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Naturdebatte | 04.07.2010 00:40 | Michael Pickardt

Überlebensprinzip communitas

Mensch und Umwelt sind Gegner in einem ungleichen Kampf, schrieb Christoph Leusch vergangene Woche. Unser Autor sieht dagegen keinen Widerspruch zwischen Mensch und Natur

Die biologische Evolution auf der Erde währte bereits rund 3.700 Millionen Jahre und hatte einige gigantische Katastrophen überstanden, als ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. Schon früher hatten einige Arten ihren evolutionären Vorteil aus der Fähigkeit zur Gemeinschaftsbildung (Insektenstaaten, Rudel) gezogen, aber immer waren die „sozialen Aufgaben“ in so einer Gruppe festgelegt: Wer Arbeitsbiene war und wer Königin – daran war nicht zu rütteln, das war hardwareseitig fixiert. Nun wagte die Natur ein neues Modell: Die Gattung homo wurde mit einem größeren Gehirn ausgestattet und damit in die Lage versetzt, die Software für die eigene Gruppenbildung selbst zu programmieren. Der Mensch war für sich allein ein schwacher, wehrloser Allesfresser, der nur einen Vorteil hatte: Er war fähig zum freiwilligen Zusammenschluss und intelligent genug, seinen Tod vorauszusehen.

Seitdem hat homo sapiens eine Vielzahl von zivilisatorischen Kon­strukten durchprobiert. Die Fähigkeit zum Gemeinschaftskonsens hat eine hohe Anpassungsleistung an die jeweiligen – oft harten und eigentlich unwirtlichen – Bedingungen ermöglicht. Allerdings war homo im Laufe seiner Geschichte immer wieder gefährdet, sehr verletzbar, manchmal am Rande des Abgrunds und keineswegs das Wesen, dem die Erde untertan war.

Über hunderttausend Jahre dümpelte die Größe der Weltbevölkerung unterhalb von 500 Millionen Individuen. Erst im 18. Jahrhundert unserer Zeitrechnung begann eine grandiose Expansion der Popula­tion. Man kann sagen, dass sich der Mensch als biologische Art erst seit 200 Jahren so weit durchgesetzt hat, dass er nur noch durch weltweite Katastrophen etwa von dem Ausmaß eines Kometenaufpralls bedroht ist. Grund dafür ist in erster Linie die Industria­lisierung der Landwirtschaft, die ohne die Leistungen der Wissenschaft, der Technik, der Forschung allgemein nicht denkbar gewesen wäre. Homo war also ein voller Erfolg, die Natur hatte wieder einmal einen Coup gelandet.

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Künstlichkeit als Existenzfrage

„Bedenkenswert ist, dass der Naturschutz in Europa ein Ausdruck extremer Künst­lichkeit und Kunstfertigkeit ist. [...] Dort, wo derzeit das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel steht, wäre aber eine andere Verhaltensweise notwendig, nämlich, sich einem Eingriff bewusst zu verweigern!“ (C. Leusch). Frage: Wo steht ernsthaft das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel? Das Kokettieren mit der Apokalypse war ja von jeher ein stilistisches Mittel der Warnung, aber in den heutigen Zeiten sollte es doch wenigstens den Anschein von Wahrscheinlichkeit haben, wenn es überzeugen soll. Die Balkonpflanze als traurigste Form des Naturersatzes, der Vor- und Schrebergarten, das Haus auf dem Land und die Renaturierung von Flusslandschaften sind nur Abstufungen einer Künstlichkeit, die ihren Kern in der Übereinkunft hat, die wir alle hier getroffen haben. Manches davon ist trost- und hilflos – aber nicht das Ende der Menschheit. Im Gegenteil: Die meisten von uns würden gar nicht existieren, wenn wir uns nicht dieser Künstlichkeit verschrieben hätten.

Leuschs anschließende Frage „Wie kann das umgesetzt werden?“ bleibt leider so stehen – ohne die Andeutung einer Antwort. Wie könnte denn solch ein eingriffsloser Naturzustand in unseren Lebensräumen aussehen? Eingriffslos hieße ja auf ­jeden Fall auch grenzenlos. Welche Konsequenzen hätte das für unsere Gesellschaft? Ist das mehr als ein romantischer Traum? Ist es eine menschenverachtende Fantasie? Wo ist der Unterschied zu der Parole „Zurück zur Natur“? Ab hier wird es spannend.

Christoph Leusch macht sich lustig über die „wachsende An­zahl Menschen, Künstler, Wissenschaftler, die sich die Natur in einer Form der ästhe­tischen und synthetischen Reduktion nicht nur vorstellen können, sondern diese sogar schön und erstrebenswert finden. Geord­nete Fluren, asphaltierte, geschotterte und gekieste Wanderwege, Bäume in Reih’ und Glied, klare und einfache Strukturen gefal­len vielen Menschen, auch ohne allzu gro­ßes Grübeln und Nachdenken, während ihnen andererseits Wildnis als ,Gestrüpp‘ erscheint.“ Hier wird eine ideologische Stereotype konstruiert und eine Überheblichkeit demonstriert, die völlig absieht von den Lebensumständen der Menschen. Es ist nur schwer vorstellbar, dass Herr Leusch wirklich Gefallen an einem Leben in einer eingriffsfreien Natur fände, er würde sich schon nach dem ersten Gewitter zitternd eine Hütte bauen, dafür einen Baum fällen – und sich vorher die Kettensäge in einem Baumarkt besorgen.

Angepasste Gruppensoftware

Aber auch Christoph Leusch ist mit seinen etwas hoffnungslosen, zivilisationskritischen Anmerkungen Teil eines Verständigungsprozesses, der weltweit in und unter den Communities abläuft. Die Implikationen der neuen Entwicklung werden irritiert zur Kenntnis genommen. Bevölkerungsexplosion – wie soll das weitergehen? Gigantische Städte – wie kann man darin leben? Begriffe wie Biosphäre, Ökologie tauchen im gesellschaftlichen Diskurs auf – alles innerhalb der vergangenen 250 Jahre. Auf allen Ebenen findet die Nachjustierung der Gruppen-Software statt: Warnungen, Hoffnungen, Ideologisierung, neue Forschungen, Öko-Bewegungen, Regierungswechsel, Kämpfe, Kriege, Konzeptdebatten, Weltkonferenzen – und Blogs auf der Freitag-Website zum Thema.

Bei all dem geht es um die Lebensumstände des Menschen – aber nicht um die Natur. Der Mensch zeigt sich wieder einmal erstaunlich flexibel und anpassungsfähig. Er nimmt in Kauf, in großen Städten zu leben, richtet es sich da sogar behaglich ein – und wird keineswegs immer kränker, wie Rousseau noch befürchtete. Statt Lagerfeuer gibt’s den Fernseher und statt Großfamilie den Therapeuten. Logischerweise entstehen eine Menge neuer Probleme, aber jede Form der zivilisatorischen Übereinkunft produziert solche und muss einen Umgang mit ihnen finden. Wenn ihr das nicht gelingt, zerbricht sie daran.

Der Mensch ist sicherlich in der Lage, gewisse Grundlagen seiner Existenz anzugreifen. Dass er sie völlig zerstören kann, ist eher unwahrscheinlich. Er ist ja nicht einmal dazu fähig, Zustände herbeizuführen, die in der Geschichte unseres Planeten die meiste Zeit ganz natürlich existiert haben. Aber er kann als Gesellschaft, als communitas, auf neue Herausforderungen reagieren – und die entwickeln sich nach einer Ausreizung natürlicher Ressourcen. Aber statt einen alten Zustand wiederherzustellen, aus dem er sich mühsam befreit hat, kann die Lösung nur darin bestehen, seine Lebensumstände noch viel besser kennenzulernen, zu erforschen und zu durchdringen. Hier liegt seine Perspektive als biologische Art, als Naturprodukt. Sollte er wieder zurückfallen in einen Status wie vor 500 Jahren und davor, wäre die Spezies homo in der Tat viel mehr gefährdet als heute. Die Anzahl der Arten, die im Prozess der Evolution untergegangen sind, ist weitaus größer als die der heute lebenden.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Columbus schrieb am 04.07.2010 um 09:40
Lieber Herr Pickhardt,

Vielen Dank für die anregende Replik. Was unsere eigene biologische und kulturelle Evolution angeht, könnte ich bei Ihnen sofort unterschreiben. Nur, wo schreibe ich resignativ, ohne Vorschläge und eventuell ideologisch, gar "rousseauistisch", wo nur, ist "Kampf" mein Thema?

Dazu also die folgende Antwort:

www.freitag.de/community/blogs/columbus/ueberlebensprinzip-missverstaendnis-kurze-replik-auf-michael-pickardt

Mit freundlichen Grüßen

Christoph Leusch
ausbein schrieb am 04.07.2010 um 10:40
Ist das einfach nur eine provokante These, um die Diskussion anzuheizen?

Insgesamt lässt sich dieser Art der Argumentation nicht wirklich etwas entgegensetzen (Auch wenn ich sofort argumentieren möchte. An der Produktion der Kleidung, Nahrung, Technik für die communitas sterben täglich Menschen, Tiere, Pflanzen, Flüsse, Böden. Der Planet ist begrenzt, wir brauchen eine gewisse Menge "Natur" etc. etc. Ist ja alles bekannt.)

Was bleibt als Antwort? Provokant: Gotte erhalte dir deinen Glauben, Junge.
Oder einfacher, hoffnungsvoller und versöhnlicher: Schön wär's, wenn's denn wahr würde.
Ich fürchte nur, wahr werden (meinetwegen: wahr bleiben) wird es weiterhin höchstens für uns Reiche. Gerade die "Naturvölker" erleben sie nämlich schon seit längerem, die Apokalypse.
Tiefendenker schrieb am 04.07.2010 um 14:05
Vielen Dank für diesen sehr relevanten Artikel!!!

Genau das sollte eigentlich geklärt sein, bevor man sich an Veränderungen bewusst heran macht. Leider ist das aber in Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung nur begrenzt bis gar nicht der Fall bzw. wurde das Verständnis des Menschen zur Natur ideologisch oft so dargestellt, dass es sich im Einklang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen verstehen konnte. Das gilt insbesondere für die Zeit der „Aufklärung“ durch das junge, aufstrebende Bürgertum, welche zeitgleich mit den Anfängen des Kapitalismus im frühen 17.Jahrhundert zusammenfiel. Einerseits befreite man sich dabei von der Vorstellung alles sei „gottgegeben“, indem man erkannte, dass die bisherigen, allgemeinen Vorstelllungen von der Entstehung der Welt (die Erde sei 6000 Jahre alt und damals von Gott so geschaffen, wie in der biblischen Schöpfungsgeschichte beschrieben) offensichtlich nicht richtig sein können, so das diese andererseits ausgetauscht wurden gegen die Erkenntnisse und Sichtweisen der sich neu entwickelnden Wissenschaftsgebiete.

Diese neue Sichtweise schloss ein, dass der Mensch nicht nur die Möglichkeit und die Macht handeln zu können hatte, sondern auch das Recht hätte, die Welt nach seinen Bedürfnissen umzuformen. Allein das kann man sicherlich – gerade mit den heutigen, rückblickenden Erfahrungen aus der Geschichte, kontrovers diskutieren. Auf einer ganz allgemein Ebene denke ich aber, dass diese Veränderungsprozesse durchaus legitim sind – WENN – UND GENAU DA LIEGT DER KNACKPUNKT – man dabei berücksichtigt, in welcher gesellschaftlichen Form dies passiert!!!!!

Ich vertrete persönlich die spirituelle Sichtweise, dass der Mensch nicht nur nach der Prämisse im „Einklang mit der Natur“ (wie die GRÜNEN und weite Teile der Ökologie-Bewegung es sehen) leben zu wollen richtig sei, sondern sich vielmehr selbst als Bestandteil der Natur verstehen kann – so wie die Naturvölker und die Indianer Nordamerikas. Das ist ein großer Unterschied.

Während die GRÜNEN und weite Teile der Ökologie-Bewegung immer noch irgendwie versuchen, ihre Sichtweise in Einklang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und Notwendigkeiten des Kapitalismus zu bringen („man müsse ja schließlich Gewinn machen dabei“, was ohne ein unendliches Wachstum aber nicht ginge), ist meinem Verständnis nach ein derartiges stoffliches Wachstum nicht nur unmöglich, sondern mit den Abläufen, Bedingungen und Notwendigkeiten der Marktwirtschaft nicht dauerhaft vereinbar.

Langfristiges Überlegen lässt sich den „communitas“ hingegen durchaus dann sichern, wenn man sich konsequent davon verabschiedet, das ganze Leben inkl. seiner stofflichen und energetischen Kreisläufe an das Gelingen der abstrakten Kapitalverwertungsprozesse zu binden. Man müsste quasi der „Aufklärung“, welche im Grunde auch aus heutiger, kritischer Sicht als eine Verklärung verstanden werden kann, eine Gegenaufklärung gegenüberstellen. Das haben Autoren ja auch schon getan (z.B. Robert Kurz in „Blutige Vernunft“ u.v. anderen Publikationen von ihm – Quellentipp: www.exit-online.org).

So ist es etwas irreführend, wenn man z.B. einerseits – und das durchaus richtig – die modernen Metropolen und Megastädte unserer Zivilisation kritisiert, aber andererseits die Gründe unreflektiert lässt, die zu ihrem Entstehen geführt haben (die Landflucht setzt überall ein, wo voll auf Kapitalismus umgestellt wird – gut zu beobachten in China und Indien).

Die Ursache für das ganze Dilemma liegt darin, wie die menschliche Gesellschaft in ihrer Basis konstituiert wird. Kapitalismus / Marktwirtschaft (also Warenproduktion) setzt neben der Ebene des stofflichen Reichtums (die naturgegeben, also Bestandteil des Universums und seiner Gesetze ist), eine zweite Form des gesellschaftlichen Reichtums – nämlich den wertmäßigen Reichtum (monetärer Wert des Kapitals und seiner Erscheinungsformen, also den Aggregaten des Wertes). Nur auf dieser unnatürlichen, künstlichen Ebene, die eigentlich gar nicht existiert, sondern nur als philosophisch-ökonomische Entität zur Realität wird, lässt sich überhaupt Marktwirtschaft mit der Vorstellung von Kosten und Umsätzen, Gewinn und Verlust etc. spielen. Die Ökonomen denken sich diese Ebene nur in ihre stofflichen Träger hinein.

Damit ist man nicht mehr im Einklang mit den Naturgesetzen, sondern ab hier wirken gesellschaftliche Bewegungsgesetze, die ausschließlich der Entwicklungsbewegung des abstrakten Wertes folgen, anstatt dem natürlichen, gesellschaftlichen Verhältnis Mensch – Mensch (Vater, Mutter, Kind). Während in vorkapitalistischen Gesellschaften wirtschaftliches Handel in Familienstrukturen organisiert war, läuft sie im Kapitalismus geschichtlich ab dann immer mehr in externen Manufakturen und Fabriken im Takt der ökonomischen Fließzeit (Stechuhren), anstatt im Rhythmus der Jahreszeiten usw. Genau hier beginnt die Entfremdung des Menschen von der Natur (wie das genau gelaufen und sich weiter entwickelt hat – da empfehle ich das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz).

Das Bürgertum ersetzte damit letztlich die alte, kirchlich-göttliche Religion durch die neue Instanz des abstrakten Wertes. Die Wolkenkratzer der Banken werden deshalb von Kritikern oft auch zu Recht als die neuen, anbetungswürdigen Kirchen und Kathedralen dieser kapitalistischen Religion bezeichnet.

Würde man die gesellschaftliche Reproduktion jedoch nicht auf der Wertebene (betriebswirtschaftliche Rechnungsführung, Rentabilität, Gewinnerwartung usw.) steuern, sondern auch auf der stofflichen Ebene, also dort, wo auch die Bedürfnisse des Menschen entstehen, dann würden keine privatwirtschaftlichen Profitinteressen rücksichtslos nach ausschließlich betriebswirtschaftlichem Kalkül über die Handlungen sowie den Einsatz von Energie und Rohstoffen (Verwertungsprinzip, Wertschöpfung) entscheiden. Das Kriterium der „Finanzierbarkeit“ hätte ausgedient. Wir könnten uns vielmehr wieder als „communitas“ verstehen, als gesellschaftliche Wesen und gemeinsam fragen: Was wollen wir eigentlich Und was müssen wir dabei beachten, um uns nicht selbst das Wasser abzugraben?

Genau an diesem Punkt stimme ich mit dem Autor des Ausgangsartikels nicht mehr überein. Der Mensch hat durchaus die Macht, seine eigenen Existenzbedingungen zu ruinieren oder den ganzen Planeten zu zerstören – und er ists chon kräftig dabei das zu tun. Es mutet eher wie illusorische, ideologisch motivierte Augenwischerei des kleinbürgerlichen Bewusstsein an, das nicht erkennen zu können oder besser nicht erkennen zu wollen. Das Kleinreden oder Ignorieren der potentiellen Gefahren hilft uns nicht weiter.
Columbus schrieb am 04.07.2010 um 23:07
Lieber Tiefdenker,

Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Wir haben die Macht und die Mittel lange schon. Übrigens denken wir wie bei der Frage der nuklearen Waffen und deren Potential tatsächlich, das Risiko sei derzeit kalkulierbar. - Ob das kein Trug ist? - Es war auch schon einmal historisch ganz anders.

Was passiert, wenn es tatsächlich zu Rohstoffkriegen kommt und die drei Großmächte im Besitz von ausreichend vielen A-Waffen, für die eigene Wohlfahrt den Zugriff auf Ressourcen unbedingt und mit letztem Einsatz verteidigen wollen?

Natürlich haben wir immer auch die Mittel und die Macht, anders zu handeln. Ich glaube ja, Herr Pickhardt wollte dieses Faktum besonders betonen.
Vielleicht kommt er aus dem Rheinland, wo der Spruch endemisch ist: "Et hätt noch immer jot jejange."

Ich musste mich aber gegen einige grobe Missverständnisse verteidigen, weil ich nicht gerne für Argumente und Meinungen kritisisiert werde, die ich gar nicht vertrat. Ich lasse mich auch nicht gerne in eine Ecke stellen, die mir völlig fremd ist (Arroganz, menschenverachtende Fantasie, Rousseauismus als Abwertung, usw.). Das geht ja auf die Person und nicht auf Argumente.

Natur- und Geisteswissenschaftler müssen gemeinsam jenes Rätsel lösen, warum ein so weitgehender Mangel an Empfindungs- und Verständnisfähigkeit bei uns eintrat, obwohl in unseren europäischen Kulturen heute noch auf Personen und Ansichten aus der Klassik und Romantik der Nationen beständig Bezug genommen wird, die ganzheitliche Naturkonzepte vertraten und sogar eine Beseelung der Natur nicht ausschlossen. Obwohl unsere großen Religionen der "Schöpfung" als Gottesschöpfung einen Eigenwert geben, obwohl, was bei Michael Jäger (dF), in dem Rückbezug auf Ernst Bloch und darüber auf Marx zu lesen wäre, auch Marxisten einen differenzierten Gattungsbegriff vom Menschen und seiner Umwelt entwickelten, gelingt es irgendwie nicht, dieser "schönen Idee" zum Durchbruch zu verhelfen. Vielleicht denken wirklich zu viele nur "schöne Idee"?

Tatsächlich erfolgt die Inwertsetzung von Natur, wenn überhaupt, heute über ökonomische Wertmodelle. Sogar Ökologen versuchten eine Zeit lang, mehr oder weniger erfolgreich, Naturschäden, Artenschwund und Umwelteingriffe in "Kosten" zu fassen (z.B. Ernst Ulrich von Weizäcker, Hans Christoph Binswanger). Zuletzt tat dies noch der Stern-Report (nicht das Mag. ist gemeint ,:-)) ). Aus dem Lager der Ökonomen schallt dann immer der Ruf, "Luftbuchung", nicht am Markt handelbar.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
luggi schrieb am 04.07.2010 um 20:21
Lieber Michael Pickardt,
wenn im Zusammenhang mit dem Menschen von Hard- und Software geschrieben wird, dann ist der Schritt zu einem Kreationisten der Hard- und Software sehr kurz. Unter diesem Aspekt ist mir der Artikel sehr suspekt.

Weiterhin mache ich dir zu deiner Feststellung, der Mensch sei ein Allesfresser, folgenden Vorschlag. In einer öffentlichen Veranstaltung des Freitag beweist du, dass du ein Allesfresser bist. Wäre das in Ordnung? Mein Part besteht darin, dass ich die Futtermittel besorge. Na?
Michael Pickardt schrieb am 05.07.2010 um 08:02
Lieber luggi,

Kreationisten bestreiten die Evolution und gehen davon aus, dass die Schöpfungsgeschichte der Bibel unsere wahre Herkunft beschreibt. In meinem Text ist die Evolution die entscheidende Triebkraft für die Entwicklung der Natur. Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass dir das entgangen ist.
Hans Hirschel schrieb am 05.07.2010 um 11:51
Michael Pickardt schrieb: "Es ist nur schwer vorstellbar, dass Herr Leusch wirklich Gefallen an einem Leben in einer eingriffsfreien Natur fände, er würde sich schon nach dem ersten Gewitter zitternd eine Hütte bauen, dafür einen Baum fällen – und sich vorher die Kettensäge in einem Baumarkt besorgen."

Es wäre einiges gewonnen auf dem Weg der weiteren "Menschwerdung" (Engels) der Linken, wenn wir die verbalen Germanenkeulen der 19970er Jahre ff endlich mal den Würmern und Pilzen überlassen täten - zumal wenn die wie ausgeliehen erscheinen von denen, die einst dichteten: "Atomkraftgeger überwintern bei Kerzenschein und kaltem Hintern".

Christoph Leuch wird sicher nicht in Frage stellen, dass weiterhin auch (!) mit "sauber" angeorneten Grünmöbeln Stadträume gestaltet werden. Die Ufer zwischen Reichstag und Paul-Löbe Haus mögen als Beispiel gelten. Wers mag! (Ich mags nicht!) Aber wer einmal die Verachtung erlebt hat, mit der einstige Berliner Senatsbaudirektor Stimmann über Naturschutz und ästetische Bedürfnisse nach "mehr Naturnähe" in der Stadtraumgestaltung hinweg fegte, wer jahrelang hilflos die immer gleichen Anklagen der Marianne Weno (Stiftung Naturschutz) vernimmt, über Bezirksämter, die ihre neuen Leiterwägen zu Baumkappungsorgien bewegen , über radikale Beseitigung von Spontanvegetation an jedem erdenklichen Ort, wo sich finstere Gestalten verbergen könnten (Entstrolchungsmaßnahmen!), über Hausbesitzer, die ohne eine Wort mit den Mietern wechseln zu müssen, Wandbewuchs entfernen (allesamt, Beseitigung von Lebensgemeinschaften!), der kann deinen Vorwurf an Christiph L., er konstruiere überheblich ideologische Stereotype, nur als Projektion empfinden.

Im Übrigen: Katastrophismus mag ein Zeichen der Schwäche an Überzeigungskraft sein. Zu lernen, Gefahren als Menschheitsgefahren wahrzunehmen sollte allerdings auch als Element sozialer Emanzipation gelten.

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Gruß hh


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