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Kultur : Longevity-Fixation-Syndrom: „Ich war davon besessen, so lange wie möglich zu leben“

Die inoffizielle Diagnose beschreibt von Angst getriebene zwanghafte Besessenheit, möglichst lange zu leben. Auf Ernährung, Bewegung und biologische Marker zu achten, ist an sich gut. Übertrieben kann es der psychischen Gesundheit schaden

Bryan Johnson posiert fast nackt vor der Kamera
Der Superreiche Bryan Johnson sucht Unsterblichkeit: Für die Netflix-Doku „Don't Die: Der Mann, der unsterblich sein will“ posiert er fast nackt vor der Kamera

Foto: Netflix

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Es war ein Pitabrot, das Jason Wood endgültig den Rest gab. Es wurde mit Hummus serviert, statt mit dem Rohkostgemüse, das er in einem Restaurant vorbestellt hatte, das er – wie immer – schon Wochen vor dem Besuch mit seinem Mann sorgfältig recherchiert hatte. „In diesem Moment bin ich einfach ausgetickt“, erinnert er sich. „Ich war am Boden zerstört, ich wurde wütend … Ich fing an zu weinen, ich fing an zu zittern. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich es nicht mehr schaffen würde. Als hätte mich all der Druck, den ich mir selbst auferlegt hatte, fertig gemacht.“

Heute spricht der 40-jährige Wood ruhig. Elegant und gepflegt wirkt er von Natur aus ordnungsliebend. Doch damals waren seine Versuche, jeden Aspekt seines Lebens zu kontrollieren, völlig außer Kontrolle geraten. Akribisch überwachte er, was er aß (manchmal nur Bio, manchmal Rohkost oder unverarbeitete Lebensmittel; Kalorien wurden sorgfältig gezählt) und sein Trainingsprogramm (zweimal täglich, sieben Tage die Woche). Er verfolgte jede Körperfunktion, von seiner Herzfrequenz über Blutdruck und Körperfettanteil bis hin zum „Schlafplan“. Wood überwachte sogar mehrmals täglich seinen Blutzuckerspiegel. „Ich lebte nach diesen Zahlen“, erinnert er sich.

Zwei- bis dreimal im Monat suchte er Wellness-Kliniken auf, um sich intravenös Vitamincocktails verabreichen zu lassen sowie Sauerstoffbehandlungen über einen Nasenschlauch. Das Paket kostete jeweils 250 bis 300 Dollar (210–257 Euro) für gesundheitliche Vorteile, die er nur schwer benennen kann. Außerdem ließ er alle sechs Monate umfangreiche Blutuntersuchungen durchführen, bei denen 15 bis 20 Biomarker überprüft wurden, von Testosteron über Kreatinin bis hin zu Lipiden. Den Kostenpunkt schätzt er auf 10.000 Dollar (8.560 Euro).

Für gesellschaftliche Ereignisse oder Unternehmungen wich er nie von seiner Routine ab; sie war zu einem Käfig geworden: „Ich stand vor Sonnenaufgang auf, gegen 4 Uhr morgens“, erinnert er sich. „Ich trainierte, nahm dann ein leichtes Frühstück zu mir, vielleicht einen Chiasamen-Pudding, und mittags einen Kichererbsensalat … Am Nachmittag ging ich wieder ins Fitnessstudio.“ Auf ein proteinreiches Abendessen folgte „ein Proteindrink vor dem Schlafengehen um 21 Uhr“.

Es ging nur noch darum, dass Unkontrollierbare zu kontrollieren

Und was war die Motivation? Wood, der in Grand Rapids im US-Bundesstaat Michigan lebt, hatte sich klar zum Ziel gesetzt, sein Leben zu verlängern. Wie könnte das etwas Schlechtes sein, war seine Überlegung. Als er sich nach seinem Zusammenbruch psychologische Hilfe holte, wurde ihm bewusst, wie sehr er den Tod fürchtete – eine Angst, die durch den frühen Tod seiner Eltern an Krebs ausgelöst worden war. Sein Vater starb, als Wood erst elf war; seine Mutter verlor er mit 19.

Bei seinem Lebensstil ging es nur noch darum, das Unkontrollierbare zu kontrollieren. „Ich war einfach davon besessen, so lange wie möglich zu leben“, sagt er. „Dieses Gerede über Langlebigkeit spielt genau mit unseren Unsicherheiten und Ängsten und bringt uns dazu, unser Geld herzugeben.“

Wood glaubt heute, dass er unter dem „Longevity Fixation Syndrome“ (Langlebigkeits-Fixierungs-Syndrom) litt, einer inoffiziellen Diagnose für eine angstgetriebene, zwanghafte Besessenheit von dem Gedanken, so lange wie möglich zu leben. Der Begriff wurde kürzlich von Jan Gerber geprägt, dem CEO und Gründer der Schweizer Rehabilitationsklinik für psychische Gesundheit Paracelsus Recovery. Er beobachtet einen „signifikanten“ Anstieg an Patienten, die Gewohnheiten wie die von Wood beschriebenen aufwiesen. Gerber merkt an, dass ein solches Verhalten auch eng mit der Essstörung Orthorexie verbunden ist, einer Fixierung auf „gesunde“ Ernährung und Sport.

Dieses Gerede über Langlebigkeit spielt genau mit unseren Unsicherheiten und Ängsten und bringt uns dazu, unser Geld herzugeben

Jason Wood

Wood stimmt zu: „Ich glaube, dass viele der zugrunde liegenden Faktoren und angestrebten Ziele, die Orthorexie begünstigen, auch beim Longevity-Fixierungssyndrom eine Rolle spielen. Bei Letzterem gibt es jedoch mehr Variablen, die man kontrollieren zu müssen glaubt, was die Angst noch steigert.“

Eine schicke Zürcher Klinik – die für ein vierwöchiges, individuell zugeschnittenes stationäres Programm zur Behandlung von psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen (einschließlich eines rund um die Uhr anwesenden Therapeuten) mehr als 100.000 Euro pro Woche verlangt – hat mit der Prägung einer neuen Störung für hochgezogene Augenbrauen gesorgt. Etikettierungen sind nicht immer hilfreich. Dennoch scheint das Problem selbst nicht aus der Luft gegriffen zu sein: Eine Reihe von Therapeuten in den USA, Europa und Großbritannien, die mit Klienten aus allen gesellschaftlichen Schichten arbeiten, sind sich einig, dass die Symptome ein wachsendes Problem darstellen.

Zwar ist die existenzielle Angst vor dem Tod nichts Neues, ebenso wenig wie der Anspruch, die Sterblichkeit mit Elixieren oder heiligen Gralen zu überwinden. Aber die Verlängerung der Lebensdauer ist längst kein Ziel mehr, das allein von einer disziplinierten Ernährung und einem strengen Trainingsprogramm abhängt.

Longevity-Kliniken für die wohlhabende Bevölkerung

Heutzutage gibt es ein immer umfangreicheres Angebot an Biohacks, die angeblich die Gesundheit fördern und in selbst ernannten „Longevity-Kliniken“ angeboten werden. Anstatt auf Hollywood und die Superreichen beschränkt zu sein, finden solche Kliniken zunehmend Klienten in der wohlhabenden breiten Bevölkerung. Eine Online-Suche nach „Longevity“ liefert allein in Großbritannien zahlreiche Ergebnisse zu Dienstleistungen oder Medizin, die ein langes Leben verspricht.

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Bahnbrechende, von Silicon Valley finanzierte Forschung begann bereits in den 1990er und frühen 2000er Jahren, Behauptungen zu Lebensverlängerung und die Umkehrung des Alterungsprozesses mittels Genmanipulation und Bluttransfusionen aufzustellen. Heute hat sich die Vorstellung, dass die Biologie so beeinflusst werden kann, dass sie den Alterungsprozess verlangsamt, rasant verbreitet.

Nicht nur in Forschungslabors und Start-ups, sondern auch in den etablierten Bereichen der Ernährungs- und Hautpflegeindustrie. Im Jahr 2023 wurde der weltweite Markt für Komplementär- und Alternativmedizin im Bereich Anti-Aging und Langlebigkeit auf 63,6 Milliarden US-Dollar (54,4 Milliarden Euro) geschätzt. Es wurde prognostiziert, dass der Markt bis 2030 247,9 Mrd. US-Dollar (211,88 Euro) erreichen wird.

Natürlich üben Anti-Aging-Lösungen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Prominente aus. Der britische Schauspieler Orlando Bloom hat versucht, Mikroplastik aus seinem Blut zu filtern. Schauspielerin Jennifer Aniston schwört angeblich auf Peptid-Injektionen zur Hautverjüngung. Und dann gibt es noch die vielen äußerst disziplinierten Influencer wie Kayla Barnes-Lentz und den Humanbiologen Gary Brecka, die lautstark die Vorteile von Gewohnheiten preisen, mit denen wir unsere Biologie optimieren können: von regelmäßigen Schlafenszeiten und Atemübungen bis hin zu kalten Bädern und Nahrungsergänzungsmitteln.

Die Suche nach Unsterblichkeit bei Tech-Bros

Am einen Ende des Spektrums gibt es zudem eine bedeutende Gruppe superreicher Tech-Typen, die offenbar auf echte Unsterblichkeit aus ist. Das Aushängeschild dafür ist der 48-jährige US-amerikanische Risikokapitalgeber Bryan Johnson, der sein Unternehmen für 800 Millionen Dollar an PayPal verkaufte und gerne ein T-Shirt mit der Aufschrift „Don’t Die“ (Stirb nicht) trägt. Er hat sich das jugendliche Plasma seines Sohnes injizieren lassen (obwohl er später zugab, dass es keine Vorteile brachte) und entwickelt einen Algorithmus auf der Grundlage seiner Biomarker-Werte. „Ich werde versuchen, bis 2039 Unsterblichkeit zu erlangen“, schrieb er auf X.

Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie lässt jedoch ahnen, dass der Weg dahin weit ist. Nach Auswertung von 23 Ländern mit hohem Einkommen und niedriger Sterblichkeitsrate wird laut der Studie voraussichtlich keine der nach 1939 geborenen Generationen ein Durchschnittsalter von 100 Jahren erreichen. Ob Biohacks positive Auswirkungen auf die Lebenserwartung haben oder nicht, ist nach wie vor umstritten. Klarer zu erkennen sind dagegen die psychischen Folgen für Leute, die versuchen, ewig zu leben.

Wochenlanges Überlegen, ob man sich ein Stück Kuchen gönnt

In Assen, im Nordosten der Niederlande, erzählt der 26-jährige Mark (Name geändert) von seiner Todesangst, die bis zu „Panikattacken“ reichte, und vor fünf Jahren der Grund für ihn war, zu versuchen, seine Gesundheit zu „optimieren“. Es war der Versuch, „meine Lebenserwartung zu verlängern“, erklärt er.

Mark überlegte damals wochenlang, ob er sich ein einziges Bier oder ein Stück Geburtstagskuchen gönnen sollte. Und wenn es zu solchen Ausrutschern kam, folgte „eine Woche voller Schuldgefühle“. Er nahm täglich zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel ein, darunter Omega-3, Zink, Magnesium und Kreatin, ging fünfmal pro Woche ins Fitnessstudio und musste jede Nacht neun bis zehn Stunden schlafen. „Ich habe mir ein Blutdruckmessgerät gekauft, um täglich meinen Blutdruck zu überprüfen, weil ich dachte, wenn er zu hoch wäre, könnte ich sterben“, erzählt er. Einmal verbrachte er den ganzen Tag damit, einen Wert zu senken, den er als zu hoch empfand. „Mein Sozialleben hat darunter gelitten.“

Als seine Panikattacken im vergangenen Jahr einen Höhepunkt erreichten, suchte er sich therapeutische Hilfe. „Ich musste mein Gehirn darauf trainieren, die ‚Gefahr‘, die es wahrnahm, als Fehlalarm zu akzeptieren“, erzählt er. „Mein Leben zu leben und alle Gefühle von Angst oder Panik zu akzeptieren; sie einfach zuzulassen, ohne sie zu ‚füttern‘.“ Seine Erkenntnis: „Körperliche Gesundheit ist wichtig, aber psychische Gesundheit auch“.

Maßgeschneiderte Einzelprogramme von Marbella bis Mallorca

Den Klienten der Reha-Klinik Balance Rehab Clinic, die Niederlassungen in London, Zürich, Marbella und auf Mallorca hat, werden maßgeschneiderte Einzelprogramme mit stationärem Aufenthalt angeboten. Therapeutische Unterstützung bei Problemen wie chronischem Stress und Traumata ist Teil des Programms (die Preise werden nicht veröffentlicht).

Die klinische Leiterin, die Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Sarah Boss, schätzt, dass etwa die Hälfte der Klinik-Klienten mittlerweile Anzeichen des Longevity-Fixierungssyndroms aufweist. Auch wenn den meisten nicht bewusst ist, dass ihre Gewohnheiten ein problematisches Maß erreicht haben.

Die Zahlen sind jedenfalls in den vergangenen zwei Jahren gestiegen. „Wir beobachten diese Besessenheit vom langen Leben definitiv immer häufiger, vor allem bei wohlhabenden Menschen, die besseren Zugang zu Biohacking haben und mehr Zeit dafür aufwenden können“, berichtet Boss. „Sie versuchen, Tag und Nacht alles zu messen“, sagt sie. Viele Kunden kommen mit ihren eigenen Infrarotsaunen und Eisbädern. „Sie haben sie dabei, als wären es Fahrräder oder Golfschläger.“

Wir sehen es immer häufiger, insbesondere bei reichen Leuten. Sie versuchen alles zu messen, Tag und Nacht

Dr. Sarah Boss

Boss berichtet von einem Kunden unter 40, der mit einer Überdruckkammer ankam, die er täglich nutzte. Er nahm 15 Nahrungsergänzungsmittel ein. „Alles von Coenzym Q10 über Präparate zur Förderung der Muskelmasse und des Stoffwechsels bis hin zu Entgiftungsmitteln“, erinnert sie sich. Er hatte Stammzellinjektionen erhalten und bat einmal darum, die Praxis verlassen zu dürfen, um weitere zu bekommen. Außerdem ließ er regelmäßig Blutuntersuchungen durchführen. Das beobachte sie häufig. „Es gibt einen riesigen Markt dafür und er hat keine Grenzen“, erklärt sie. „Es kommt vor, dass Leute 40.000 Euro für Bluttests ausgeben.“

Sie beschreibt auch eine Klientin in den Vierzigern, die wegen Angstzuständen in die Klinik kam. Sie überwachte ihre Biomarker und ihren Schlaf mit einem Oura-Ring (einem Smart-Ring zur Erfassung von Gesundheitsdaten). Außerdem nahm sie zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel ein und ernährte sich von dem, was sie für „Anti-Aging-Lebensmittel“ hielt.

Es war „eine Ernährung auf Basis von Obst und Gemüse, Körnern, speziellen Pulvern, sehr wenig Eiweiß, ohne Kohlenhydrate …“, erzählt Boss. Außerdem nahm sie Metformin ein, ein Medikament zur Behandlung von Diabetes Typ-2 (an dem sie nicht litt) und von dem einige Studien gezeigt haben, dass es den Alterungsprozess verlangsamen kann. Boss entwöhnte sie von den Nahrungsergänzungsmitteln und der Messung ihrer Werte, „und sie normalisierte sich vollständig“.

Häufig lösen Kindheitserfahrungen dieses Verhalten aus, beobachtet Boss. Viele Klienten leiden unter einem „Bindungstrauma“. Außerdem hätten viele „Angst vor dem Sterben – nicht nur vor dem Älterwerden, sondern wirklich die existenzielle Angst vor dem Tod“.

Nach der Pandemie folgte ein Boom der Langlebigkeitsbranche

Sie glaubt, dass diese Angst durch die Covid-Pandemie noch verstärkt wurde. „Plötzlich fühlten sich die Leute bedroht“, erklärt sie. „Ich glaube, das hat bei vielen Menschen unbewusst etwas ausgelöst.“ Nach der Pandemie folgte ein Boom der Langlebigkeitsbranche. „Man kann online eine Million Dinge kaufen, falsche Versprechungen“, sagt sie. „Und täglich werden es mehr.“

Boss hat zudem bei Klienten, die versuchen, einen Verlust oder eine Krankheit zu verdrängen, ein „Superhelden-Syndrom“ festgestellt. „Sobald sie erkennen, dass ‚mein Antrieb aus einer tiefen Unsicherheit heraus entsteht‘, beginnt sich etwas zu ändern.“ Sie sind in Bezug auf ihre Gesundheit weniger übervorsichtig und können wieder ein normales Leben führen.

Fachleute für psychische Gesundheit werden sich zunehmend der schädlichen Auswirkungen der Fixierung auf Langlebigkeit bewusst. Und unter den vielen Online-Befürwortern von Tracking und „Hacking“ gibt es eine wachsende Zahl von Anhängern, die begonnen haben, über die ungesunden Nebenwirkungen dieser Praxis zu sprechen – und in manchen Fällen sogar Hilfe zu suchen.

„Ich sehe, wie viel Leid die Longevity-Kultur verursachen kann, wie viel Unsicherheit“, sagt Wood. „Es ist gut, endlich einen Begriff dafür zu haben. Mit einem passenden Namen und einem besseren Verständnis des Phänomens werden mehr Menschen die Behandlung und Unterstützung erhalten, die sie verdienen.“