"Mode ist nicht dafür gemacht, die Politikerin zu spielen"

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Wie viel Kunst steckt in der Mode und mischt sie mit in der Politik? Nach den Antworten zu diesen Fragen wird besonders gern gefragt, wenn die Modebranche sich zur
Fashionweek in Berlin zusammenfindet. Designerin Leyla Piedayesh, die dort Ende Januar ihr Label Lala Berlin präsentierte, ist mit ihren Strickkollektionen und Tüchern im Stil der Kufiya bekannt geworden. Über ihre Inspiration, die politische Symbolkraft des „Palästinenser-Tuches“ als modisches Accessoire und die gesellschaftliche Aussagekraft von Mode spricht sie im Interview auf freitag.de.

http://lh3.ggpht.com/_g8F1WGh4Jb0/SZ0nW-FS7wI/AAAAAAAAAfw/UUEA9lEDfws/s512/mail.google.com.jpgDer Freitag: Sie haben Ihre Kollektion für den Winter nächsten Jahres Ende Januar auf der Fashionweek in Berlin vorgestellt. Auf welchen Themen baut Ihre Kollektion auf?
Leyla Piedayesh: Meine Liebe zu Wolle und Strick dominiert meine Entwürfe für den Winter natürlich mehr als für den Sommer. Die Kollektion besteht zum größten Teil aus schwerem, organischen Strick aus reinen Naturfasern. Wir haben viel mit Leder gearbeitet, aber auch mit Glitter und Glanz und Pailletten im Strick. Zudem haben wir gepatched, das heißt mit vier Frauen eine Woche lang an einem Pullover gestrickt und ihn aus über einhundert einzelnen Teilen zusammengenäht. Farblich gibt es sehr viel Schwarz zu sehen. Schwarz ist immer gut. Es steht jedem und hat bei Strick einen guten Charakter. Als Kontrast zu den groben Mänteln und Pullovern habe ich feine Kleider entworfen und sogar eine Schlangenlederleggins. Die Leggins bringt das Urbane in die Kollektion. Rot bringt wiederum den Rock ’n’ Roll hinein. Ich finde es schön, alles was in mir steckt in meiner Mode zu verarbeiten. R’n’B und Soul fehlt da noch. Unser Oberthema war zunächst Wild Western. Daher stammen auch die Volants, die von dieser Idee schlussendlich übrig geblieben sind, sowie das Leder und die Pelzoptik, die an den Trapper und die Goldsuche erinnern. Vom wilden Westen ist dann gar nicht so viel übrig geblieben. Ich entscheide intuitiv: Das mag ich, das mag ich nicht. Das Ergebnis sollte immer der Spirit sein, den du selbst verkörperst. Ich bin im Zeitalter von Musikfernsehen aufgewachsen und habe dort gearbeitet bevor ich zur Mode kam. Deswegen ist Musik immer ein Thema, insbesondere Rock ’n’ Roll.

Auf der Fashionweek wurde gerätselt: Wie geht die Modebranche nun mit der Krise künsterisch um? Geschieht Ihre Themenfindung grundsätzlich losgelöst von Gesellschaft und Politik?
Absolut. Ich könnte jetzt die Finanzkrise als Thema nehmen. Dann würde ich vielleicht Plastiktüten verarbeiten. Ich bin aber in modischer Hinsicht nicht politisch, auch wenn mich die Lage auf der Welt natürlich interessiert und ich mit offenen Augen durch die Welt laufe. Ich will kein Moralapostel sein aber ich gebe Ratschläge, wenn ich danach gefragt werde. Ich möchte aber niemandem vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat. Manchmal denke ich, ich sollte es tun, ich denke aber eher Mode ist nicht dafür gemacht, die Politikerin zu spielen. Auch wenn ich manchmal darüber nachdenke ein Slogan-T-Shirt zu machen, dann aber mit einem Spruch aus dem Alltag. Mich beschäftigt Aktuelles im Kopf, dennoch finde ich dass Mode nicht der Ort dafür ist, damit umzugehen. Ich finde dafür ist Kunst eher die geeignete Plattform.

Sie unterscheiden also zwischen Mode und Kunst?
Ja, für meine aktuelle Arbeit tue ich das. Ich finde die Mischung von Mode und Kunst interessant. Aber da geht es nicht mehr um Kommerz sondern um einen anderen Ansatz, denn ich gerne auch irgendwann für mich verwirklichen würde. Gerne mit einem großen Künstler, aber abseits der kommerziellen Seite. Kommerz, das heißt das was ich tue mache ich nicht, um mich nur selber zu verwirklichen, sondern um andere Leute einzukleiden und ich baue gerade eine Firma auf. Für eine gesellschaftliche Aussage eignet sich vielleicht eine T-Shirt-Reihe, die eine konkrete Aussage hat oder ich mache mit einem großen Künstler etwas komplett anderes, etwas Absurdes.

Ihr Label ist auch bekannt für Ihre Tuchkollektion, die in Anlehnung an die Kufiya, das so genannte Palästinensertuch entstanden ist. Woher stammt die Idee, und was ist ihr politischer Gehalt?

http://lh4.ggpht.com/_g8F1WGh4Jb0/SZ0fpckhpvI/AAAAAAAAAfU/FVQ39pl3RVQ/s640/Cube%20LeoHead%20blue.jpgIch habe das Tuch auf der Straße vor fünf Jahren als einen Trend entdeckt. Das war tatsächlich schon vor fünf Jahren. Dieser Trend war gar nicht offensichtlich, aber ichhabe das Gespür gehabt etwas zu sehen, dass es Anfang der 80er Jahre schon einmal gab. Ich habe mir keine Gedanken um die politische Aussage gemacht sondern habe ein Tuch gesehen, dass eine graphische Umsetzunghatte, die mir gut gefallen hat und
http://lh4.ggpht.com/_g8F1WGh4Jb0/SZ0fpHhqFnI/AAAAAAAAAfM/JCPSexsZSRA/s640/Cube%20Artdeco%20vanilla.jpgdie ich mir am Hals eines jeden Menschen sehr gut vorstellen konnte. Ich fand es toll so ein billiges Tuch, das normalerweise fünf bis zehn Euro kostet, in einer Kaschmirversion umzusetzen. Das war für mich Luxus, das fand ich mondän. Ich hatte es auch nicht nur in Berlin entdeckt, sondern ebenfalls in Italien auf der Straße oder in einem Magazin an Johnny Depp und ich fand es toll.

http://lh3.ggpht.com/_g8F1WGh4Jb0/SZ0fqJsp-RI/AAAAAAAAAfk/70pgDPVbg9g/s640/Cube%20Stars%20peach.jpgSo ist die Tuchkollektion entstanden. Dahinter steckte keinesfalls die Idee einer politischen Aussage oder die Intention „Du zeigst den Leuten jetzt wo es lang geht“. Es wäre jetzt an der Zeit das Tuch wirklich umzudrehen und ein politisches Statement damit abzugeben. Jetzt könnte ich dieses Tuch zum Beispiel als „Tuch des Friedens“ bezeichnen.

Fotocredit: Lala Berlin

Ist es in Deutschland überhaupt noch zeitgemäß über die politische Aussage der Kufiya in der Mode zu reden. Ist diesem Tuch der politische Gehalt abhanden gekommen?
Absolut. Entpolitisiert ist ein gutes Wort dafür und das Tuch kann von nun an als modisches Utensil weiterlaufen. Es haben mittlerweile zu viele Menschen konsumiert, nicht nur von mir. Es gibt wahnsinnig viele Plagiate, die zu einem Bruchteil dessen zur Verfügung stehen, was meine Designs kosten. Wenn Sie es jemanden aus den Gebieten zeigen, wird die Antwort auf diese Frage natürlich eine andere sein. Für mich hatte es damals schon keine Bedeutung, weil es ein Tuch ist, das aus dem Orient stammt und nicht nur in Palästina getragen wird. Der Ursprung liegt in Ägypten und die Kufiya wurde von einem Volk zum anderen weitergegeben. Zudem gibt es verschiedene Arten von Kufiyas von verschiedenen Völkern. Es ist kein Tuch der Kriegsbewegung und ursprünglich kein politisches Symbol.

Warum sind Ihre Tücher und all die anderen Varianten des „Pali-Tuches“ in Deutschland so erfolgreich?
Es ist Trend. Es ist Mode. Ich glaube nicht, dass die Masse heute damit ein politisches Statement setzen will mit dem klassischen Tuch oder mit meinen Tüchern. Ich glaube, man würde ein politisches Statement setzen wenn man es in Israel am Flughafen tragen würdet. Das weiß ich aber nicht.

Welchen anderen Dingen schreiben Sie politischen Symbolgehalt zu?
Dem Peace-Zeichen und der Friedenstaube. Die Taube habe ich auch schon in meiner Mode benutzt. Die beiden sind wirklich schöne, positive Symbole die ich mag, die ich wichtig finde und mit denen ich arbeiten könnte.

Der Minirock ist vor kurzem 75 Jahre geworden. Ist er heute noch Symbol der Emanzipation?
Ich glaube nicht. Wir leben in einer anderen Welt. Die Kinder von heute leben komplett in einer anderen Welt und machen sich über ganz andere Dinge Gedanken. Der Minirock ist wahrscheinlich 175 Jahre alt geworden im Auge aller. Menschen laufen nackt auf der Straße herum, wenn sie sich entscheiden, dass das cool ist. Es gibt so viele Auswüchse der Mode, bei denen ich mir schon denke: „Bist du spießig?“ Der Minirock bringt heute niemanden mehr aus der Fassung. War der Minirock ausschlaggebend für die Emanzipation? Viel mehr haben Frauen bewiesen, dass sie etwas bewegen und umsetzen können und nicht, dass ihr Sex sie nach Vorne bringt. Der Minirock ist das Gegenteil dessen, was die Emanzipation eigentlich erreichen wollte. Ich bin nicht frei, weil ich einen Minirock trage, sondern weil ich etwas kann. Auch Kleidung und Stil sollte man sich nicht diktieren lassen. Sei frei, dann bist du schön.

Kann man mit dem was man trägt noch gesellschaftlich relevante Aussagen treffen?
Wenn, dann meist nur in Schriftform. Sprüche wie „no war“ oder „only war“. Selbst wenn sich jemand komplett in Camouflage kleidet, was über die letzten Jahre durchaus modern war, kann man heute nicht mehr erkennen, ob das nun ein Fashion-Depp ist oder er uns damit etwas sagen möchte. Heutzutage hat sich doch jeder schon alles erlaubt und es gibt kaum noch etwas, das neu ist. Ähnlich verhält es sich in der Kunst, in der Fotografie. Was heute ein ambitionierter Fotografiestudent umsetzt, hat vermutlich schon ein anderer Fotostudent vor zehn Jahren gemacht. Es gibt natürlich noch Sachen, die gab es noch nie. Aber in Anlehnung gab es schon alles.

Kann Mode nicht mehr provozieren?
Provokation? Da gab es ja auch schon alles. Klar bekommt nicht jeder alles auf der Welt mit, das es schon gab. Daher gibt es Mode und Trends. Auch hundert Tage hungern ist eine Form der Provokation. Schocken kann man keinen mehr. Wozu muss man das überhaupt noch? Ich war nie der Provokateur. Mich hat das Leben als solches mehr interessiert und mit Menschen eine andere Auseinandersetzung zu führen als die der Provokation. Es ist nicht mein Anliegen zu provozieren, sondern eher zu gefallen. Aber nicht um gefällig zu sein sondern um andere Menschen glücklich zu machen. Das ist eher mein Zweck und Ziel. Mit Provokation führst du den dummen Menschen dazu endlich mal zu arbeiten in seinem Geiste, aber ob du ihn dahin bringst zu verstehen was du willst? Ich glaube nicht.

www.lalaberlin.com

Interview: Teresa Bücker
10:35 19.02.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tessa

bloggerin, schreiberin + social media managerin beim spd-parteivorstand.
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