Nun also Christian Wulff. Danke Konrad-Adenauer-Haus, danke Thomas-Dehler-Haus, das Volk da draußen wäre auf eine solche Idee wohl kaum gekommen. Aber im derzeitigen Modus der Kandidatenkür ist der Wille des Souveräns ohnehin nicht gefragt.
Müßig hier der Verweis darauf, dass gerade noch 37 Prozent der Bevölkerung hinter der schwarz-gelben Findungskommission für das höchste Amt im Staate stehen. Müßig auch der Verweis darauf, dass gerade die Bundesversammlung die Stimmung des Volkes, ob ihrer Zusammensetzung, die zum Teil auf Wahlgänge von vor vier Jahren zurückgeht, am wenigsten in der Lage ist, politische Stimmungswechsel abzubilden. Zur Erinnerung, als etwa in Rheinland-Pfalz oder Baden-Würtemberg gewählt wurde, galt der staatliche Eingriff in den Bankensektor noch als Rückfall in sozialistisches Planwirtschaftsdenken, wurde der Ruf nach einer Bankenabgabe noch öffentlich geächtet.
Ähnliches gilt für den Ruf nach der Direktwahl des Bundespräsidenten. Nicht erst seit Joseph Schumpeter wissen wir von den Zweifeln selbst der Demokratietheorie an den Fähigkeiten des Volkes, sich politisch zu betätigen. Auch wenn das im politischen Berlin so kaum offen formuliert werden würde, so erfüllt etwa der Verweise auf die Ablehnung des Lissabon-Vertrages durch die irische Bevölkerung den gleichen Zweck.
Die Mühen der historischen (Beweis-)Last
Nun steht bei der Wahl des Bundespräsidenten natürlich nicht so viel auf dem Spiel wie bei der Reform der Verfasstheit der Europäischen Union. Dafür aber wird der Diskurs über die direkte Demokratie in der Bundesrepublik historisch überschattet.
So steht dem Wunsch, politische Entscheidungen auch jenseits des parlamentarischen Gangs der Dinge zu ermöglichen, der reflexhafte Verweis auf die Erfahrungen der Weimarer Republik entgegen. Der direkt gewählte Reichspräsident Hindenburg scheint auch noch nach einem dreiviertel Jahrhundert die Unzulänglichkeit des Souveräns bei der Direktwahl aus historischer Perspektive nachweisen zu können. Unnötig in der Debatte darauf hinzuweisen, dass die Existenz des „historischen Beweises“ ausgerechnet von Historikern in Gänze bezweifelt wird.
Schließlich, so die argumentative Unterstreichung, haben die Gründungsväter des Grundgesetzes deswegen direktdemokratische Elemente von der Bundespolitik geschieden. Hier, zwischen Weimar und Bonn, liegt der moralische Ort, der eine Direktwahldebatte zu unterbinden vermag. Es scheint, die Schlüsse, die aus den Weimarer Erfahrungen gezogen worden, besitzen auch in puncto partizipativer Demokratie das Siegel ewiger Gültigkeit. Ein Hinweis, der sonst bei Grundgesetzänderungen, unter Bezugnahme auf veränderte Rahmenbedingungen, immer wieder gern weggewischt wird.
Ein goldener Mittelweg?
Unter diesen oft wiederholten, und gleichzeitig wenig hinterfragten, historischen Argumenten wird die Debatte um mögliche Alternativen indes immer wieder erdrückt. Dabei wäre es durchaus möglich, zuvorderst bei der Wahl zum Bundespräsidenten, der normativen Forderung nach einem Mehr an partizipativer Demokratie nachzugeben. Eine solche Lösungsmöglichkeit wäre in einem ersten Schritt die Beteiligung des Volkes am Wahlakt.
Denkbar wäre etwa eine Bundesversammlung, die sich lediglich zur Hälfte aus Parlamentariern und zur anderen Hälfte aus direkten Volksvertretern, etwa in Form von direkt gewählten Wahlmännern, zusammensetzen würde. . Diese könnten, ähnlich den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, im Rahmen einer Bundespräsidentenvorwahl gekürt werden. Dies würde die Kandidatenkür weniger willkürlich machen und zudem die Bevölkerung als direkten Akteur mit ins Boot der Politik holen.
Der Reiz dieses Modells läge mithin darin, dass eine solche Bundesversammlung Volk und Volksvertreter an einen, zugegeben sehr großen, Tisch brächte. So könnte man gerade bei der Wahl des Staatsoberhauptes Politik und Volk Seit‘ an Seit‘ schreiten lassen. Zwar wird dies bereits heute suggeriert, aber tatsächlich entscheiden bis dato komplizierte, wenig transparente - und nicht zuletzt durch Parteibücher gestützte – Auswahlautomatismen über die Zusammensetzung der Wahlversammlung.
Es wäre dies womöglich der goldene Mittelweg zwischen normativer und realistischer Demokratietheorie, ein vorerst partielles Partizipationsverspechen an die Bevölkerung, welches zumindest ein Teil der Demokratieunzufriedenheit auffangen könnte.
Wider die postdemokratische Depression
Möglich, dass eine solche Wahl des Bundespräsidenten beim Souverän durchfällt, dass die Wahlbeteiligung hier erneut historische Tiefststände erreichen könnte, zumal der Bundespräsident letztlich kaum politische Macht innehat. Möglich aber auch, dass gerade eine derart personalisierte Wahl das Volk elektrisiert, denn hier können in der Tat Kandidaten ins Rennen geschickt werden, die eine Partei selten aus sich heraus hervorbringt.
Denn eine personalisierte Wahl vermag auch Komplexität zu reduzieren, genau jene Komplexität, die, folgt man Colin Crouchs Theorem der Postdemokratie, mit verantwortlich ist für jenen scheinbar kaum mehr einzufangenden Rückzug des Bürgers von der Politik. Folgt man zudem den Prämissen der partizipativen Demokratietheorie, wonach durch Teilnahme am politischen Prozess erst das Interesse an Politik geweckt, so wäre die Beteiligung an der Wahl des Bundespräsidenten ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Testlauf für ein Mehr an direkter Demokratie
Aber es wäre dies, und das ist der Reiz einer solchen Reform der Bundesversammlung, ein erster Schritt in Richtung direkter Demokratie. Denn, bewährt sich ein solcher Wahlmodus, ließen sich auch künftig Volksabstimmungen und Bürgerbegehren auf die gleiche Weise in den politischen Willensbildungsprozess einbauen. Und dass die direkte Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungen durchaus Mobilisierungseffekte zeitigt, zeigen die wenigen Projekte, die das versprechen der Partizipation einlösen, etwa der „partizipative Haushalt“ der brasilianischen Stadt Porto Allegre.
Kurzum, ein Wahlverfahren, das Parlament und Volk auf eine Stufe stellen würde, könnte hier mithin eine Brücke bauen. Eine Brücke zwischen empörten Souverän und unverstandenem Repräsentant. Und, auch, eine Brücke zwischen Anhängern der direkten Demokratie und deren Gegnern. Da in einem solchen Modell Politik und Volk im Prinzip gleichberechtigte Vetoplayer wären, würde eine gegenseitige Kontrolle und Beteiligung erheblich verbessert.
Es wäre dies womöglich ein Quantensprung für das politische System der Bundesrepublik, der womöglich einen Ausweg aus der postdemokratischen Depression weisen könnte. Ob aber eine Parteiendemokratie wie die der Bundesrepublik diesen Schritt zu gehen bereit ist, liegt wohl auch daran, inwieweit sie die normativ alarmierenden Szenarien der Demokratietheorie ernst zu nehmen bereit ist.
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Ich wäre eher dafür das Amt des Bundespräsidenten abzuschaffen. Mit dem "Souverän" hat das Amt ohnehin nichts zu tun und auf einen millionenteuren machtlosen Grüßaugust kann Deutschland auch verzichten.
Besonders heutzutage, wo der Staat sparen muss, wäre die Abschaffung dieses Amtes eine sehr gute Sparmaßnahme. Vielleicht wäre dann mehr Geld für wichtige Dinge, wie Bildung, Integration, etc. vorhanden. |
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Präsidenten sind nicht dazu da, die Wahrheit zu sagen, sondern sie zu verschleiern. Köhler war ein Demagoge ersten Ranges. Man brauchte ja nur mal frühere Äußerungen von ihm mit den als Bundespräsident zu vergleichen, was hier beim Freitag schon gemacht wurde. Das belegt die obige Aussage. Und rutsch dem Herrn Präsidenten dann unerwartet doch mal die Wahrheit raus, dann gibt es eine große öffentliche Empörung und derjenige darf abtreten. Das dürfte beim Nachfolger alles kaum anders sein.
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Ein interessanter und unterstützenswerter Vorschlag. – Allerdings in unser heutigen Demokratie kaum durchsetzbar. Denn es fehlt der Lösungsweg. Was möglich ist muss nicht wahrscheinlich sein.
Der Bundespräsident wird in kleinen überparteilichen Zirkeln bestimmt. Diese nutzen diese Funktion und den „politischen Willensbildungsprozess“ zur Stabilisierung ihrer Macht. Somit ist es wohl sehr unwahrscheinlich, dass diese Zirkel basisdemokratische Elemente unterstützen – es sei denn, das Volk lässt sich manipulativ dirigieren und so gegen konkurrierende Machtzentren ge- bzw. missbrauchen. Bleiben also nur die Möglichkeiten, fatalistisch auf Besserung zu hoffen oder ein eigenes Machtzentrum zu kreieren. Da dies aber mit den etablierten Parteien nicht realisierbar ist und wir kaum davon ausgehen können, dass das Volk von selbst eine zielgerichtete Änderung anstreben wird, bedeutet das die Gründung einer neuen Partei oder die radikale Veränderung einer Partei von innen heraus. Die Ziele und das Programm dieser Partei dürften dann wohl zu einer mächtigen Erschütterung unserer gegenwärtigen Demokratien führen, denn sie formuliert die Machtfrage völlig neu und müsste somit auch neuen Organisationsprinzipien folgen. - Und sicher auch wieder manipulative Elemente nutzen, denn gerade diese Partei würde schnell Massenbasis benötigen um sich etablieren zu können und um sich gegen Erosion von Innen zu schützen. Also hoffe ich, dass, sollte eine solche Partei entstehen, ihre Demagogen durch ihre eigenen Parteigenossen kontrollierbar bleiben. – Wenn dies alles hier nicht eine Kontradiktion in sich ist und wir lieber alles so lassen wie es ist. Ich schreibe dies hier bewusst provokativ, vielleicht erreiche ich so eine Diskussion um mögliche Lösungswege. |
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Sehr interessanter Artikel, der noch viel schöner gewsen wäre mit etwas weniger Politologendeutsch und einer kurzen Erläutreung der angesprochenen Theorien oder Beispiele.
Ich finde das Bundespräsidentenamt sehr wichtig, durch sein Veto Recht und seine mahnende Funktion an die Politik . Das Köhler das nicht ausgefüllt hat, hat nichts mit dem Amt zu tun. Wir wollen ja auch nicht die Demokratie abschaffen, weil die Politiker zunehmend den Kontakt zum Volk verlieren, sondern wollen wieder mehr Demokratie und wirkliche Volksvertreter. Dementsprechend wünsche ich mir wieder einen wirklichen Bundespräsidenten. Das wird wohl leider die nächsten Jahre nichts werden. Der hier gemacht Vorschlag erscheint mir ganz vernünftig, obwohl ich zwei Aspekte zu bedenken gebe. Diese Wahl sollte weniger kompliziert und dazu transparent sein, damit die Menschen zur Wahlurne gehen. Die Kandidatenfindung muss überdacht werden, denn so wie es momentan läuft, bekommt man dann wirklich nur Abnicker und Galapräsidenten zur Wahl. Und dann bleibe auch ich zuhause, der bisher keine Wahl verpasst hat. |
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Man muß sich doch immer wieder bewußt werden, daß die Geschäftsordnung der BRD/NGO eben nicht durch den Souverän, sondern durch die Siegermächte etabliert wurde. Was nützt eine Diskussion, die die Feinheiten eines repräsentativen Amtes innerhalb einer Scheindemokratie zum Inhalt hat? Diese lenkt vom eigentlichen Thema des deutschen Dilemmas ab. Durch die permanente deutsche Unfähigkeit, sich selbst zu bestimmen, haben wir die Politiker die wir verdienen.
Ich vermisse in diesem Artikel den grundsätzlichen Hinweis auf dieses Thema. Es wurde zwar ein bemerkenswerter Vermittlungsversuch unternommen zwischen repräsentativen und direktdemokratischen Elementen eine Brücke zu schlagen, doch dieser Ansatz greift m.E. zu kurz. Es geht eben nicht um Feinheiten, wie das deutsche Volk seine seit zwei Jahrtausenden permanente Obrigkeitshörigkeit immer wieder neu bestätigt. Es geht darum daß das deutsche Volk auf Bundesebene kein direktdemokratisches Mitspracherecht besitzt. Es geht darum, daß das Grundgesetz keine Verfassung ist. Diese wird gerne von den politischen Elite zu diesem Rang emporgehoben, ist es aber nicht. Das BVG urteilt über etwas, das im völkerrechtlichen Sinne nicht existiert. So ist diese Debatte wiederum ein Scheinmanöver, vom eigentlichen Thema des Selbstbestimmungsrechtes des deutschen Volkes abzulenken. Wäre es vielleicht zu avantgardistisch gewesen, über einen grundsätzlichen Neuentwurf der deutschen Geschäftsordnung nachzudenken, der das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes zum Inhalt hat? Diese Chance wurde in diesem Artikel versäumt. |
180 Seiten. 20 Abbildungen. Gebunden.
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Ausgabe 20/2012
16.05.2012
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