetzungen), heißt das aber auch, die heute wieder von und für jedermann herbeigesehnte Lohnarbeitswelt ist gleichbedeutend mit Unfreiheit, Zwang, unruhigen Leben, Angst und dem Gegenteil von Gestaltungsfreiheit (Beklemmung). Wenn selbst für den bildgescheiten Menschen das H4-Leben als beneidenswert erscheint, dann IST und MUSS sein (Arbeits) Leben die Hölle sein.
Welcher noch einigermaßen senkrecht tickende Mensch würde dem nicht zu entkommen versuchen. Mal ganz abgesehen von der Tatsache das H4 den national sehr erfolgreich durchgesetzten Lohnsenkungszweck seiner rotgrünen Schöpfer mit Bravour erfüllte.
Nicht ganz nebenbei und ungewollt erfüllt die millionenfache Bedrohung mit diesem Elend garantierenden und terroristischen Sanktionssystem auch seinen durchaus pädagogischen Zweck, sich im „Arbeitsleben“ gefälligst alles bieten zu lassen.

Stellt sich abschließend nur noch die Frage, ob der/die deutsche Arbeitsmann/frau nur dann rebellisch wird, wenn ihm/ihr eine „staatskommunistische“ Obrigkeit das Leben schwer macht.

Zitat:
„Die große Mehrheit der Hartz-IV-Empfänger hat ohnehin nicht mehr die Freiheit zu arbeiten und ist oft lang anhaltend ausgemustert, sie leidet unter dem Gefühl des nicht mehr Gebrauchtseins. Sie wird zu allem Überfluss mit dem Vorwurf überhäuft, von anderer Hände Arbeit zu leben, und fühlt sich trotz Kompetenz und ausdrücklichem Arbeitswillen ausgespuckt und weggeworfen.“

Hier kann ich nur meine Worte aus einem anderen Blog wiederholen: Wer als Erwerbsloser hauptsächlich das Problem hat „nicht gebraucht zu werden“ und „mehr zu kosten“ als fremden Interessen nützlich zu sein, anstatt die traurige Leere seiner Brieftasche zu bedauern, hat sie nicht mehr alle. So ein trauriges Bewusstsein ist was für die Klapse, die Talkshow bei Beckmann/Maischberger (Bertelsmanns bestes Pferd im Stall)usw. oder die zahlreichen Selbstmotivationsseminare.

Zitat:
„Alle Langzeitarbeitslosen haben mit dem Phänomen eigentümlicher Selbstveränderungen zu tun: Sie lassen sich gehen, verlieren die Zeitstruktur und werden oft antriebslos. Es stellt sich das Phänomen ein, leicht erschöpfbar zu sein, wenn man nach längerer Zeit plötzlich wieder Arbeit bekommt und von heute auf morgen „richtig ran muss“. Da fühlen sich viele schnell überanstrengt und sind vorhandenen Leistungsnormen nicht gewachsen. Mancher ist nach Jahren der Erwerbslosigkeit kaum noch in der Lage, dem heute üblichen Leistungsdruck in beschleunigten Arbeitsabläufen standzuhalten“.

Das ist wirklich der Gipfel. Da braucht es immer weniger menschliche Arbeit um immer mehr Reichtum zu produzieren mit dem schönen Resultat, dass die verbliebenen Malocher die Arbeit die der technologische Fortschritt nicht vollends absorbieren konnte, gleich mit übernehmen dürfen. Was vor ein, zwei Jahrzehnten zwei bis drei „Arbeitnehmer“ an Arbeit aufgehalst bekamen, darf heute eine Person bewältigen. Für ausgeprägte Masochisten ( Protestanten?) oder pathologische Arbeitssüchtler eine feine Sache. Wer das GLÜCK hatte mal für ein paar Jahre dem lebensfeindlichen Regime der Lohnarbeit entkommen zu können(von Glück sind da Umstände gemeint, die selbstredend mit H4 nichts gemein haben können) und sich in diesem wahnwitzigen Arbeits – und Pflichtenknast nicht mehr zurechtfindet und auch nicht will, „wieder richtig ran zu müssen“, hat mehr Bewusstsein für sich selbst und die Welt in der er leben muss, hat mehr Würde und Urteilskraft, als alle Moralprediger und Arbeitspfaffen zusammen.

Wie die blutigste und gewalttätigste Traumhochzeit in der Geschichte der Menschheit (von Kapitalismus und Protestantismus ihre traumatischen, selbstdestruktiven und scheinbar nicht mehr zu überwindenden Spuren in den Individuen hinterlassen hat, lässt sich ja nicht nur an Menschen studieren, die auf den Knien rutschen und um „Arbeit“ betteln, wenn sie Geld brauchen, aber eigentlich nur „gebraucht“ werden wollen, weil für den selbstverpflichtenden Idioten eh’ kein Unterschied zwischen Wollen und Sollen besteht.
Fro schrieb am 25.02.2010 um 00:28
Ich habe da zur Zeit einen Blog am laufen, in dem jahrhundertelange Hetze gegen die Juden und auch die Hetze gegen Moslems, untersucht und besprochen wird. Es ist unglaublich, was Hetze anrichten kann. Und es ist unglaublich wie Hetze im Unterbewusstsein abgespeichert wird und immer wieder abgerufen und weiter mit Vorurteils-Bildern genährt werden kann. Und weil es so gefährlich ist, gibt es den § 130 StGB gegen Volksverhetzung.

Nach meinem Empfinden hat Westerwelle den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt.

Und er hat seinen Amtseid gebrochen, der da lautet:

"Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohl des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde."

Westerwelle hat seinen Eid gebrochen und betreibt Hetze gegen diejenigen, die er vertreten soll. Er ist nicht Vertreter aller Bürger, sondern seiner neoliberalen Klientel.
M.E. müsste er von daher des Amtes enthoben werden.

Interesanter Blog dazu auch
Fro schrieb am 25.02.2010 um 03:02
Hier wird sehr anschaulich die menschliche Seite des neoliberalen Konzeptes – die Seite der Verlierer - geschildert.
Sie sind Opfer einer Politik, die Westerwelle noch forcieren will. Hinter seinen Äußerungen der letzten Zeit steckt System – das ist nicht nur populistisches Wahlkampfgetöse. Westerwelle will die unteren und mittleren Einkommensbezieher gegen die Untersten – gegen die Armen – ausspielen.
Er weiß, dass es ein großes gesellschaftliches Thema ist, dass Niedriglöhner nicht von ihrem sauer verdienten Geld leben können. Sie sollen anscheinend nach Westerwelles Vorstellungen sagen: "Wenn ich schon nicht so viel verdiene, dass ich davon leben kann, dann sollst du wenigstens so wenig verdienen, dass ich den Eindruck habe, dass sich meine Arbeit lohnt......"
Und so etwas denkt sich nun jemand aus, der per Grundgesetz dazu verpflichtet ist, für alle Bürger im Lande ohne Unterschied zu arbeiten und dem Gemeinwohl zu dienen.

Nun wird es aber so sein, dass der Hartz4 Satz nicht gesenkt werden kann, weil er schon so knapp bemessen ist.
Das, was Westewelle heute in die Köpfe der Leute setzt, wird als ungelöstes Problem abgespeichert. Jedes mal, wenn ein mittlerer oder unterer Einkommensbezieher im Sommer die Hartz4-Bezieher in den Parks gemütlich sitzen sieht, werden Westerwelles Worte und die seiner Unterstützer wieder ins Bewusstsein kommen – so kann Neid und Hass entstehen. Das spaltet unsere Gesellschaft und gefährdet den sozialen Frieden.

In unserem Lande läuft ein großes Lohnquotensenkungsprogramm und das schon seit Schröder. Die FDP hat sich schon lange zum Dienstleister der marktradikalen Klientel gemacht und will sich nun als besonders eifrig in Szene setzen (man beachte auch Rösler).
Die CDU/CSU wird diesen Kurs der Absenkung des Lohngefüges mit gehen, weil es auch ihr Kurs ist - es soll einfach nur besser aussehen.

Diese Leute ruinieren unser Land und spalten unsere Gesellschaft - und niemand zwingt sie dazu - sie machen es freiwillig.
Wir sind 42 Mill. volljährige, wahlberechtigte Bürger und der Souverän des Staates. Es kann doch irgendwie nicht wahr sein, dass so etwas möglich ist.....

Dem Aufruf von Friedrich Schorlemmer kann ich mich nur anschließen:

„Es wird Zeit für die demokratische Linke, Klartext zu reden, Visionäres und Pragmatisches zu versöhnen, sich auf Wesentliches zu einigen: Um den Erhalt des freiheitlichen Sozialstaates entschlossen kämpfen – ohne sozialistische Flausen, ohne Unterwerfung allen Lebens unter die Kapitalprinzipien!“

Wobei ich als Bürger weitergehend empfehlen würde, nicht nur um den Erhalt, sondern auch um eine gerechtere Neuordnung des Sozialstaates zu kämpfen. Visionär-pragmatisch.
Aber erst einmal sollte natürlich die Abwehr des Abbaus des Sozialstaates gewährleistet sein.
SvenMaximilian schrieb am 28.02.2010 um 19:32
Lieber Herr Schorlemmer,
ich möchte mich in aller Form bei Ihnen für diesen äußerst gelungenen Kommentar bedanken. Das ist der charakterstarke Freitag den ich mir wünsche. Soviel Klarsicht und Rückgrat wünsche ich mir auch bei anderen Medien. Die haarstreubenden Bemerkungen unseres Außenministers sind von vielen Seiten kritisiert worden, aber Ihre Darstellung erscheint mir am überzeugensten weil sie nicht nur alle wesentlichen Realitäten vor Augen führt, sondern auch durch ihre Ausgewogenheit überzeugt. Ich hoffe der Artikel wird nicht nur Leuten gelesen, die ihn wohlwollend abnicken sondern auch von Leuten die unsicher in ihrer Meinung sind und danach hoffentlich einen klaren Blick auf die Dinge haben.


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