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Politik : Influencer organisiert Iftar für 3.000 Kasseler: „Begegnungen machen das Leben aus“

Der Influencer Sidney Burnie organisiert in Kassel binnen einer Woche ein Fastenbrechen für 3.000 Menschen. Die Idee: Zusammenkommen, auch wenn man nicht unbedingt fastet oder religiös ist

Blick auf eine mit Essen gedeckte Tafel
„Gerade in Zeiten, in denen so viel über Unterschiede gesprochen wird, finde ich es wichtig zu zeigen, dass es wirklich völlig egal ist, von wo du kommst oder an was du glaubst.“

Foto: Fabian Strauch/picture alliance/dpa

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Sidney Burnie steht am Mittwochabend mitten auf dem zentralen Friedrichsplatz in Kassel. Sein Blick wirkt gestresst. Um ihn herum liegen auf den Wiesenflächen vor dem Museum Fridericianum, einem klassizistischen Palastbau aus dem 18. Jahrhundert, unzählige Picknickdecken. Rund 3000 Menschen sind laut Angaben der örtlichen Polizei gekommen.

An zwei Essensständen soll das Essen für die Fastenden und Nichtfastenden ausgegeben werden. Großpackungen mit Datteln werden herumgereicht. Es ist der erste süße Bissen, den sich die Fastenden zum Sonnenuntergang gönnen. Die Idee für dieses Großevent kam dem 23-Jährigen vor knapp einer Woche beim abendlichen Spazierengehen durch die Innenstadt. „Was wäre, wenn man hier einfach eine riesige Tafel aufstellt?“, fragte er sich.

Ein Gedanke, den er zunächst selbst für unmöglich hielt. Doch der 23-Jährige gehört zu denen, die solche Einfälle nicht liegen lassen. Vor vier Monaten startete er sein Projekt „Bond“. Mit dem erklärten Ziel, Menschen zusammenzubringen und das „Menschen wieder mehr mit Menschen machen“. Erst war es ein Lauf-Club, dann organisierte er Spieleabende. Und jetzt: ein Fastenbrechen unter dem freien Himmel.

Es ist völlig egal, wo du herkommst oder an was du glaubst

Mit dem Beginn des Ramadan Mitte Februar wurde Burnie neugierig. Die islamische Kultur habe ihn schon länger interessiert, sagt er, aber es fehlte der Zugang. Also schuf er ihn selbst. Sein Video ging auf TikTok viral. Die Frage war simpel: „Haben Leute Bock drauf?“ Mit einer Spendenseite warb er für Spenden: „Gerade in Zeiten, in denen so viel über Unterschiede gesprochen wird, finde ich es wichtig zu zeigen, dass es wirklich völlig egal ist, von wo du kommst oder an was du glaubst.“

Die Antwort war deutlich: Erst ein paar, dann einige Hunderte und bald tausende Zusagen und viele Kleinspender*innen, die rund 18.000 Euro zusammensammelten. Dass am Ende bis zu 3.000 Menschen kommen würden, hat ihn nicht überrascht. Nur die Idee mit der Innenstadt und den vielen Tischen untersagte ihm die Stadtverwaltung. Dafür bot sie ihm die Wiesenfläche auf einem zentralen Platz in Kassel an.

Spenden fürs Essen und viele Ehrenamtliche

„Wenn sich viele anmelden, kommen auch viele“, sagt er nüchtern. Erfahrung habe er inzwischen. Und ein Gespür dafür, ob etwas funktioniert. Das gesammelte Geld deckt vor allem die Kosten für die sicherheitstechnischen Auflagen der Stadt, die Toiletten und den Sanitätsdienst vor Ort. Das Essen wurde von einem türkischen Restaurant gespendet, über 100 Helfer*innen halfen ehrenamtlich. Auch Burnie verdient nichts an seiner Idee. Die Mischung aus Überzeugung und Improvisationskunst trägt den gesamten Abend.

Im Zentrum steht eine einfache Idee: Offenheit. „Ich glaube fest daran, dass Begegnungen das Leben ausmachen“, sagt er. Eine Floskel vielleicht, oft gehört, aber hier wird sie für diesen Abend real. Menschen, die sich sonst vermutlich nie begegnet wären, sitzen nebeneinander. Für viele ist es das erste Mal, dass sie so ein großes Fastenbrechen miterleben. Und für Nichtmuslime ist es ein Einblick in ihre direkte Nachbarschaft – inklusive Gebetsruf, Dattel und gemeinschaftlichem Essen.

Gerade darin liegt für Burnie die eigentliche Bedeutung des Fastenbrechens. Vorurteile entstünden oft aus Distanz, meint er. „Wenn man zusammenkommt, merkt man: Es ist eigentlich voll schön.“ Ein Satz, der einfach klingt, aber viel erklärt. Dass nicht alles perfekt läuft, gehört für ihn dazu.

Das gemeinsame Fastenbrechen soll Tradition werden

Die Essensausgabe verläuft ein wenig chaotisch, dafür lässt sich sogar die Kasseler Bürgermeisterin Nicole Maisch (Die Grünen) begeistern: „Ich bin heute so stolz, Bürgermeisterin dieser Stadt zu sein“, freut sie sich. Etwas Chaos am Rande lasse sich bei der ersten Veranstaltung kaum vermeiden, so Burnie. Lernen, verbessern, weitermachen ist sein Motto. Denn sein Ziel ist größer: Das Iftar soll zur Tradition werden und die Planung für das nächste Jahr sei schon eingepreist.

Was bleibt von so einem Abend? Viele Familien mit Kindern sind gekommen, aber auch viele junge Leute ohne einen Bezug zur Religion. Viele Handys ragen in die Höhe. Es wirkt, als ob viele selbst ihren Augen nicht trauen können, dass so viele gekommen sind und einfach nur gemeinsam essen und ein wenig plaudern wollen. Ein junger Kasseler freut sich, dass das Miteinander zähle, „bei dem, was in der Welt so abgeht“.

Für Burnie ist die Antwort, dass Begegnung möglich ist, auch jenseits von Blasen und Algorithmen, eine Bestätigung seiner Idee. „Egal, wie die Welt gerade aussieht, man kann gemeinsam etwas machen“, sagt er. Ein Gedanke, der über Kassel hinausweisen könnte, wenn andere ihn aufnehmen. Seine Hoffnung ist, dass aus einer spontanen Idee eine Bewegung wird.

Für ihn persönlich ist dieses Fastenbrechen am vorletzten Tag des Ramadan mehr als ein Projekt. Es ist ein Beweis. „Egal wie groß oder verrückt eine Idee ist, man kann sie umsetzen“, sagt er. „Man muss sich nur trauen. Der Rest ergibt sich von selbst.“

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