Wochenthema

"Lala Berlin" über das Palästinensertuch als Mode-Accessoire

Fashion | 19.02.2009 01:00 | Teresa Bücker

"Das Tuch ist nur noch ein modisches Utensil"

Leyla Piedayesh wurde als Designerin bekannt, weil sie das Palästinensertuch in Mode verwandelte. Im Gespräch erzählt sie, warum es für sie keine politische Botschaft hat

Der Freitag: Ihr Mode-Label ist bekannt für die Tuchkollektion, die in Anlehnung an die Kufiya - das so genannte Palästinensertuch - entstanden ist. Woher stammt die Idee, und was ist ihr politischer Gehalt?

Ich habe das Tuch auf der Straße vor fünf Jahren als einen Trend entdeckt. Ich habe mir damals keine Gedanken um die politische Aussage gemacht, sondern habe ein Tuch gesehen, dass eine graphische Umsetzung hatte, die mir gut gefallen hat und die ich mir am Hals eines jeden Menschen sehr gut vorstellen konnte. Ich fand es toll so ein billiges Tuch, das normalerweise fünf bis zehn Euro kostet, in einer Kaschmirversion umzusetzen. Das war für mich Luxus, mondän. Ich hatte das Tuch nicht nur in Berlin entdeckt, sondern auch in Italien und in einem Magazin auf einem Foto mit Johnny Depp. Hinter meiner Tuchkollektion steckte keinesfalls die Idee einer politischen Aussage. Es wäre aber vielleicht an der Zeit, das Tuch wirklich umzudrehen und ein politisches Statement damit abzugeben. Jetzt könnte ich dieses Tuch zum Beispiel als „Tuch des Friedens“ bezeichnen.

Ist es in Deutschland überhaupt noch zeitgemäß über die politische Aussage der Kufiya in der Mode zu reden? Ist diesem Tuch der politische Gehalt abhanden gekommen?
Absolut. Entpolitisiert ist ein gutes Wort dafür und das Tuch kann von nun an als modisches Utensil weiterlaufen. Das Tuch haben einfach mittlerweile zu viele Menschen konsumiert, nicht nur meine Entwürfe des Tuchs. Es gibt wahnsinnig viele Plagiate, die zu einem Bruchteil dessen zur Verfügung stehen, was meine Designs kosten. Wenn Sie es jemanden aus den Palästinensergebieten zeigen, wird die Antwort auf die Frage natürlich eine andere sein. Für mich hatte es damals schon keine Bedeutung, weil es ein Tuch ist, das aus dem Orient stammt und nicht nur in Palästina getragen wird. Der Ursprung liegt in Ägypten und die Kufiya wurde von einem Volk zum anderen weitergegeben. Es war ursprünglich kein politisches Symbol.

Warum sind Ihre Tücher und all die anderen Varianten des „Pali-Tuches“ in Deutschland so erfolgreich?
Es ist Trend, es ist Mode. Ich glaube nicht, dass die Masse damit ein politisches Statement abgeben will. Man würde natürlich ein politisches Statement setzen, wenn man es in Israel am Flughafen tragen würde.

Welchen anderen Symbolen schreiben Sie politischen Gehalt zu?
Dem Peace-Zeichen und der Friedenstaube. Die Taube habe ich auch schon in meiner Mode benutzt. Die beiden sind wirklich schöne, positive Symbole die ich mag, die ich wichtig finde und mit denen ich arbeiten könnte.
Kann man mit dem, was man trägt, heute überhaupt noch gesellschaftlich relevante Aussagen treffen?
Wenn, dann meist nur in Schriftform. Sprüche wie „No War“ oder „Only War“ haben vielleicht noch eine Aussage. Selbst wenn sich jemand komplett in Camouflage kleidet, was über die letzten Jahre durchaus modern war, kann man nicht mehr erkennen, ob das nun ein Fashion-Depp ist oder er uns damit etwas sagen möchte. Heutzutage hat sich doch jeder schon alles erlaubt. Es gibt kaum noch etwas, das neu ist. Ähnlich verhält es sich in der Kunst, in der Fotografie. Fast alles ist heute nur noch eine Anlehnung an etwas bereits Dagewesenes.

Kann Mode nicht mehr provozieren?
Provokation? Da gab es ja auch schon alles. Hundert Tage hungern ist eine Form der Provokation. Schocken kann man damit aber keinen mehr. Wozu muss man das überhaupt noch? Ich war nie eine Provokateurin. Mich hat das Leben als solches mehr interessiert. Es ist nicht mein Anliegen zu provozieren, sondern eher zu gefallen. Aber nicht um gefällig zu sein, sondern um andere Menschen glücklich zu machen. Das ist mein Ziel. Mit Provokation bringst du dumme Menschen dazu, endlich mal nachzudenken. Aber ob du sie dazu bringst, zu verstehen, was du willst? Das glaube ich nicht.

Die ungekürzte Fassung des Interviews finden Sie in Teresa Bückers Blog

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Tessa schrieb am 19.02.2009 um 13:21
Das Interview in seiner gesamten Länge mitsamt einiger Fotos findet sich nach dem Klick.
vomsehen schrieb am 20.02.2009 um 02:22
Liebe Tessa,

ich finde es interessant zu lesen, wie eine "Pali-Tuch"-Modemacherin das sieht. Mir ist das "Tuch", mit dem ich in den Achtzigern in meiner süddeutschen Schule noch irgendwie Protest (und zwar einen irgendwie linken) ausdrücken wollte und wohl auch ausgedrückt habe, auch schon als Mode-Ding aufgefallen. Allerdings eher nicht in Deutschland, sondern z.B. in Kopenhagen oder Amsterdam. Ich bin wohl zu selten in Mitte :)

Trotzdem würde ich Leyla Piedayesh widersprechen, wenn sie sagt, es gebe keine "Botschaft" mehr in Verbindung mit dem Tuch. Das Tuch ist sogar verstärkt Gegenstand eines kleinen Symbolkampfes in letzter Zeit. Als zum Beispiel Neonazis während des Gaza-Krieges gegen Israel demonstriert haben, war das Tuch vielfach zu sehen. Es ist durchaus auch Teil der Kluft der "Kameradschaften" in Meckpomm, ich bin da öfter mal berulich unterwegs. Die "rechten Autonomen" versuchen damit (und zwar planmäßig, analog zur historischen NS-Bewegung, die ja auch die Formen der Arbeiterbewegung feindlich kopiert hat), ihre Übernahme von Codes der linken Achtziger- und Neunzigerautonomen auf die Spitze zu treiben - und natürlich ein Vehikel für Antisemitismus zu finden. Ich selbst habe am Bahnhof Lichtenberg im Umfeld Nazi-Demo im vorigen Jahr "Kameraden" mit Palituch und Che-Shirt gesehen ("Patria o Muerte", eben wörtlich genommen). Was dumm war, denn es viel mir fast zu spät auf, dass das die falsche Gruppe war... Im Gegenzug ist es bei den "antinationalen Linken", also in etwa im kulturellen Umfeld der Jungle World, absolut nicht angesehen, die "Arafat-Windel" zu tragen. Man wird dann schnell als "Antizionist", wenn nicht schlimmeres geoutet.

Wahrscheinlich kennt Leyla diese (ja durchaus auch randständigen Nischen der politischen Symbolik) einfach nicht... Und vermutlich würden sowohl die Kameraden als auch die Jungle-Weltler eon Fashion-Tuch auch von einem "politischen" instinktiv unterscheiden können... Aber die Geschichte der Zuschreibungen an dieses Stück Szoff scheint mir noch nicht (ganz) vorbei zu sein...

Schönen Gruß,

V.
Tessa schrieb am 20.02.2009 um 10:30
Sicher, die Auseinandersetzung damit muss weiter gehen. Ich denke aber, dass auch Symbole mit politischer Botschaft nicht statisch sein müssen sondern sich neu interpretieren lassen. Zwar hat Leyla auch gesagt, für sie sei Mode nicht gleich der Kunst und nicht Austragungsort gesellschaftlicher oder politischer Fragen, dennoch wird durch Mode und Design neu interpretiert, der Sinn einer Sache neu aufgeladen oder umgedreht. Was hier nicht passiert ist, ist: Hier habt ihr das klassische Tuch in einer Kaschmir-Variante, tragt es als Mode-Accessoire. Die Tücher von Lala Berlin lehnen sich in ihrem Design an das Palästinensertuch an, die aktuellen Modelle sind sehr weit davon entfernt. Der Military-Look taucht alle 2 Jahre wieder in der Mode auf. Viele Schnitte aus diesem Bereich sind sehr klassisch und schön. Eine Debatte dazu scheint nicht mehr von Nöten. Warum geschieht dies hier nicht?
Und Warum soll das Tuch nicht zu einem Accessoire werden dürfen? Fred Perry hat auch hart daran gearbeitet kein Neo-Nazi-Label mehr zu sein und ist in dieser Hinsicht auf einem guten Weg. Es wäre vermutlich ein völlig anderer Ansatz klassische Tücher zu nehmen und daraus eine komplette Kollektion zu entwickeln und Kleidungsstücke daraus zu nähen. Das wäre vermutlich sogar wieder nah an Kunst. Ein neues Tuch in Anlehnung zu produzieren, bedarf sicherlich einer Auseinandersetzung aber sollte nicht gewertet werden als Unwissenheit oder Ignoranz des Designers. Wo kämen wir hin, wenn wir die Inspirationsquellen schöpferischer Prozesse einschränken würden?
Juli schrieb am 22.02.2009 um 22:05
Hm, ich weiß nicht, ob mir das nicht ein wenig zu einfach gedacht ist.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass die Kufiya eine spezifische historische Bedeutung im Rahmen der palästinensischen Nationenbildung gespielt hat und somit für den Kampf der Palästinser gegen Israel steht, dann muss es auch legitim sein, die Frage danach zu stellen, inwieweit der durchaus innerhalb dieser Bewegung anzutreffende eliminatorische Antisemitismus (immerhin hat die Hamas, die fordert, Israel von der Landkarte zu fegen, bei der letzten Wahl die Merheit bekommen) symbolisch mit der Kufiya verbunden ist.

Ließe sich eine solche Verbindung ziehen (es spricht einiges dafür, auch wenn das noch nicht ausgestanden sein mag), wäre es tatsächlich politisch schwierig, dieses Tuch zu tragen und sich darauf zu beziehen. Denn dann hätte es eben eine Bedeutung. Da hilft dann auch kein Vergleich mit Fred Perry mehr....
Tessa schrieb am 22.02.2009 um 22:16
Da gebe ich dir Recht, es geht ja auch nicht konkret um DAS Tuch. Die aktuellen Tücher von Lala Berlin haben mit der Kufiya, die als das Palästinensertuch bezeichnet wird, nichts mehr gemeinsam. Drei dieser Tücher sind in dem vollständigen Interview abgebildet. Über die ersten Tücher, die die Kufiya lediglich in anderen Farbvarianten nachgeahmt haben, kann man gerne weiter streiten. Nicht aber, wenn die graphische Gestaltung zu etwas inspiriert, dass zu einem eigenständigen Design wird. Würde man den Ursprung der Idee zu den Tüchern von Lala Berlin nicht kennen, würde man dies jetzt so nicht mehr erkennen können.
Tessa schrieb am 28.02.2009 um 15:08
Eine Ergänzung aus Beirut, erschienen heute bei Spiegel Online: "Die Damen sind ganz wild drauf".

Ob billiger China-Import oder handbestickt, knallfarben oder klassisch schwarzweiß: Das Palästinensertuch erlebt im Nahen Osten eine Renaissance als Mode-Accessoire. Jetzt wird Kritik laut: Der Trend entweihe ein Nationalsymbol, wettern nicht nur die Palästinenser.

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