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Finanzkapital destabilisiert den Markt. Alle wissen das - ohne Folgen

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Systemfehler | 10.03.2010 10:30 | Robert Misik

Weiter so, Dödelbanker!

Der Finanzkapitalismus macht die Marktwirtschaft ungerecht und instabil? Aber ja, da sind sich fast alle einig. Nur Folgen hat das kaum

Es waren die bestbezahlten Bankmanager, Nobelpreisträger, geniale Mathematiker und Statistiker, die bewiesen haben, dass freie Kapitalmärkte mit raffinierten Finanzinstrumenten zu einer immer effizienteren Allokation von Kapital führen; und sie haben auch mit eleganten Modellen dargelegt, dass solche Märkte eine nie gekannte Stabilität erreichen. Schließlich erlauben ja all die Finanzinstrumente, dass man sich gegen jedes Marktrisiko absichert.

Nur wenige haben widersprochen, etwa kleine Nichtregierungs-Organisationen wie Attac. Sie haben gesagt, dass die Dominanz der Finanzmärkte nicht nur den Kapitalismus immer ungerechter, sondern auch immer instabiler macht.

Nun, Attac hatte recht, und all die CEOs und Nobelpreisträger und Risikorechner hatten unrecht.

Die Staaten und Regierungen, von denen es vorher hieß, sie sollten sich bitte schön aus der Wirtschaft raushalten, mussten den Kapitalismus retten. Denn die Banker haben geschafft, was heute kaum mehr ein Linker wagen würde: Sie hätten ihn glatt kaputt gemacht, den Kapitalismus, wäre nicht der Staat eingesprungen. Seither kocht sie hoch, die Wut auf die Banker. Das Ansehen des Berufsstands ist dahin. Und die Broker und Fonds-Manager tun weiter alles dafür, dass es so bleibt. Zuletzt setzten sie ihre Instrumente dafür ein, ein paar schnelle Milliarden beim Zocken gegen Griechenland zu verdienen. Die Finanzmarktakteure, die es allesamt nicht mehr geben würde, hätten die Staaten sie nicht gerettet, wetten schon wieder gegen ganze Volkswirtschaften. Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus.

Jetzt fürchten selbst CDUler die CDS'

Kreditausfallsversicherungen (CDS) für griechische Staatsanleihen wurden wie wild gehandelt: Von Investoren, die hofften, die Versicherungen könne man morgen teurer verkaufen, als man sie heute gekauft hat. Das Geschäft geht nur auf, wenn man Griechenland ordentlich schlecht redet. Deshalb muss Griechenland heute deutlich höhere Zinsen für Kredite zahlen als vor der spekulativen Attacke.

Wie man mit Leerverkäufen Firmen ruinieren kann, genauso kann man mit solchen CDS ganze Länder kaputt zocken. Wenn man aber Banker fragt, was denn der positive Nutzen solcher Praktiken ist, dann antworten sie gebetsmühlenhaft: die effiziente Allokation von Kapital. Danke schön, davon konnten wir schon nach der Asien- oder Russland-Krise ein Lied singen, erst recht nach der Kernschmelze der Finanzmärkte.

Aber mit all dem rennt man heute ja offene Türen ein: Ansichten, für die Sahra Wagenknecht vor zwei Jahren noch der Verfassungsschutz auf den Hals gejagt worden wäre, werden heute sogar von CDU-Politikern vertreten. Dass diese Dödelbanker wirklich unmöglich sind – kaum eine Meinung ist heute so eine Allgemeinplatz wie diese.

Ein bisschen von der Wut auf die Banker ist auch Selbsthass. Waren die raffinierten Finanzjongleure, die Phantasiesummen verdienten, nicht die Vorbilder des globalen Kapitalismus? Als „Masters of the Universe“ waren sie bei manchen verhasst, aber viele bewunderten sie, diese Magier, die Geld vermehren konnten, die am Tag Abermillionen umsetzten und digitales Geld ans andere Ende der Welt jagten. Ihr Lebensstil, auch die Ruchlosigkeit im Umgang mit großen Summen, wurden als Ausweis von Individualität und Genialität genommen. Und irgendwie wollte ja jeder mitspielen. Der Opa kaufte für ein paar Tausender Immobilienzertifikate, und wenn ihm jemand nur sechs Prozent Rendite versprach, dann war das zu wenig. Zehn sollten es mindesten sein, wenn doch die Deutsche Bank 25 Prozent Eigenkapitalrendite schafft.

Welchen Nutzen haben Bank noch einmal?

Nun sind die geprellten Anleger voller Zorn auf die Banker. Aber wenn ihnen ­jemand „eine einmalige Gelegenheit“ versprach, bekamen sie wieder glänzende ­Augen. Wie alle an Spekulationsfieber erkrankten vor ihnen mussten sie die Erfahrung machen, dass solche einmaligen Gelegenheiten vor allem dazu da sind, die Dummen um ihre Ersparnisse zu bringen. Geld blendet. Was in der Euphorie geschäftstüchtig erscheint, wirkt nach dem Rausch wie Diebstahl.

Jetzt reiben sich alle die Augen und fragen, wie es denn weiter gehen soll mit dem Bankwesen. Selbst Leute wie Paul Volckers, der legendäre Ex-US-Notenbankchef und nunmehrige Berater von Präsident Barack Obama, fragen jetzt spitz, was eigentlich der Beitrag der Finanzindustrie zu Innovation und Fortschritt war in den vergangenen 20 Jahren. Volckers bitterböse Antwort: Mehr als die Erfindung des Geldautomaten falle ihm da auch nicht ein.

Denn die eigentliche Bedeutung der Banken für die Marktwirtschaft ist ja relativ simpel: Sie sammeln überflüssiges Geld von Sparern ein und geben es an Krediten aus, an Leute und Firmen, die damit Investitionen tätigen. Da sie für jeden Euro, den sie an Spareinlagen einnehmen, zehn Euro an Krediten verleihen, wird in diesem Prozess ein wundersames Rad der Geld- und Kreditschöpfung gedreht, so dass selbst dieses relativ simple Geschäft des „Brot-und-Butter“-Bankings Laien schon reichlich wunderlich erscheint. Inwiefern aber verbessert die stetige Erfindung immer neuer Finanzinstrumente dieses Geschäftsmodell? Okay, dass man sich mit speziellen Produkten gegen spezielle Risiken absichern kann, hat seinen Vorteil, auch dass eine lokale Bank nicht nur in ihrer lokalen Umgebung nach Investitionsmöglichkeiten Ausschau hält, mag gewisse Effizienzgewinne haben und vor allem peripheren Weltgegenden den Zugang zu Kapital gewähren. Aber abgesehen davon hält sich der Nutzen für eine stabil prosperierende Marktwirtschaft in Grenzen.

Nutzloses Wissen

Als Linker ist man mit solchen Einsichten in einer paradoxen Situation: Einerseits teilt heute eine große Mehrheit Haltungen, die vor zwei Jahren nur von radikalen Kapitalismuskritikern vertreten wurden. Andererseits folgt daraus nicht viel. Ja, nach der Griechenland-Krise wird es möglicherweise Einschränkungen für CDS geben. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will jetzt EU-weit Leerverkäufe verbieten lassen und in den USA machen sich seit Monaten die besten Köpfe Gedanken darüber, wie ein neues, regulierteres Bankenwesen aussehen könnte. Hinter all dem steht die Frage, wie der zentrale Fehler des Finanzsystems korrigiert werden kann.

Der besteht schließlich darin, dass das Finanzsystem nur ein unvollkommenes Marktsystem ist. Wirtschaftet ein Zahnstocherfabrikant schlecht, dann geht er Pleite. Macht das eine Bank, dann wird sie vom Staat gerettet – sie muss nur groß genug sein, um als „systemrelevant“ zu gelten. Weil die Banker das wissen, können sie unverhältnismäßige Risiken eingehen.

Heute sind wir in der paradoxen Lage, dass eigentlich jeder weiß, was getan werden müsste – aber niemand tut es. Weil die Macht der Regierungen nicht ausreicht, weitreichende Eingriffe durchzusetzen; weil die Bankenlobby es immer noch schafft, Reformvorschläge auszubremsen; weil alles vom US-Finanzmarkt abhängt und sich die Banker die Republikaner gefügig gemacht haben, die selbst eine Stärkung des Konsumentenschutzes verhindern, weil der ja einer staatlichen Institution bedarf (und nichts hasst die US-Rechte so wie einen handlungsfähigen Staat).

Kurzum: So viel Zustimmung hatten linke Kapitalismuskritiker noch nie. Trotzdem wird sich so schnell nichts ändern.

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 11.03.2010 um 16:10
Danke für diesen guten Artikel, Herr Misik!

Einen Schönheitsfehler musste ich aber bemerken: Auch Sie reden in der Artikelunterüberschrift vom "Finanzkapitalismus".

Sie stehen mit diesem merkwürdigen Pleonasmus nicht allein, ja, man findet ihn in großen Mainstreammedien genauso wie hier eher "links", ebenfalls auf eher "rechten" oder libertären Netzseiten.

Was soll das?

Reden wir demnächst nur noch von der terrestrischen Erde, dem lunaren Mond und der Solarsonne, weil sonst keiner begreift, was gemeint ist?

Wenn Sie mir erklären könnten, wozu das Wort "Kapitalismus" des Zusatzes "Finanz-" bedürfe, wäre ich Ihnen sehr verbunden.
Giuseppe Navetta schrieb am 12.03.2010 um 16:15
Bertrand Russell wies mal daraufhin, dass es im Grunde genommen drei ökonomische Interessensgruppen im Kapitalismus gibt: Arbeitgeberverbände, Arbeitnehmerverbände sowie die Finanzoligarchie. Eine solcherlei Unterscheidung ist bei der Analyse sozioökonomischer Probleme keineswegs überflüssig, zumal sich Banken oft unternehmerfreundlich präsentieren, dies aber oft genug in der Praxis gar nicht sind.
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