Kaum ein Aspekt der Geschichte des Nationalsozialismus interessiert heute die Menschen mehr als die Frage, was die Deutschen über die Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs gewusst und wie sie sich dazu verhalten haben. In der Geschichtswissenschaft ist diese Frage mit Blick auf den Holocaust ab den 2000er Jahren verstärkt erörtert worden. Trotz des großen Interesses an dem Thema wurden der Sicht der deutschen Bevölkerung auf nationalsozialistische Verbrechen jedoch bisher selten eigene Ausstellungen gewidmet.
Unter dem Titel „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ stellt die Sonderausstellung der Stiftung Topographie des Terrors ab 25. März 2026 die Frage ins Zentrum, was im Deutschen Reich zu welcher Zeit über den Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden, aber auch über andere Massenverbrechen bekannt war oder gewusst werden konnte. Die Ausstellung präsentiert rund 300 Exponate aus 95 Archiven, öffentlichen Sammlungen und privatem Besitz. Mit diesem Material – darunter Reproduktionen von Fotografien und Dokumenten, Audio- und Videoaufnahmen sowie Originalobjekte – werden viele bislang kaum bekannte Geschichten erzählt.
Dr. Andrea Riedle, Direktorin der Stiftung Topographie des Terrors, sagt über das Projekt: „Die Frage nach der Rolle und Verantwortung der vermeintlich unbeteiligten deutschen Allgemeinbevölkerung im Kontext der NS-Verbrechen treibt viele Menschen um – das erfahren wir in unserer Bildungsarbeit immer wieder. Auch Studien belegen dies, etwa die MEMO-Jugendstudie zur Erinnerungskultur in Deutschland von 2023. Ich freue mich daher sehr, dass wir mit ‚Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?‘ nun eine Sonderausstellung präsentieren können, die dieser Frage auf den Grund geht. Sie führt erstmals wichtige Quellen, Dokumente und Forschungsergebnisse für ein breites Publikum zusammen und ergänzt damit die Kernthemen des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors – die Geschichte der zentralen Terrorinstitutionen von SS und Polizei, die an diesem Ort ihren Sitz hatten – um eine besondere Perspektive.“
„Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ ist bis 31. Januar 2027 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin zu sehen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs behaupteten viele Deutsche, nichts von den Massenmorden während der NS-Zeit gewusst zu haben. So wollten sie sich dem Vorwurf entziehen, für die Verbrechen mitverantwortlich zu sein. Bis heute beschäftigt viele Menschen die Frage, was die Deutschen tatsächlich wussten.
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden liefen in mehreren Schritten ab. Sie waren eng mit dem Völkermord an den Sinti und Roma und anderen Massenverbrechen verbunden. Die Morde fanden während des Krieges und größtenteils außerhalb des Deutschen Reiches statt. Welche Informationen über den Holocaust waren innerhalb des Deutschen Reiches zugänglich? Was nahmen die Deutschen wahr, die nicht direkt an den Taten beteiligt waren und nicht selbst verfolgt wurden? Wie verbreiteten sich damals entsprechende Informationen und Gerüchte? Und was machten einzelne Menschen mit ihrem Wissen?
Die Ausstellung geht diesen Fragen in drei Teilen nach:
Im ersten Kapitel, „Propaganda“, wird dargestellt, was das NS-Regime selbst über die Verbrechen verlautbaren ließ und wie es seine Aktionen öffentlich inszenierte. Was konnte die Bevölkerung Zeitungen und Radioansprachen entnehmen oder in der Öffentlichkeit mit eigenen Augen sehen?
Der zweite Teil, „Hinweise im Alltag“, zeigt exemplarisch, welche Informationen, Gerüchte und Hinweise in der Bevölkerung kursierten und an welchen Orten die Menschen mit solchen Informationen in Berührung kommen konnten: Auf der Straße, zu Hause, in der Kirche, auf der Arbeit oder im Zug.
Das dritte Kapitel, „Vom Puzzleteil zum Bild“, nimmt drei Personen in den Blick, die aktiv Informationen sammelten, miteinander abglichen und so zu einer Art Gesamtbild der NS-Verbrechen kamen. Es belegt, dass die Menschen durchaus von den Verbrechen wissen konnten – wenn sie es denn wollten.
Die Ausstellung beschäftigt sich nicht nur mit dem Wissen, sondern fragt auch nach dem Verhalten der deutschen Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs. Sie beleuchtet eine große Bandbreite an Reaktionen – von aktiver Beteiligung und Mitläufertum über Gleichgültigkeit und Wegsehen bis hin zu Fällen, in denen Menschen Hilfe leisteten. Auch wenn sich die Verbreitung dieser Verhaltensweisen nicht in konkreten Prozentzahlen ausdrücken lässt, ist festzustellen, dass nur ein geringer Teil der Bevölkerung aktiven Widerstand leistete. Was sind die Gründe dafür und welche Handlungsoptionen bestanden damals?
Die Ausstellung beleuchtet und diskutiert zahlreiche Faktoren, die das Verhalten der Deutschen beeinflussten, darunter Propaganda und Antisemitismus, Karriere- und Profitmöglichkeiten, aber auch verschiedene Formen der Unterdrückung, Verfolgung und Gewalt, die den Alltag der Menschen in der NS-Diktatur prägten. Das Gestaltungskonzept des Büros Lendler Ausstellungsarchitektur überträgt die bruchstückhafte Informationslage der damaligen Zeit in eine räumliche Formensprache. Zwei Ausstellungsebenen sowie bewusst eingesetzte Schrägen, die einzelne Exponate teilweise verbergen, regen die Besucher*innen an, verschiedene Informationen miteinander zu verknüpfen.