Es gibt Meldungen, die es nie zu einer großen Schlagzeile bringen, obwohl sich Abenteuerliches vollzieht. In einer von ihnen wurde gerade verkündet, die EU-Außenbeauftrage Catherine Ashton sei von Norwegens Außenminister „zur Sonnenwendfeier“ nach Spitzbergen eingeladen worden: „Sie werden unter anderem Klimaforscher in Ny-Ålesund besuchen und an der Sonnenwendfeier in Longyearbyen teilnehmen“, hieß es, „dies wird Ashtons erster Besuch in Norwegen werden“. Der Hinweis auf die „europäische Arktispolitik“ klang wie der Nachweis für ihre Spesenabrechnung.
Doch die Sache ist heiß. Gerade Spitzbergen hat das Zeug zum Problem – zwischen Norwegen und Russland ebenso wie zwischen Norwegen und Europa.
Von diesem Problem wird kaum gesprochen. Zwar gab es 2007 viel Wirbel um das „Arktische Monopoly“, als Russlands U-Boote zum Nordpol fuhren. Doch kaum einer will bemerken, dass auch die Europäer von der Vorstellung fasziniert sind, in der Arktis könnten über zwanzig Prozent der unerschlossenen Öl- und Gasressourcen der Welt liegen.
In einer Kommissionsmitteilung hieß es 2008: „Trotz der Extrembedingungen in der Arktis wird es durch das Schmelzen des Eises und durch neue Technologien allmählich leichter werden, Zugang zu den lebenden und nichtlebenden Ressourcen der Arktis zu erhalten und neue Schifffahrtswege zu erschließen.“ Dies werde sich über Generationen erheblich auf das Leben der Bürger Europas auswirken. Seitdem versucht man, „diese Fragen koordiniert und systematisch gemeinsam mit den Arktis-Anrainerstaaten“ anzugehen, und drängt vor allem auf einen Beobachterstatus im Arktischen Rat.
Die Arktis-Anrainer sind von diesem Aktionismus jedoch nur mäßig begeistert. Oder anders: Sie erwarten eine gewisse Zurückhaltung, allen voran Norwegen, das die Industrialisierung des Nordens bereits vor der russischen Tauchfahrt zur Chefsache erklärt hatte. Mit der unbedachten Art, in der sich einige Europäer zu profilieren versuchen, kann der Norden nichts anfangen.
Das gilt vor allem für den diplomatischen Stunt der britischen EU-Parlamentarierin Diana Wallis. Sie präsentierte im Herbst die Studie The Spitsbergen Treaty. Multilateral Governance in the Arctic – eigentlich bloß ein dünnes Blättchen. Aber es reichte, um im Norden Panikattacken auszulösen.
Aufbruchstimmung
Denn die Inselgruppe am Eis, der Fläche nach größer als Dänemark, gehört nur formell zu Norwegen. Seine Rohstoffe dürfen von allen Unterzeichnern des Spitzbergenvertrags (1920/25) ausgebeutet werden, und dazu gehören nicht nur die Russen, die auf Spitzbergen seit langem Kohle abbauen, sondern theoretisch auch die Briten, Franzosen, Portugiesen, Spanier, Holländer, Deutschen. Oder Chinesen. Vierzig Staaten insgesamt.
An diese Rechte erinnerte nun Diana Wallis und hatte dabei die modernen Rohstoffschatzkarten ebenso vor Augen wie den Klimawandel, der ihre Erschließung erleichtern mag. Sie wollte über eine zeitgemäße Verwaltung Spitzbergens und die Reichweite seiner Souveränität reden, was im Klartext auf die Frage hinauslief, ob Norwegen auch die 200-Meilen um Spitzbergen im Sinne der Vertragspartner öffnen muss, die Oslo als rein norwegisches Gebiet betrachtet: „Für die Zukunft des Fischfangs und jeglicher Förderung von Gas und Öl in dieser Zone macht das einen entscheidenden Unterschied.“
Norwegens Öffentlichkeit schrie auf, als habe Ashton einen Raubzug angekündigt: „Die EU will Norwegens Öl- und Fischreichtümer um Spitzbergen kontrollieren“, schrieb ein Leser auf aftenposten.no, „ich kann sie verstehen. Das kann ihre Finanzprobleme lösen. (...) Wir wissen, wozu die verzweifelten Deutschen bis 1945 in der Lage waren“.
Es war ja auch so, dass man sich gerade erst, nach vierzig Jahren zäher Verhandlungen, auf den Grenzverlauf zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja geeinigt hatte: der ersehnte Startschuss für die nächste Phase des Aufbruchs. Die lauten Überlegungen von Diana Wallis schienen da nur wieder Unklarheiten zu schaffen und alles zu verzögern.
Umso demonstrativer reiste János Herman, der EU-Gesandte in Oslo, im November zu einer innernorwegischen Arktistagung am Polarkreis, um Schadensbegrenzung zu betreiben: „Wir erkennen die Rechte und die Zuständigkeiten der Arktisstaaten an, unser Ziel ist es, mit ihnen zu kooperieren.“ So stand es in Großbuchstaben auf seiner Power-Point-Folie, und auch dem Radioreporter, der ihn auf „die Sache mit der Europa-Parlamentarierin“ ansprach, sagte er: „We offer cooperation.“ Dann entschwand der Diplomat in den schwarzen arktischen Tag, während sich zwei russische Diplomaten, die das Geschehen im Hörsaal der Universität Nordland verfolgt hatten, die Finger wundschrieben.
Und schon wurde es wieder still um Spitzbergen – genau wie es die norwegische Außenpolitik bevorzugt. Der jüngste Arktisbericht reduziert Svalbard beinahe zur internationalen Begegnungsstätte von Naturschützern, Touristen und Wissenschaftlern – bebildert mit dem Foto eines Mannes, der mit Kinderwagen und Gewehr auf dem Rücken unterwegs ist. Als müssten sich die Bauherren der neuen Welt nur vor Eisbären hüten.
Überhaupt ist die norwegische Erzählung vom Aufbruch in den Norden eine betont friedliche. Sie will die Erschließung der Arktis als Konjunkturprogramm verstanden wissen für die leeren, stets vom Bevölkerungsschwund bedrohten Landstriche im Norden. Mehr noch, das nordische Ölscheichtum propagiert diese Lesart auch nach Russland, das ebenfalls von der Öffnung seiner Schatzkammern träumt: „High north, low tensions.“ Jede Schlagzeile, die an den Kalten Krieg erinnert, empfindet man als Bedrohung für das gesamte Projekt.
Dieses Projekt meint es gut, keine Frage. Am Flughafen von Bodø etwa, unweit des neuen militärischen Hauptquartiers, werben drei Poster für ein Leben im Norden. Der Ingenieur auf dem ersten sagt: „Ob High Tech oder Fisch – die Industrie meiner Region hat die ganze Welt als Markt.“ Die junge Frau sagt: „Wir wachsen. Es wird gebaut. Bist Du dabei?“ Und ein F16-Pilot, mit Hello-Kitty-Ball unterm Arm, sagt,: „Wir sind in Bodø gelandet. Das hat keiner von uns bereut.“ Norwegen beschwört eine Aufbruchstimmung, als hätte es ein Management-Seminar zum Thema self-fullfilling prophecies besucht.
Doch noch während auf dem Monitor am Gate eine Ölfirma für sich wirbt, donnern von der Startbahn die Kampfjets in den Himmel wie eine Erinnerung an die Jahre, in denen die NATO den Standort noch schätzte.
In den Nachrichten schrieben sie im Winter vom Streit um russische Satellitenanlagen und einen Fischkutter namens Sapphire-II, den Norwegens Küstenwache aufbrachte. Moskau wetterte damals: „Norwegens Handeln ist unzulässig und ein Affront.“
Die große Nation Norwegen
Ist Russland unberechenbar? Die Norweger betonen, das Konfliktpotential in der Arktis werde überschätzt. Dafür sei der Aufbruch für alle Beteiligten viel zu bedeutsam, Russland sitze auf eigenen Töpfen, im Zweifel seien die Kommunikationsstrukturen erprobt. Was aber, wenn die Muskelspiele einmal aus dem Ruder laufen? Norwegens Staatssekretär für Verteidigung sprach unlängst von einem „Horrorszenario“, in dem Russland wieder so ist, „wie es ab und zu ist: machtfixiert, stark, aggressiv“.
Womit wir wieder bei Ashtons Besuch wären. Denn genau dieses Szenario und das Gewicht der EU als Energie-Kunde erklären, weshalb alle Seiten die Aufregung um die Britin Diana Wallis überspielen. Ashton sagte: „Die bestehende Partnerschaft mit Norwegen ist äußerst wichtig für die Europäische Union. Wir sprechen hier von einer Region, in der wir weder tun können noch wollen, was ihr tut. Aber wir können eure Ambitionen noch effektiver unterstützen.“ Das Manuskript von Norwegens Außenminister vermerkt: „Die EU und Norwegen ergänzen sich und können strategisch etwas verändern. Norwegen unterstützt die Anwärterschaft der EU für einen Beobachterstatus im Arktischen Rat.“
Es gibt jedoch noch immer Norweger, denen die EU Sorgen bereitet – besagtem Staatssekretär etwa: „Wir können nicht wissen, wie Europa in 20 Jahren in der Rohstofffrage denkt.“
Regierungschef Stoltenberg freilich ließ sich bereits im Dezember zum übernächsten Wirtschaftsschauplatz fliegen. Als er den Südpol erreichte, um an Amundsens Triumph über Scott zu erinnern, sagte er: „Norwegen ist eine der führenden Polarnationen sowohl im Norden wie im Süden. Das wären wir nicht ohne die Polarhelden (…). Sie legten die Grundlage dafür, dass Norwegen Dronning Mauds Land beanspruchen konnte, ein Gebiet in der Antarktis, das siebenmal so groß ist wie Norwegen. Viele Norweger sind sich, glaube ich, nicht im Klaren darüber, wie groß die Polarnation Norwegen eigentlich ist.“ Dass Scott ein Brite war, weiß jedes Kind.