Politik : Kultur des Schrumpfens

Büroviertel als Brachen des 21. Jahrhunderts: Die städtische Nutzung von Raum für Arbeit und Wohnen wird sich in den nächsten Jahren rekonzentrieren. Das ist eine Chance

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Die Welt wächst und schrumpft zugleich. Während die hochindustrialisierten Staaten an Bevölkerung verlieren, steigt die Zahl der Weltbevölkerung insgesamt nach Vorhersagen der Vereinten Nationen auf etwa neun Milliarden Menschen im Jahr 2070. Danach kommt das Wachstum, so die Prognose, an sein Ende. Schon jetzt darf davon ausgegangen werden, dass sich in den kommenden fünfzig Jahren der Anteil der Stadtbevölkerung nochmals verdoppeln wird. Wir werden noch erleben, dass drei Viertel der Weltbevölkerung in Städten zu Hause sein werden. Gerade in den aufsteigenden Industriestaaten wie China und Indien wird es urbanisierte Zentren und Metropolregionen geben. Doch was kommt danach? Wachstum und Schrumpfen werden sich die Waage halten. So wie schon vor dem Beginn der industriellen Epoche.

Bislang waren in den Industrieländern drei Gründe zu beobachten, die das Schrumpfen beförderten. Verließen die Menschen die Städte, um im Umland zu arbeiten und zu leben, sprach man von der Suburbanisierung. Zogen sie in größere städtische Ballungsräume, so wurde dies Metropolitanisierung genannt. Ein dritter Grund ist sicher in der Deindustriealisierung zu suchen, die durch die Krise monoindustrieller Standorte ausgelöst wurde.

Leerstehende Fabriken

Wir hatten uns an das Wachstum gewöhnt und im Schrumpfen allenfalls ein Missgeschick gesehen. Das 21. Jahrhundert jedoch verlangt jedoch nach einer Kultur des Schrumpfens. Es handelt es sich hierbei nicht mehr um einen worst case, sondern um einen Grundzug gesellschaftlicher Entwicklung. Doch es mangelt noch an einem Instrumentenkasten, um diesem Phänomen seine Stigmatisierung zu nehmen. Dabei bringt Schrumpfen durchaus auch Vorteile, liegt im Schwund doch auch die Chance auf Regeneration, Erneuerung und Veränderung. Besonders offen wird das derzeit in den Vereinigten Staaten diskutiert. Schon allein in der Begriffsverschiebung von „Urban decay“ und „Urban decline“ zu „Shrinking Cities“ ist ein Wertewandel ablesbar. Analog zur „Slow-Food-Bewegung“ entdeckt die Stadtforschung die Möglichkeiten der „Slow Cities“. Doch unbestreitbare gesellschaftliche und ökonomische Konflikte werden dadurch nicht gelöst. Die Fragen, wie gesellschaftlicher Wohlstand zu verteilen wäre, wie das Gesundheits- und Bildungswesen beschaffen sein müsste, sind nur langfristig zu beantworten.

Aus dem 20. Jahrhundert kennen wir leerstehende Industrieareale und aufgegebene Wohnsiedlungen, in den nächsten Jahren wird sich das Bild von verwaisten Vorstädten, Shopping Malls und Büroquartieren im kollektiven Gedächtnis festsetzen. Die Büroviertel des 20. Jahrhunderts werden zu den Brachen des aktuellen. Längst sind in den Industrieländern die Produktionsprozesse soweit rationalisiert und automatisiert, dass sie weniger Personal benötigen, als je zuvor. Gleiches jedoch gilt auch für den Kommunikations- und Informationssektor: Was sich einst in den klassischen Bürotürmen abspielte, wird immer mehr rationalisiert, nach Übersee oder ins sogenannte home office verlagert, mobile, drahtlose Büros, die zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar sind. Weil deshalb immer weniger Menschen für ihren Job aus dem Haus gehen müssen, schrumpft der Bedarf an Büroflächen.

Ein weiteres existenzielles Problem, das eng mit dem Phänomen der Schrumpfung verknüpft ist, lässt sich im Klimawandel verorten. Das Versiegen der Ölquellen und anderer fossiler Energien hat erheblichen Einfluss auf die globale Siedlungsentwicklung und wird das Wohnen im 21. Jahrhundert maßgeblich prägen. Mobilität, soviel lässt sich sagen, wird teurer. Da damit Siedlungsstruktur, Ansiedlungsentscheidungen und Nutzungsmuster verstärkt vom Faktor der Erreichbarkeit abhängen, kommt es zu Siedlungsformen mit geringerem Mobilitätsbedarf. Das kann zum Beispiel zum Niedergang von Tourismusstandorten führen, die von Billigfluglinien abhängig sind. Auch hier lohnt ein Vergleich mit dem zurückliegenden Jahrhundert: Noch vor wenigen Jahren führte billige Mobilität zu Stadtflucht, Suburbanisierung und der Eroberung immer entlegener Naturräume. Jetzt haben wir es umgekehrt mit Rekonzentrationsprozessen zu tun.

Neubeginn für die Stadtplanung

Wer sich an Wachstums- und Schrumpfungszonen gewöhnt, akzeptiert auch zwei Gesellschaften innerhalb eines Staates. Während sich auf der einen Seite das Prinzip der unternehmerischen Stadt weiterhin prächtig entwickelt, ist in den Schrumpfungsgebieten ein Kapitalismus ohne Kapital auszumachen. Die an herkömmliche Investoren gerichtete Wirtschafts- und Stadtentwicklungspolitik läuft hier ins Leere, weil die üblichen Projektentwickler und Banken gar nicht bereit und in der Lage sind, sich hier zu engagieren. Statt Großunternehmen und Banken residieren hier Mikro-Firmen. Der weak urbanism kennt dank guter sozialer Vernetzung Projekte mit wenig Kapital. Er benötigt allerdings ein ganz anderes politisches Umfeld, als wir es bislang gewohnt sind. Es wird dringend Zeit, dass hier ein Wandel der Politikmodelle stattfindet.

Städtebau und Architektur stehen in schrumpfenden Städten vor ganz neuen Aufgaben. Das Gebaute ist nicht mehr das Ziel, sondern der Anfang. Es ist eine Abkehr von einem Prinzip, das in den letzten 200 Jahren allein dem Wachstum gefolgt war. Die Epoche der Moderne war von umgreifenden Wachstumsprozessen geprägt, und diese liegen ihren Vorstellungen und Handlungskonzepten, Theorien, Gesetzen und Praktiken zugrunde. Jetzt, in den Zeiten der Schrumpfung, müssen ganz neue Antworten gefunden werden, wie Architektur entstehen kann. Es stellt sich die Frage: Wer baut mit welchen Mitteln wofür? Pragmatisch gesprochen, suchen wir nach einem Neubeginn. Es reicht nicht, über ein verändertes Nutzerverhalten nachzudenken, die schrumpfenden Städte brauchen andere Bauherren, andere Investoren, andere Renditen – letztlich andere Stadtmacher.

Wenn wir in diesen Zeiten nach neuen „Werkzeugen“ des Planens und des Bauens suchen, dann ist diese Situation durchaus vergleichbar mit der Ära der klassischen Moderne. Das „Neue Bauen“ der 1920er Jahre wäre undenkbar gewesen ohne die Entwicklung eines ganzen Arsenals an neuen Instrumenten für Städtebau und Architektur: Kommunen und Genossenschaften traten als neue Bauherren auf, neue Nutzungskonzepte wurden entwickelt, innovative Besteuerungs- und Finanzierungsmodelle entworfen. All das war für das Entstehen der Architektur der Moderne ebenso essentiell wie die neuer Baustoffe und Konstruktionsmethoden. In analoger Weise sind für die Gestaltung der Schrumpfungsprozesse neue und angepasste Werkzeuge zu entwickeln, die überhaupt erst ein wirkungsvolles Intervenieren ermöglichen.

Philipp Oswalt ist Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau