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Politik : Ich kam als Fremder nach Magdeburg und ging mit einem Gefühl von Heimat

Magdeburg war mehr als nur eine Stadt: Es war der Ort des Neuanfangs nach der Flucht aus Syrien. Doch die gesellschaftlichen Veränderungen trieben den Autor weiter nach Berlin

Ein lächelnder Mann mit Brille unter Bäumen und einem Smartphone in der Hand
Der Autor Ammar Awany

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa/picture alliance

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Vor mehr als einem Jahr habe ich Magdeburg verlassen und bin nach Berlin gezogen. Noch immer fühlt sich dieser Satz seltsam an. Vielleicht, weil Magdeburg für mich nie einfach nur eine Stadt war. Es war der Ort, an dem ich nach allem, was vorgefallen war, wieder angefangen habe zu leben. Der Ort, an dem ich gelernt habe, wer ich sein kann. Und vielleicht auch der Ort, an dem ich zum ersten Mal verstanden habe, was Heimat bedeuten kann.

Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal in Magdeburg ankam, war ich 22 Jahre alt. Ich sprach kein Wort Deutsch. Nicht einmal „Hallo“. Ich trug alles, was ich besaß: ein T-Shirt, eine einfache Jacke, eine Hose. Auf dem Rücken mein Rucksack. In der Tasche vielleicht zwei- oder dreihundert Euro. Das war alles, was von dem übrig geblieben war, das mir mein Vater wenige Wochen zuvor gegeben hatte, damit ich diesen Weg nach Europa überhaupt antreten konnte.

Ich erinnere mich noch an dieses Gefühl. Alles war neu. Die Luft. Die Geräusche. Die Gesichter der Menschen. Die Straßenbahnen. Selbst die Gebäude wirkten fremd auf mich. Ich kam aus Homs, einer Stadt, die vom Krieg zerstört wurde, und plötzlich stand ich in Magdeburg, mitten in einem Leben, das mit meinem früheren Leben nichts gemeinsam hatte.

Zunächst lebte ich in einem Flüchtlingsheim. Viele Menschen hätten sich nur versteckt oder versucht, irgendwie zu überleben. Aber ich wusste damals schon, dass ich diese Stadt verstehen wollte. Und ich wusste auch, dass das nur möglich sein würde, wenn ich die Sprache lerne.

Ich lernte an der Volkshochschule Deutsch

Die deutsche Sprache wurde für mich viel mehr als nur ein Mittel zur Verständigung. Sie wurde mein Tor zu den Menschen. Mein Tor zu Freundschaften, Gesprächen und Möglichkeiten. Vielleicht sogar mein Tor zu einem neuen Ich.

Ich lernte Deutsch in der Volkshochschule am Hasselbachplatz. Noch heute denke ich oft an diese Zeit zurück. Jedes neue Wort fühlte sich damals wie ein kleiner Sieg an. Eines der ersten deutschen Wörter, die ich lernte, war „Sinn“. Und der Satz: „Das macht keinen Sinn.“ Ich hielt diesen Satz für lustig. Vielleicht, weil damals vieles in meinem Leben keinen Sinn ergab.

Und jedes Mal, wenn ich etwas Neues gelernt hatte, versuchte ich sofort, daraus Sätze zu bauen. Kleine Sätze. Vorsichtige Sätze. Sätze über mich selbst, über Syrien, über Flucht und Verlust. Vielleicht begann genau dort mein Schreiben.

Magdeburg – ein Teil von mir

Aus dieser Notwendigkeit entstand später mein erstes Buch Fackel der Angst. Von Homs nach Magdeburg. Ich wollte nicht nur meine eigene Geschichte erzählen. Ich wollte auch von den Menschen berichten, die ich auf dem Weg nach Europa getroffen hatte. Menschen, die alles verloren hatten und trotzdem versuchten, irgendwo neu anzufangen. Gleichzeitig schrieb ich über Homs, über die Zerstörung meiner Heimatstadt und darüber, wie der Krieg uns gezwungen hatte, unsere Familien zurückzulassen.

Und genau dieser neue Anfang war für mich Magdeburg.

Mit den Jahren wurde die Stadt immer mehr ein Teil von mir. Ich lernte die Elbe kennen und lieben. Oft saß ich einfach am Wasser und hörte zu. Vielleicht war die Elbe der erste Ort in Deutschland, an dem ich mich nicht fremd fühlte. Die grünen Ecken der Stadt, der Dom, die alten Fassaden, die ruhigen Straßen – all das gab mir etwas, das ich lange nicht gespürt hatte: Ruhe. Ohne es zu versuchen, brachte mich die Stadt dazu, sie zu lieben.

Vor allem aber waren es die Menschen. Menschen, die bereit waren, mit mir zu sprechen, obwohl mein Deutsch am Anfang voller Fehler war. Menschen, die neugierig waren. Menschen, die mich akzeptierten und an mich glaubten, oft früher, als ich selbst an mich glaubte.

Etwas veränderte sich in der Stadt

Als mein Buch veröffentlicht wurde, begann ich, Lesungen in Magdeburg zu halten – in der Stadtbibliothek, bei Festivals und verschiedenen Veranstaltungen. Ich erinnere mich bis heute an diese Wärme. Viele Menschen wollten meine Geschichte hören. Nicht aus Mitleid, sondern aus echtem Interesse. Und für mich war das etwas Besonderes: zu merken, dass man auch mit wenigen Worten Menschen berühren kann.

Magdeburg hat mir Mut gegeben, aus meiner Schale herauszukommen. Dort begann ich, Theater zu spielen. Dort lernte ich, öffentlich zu sprechen. Langsam entstand in mir das Gefühl, dass meine Stimme einen Platz haben darf. Vielleicht bin ich genau dort erwachsen geworden.

Gerade deshalb fiel es mir schwer, in den letzten Jahren zu beobachten, wie sich etwas in der Stadt veränderte. Ich kann nicht genau sagen, wann dieses Gefühl begann. Vielleicht war es schon vorher da und wurde nur lauter. Vielleicht begann ich es erst mit der Zeit wahrzunehmen. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es etwas kälter geworden war.

Als jemand, der Gesichter aufmerksam liest und Menschen genau beobachtet, spürte ich diese Veränderung oft in kleinen Momenten. In Blicken. In Gesprächen. In bestimmten Stimmungen auf der Straße. Die Stadt, die sich für mich lange offen angefühlt hatte, begann, sich enger anzufühlen.

Die Stille nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt

Ich werde den Abend des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 wahrscheinlich nie vergessen. Kurz davor hatte ich noch Hoffnung gespürt. In Syrien war das Assad-Regime gestürzt worden, und zum ersten Mal seit vielen Jahren erlaubte ich mir, vorsichtig zu glauben, dass vielleicht irgendwann ein neuer Anfang möglich sein könnte. Vielleicht würden wir eines Tages zurückkehren können. Vielleicht würden die Straßen meiner Heimatstadt irgendwann wieder voller Leben sein.

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Dann hörte ich die Sirenen. Polizei. Krankenwagen. Immer mehr. Diese Geräusche sind bis heute in meinem Kopf geblieben. Zuerst verstand ich nicht, was passiert war. Aber ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Kurz darauf kam die Nachricht vom Anschlag auf den Weihnachtsmarkt, bei dem viele Menschen ihr Leben verloren und viele weitere verletzt wurden, Menschen, die die Folgen dieses Abends wahrscheinlich noch lange in sich tragen werden.

Die Stille danach kann ich bis heute nicht vergessen. Ich lag in meinem Bett und fühlte mich für einen Moment zurückversetzt in die Nächte von Homs. Nächte, in denen man nicht wusste, was als Nächstes passiert. Nächte voller Angst, Geräusche und Gedanken.

In dieser Nacht wollte ich einfach schlafen und träumen. Vielleicht, weil Träume manchmal der einzige Ort sind, an dem man seine Familie wiedersehen kann. Danach hatte ich oft das Gefühl, dass sich etwas verschoben hatte. Nicht überall. Nicht bei allen Menschen. Aber spürbar genug, um es nicht zu ignorieren.

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Und doch waren viele nach dem Anschlag solidarisch

Und trotzdem habe ich gleichzeitig erlebt, wie viele Menschen in Magdeburg zusammengerückt sind. Wie solidarisch viele waren. Wie entschieden Menschen füreinander eingestanden sind. Das hat mir gezeigt, dass eine Stadt nie nur aus ihren Problemen besteht, sondern auch aus den Menschen, die sich ihnen entgegenstellen.

Vielleicht war genau das das Schwierigste: gleichzeitig Liebe und Distanz zu empfinden.

Denn trotz aller Verbundenheit begann ich irgendwann zu spüren, dass ich weitergehen muss. Nicht nur wegen dieser gesellschaftlichen Veränderungen, sondern auch, weil meine eigenen Träume größer geworden waren. Magdeburg wird immer ein wichtiger Teil meines Lebens bleiben. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die Stadt zu klein wurde für all das, was ich noch ausprobieren, lernen und aufbauen wollte.

Als sich Anfang 2025 die Möglichkeit ergab, nach Berlin zu gehen und dort beruflich neue Wege zu öffnen, begann ich, lange darüber nachzudenken. Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht. Denn Magdeburg zu verlassen fühlte sich nicht an wie ein normaler Umzug. Es fühlte sich eher an, als würde ich ein Kapitel meines Lebens schließen.

Berlin als neuer Ort zum Atmen

Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich weitergehen muss. Als ich nach Berlin zog, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, selbst entscheiden zu können, wohin mein Weg führt. Nicht aus Angst. Nicht auf der Flucht. Sondern aus Neugier auf das Leben, das noch vor mir liegt.

Heute lebe ich in Berlin. Die Stadt ist größer, lauter und schneller als Magdeburg. Vieles ist hier anders. Und trotzdem trage ich Magdeburg noch immer in mir. Dort habe ich die deutsche Sprache gelernt. Dort wurde ich Autor. Dort habe ich Freundschaften aufgebaut. Dort habe ich verstanden, dass ein fremder Ort langsam zu einem Zuhause werden kann.

Ich kam damals nach Magdeburg, um irgendwo neu anzufangen. Ich wusste nur nicht, dass ein Teil von mir dort für immer bleiben würde.

Ammar Awaniy, geboren 1993 in Homs, Syrien, studierte Automatisierungstechnik an der Homs Universität und floh Ende 2015 nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin und verbindet seine literarische Arbeit mit vielfältigen Projekten in Theater, kultureller Bildung und interkulturellem Austausch. Seine Texte bewegen sich zwischen Poesie, Erinnerung und Zukunftsvisionen. Auf seiner Webseite finden sich weitere Texte: https://www.ammarawaniy.de/texte/