Einmal, als ich neun Jahre alt war, verbrachte ich Weihnachten mit meinem Vater, meiner Stiefmutter und ihren Eltern. Als wir dort ankamen, war es uns nicht erlaubt, den verlockenden Stapel mit Geschenken sofort aufzureißen. Erst nach dem Essen. Und dann wurden sie uns einzeln, Stück für Stück, seeehr laaangsaaam ausgehändigt, etwa in dem Tempo, mit dem die Queen alljährlich am Mahnmal für die Gefallenen des Krieges ihre Kränze niederlegt. Meine Schwester und ich, die wir es gewohnt waren morgens aus dem Bett zu springen, den ganzen Berg mit Gebrüll zu erobern und die Geschenke wie im Rausch aufzureißen, bebten vor Ungeduld.
Als ich meinem Mann Peter kürzlich von dieser Erfahrung erzählte, sagte er: „Zuerst öffnet man den Strumpf. Und dann kommen die anderen Geschenke dran, die rund um den Baum verteilt sind“, als verkünde er eine in Stein gemeißelte Wahrheit über den richtigen Umgang mit Weihnachtsgeschenken.
Aufgrund der gegensätzlichen Erziehung, die wir in diesem Punkt genossen haben, müssen wir Kompromisse aushandeln: Zuerst kommen die Strümpfe und unsere Geschenke dran, dann der Rest der Familie. Geschenke jedoch, das habe ich entschieden, die von anderen vor dem 25. vorbeigebracht werden, dürfen früher geöffnet werden. Peter habe ich diesen Schachzug als Strategie gegen die „zuviel-auf-einmal“-Hysterie verkauft. Und habe ich Lydia und Lawrence, die elf und zwölf Jahre alt sind, noch eine andere unserer Familientraditionen beigebracht: Geschenke von Besuchern werden erst nach deren Abschied in die Kiste mit den Geschenken zum Weiterverschenken gelegt. Wir wollen auf keinen Fall, dass sich das Fiasko von 2005 noch einmal wiederholt, als einer von ihnen sagte: „Das hier gehört eindeutig zu den Recycling-Geschenken!“, während der Schenker noch im Flur stand.
Beilagenschock
Das britische Weihnachtsfest ist nur scheinbar eine homogene Angelegenheit, jede Familie hat ihre eigenen Rituale und widersetzt sich erbittert auch den kleinsten Veränderungen. Den Besuch von Verwandten empfinden schon deshalb viele als Stressfaktor, weil er die Einhaltung der eigenen Traditionen gefährdet. Meine Freundin Helen zum Beispiel weigert sich ihre Schwiegermutter an Weihnachten zu besuchen, seit sie dort einen Truthahn mit Reis aufgetischt bekam. Reis! Als leidenschaftliche Befürworterin knuspriger Bratkartoffeln erlitt Helen einen Schock.
Was für die eine Familie „normal“ ist, erntet bei anderen ein verständnisloses „Ihr macht was?“
Bevor er wieder heiratete, verbrachte mein Vater Weihnachten bei uns im Schoß der nicht-mehr-Familie. Meine Mutter, die sich gut daran erinnerte, welche Auswirkungen die Kombination aus seiner Ungeduld und seinem niedrigen Blutzuckerspiegel an Tagen, an denen das Essen nicht schnell genug kam, haben konnte, hatte vorausschauend sogenannte „Deelybobber“ gekauft, Haarreifen, an denen zwei Antennen aus bunten, glitzernden Bommel befestigt sind. Sie bestand darauf, dass sie beide sie trugen und jedes Mal, wenn mein Vater grantig wurde, wackelten die Bommel so lustig auf seinem Kopf, dass es nicht zu einem Streit kam.
Wir führen diese Tradition fort, mit Bommeln für mich und einem Filzgeweih für Peter, auch wenn er nicht der Typ ist, der entschärft werden muss. Unsere Faustregel lautet: eine Tradition ist alles, was öfter als einmal dagewesen ist.
Die Kinder haben ihre eigenen Rituale entwickelt. Sie wussten, dass meine Mutter auf die Spitze des Tannenbaums eine unserer Puppen setzte, die als Elfe verkleidet war. Also parodierten die beiden im Alter von sieben und acht Jahren den Brauch und setzten eine Barbie auf unseren Baum. Im Jahr darauf war He-Man dran. Bevor ich an jenem Weihnachtsabend zu Bett ging, drapierte ich die Lichterkette so, dass die oberste Birne aus seinem Schritt hervorragte, womit ich törichter Weise einen Präzedenzfall schuf. Seither ist die Spitze des Baumes Jahr für Jahr hart umkämpft, beide wetteifern darum, wer es mit dem unangemessensten Bionicle-Alien oder der nuttigsten Puppe auf die Poleposition schafft. Der Anblick ist etwas irritierend, aber wenn der weihnachtliche Small-Talk mit dem Pfarrer oder einem Nachbarn kein Ende nehmen will, kann man aber durchaus davon profitieren.
Rezepte für den Frieden
Abgesehen von seiner Angst vor zu viel Simultan-Action beim Geschenke auspacken, nimmt Peter es mit den Traditionen nicht so genau. In diesem Jahr hat er mir zum ersten Mal von seiner wichtigsten Kindheitserinnerung an Weihnachten erzählt: einer Biskuitrolle, die im Laden gekauft (seine Generation ist wohl die letzte, die die Worte „im Laden gekauft“ noch mit einer gewissen Ehrfurcht ausgesprochen hat), von seiner Mutter mit einem Schokoladenguss überzogen und mit einem Deko-Rotkehlchen verziert wurde. Nach dem Tod seiner Mutter sorgten sein Vater und seine Schwester dafür, dass es diese Biskuitrolle auch weiterhin Jahr für Jahr nach dem Essen gab, um den neunjährigen Peter ein wenig zu trösten. „Die Schokoladenglasur schmeckte genau gleich. Ich habe keine Ahnung, wie sie das fertig brachten“, erzählt er. Mir kommt das Wort „Rezept“ in den Kopf, aber ich schlucke es hinunter; im Zuge der Tragödie sorgte diese Schokoladenglasur für eine Kontinuität. Die Geschichte ist sehr bewegend, aber da keiner von uns Biskuitrollen mag, und er mir ja auch erst jetzt davon erzählt, hat diese Tradition nicht überlebt. Stattdessen backe ich den Teekuchen nach einem Rezept seines Vaters, das nicht so habhaft ist, wie die klassische Version. Jedes Jahr backe ich ihn und jedes Jahr ist er so nett und äußert seine Überraschung darüber, dass ich als viel beschäftigte Karrierefrau mir diese Mühe gemacht habe.
Im Gegenzug ist der Beitrag seiner Familie das „Panikorchester“. Seine Schwester Jessica, die für die Kekse verantwortlich ist, bringt immer welche mit, in die kleine Plastikflöten eingebacken sind, die jeweils nur eine Note spielen können, und eine Anleitung, wie man damit ein paar Weihnachtsklassiker spielt. Jeder muss seine Note spielen, wann immer sie in der Melodie auftritt, was wesentlich schwieriger ist, als es jetzt vielleicht klingt. Für Leute wie mich, die es hassen zu singen, ist das eine großartige Beschäftigung, und sie wird noch besser, je mehr man das Tempo anzieht. Mein Ehrgeiz ist es, dieses Jahr beide Familientraditionen zu vereinen, so dass wir mit bunten Bommeln auf dem Kopf flöten werden.
Eine alte Tradition, die wir sehr vermissen und mit der unsere Kinder gebrochen haben, ist es, die ganze Schokolade auf einmal hinunterzuschlingen. Meine Schwester und ich hatten spätestens um sechs Uhr morgens bereits alle Schokoladenweihnachtsmänner verdrückt. Unsere zwei hingegen behaupten, sie würden nicht wollen „dass ihnen schlecht wird“.
Selbst Peter schüttelt da verblüfft den Kopf. „Die jungen Leute von heute“, sagt er, „ehren die alten Traditionen nicht.“